Archiv des Autors: mspro

Warum wir eine Netzinnenpolitik brauchen

Gestern saß ich bei der Friedrich-Ebert-Stiftung auf einem Panel über Hate Speech und was wir dagegen unternehmen können. Ich hatte mir einige Vorschläge und Argumentationen zurechtgelegt, dabei aber nicht so recht bedacht, dass meine Mitdiskutant/innen ja vor allem SPD-Politiker/innen sein werden. Dass also erst einmal die Grundbegriffe geklärt werden müssen und worüber wir überhaupt reden. Ich habe dennoch meine Forderung nach einer Netzinnenpolitik anbringen können. Was meine ich damit? Die deutsche Netzszene hat sich formiert als zivilgesellschaftliche Verteidigung der Netzfreiheit gegenüber den Regulierungsbestrebungen der Politik. Überspitzt kann man formulieren, dass Netzpolitik die Selbstverteidiung des Netzes gegenüber seinen äußeren Feinden ist. Das war und ist eine wichtiger Kampf und er muss auch weiterhin gefochten werden. Doch wir haben nicht mehr 2009 und dieser Kampf wird zunehmend überschattet von internen Effekten und Phänomenen eines in der Zwischenzeit enorm gewachsenen Netzes. Das Netz ist jetzt überall und kennt kein richtiges Außen mehr (gut, bis auf SPD-Politiker/innen …) und immer größere und wichtigere Kämpfe finden bereits intern statt. Dort geht es aber nicht mehr um SPD gegen CDU (haha!), sondern zum Beispiel um die Maskulinistische/Antifeministische Szene gegen Feminist/innen. Um Mißverständnisse von Nichtkennern zu vermeiden: dieser Kampf geht weit über die alltäglichen Twitterscharmützel hinaus, sondern … Weiterlesen

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Die Impfgegner und die Krise der Institutionen

Vier Jahre ist das jetzt her, dass Gunter Dueck auf der re:publica 2011 seinen viel gefeierten Talk “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” hielt. Höhepunkt seines Vortrags (“So jetzt kommt das schwere Geschütz”) war die Frage: “Glauben Sie nicht, dass wenn jemand eine Krankheit hat, dass er dann nach 2 Stunden surfen 10 mal mehr weiß, als sein Arzt?” Ich aber saß in meinem Sitz und ich konnte mich der schlichten wie unaufdringlichen Logik dieser Frage nicht entziehen. Wir kennen das alle: 10 Ärzt/innen 12 Diagnosen. Jeder kennt Fälle, in dem eine Patient/in tatsächlich die Diagnose richtiger einschätzte als der/die Arzt/in. Und hier nun stand Gunter Dueck und gab eine einfache Erklärung. Das Internet enthält doch bereits alles Wissen. Wer genügend Motivation mitbringt, (und die fehlt Betroffenen selten), kann sich (zumindest in vielen Fällen) selbst besser diagnostizieren, als ein Allgemeinarzt, der im Zweifelsfall vor vielen Jahren mal irgendwo eine Vorlesung zum Thema wieder vergessen hat. Ich sehe Duecks Argument heute nicht widerlegt, aber es wird immer offenbarer, dass es mehr braucht, als nur Internet und Motivation. Etwas, was Dueck und auch ich damals implizit vorausgesetzt gesetzt haben: das Vorhandensein von kritischem Denken, eine gewisse wissenschaftsmethodische Bildung. Damit meine ich die Fähigkeit, kritisch … Weiterlesen

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Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft unter digitalen Bedingungen

Diesen Tweet kann man lustig finden. Ich finde ihn lustig. Und gleichzeitig meine ich ihn ernst. ich bin in der frage marktwitschaft vs planwirtschaft komplett agnostisch. möge sich das bessere system am markt durchsetzen. — Michael Seemann (@mspro) February 15, 2015 Ich glaube tatsächlich, dass marktwirtschaftliche und planwirtschaftliche Organisationsformen in einem Wettbewerb stehen und ich glaube tatsächlich, dass sich das eine und/oder andere am Markt durchsetzt. Vor allem heute, in unser sich durch die Digitalisierung wandelnden Zeit. Um das zu verstehen muss man ersteinmal ein paar Begriffe klarkriegen, die oft durcheinandergeworfen werden. 1. Marktwirtschaft und Kapitalismus sind nicht dasselbe. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist zwar zu einem großen Teil marktwirtschaftlich organisiert, aber weder ist die Marktwirtschaft ein notwendiges, noch ein hinreichendes Kriterium des Kapitalismus. Kapitalismus ist – wie ich ihn verstehe – vor allem das Prinzip, dass mittels Kapitalbesitz die gesellschaftliche Wertschöpfung strukturiert wird. Ob der Kapitalist die dafür eingesetzten Ressourcen an einem Markt aquirieren muss ist dabei erstmal egal. Umgekehrt kann es durchaus Wettbewerb und Marktmechanismen komplett ohne Eigentumsrecht geben. 2. Marktwirtschaft und Planwirtschaft sind keine streng antagonistischen Prinzipien, die sich ausschließen. Es wird wohl niemand irgendwo eine reine Planwirtschaft und es wird niemand irgendwo eine reine … Weiterlesen

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Die Struktur geheimen Wissens und sein Staat

Gerade spielen sich in der Politik Szenen ab, die sehr gut Aufschluss darüber geben, wie die eigentliche machtpolitische Konstellation zwischen Geheimdiensten und den sie bezahlenden Staaten aufgebaut ist. Auslöser ist der NSA-Untersuchungsausschluss des deutschen Bundestages. Es war schon oft bemängelt worden, dass vertrauliche Informationen und Dokumente im Zuge der Untersuchung ans Tageslicht kamen. Nun aber macht einer der wichtigsten Partner des BND Ärger. Der britische GCHQ droht mit der Kündigung der Zusammenarbeit und nun wird befürchtet, dass der BND dem Untersuchungsausschuß aus diesem Grund Akten vorenthalten könnte. Wir sehen also einen BND, der zwischen seiner operativen Verpflichtung des Staates gegenüber, dessen Behörde er immer noch ist und der Loyalität zu seinen britischen Partnern hin und her gerissen ist. Wir sehen, dass eine Behörde ihre politische Aufsicht in Frage stellt. Und das ist doch … ganz interessant. Nun ist es keine Neuigkeit, dass das Konzept Geheimdienst strukturell der Funktionsweise eines demokratischen Staates widerspricht und dass institutionelle Kontrollversuche deswegen immer wieder scheitern. Die Notwendigkeit der Geheimhaltung zur Gewährleistung der Arbeit von Geheimdiensten ist die Sollbruchstelle seiner demokratischen Einbeziehbarkeit. Aber das ist nicht der einzige Grund. Die letzten Jahre wirkten weitere, externe Kräfte auf die besagte Konstellation und entfalteten eine enorme Sogwirkung auf … Weiterlesen

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Die neuen Cryptowars und die Plattformdämmerung

Derzeit scheinen wir gerade wieder in einen neuen Cryptowar hineinzuschlittern. Als Cryptowar wurde der Versuch der Regierungen, insbesondere der US-Regierung in den 90er Jahren bezeichnet, wirksame PublicKey-Verschlüsselungs-Software an ihrer Verbreitung zu hindern. Hacker und Aktivisten gingen damals so weit, auf Papier ausgedruckten und aus den USA importierten Quellcode händisch abzutippen. Die Regierung musste damals, vor allem auch aufgrund des Drucks aus der Wirtschaft, einlenken. Heute scheint es einen erneuten Vorstoß zu geben. Erst kam der britische Premier Cameron aus der Deckung, dann Obama und nun hat auch unser Innenminister de Maizière erste Andeutungen gemacht. Die Behörden sollen im Notfall auf jede Kommunikation zugreifen können. Die Gunst der Stunde nach den Anschlägen in Paris muss schließlich genutzt werden. Lässt man die Propaganda (und zwar von beiden Seiten …) mal beiseite und richtet lieber einen zweiten Blick auf das Timing und vor allem den Wortlaut der Formulierungen, kommt man nicht umhin, von den drei riesigen Elefanten Notiz zu nehmen, die da übergroß im Raum stehen. Ihre Namen sind iMessage, Hangout und WhatsApp und die Politiker geben sich auch nur wenig Mühe diese Adressaten zu verschleiern. Egal, was unsere snobistische Hackerauskenner erzählen (“das kann ich nicht ernst nehmen, das ist nicht Open Source … Weiterlesen

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Filtersouveränität als Politik

Im zweiten Teil meines Buches, in dem ich die Strategien in Zeiten des Kontrollverlusts entwickle, geht es häufig um die sogenannte “Filtersouveränität“. Also die Souveränität zu entscheiden, über welchen Mix von Quellen ich mich informiere aber auch wie ich mich vor unliebsamen Informationen abschotte. Leider hat in dem Buch eine Strategie der Filtersouveränität keinen Platz gefunden: Die Filtersouveränität als Politik. Das will ich hier – auch aus aktuellem Anlass – nachholen. Der Einfachheit halber nehme ich meine eigene Politik der Filtersouveränität zum Beispiel. Twitter ist seit 2007 die Schaltzentrale meines gesamten Onlinewirkens. Hier investiere ich nach wie vor die meiste Aufmerksamkeit, hier laufen die meisten Informationsstränge zusammen und hier gebe ich auch die meisten Informationen weiter, die mich bewegen. Auch wenn ich hier und da damit hadere, bleibt Twitter meine Onlineheimat – nein, noch viel mehr: es ist die Erweiterung meines somatischen Nervensystems ins Internet hinein. Jedes Following ist ein Rezeptor, der mir neuronartig Impulse aus dem Informationsstrom sendet, den wir Welt nennen. Jeder dieser Rezeptoren ist einzigartig und reagiert auf verschiedene Informationssarten auf unterschiedliche Weise. Wie ich folge Wenn ich jemandem folge, bedeutet das erstmal nur, dass ich mich dafür interessiere, was die Person zu sagen hat. Es bedeutet … Weiterlesen

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#PeGiDa und der Kontrollverlust

Als sich überall auf der Welt die Hashtagrevolutionen und -Proteste häuften und die Welt – vernetzt durch die neuen Medien – immer mehr in Aufruhr geriet, fragte ich mich, wann es wohl in Deutschland so weit sein würde und wie das dann aussieht. Dass es so hässlich werden würde, hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können. … Nein. Zu dramatisch. Wenn man die Leute fragt, welches soziale Problem durch das Internet ausgelöst/verschärft oder sonstwie befördert wird, würden viele bis heute sagen: Datenschutz/der Verlust der Privatsphäre. Insbesondere in der Netzszene ist immer noch die Angst verbreitet, das Individuum würde durch die Überwachunsgmöglichkeiten der digitalen Technologien gegenüber den Institutionen untergebuttert werden. Dabei ist augenscheinlich das Gegenteil der Fall. Das Individuum und die Zivilgesellschaft haben durch die digitale Technologie eine neue, ungeheure Macht bekommen, die sich längst nicht mehr nur positiv auswirkt. … Nein, viel zu abstrakt. Heute, an der Schwelle zum Jahr 2015 ist es 10 Jahre her, dass ich das Bloggen für mich mich entdeckte. Erst noch lesend, ab Juni 2005 mit eigenem Blog. Bloggen war für mich immer die wahrgewordene Utopie der Publizistik: Jede/r, immer, alles. Alle Barrieren des Publizierens waren gefallen. Ihr wisst schon: Brechts Radiotheorie und so … Weiterlesen

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Release!

Wir sind draußen! TweetWir sind draußen! Tweet

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Die Struktur des Kontrollverlusts

Es ist soweit. Am 11. Oktober 2014 wird mein Buch “Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust” erscheinen. Ich hatte hier auf dem Blog noch während der Crowdfundingkampagne die damals geplante Inhaltsangabe gepostet. Schon wenige Wochen später habe ich sie allerdings bereits gekürzt. Das war aber nicht die letzte Änderung. Im Grunde hat sich die Struktur ab da noch zwei bis drei mal geändert. So ist das nun mal, wenn man unerfahren und blauäugig wie ich in den Schreibprozess geht. Hey, es ist mein erstes Buch! Nun, da das Buch ja im Druck ist, halte ich es für einigermaßen sicher genug, eine aktuelle Version der Inhaltsangabe vorzustellen. Im Grunde musste ich inhaltlich recht wenig Abstriche machen. Alles, was ich sagen wollte, ist drin. Manches vielleicht etwas kürzer als geplant, manches als Unterpunkt von Hauptkapiteln etc. Aber im Großen und Ganzen ist alles wesentliche zum Thema gesagt und die Inhalte aus den vorherigen Inhaltsverzeichnissen finden sich beinahe alle im Buch wieder. Und wisst ihr was: ich mag die Struktur, wie sie jetzt ist. Sie ist sehr viel klarer und auf den Punkt als geplant und vor allem als ich mir das damals habe vorstellen können. Geblieben … Weiterlesen

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Das neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust

Seit einem Monat betreibe ich nun das Crowdfundingprojekt zu dem Buch, das ich zu schreiben vorhabe: »Das neue Spiel – nach dem Kontrollverlust«. Es ist jetzt schon das vierterfolgreichste Crowdfunding-Buchprojekt in deutscher Sprache. Und das, obwohl noch gar nicht so klar ist, was genau der Inhalt des Buches sein wird. Das möchte ich nun ändern und hier offenlegen, was ich vor habe. (Ich habe tatsächlich bis jetzt gebraucht das im Detail auszuarbeiten, deswegen kommt das so spät.) Hier zunächst die vorläufige Gliederung*: Einleitung Teil I. Kontrollverlust Die drei Treiber des Kontrollverlusts – Was ist der Kontrollverlust? – Es gibt kein analoges Leben im Digitalen – Streisand und ihre Schwestern – Die Krankenakte des Tutenchammun Das Ende der Ordnung – Aufstieg und Fall des Archivs – Die 3 Grundgesetze des Digitalen – Queryology Nach der Privatheit – Was ist Post-Privacy? – Diagnose, Utopie, Lebensstil – Informationhiding als Mikropolitik Die Krise der Institutionen – Die Kontrollrevolution – Das Partizipations-Transparent-Dilemma – Weltkontrollverlust Aufstieg und Funktion der Plattformen – Vom Netz zu Google vs. Facebook – Eigentum, Sex, Cloud – Die Ökonomie und Ökologie der Plattform – Regulierung und Schließung Eine Utopie in Trümmern – Hoffnung auf Holzwegen – »Ich hab doch nichts zu … Weiterlesen

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