Demokratisch in die Kontrollgesellschaft

Gestern war ich bei einem Treffen der OHU Öffentlichkeit und Privatheit des von Google betriebenen Collaboratorys. Das erste Thema, über das wir sprachen, war das aus der Initiative heraus entstandene Projekt der Offline-Tags. Die Idee ist denkbar einfach: Man klebt sich einen Button sichtbar auf die Kleidung und kann so für Mensch und Maschine sein Bedürfnis nach öffentlicher Privatsphäre ausdrücken, d.h. unter welchen Umständen man mit den allgegenwärtigen Fotokameras und ihrem Internetzugang konfrontiert werden möchte. Eines der Tags steht für “keine Fotos”, eines für “Bitte vorher fragen”, eines für “Fotos gerne, aber kein Personen-Tagging”. Ein einziges steht für “Fotografieren und Taggen: bitte gerne!“. Die Tags sollen auch maschinell ausgelesen werden; eine entsprechende App ist bereits in der Mache.

Ich bin nicht ganz unschuldig an dieser Idee. Ich hatte allerdings ein einziges Zeichen vorgeschlagen, um meinem Recht am eigenen Bild zu widersprechen. Eine Art Post-Privacy-CC-Linzenz schwebte mir vor. Die Idee sollte eigentlich der “Recht am eigenen Bild”-Überregulation entgegentreten, ähnlich wie die CC-Lizenz das einst mit dem Urheberrecht machen sollte. Natürlich hätte ich mir denken können, dass – ebenfalls wie bei CC – die Regulation und Kompliziertheit eher zunimmt, als abnimmt, wenn man versucht, einen solchen Weg einzuschlagen. Alle wollen dann darin ihre Bedürfnisse formulieren können und man läuft schnell in die Falle, das auch noch zu bedienen.

Die Offline-Tags wurden auch auf der diesjährigen re:publica vorgestellt. Laut einem der Beteiligten war die häufigste Frage aus dem Publikum, ob man das automatisierte Auswerten der Tags nicht gleich in die Firmware sämtlicher Kamerahersteller integrieren sollte. Die Kameras sollten einfach den Dienst versagen, oder das Gesicht ausgrauen, wenn sie auf ein entsprechend getaggten Menschen gerichtet werden.

In irgendeinem “Wir müssen Reden“-Podcast bemerkte Max einmal am Rande, dass eigentlich die Möglichkeiten für die Durchsetzung der eigenen Privatsphäre durch die digitalen Technologien ja auch gewachsen seien. Es ging wie so oft um den Verpixelungsstreit bezüglich Google Streetview. Und in der Tat: In welchem Medium hatten die Menschen je die Möglichkeit gehabt, der Abbildung ihrer Hausfassade zu widersprechen? Google richtete diese Möglichkeit ein. Nicht nur aufgrund des öffentlichen Drucks, sondern vor allem auch: weil es ging.

Peter Glaser beschreibt, wie das weitergehen könnte. In Singapur gibt es die Bukit-Panjang-LRT-Bahn, die mit sogenanntem „Privacy-Glass“ ausgestattet ist. Weil Anwohner sich beschwerten, dass die Fahrgäste ihnen in die Wohnungen gucken können, färbt sich das „Privacy-Glass“ beim Vorbeifahren opak und bietet so einen effektiven, automatischen Sichtschutz.

Werden die Google-Streetview-Autos demnächst schon bei der Vorbeifahrt vorfiltern und verpixeln, anhand von Streetview-Verweigerer-Datenbanken oder Privacy-Tags, die an Hauswänden angebracht sind? Werden unsere Brillen einst Menschen ausblenden, wenn diese bei einem zentralen Anbieter ihre Erscheinung ausgeoptet haben?

Im Jahre 1990 schrieb Gilles Deleuze einen kurzen aber zukunftsweisenden Text. Im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ beschreibt er den Übergang von den noch durch Foucault beschriebenen Disziplinargesellschaften hin zu den Kontrollgesellschaften. Die Kontrollgesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass das Regime seine Macht in Entscheidungspotente Maschinen ausgelagert hat. In einer durchcomputerierten Welt werden Maschinen nach den jeweiligen Entscheidungskriterien unhintergehbar die Handlungs-Möglichkeiten der Menschen bestimmen. Eine Welt der automatisierten Schranken, ein Kafka 2.0 sozusagen. Lorenz Lessig beschrieb 10 Jahre später mit dem Satz “Code is Law” diesen Paradigmenwechsel und seitdem wird allüberall – vor allem in deutschen Feuilletons – auf “die Algorithmen” eingedroschen, die unser Leben zunehmend fremdbestimmen.

Miriam Meckel hielt dazu 2010 auf der re:publica einen vielbeachteten Votrag, der in diese Richtung wies. Der Titel ihres Talks “This Object cannot be liked” referenzierte auf eine von ihr erlebte Geschichte. Eine Freundin hatte Geburtstag und bekam von jemanden eine virtuelle Torte auf ihre Pinnwand gepostet. Als Frau Meckel den Eintrag “liken” wollte, versagte ihr Facebook dies mit oben stehender Fehlermeldung. Ich kann dieses Verhalten nicht reproduzieren, aber ich bin mir sicher, dass dieser Zwischenfall nichts mit bösartigen Algorithmen eines despotischen Mark Zuckerberg zu tun hat, wie Meckel es suggerierte, sondern vielmehr mit dem komplexen Zusammenspiel der jeweiligen Privacyeinstellungen aller Beteiligten. Facebook wird zu einem unüberschaubaren Labyrinth der selbsterstellten Privacyschranken. Kaum einer blickt noch durch, warum was wann nicht funktioniert.

Miriam Meckel wollte es wohl nicht sehen, Deleuze konnte es noch nicht sehen, Max aber ahnte es: nicht eine ominöse Macht ist es, die die digitale Technologie in Richtung Kontrollgesellschaft weitertreibt, sondern wir sind es. Wir einzelne Menschen, einfachen Nutzer, mit unserem kleinlichen Bedürfnis nach Privacy, legitimieren die Kontrollregime, fordern sie sogar ein. Es sind nicht Google und Facebook, es sind nicht die Regierungen oder Eliten, die diese Entwicklung befeuern, sondern solche Institutionen wie Privatsphäre und Urheberrecht, die wir umbedingt in das Internet einprügeln wollen, weil uns die Fantasie fehlt, wie wir auch ohne sie auskommen.

Christian Stöcker hat völlig recht, dass ein Regulierungsanspruch, der sich der digitalen Kontrollgesellschafts-Techniken bedient, total sein kann, vielleicht sogar total sein muss. Denn wenn die totale Kontrolle möglich ist, wird man sich dann trotzdem mit Ausnahmen begnügen? Und wenn ja, wer entscheidet welche?

Der Kontrollverlust und die Kontrollgesellschaft. Zwei sich widersprechende aber beides valide Diagnosen der Zukunft der Internet-Gesellschaft. Sie stehen nicht als gegenüberstehende Extreme einer kontinuierlichen Skala, sondern als binäre Pole einer Entscheidung. Weil in der “Code is Law”-Welt das Recht gar nicht oder nur total durchsetzbar ist, wird die Gesellschaft sich entscheiden müssen. Nach wie vor aber gilt: Ich bin davon überzeugt, dass wir uns für das Richtige entscheiden werden. Wir müssen nur noch die Urheber und Aluhüte davon überzeugen.

Bis dahin kann man sich dieses hübsche Video ansehen:

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11 Antworten auf Demokratisch in die Kontrollgesellschaft

  1. Es gibt bereits ein Tag, das Kameras dazu bringt die Aufnahme zu verweigern oder das Getaggte auszugrauen. Diese Technik ist sogar in sehr vielen Kameras bereits eingebaut. c’t hat da mal nachgeforscht und festgestellt, dass die meisten Hersteller das nicht einmal wussten. Sie haben einfach eine uralte Firmware mit dieser Funktion verwendet, und es fiel keinem auf.

    Auch das Tag für Streetview-Autos gibt es. Es ist ein QR-Code, den manche Leute im Fenster kleben haben. Beim Heise-Verlag klebt so etwas vor dem Testlabor.

    So, genug Werbung für diese Zeitschrift gemacht.

  2. Andreas Krey sagt:

    @Thomas: Das mit dem Streetview-QR-Tag war der Aprilscherz dieses Jahres.

    @Artikel: Die Idee, die(se) Tags automatisch in der Firmware auszuwerten, ist rechtlich etwas eigenwillig; das Persönlichkeitsrecht erlaubt ja nur die Veröffentlichung zu verbieten, nicht das Fotografieren als solches. Und Bankräuber würden sich bestimmt auch für eine derartige Funktion interessieren. ;-)

  3. ShoBeazz sagt:

    Nicht nur Bankräuber… generell wäre da entweder a) auch jede Überwachungskamera von betroffen oder aber b) für staatlich betriebene Überwachungskameras würden Ausnahmen gelten (und damit ein Ungleichgewicht zwischen staatlichen und privaten Berechtigungen entstehen) oder c) auch privat betriebene Überwachungskameras, zB von Banken, wären ausgenommen – womit sich dann entweder c1) jeder eine Kamera zulegen und sagen kann, daß er sie zum Überwachen seines Grundstücks o.ä. braucht oder c2) ein weiteres Ungleichgewicht zwischen Banken, Supermärkten etc. auf der einen und Privatbürgern auf der anderen Seite entstünde. Und das sind nur die ersten beiden Iterationsschritte.

    Die Rechtevergabe für den jeweils Filmenden kann da schnell auf einer juristischen Ebene kompliziert werden, komplizierter als Creative Commons.

    Und auf einer privaten Ebene ließen sich ohne Weiteres auch noch einige Verkomplizierungen einführen. Zum Beispiel viel mehr als nur vier Tags: man könnte bestimmte Berechtigungen nur für bestimmte Personengruppen (“Circles”) freigeben – auch hier könnte ein auf Obrigkeit bedachter Staat oder Firmenchef aber, wenn es die Rechtslage hergibt, intervenieren und einfach über den Kopf des Bürgers Berechtigungen für die eigenen Kameras (die man als Bürger ja eher nicht freiwillig “circlen” wird) einrichten.

    Die Idee ist faszinierend, aber vereinfachen wird sie bei Umsetzung wohl eher nicht sehr viel, zumindest anfänglich nicht (da werden vor lauter Faszination vermutlich jede Woche neue Tags veröffentlicht…)

  4. korbinian sagt:

    klingt absurd, aber ich hätte gerne den tag: “ich wünsche nicht fotografiert zu werden, aber wenn – dann bitte die fotos taggen und ins internet per cc0 allen zur verfügung stellen”

  5. umerzieher_in sagt:

    Der Beitrag ist auf einem Auge blind und schielt mit dem anderen. Er blendet nämlich die totalitären Tendenzen des Post-Privaten aus und nennt einen Kontrollfreak, wer nicht mitspielen will beim Zwang, sich zu entblößen, beim Zwang zu ständiger Identitätspolitik. Es fehlt mir nicht an Fantasie, wie es ohne Privatheit wäre. Ich finde die Fantasie nur ganz grässlich. Und man braucht nicht einmal Fantasie. Ein Blick in totalitäre Regime zeigt, dass “Umerziehungen” immer mit dem Raub der Privatheit bewirkt werden. Übrigens auch in der Pädagogik des 19. Jahrhunderts (google mal “Das Kind im Glaushaus”). Auch der Mob in der chinesischen Kulturrevolution forderte von seinen Opfern immer das öffentliche Bekenntnis. Und wie ist es mit den vielen kleinen Umerziehern der Shitstorms? Aber für die Postprivatisten ist Privatheit ja nur ein kleinliches Bedürfnis, das der großen Idee des totalen Internets von Google und Facebook im Wege steht…

    Sag doch mal: wie oft wirst du, mspro, von google oder nuggad und deren Konsorten eingeladen? Wie viel Geld bekommst du fürs “Diskutieren” bei denen? Leg das doch einfach mal so offen, damit wir wissen, wie viel sie für eine passende Bloggermeinung bezahlen.

    • mspro sagt:

      ok, gerne. Offenlegung: alle meine Einnahmen von Google, Nugg.ad und was du dir sonst noch in deinem krankhaften hirn vorstellst, all die jahre zusammen genommen: 0 euro.

      Und jetzt bist du dran: mit wievielen außerirdischen hast du dieses jahr schon gefickt? und warum hast du das nie offengelegt?

  6. umerzieher_in sagt:

    Entschuldige, mspro, wenn ich dich beleidigt haben sollte. Mir ist nur aufgefallen, dass nugg.ad als Sponsor für eine Twitterlesung aufgetreten ist:

    http://www.gefuehlskonserve.de/muenchens-erste-twitterlesung-04112009.html

    und dass die Initiative 4 von collaboratory von Google mit über 60.000 Euro finanziert wurde:

    https://docs.google.com/file/d/0B6tC0vxgVc6MdVZyZUtMcUNUWEdrZ2ppenRfQUJ4Zw/edit

    Da darf man doch mal nachfragen. Aber wenn du sagst, dass du finanziell nicht profitiert hast, dann glaube ich dir das. Echt jetzt.

    Und zum Glück muss ich nicht offenlegen, mit wie vielen Außerirdischen ich diese Woche… Das könnte nämlich peinlich werden. Und genau das mag ich nicht.

    • mspro sagt:

      ich fühl mich nicht beleidigt, eher belustigt, was ihr naiven forentrollen euch in euren verschwörungshirnen immer vorstellt.

      das geld von nugg.ad reichte nicht mal, alle twitterlesungs-teilnehmer bis nach münchen zu buxieren (jedenfalls nicht allein). und google finanzierte mittag- und abendessen bei den tagen der intiativensitzungen.

      klar bin ich da natürlich sofort bereit alles für die zu tun! vor allem für pizza!

  7. Pingback: WMR43 – Diaspora in doppeldoof | Wir. Müssen Reden

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