Carta: Vom Kontrollverlust zur Filtersouveränität

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Eigentlich habe ich diesen Text für den Reader „#public_life“ von der Heinrich-Böll-Stiftung geschrieben, der bald erscheinen wird. Nun ist er schon auf Carta vorveröffentlicht worden. Es geht um eine tiefere theoretische Fundierung der Kontrollverlusthese, mit der ich gerade beschäftigt bin. Ja, richtig gelesen, immer noch bin. Dieser Text hier ist also eine vorläufige Version – Stand etwa Januar. Auf der re:publica werde ich das ganze nochmals aufbohren und erweitern.
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Die USA stehen diplomatisch ohne Hosen da, ein «Shitstorm» bricht über Nestlé herein, ein Blogger prangert ein Zitat des Bundespräsidenten an, der schließlich zurücktritt, private Videos von Jugendlichen verbreiten sich im Netz, das Internet verleibt sich das deutsche Straßenpanorama ein, und in Tunesien und Ägypten verabreden die Menschen sich zum spontanen Regimesturz.

Die Welt ist in Aufruhr dieser Tage, und irgendwie hat es mit dem Internet zu tun. Vor einem Jahr habe ich mich entschlossen, Ereignisse wie diese unter dem Begriff «Kontrollverlust» zu untersuchen. Das scheint etwas unsystematisch, und tatsächlich ist es nicht einfach, eine passende Definition für all diese unterschiedlichen Phänomene zu liefern.

Ich versuche es dennoch: Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen
die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.

Das ist an sich nichts völlig Neues, wir kennen das. Meine These ist aber nun, dass das Internet und die digitale Technik diese Kontrollverluste sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in der Intensität ihrer Folgen um ein Vielfaches steigert. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

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Ein Kommentar zu Carta: Vom Kontrollverlust zur Filtersouveränität

  1. Adrian Oesch sagt:

    menschen sind kontrollsüchtig. einer der grössten unterschiede zwischen den meisten anderen tieren und dem menschen ist, dass der mensch versucht seine umwelt zu beeinflussen, so dass sie ihm möglichst dienlich ist, sie also zu kontrollieren. der schritt zur feuerhaltung ist z.b. ein wichtiger schritt zur menschwerdung (http://de.wikipedia.org/wiki/Feuer#Pr.C3.A4historische_Feuernutzung). das feuer sehe ich hier als versuch der temperaturkontrolle. es gibt noch etliche weitere beispiele (wetterkontrolle in china oder bei hagel gegen ernteschäden / gesundheitskontrolle durch prävention etc. ), die meiner meinung nach beweisen, dass kontrolle als einer der urmenschlichsten motive angesehen werden kann (in der forschung vielleicht machtmotiv? gibt es unterschied zwischen kontrolle und macht?). wieso sollte nun also die menschen zulassen, dass sie kontrolle verlieren?

    ich denke, ob verlust oder gewinn ist eine frage der perspektive. klar hast du recht, mit deinen vielseitigen beschreibungen des verlusts, aber gibt es nicht auch noch eine seite des gewinns? und müsste das gewicht des gewinns nicht schwerer sein, worin beständen denn sonst die motive/gründe für eine veränderung?

    ich glaube nicht daran, dass die menschheit kontrolle einfach aufgeben wird, wenn sie im gegenzug nichts bekommt. worin besteht also der gewinn in den laufenden veränderungen? meiner ansicht nach sind das zusätzliche informationen, was man vielleicht auch als kontrolle seiner informationellen umgebung sehen kann. du hast da ja schon sehr schön „filterthesen“ formuliert, die in diese richtung gehen. jedes individuum kann sich neu seine informationelle umgebung selber gestalten indem es sie sich selber zusammen bastelt per query (aus meiner sicht eine erweiterung des konstruktivismus).

    ich möchte also dafür plädieren, die aktuellen vorgänge nicht als kontrollverlust oder gewinn zu bezeichnen, sondern als eine umverteilung. die phänome des kontrollverlusts die du beschreibst, betreffen doch ausschliesslich institutionen, firmen, autoritäten, einzelnen persönlichkeiten etc. (?). ein einzelner kann die daten die er produziert nicht mehr kontrollieren, kriegt dafür die kontrolle über seine eigene informationelle umgebung. das eine ist direkt abhängig vom anderen. denn ohne freien informationen, was den verlust der kontrolle über die eigenen daten impliziert, gibts keine informationelle selbstbestimmung seiner umwelt a.k.a. queryöffentlichkeit. diese wiederum wird offensichtlich gewollt.

    für mich sind das alles vage erklärungsansätze, die definitiv noch zuwenig durchdacht sind. hoffe sie bringen einen neuen input. lg.

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