Die Query und die Krise des Archivs

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Die Queryology – so sehr sie als Ansatz zur Erklärung vieler Phänomene in der heutigen Zeit taugt – wurde zuletzt theoretisch etwas unterbestimmt gelassen. Es blieben Fragen offen. Was genau sind die Mechanismen der Query? Wo kommt sie her, was ist ihre Geschichte? Was ist ihr Ort auf der Welt und zwar unabhängig von der Erfindung des Computers. Die Queryology muss einen gewissen Universalanspruch für sich reklamieren, das heißt, sie darf sich nicht darauf beschränken, Einzelphänomene zu einer bestimmten Zeit zu erklären, sondern sie muss auch auf den ganzen Rest, den wir Welt nennen, antworten können. In diesem Text versuche ich, diesem Anspruch ein wenig gerechter zu werden.
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Man stelle sich vor, man hat hat einen Stein. Es ist kein Stein, wie jeder andere, sondern ein besonderer Stein. Schön, glatt, schimmernd und irgendwie geheimnisvoll. Was tut man damit, wenn man ihn nicht die gesamte Zeit mit sich herumtragen will? Man legt ihn ab. An eine Stelle, wo man glaubt, dass man ihn wieder findet.

Speichern hat immer mit einer Handlung in der Zukunft zu tun. Man speichert etwas an einer Stelle, wo man in einer zukünftigen Zeit wieder darauf kommt, wenn man sich fragt: “Wo habe ich den Stein hingelegt?

Daraus folgen zwei Dinge, die eine gewisse Paradoxie offenbaren:
Erstens ist die Query dem Vorgang des Speicherns vorgängig. Ohne einen Plan, wie eine Abfrage auszusehen hat, kann ich keinen sinnvollen Speicherprozess vollziehen.
Zweitens ist die Query ein Pakt mit der Zukunft, also dem Speichern nachgängig. Erst in zukünftigen Zeiten werde ich auf die Speicherstelle zurückkommen. Speichern wendet sich an die Zukunft, glaubt an die Zukunft und zwar als Query und zwar noch vor dem Speichern.

Jedenfalls haben wir das bisher immer – also seit es Menschen gibt – so gemacht. Aber das geht jetzt zu ende. Wir leben in einem Umbruch, den ich immer mal wieder mit dem Wort Queryology oder Kontrollverlust zu umschreiben versuche und den man abstrakt so erklären könnte: der Kontrollverlust ist die Emanzipation der Query vom Diktum des Archivs.

Doch zunächst müssen die Begriffe geklärt werden. Was ist Archiv und was ist Query?

Das Archiv ist immer eine Konfiguration, eine Anordnung. Sie kann aus allem möglichen bestehen. Aber sie muss immer eine mehr oder weniger feste Struktur von Anknüpfungspunkten bieten. In unserem oberen Beispiel ist es eben der Ort, an dem ich den Stein ablege. Der Ort wiederum ist in eine Struktur (oder “Topologie” wie man bei Orten gerne sagt) eingebunden. Der Stein ist im Schrank über der Spüle in der Küche, in meiner Wohnung in Berlin, in Deutschland auf der Erde.
(Orte können auch komplexere Dinge speichern. Jan Assmann z.B. weist darauf hin, dass die Ägypter, bevor die Schrift verwendeten, ihre Geschichten sehr eng an die rituellen Orte knüpften. Die Landschaft ihrer Heimat war Speicherort ihrer kollektiven Erinnerung.)
Die Strukturen, die wir im Laufe der Zeit zum Verknüpfen von Informationen geschaffen haben, sind vielfältig. Es sind so unterschiedliche Dinge wie Versmaße, Gesetze, Melodien, Parlamente, Schrift, Grenzen, Malerei und Aktenordner.

Die Query greift auf die Ordnung des Archivs zurück. Wichtig ist die Wiedererkennbarkeit der Konfiguration der Anknüpfungspunkte, so dass sie die Query auslösen kann, die die Information reproduziert. Die Query kann theoretisch Strukturen aller Art befragen, doch je einfacher eine Struktur ist, desto leichter hat es die Query. Steigt die “Unordnung” im Archiv, braucht es eine komplexere Query, um es zu befragen. Da die Möglichkeiten der Query begrenzt sind, sieht man traditionell lieber zu, Ordnung im Archiv zu schaffen. Von dem Versuch diese Ordnungen zu schaffen, ist die uns bekannte Welt geprägt.

Die Queryemanzipation

Bislang hat sich die Archivtechnik an den denkbaren Querys orientiert. Gespeichert wurde in Voraussicht einer bestimmten, sehr genau spezifizierten Query. Queries waren also lange Zeit nichts anderes als die immanente Reaktualisierung einer gespeicherten Verknüpfung; das Herauskramen einer Adressliste um Zugang zu Wissensinhalten zu bekommen. Man kann hier die gesamte Mediengeschichte anfügen und sie von der Query her erzählen. Man müsste die Einführung der Schrift (für die die Query natürlich das Lesen ist), des Buchdrucks, der Bibliothek und des Fernsehens daraufhin untersuchen, welche neuen Abfragetechniken sich aus diesen Archiven ermöglicht oder besser: welche Abfragetechnik welche Speicherformen hervorbrachte. Ich bin mir sicher, das ist möglich und das ist wahrscheinlich auch notwendig, denn Archiv und Query – das war lange Zeit eine interdependente Koevolution.

Der Grund aber, dass die Query bislang nicht als theoretischer Ansatz in der Erscheinung getreten ist, ist, dass die Mediengeschichte – nicht zu unrecht – vom Primat des Archivs und seiner Ordungstechniken her gedacht worden ist. Ich habe das – und die Unzureichendheit dieses Ansatzes – bereits in Queryology I – Das Ende der Medien beschrieben.

Das Primat des Archivs aber geht dieser Tage zu Ende. Man kann sagen, dass die Queries sich von der Speicherstruktur des Archivs ein ganzes stückweit emanzipiert haben und noch weiter emanzipieren. Den Paradigmenwechsel kann man – das habe ich in Queryologie II – Das Filtersubjekt zu zeigen versucht – in der Entwicklung der realtionalen Datenbanken festmachen. In einer relationalen Datenbank wird die ordnende Archiv-Struktur um ein entscheidenes Stück weit aufgegeben, zugunsten einer viel freieren Abfrage. SQL, die Abfragesprache für diese Art von Datenbank, kann durch Echtzeitverknüpfung vieler Datensätze relativ frei komplexe Abfragen durchführen. Eine straffe Strukturierung der Daten – beispielsweise in einer Hierarchie – ist nicht mehr von Nöten, sondern eher hinderlich.

Seit der relationalen Datenbank, kann man nicht mehr davon sprechen, dass Daten für eine bestimmte Query in der Zukunft gespeichert werden. Sie werden auch für die ganz andere Query gespeichert, an die heute noch niemand denkt. Das ist ein Bruch, der so radikal ist, dass er eine tiefgreifende Veränderung in allen Aspekten der Kommunikation und des Gedächtnisses – aber auch in der Struktur der Gesellschaft selbst – hinterlassen wird.

Seit dem Computer ist die Macht der Query eng an Moores Law geknüpft. Mit jeder neuen Prozessorgeneration wird die Query mächtiger und emanzipiert sich weiterhin entsprechend schnell und stark von den vorhandenen Ordnungsstrukturen, das heißt: vom Archiv.

Ein Beispiel, das diesen Zusammenhang gut erklärt, ist die Gesichtserkennung. Fotos sind Archive, die so komplex sind, dass bislang nur Menschen darin lesen konnten. Das galt selbst für digitale Fotos. Mit zunehmender Macht der Query wird das Foto, seine chaotische Struktur, die nie für die Verarbeitung des Computers geschaffen war, verarbeitbar. Erst konnte der Computer Kontraste unterschieden, dann Formen erkennen und nun kann er bald biometrische Muster matchen. Die Query fängt an, in Fotos zu lesen, wie ein Mensch in Fotos lesen kann – oder sogar bald besser. Die Query, obwohl sie bei der Speicherung des Fotoinhalts nie vorgesehen war, evolviert also unabhängig von jeder ordnungsgebenden Struktur. So haben die meisten von uns Fotos im Internet gespeichert, ohne die computerisierte Query im Kopf gehabt zu haben, die Gesichter erkennen kann. Das ist der Kern des Phänomens, das ich immer “Kontrollverlust” nenne.

Die Krise des Archivs

Aber es passiert noch mehr. Wir haben ja noch eine ganze Menge andere Strukturen in der Gesellschaft und im alltäglichen Leben, die das Zusammenleben ordnen. Auch sie werden mit der mächtiger werdenden Query konfrontiert und somit herausgefordert. Die Queryology geht über eine reine “Kontrollverlust-Lehre” hinaus, indem sie untersucht, wie dieser Prozess – die Zunahme der Macht der Query – sich auf alle gesellschaftlichen Ordnungssysteme auswirkt.

Die These dazu ist folgende: Ordnungsstrukturen werden in dem Moment entwertet, in dem die Query mächtig genug wird, sie zu abstrahieren. Und Abstrahieren meint nicht nur “in der Query abblilden“, sondern auch das Gegenteil: sie umgehen, ihre Grenzen überschreiten, ihre Struktur zu igrnorieren und sie schließlich in einer höheren Ordnung der Komplexität aufgehen lassen. Die Query, indem sie Ordnung abstrahiert, löst alle Ordnung des Archivs auf und verleibt sie sich ein. Doch die Archivstruktur verschwindet dadurch ja nicht sofort, sondern sie gerät in eine Krise. Die Krise des Archivs, die wir derzeit erleben.

Es passiert gerade in einem unvorstellbaren Ausmaß weltweit und allumfassend: die Strukturen die aktuell betroffen sind, sind beispielsweise Verlage, Musikindustrie, Diktaturen, Reisebüros, Privatsphäre, der Arbeitsmarkt und vieles mehr. Und auf der Liste der bedrohten Arten stehen noch: Institutionen, Demokratie, Eigentum, Arbeit, Nation, Identität, etc. (Wer sich das zutraut, könnte untersuchen, inwieweit die Finanz-Euro-Schulden-Wirtschafts-Krise, ebenso eine Krise des Archivs ist. Es gibt zumindest einige Anzeichen, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte.)

Aber was heißt das konkret? Es heißt nicht, wie man annehmen könnte, dass diese Dinge schlagartig aufhören zu existieren, sondern nur, dass sie ihrer Allgemeingültigkeit beraubt werden. Ordungsstrukturen, die die Query sich einverleibt, werden vom Gesetz zur Möglichkeit degradiert.

Es ist ein wenig so, wie bei der kopernikanischen Wende. Im geozentrischen Weltbild, war Erde und Welt eins. Man konnte gar nicht über diese Grenze hinausdenken. Seit wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist, wissen wir auch, dass die Erde nur einer von vielen Planeten ist. Wir werden sehen, dass es dem Archiv – also den ausgeprägten Ordnungsstrukturen – ähnlich ergeht. Sie werden saturiert, indem sie in der Query aufgelöst werden. Sie werden zu einer möglichen Abfrage unter vielen.

Ein Beispiel: Geschichte

Geschichte ist gewissermaßen das klassische Schlachtfeld des Archivs und der Query und bietet somit eine gute Erklärmatrix für unsere Zwecke, obwohl (oder gerade weil?) der Zusammenhang der computerisierten Query nur sehr indirekt daran teil hat. Deswegen hat sie ihre Krise auch quasi schon hinter sich und man kann ihren Verlauf und ihr Resultat genauer Untersuchen.

Geschichte ist ein Archiv, das man angelegt hat, um eine bestimmte – relativ einfache – Query daran zu adressieren: Kausalität. Man arrangiert alle Ereignisse anhand einer Chronologie, bei der jedes Ereignis die Wirkung des Vorherigen zu sein scheint. Was dort nicht hineinpasst, wird nicht aufgeschrieben oder hinterher rausredigiert. Nicht erst heute haben wir entdeckt, dass das natürlich eine recht beliebige und keineswegs wahrhaftige Archivtechnik und Query ist. Also hat man die Query immer mal wieder umgestaltet und komplexer gemacht, das Archiv neu gesichtet und neu sortiert. Bishin zu Foucualt, der nicht einfach nur in den Texten las, sondern sie zu Diskursen gruppierte und das Ordungsschema des Archivs als ein solches untersuchte und entlarvte.

Heute ist es ersichtlich, dass es so viele unterschiedliche Anfragen auf ein so vielgestaltiges Archiv gibt, dass “Geschichte” nur noch eine unter vielen möglichen Queries ist, die man auf die Archive (im wörtlichen Sinn) anwenden kann. Seit Derrida fangen wir auch noch an, die Query selbst in das Blickfeld zu nehmen und stellen fest: Geschichte wird im hier und jetzt gemacht; bei der Abfrage, nicht bei der Speicherung.

Aber “Geschichte” ist deswegen nicht vorbei. Es gibt sie noch und es wird sie weiter geben. Aber sie ist keine verbindliche Query mehr. Man kann heute sehr viel freier an das Archiv herangehen, Platon mit Brecht und Elvis Presley remixen oder die Französische Revolution mithilfe der Query des Feminismus zu ihrem Frauenbild befragen. All das ist heute möglich und zwar parallel zur Query “Geschichte“.
(Diese Zusammenhänge sind extrem stark heruntergebrochen. In Wirklichkeit arbeite ich an diesem Theoriestrang bereits seit Jahren sehr viel detaillierter und es wird auch an dieser Stelle noch eine gesonderte Beschäftigung mit diesem Thema geben.)

Ein weiteres Beispiel: Arbeit

Arbeit ist ebenfalls schon lange Gegenstand des Archivs, das heißt der ordnungsgebenden Strukturierung zu ihrer leichteren queryologischen Verarbeitung. Eine ordnungsgebende Struktur ist zum Beispiel der Beruf. Der Beruf ist ein wohldefiniertes und gegen andere Berufe relativ genau abgegrenztes Tätigkeitsfeld. Durch den Ordnungsrahmen Beruf lassen sich Queries zu Gehalt, gesellschaftlichem Ansehen, Position in der Firma, Verpflichtungen und Privilegien vereinfachen.

Gunter Dueck hat darauf hingewiesen, dass viele der Tätigkeiten von ihrer Archivseite – das heißt, wo sie als Wissensakkumulationsinstitution daherkommen – durch das Internet zunehmend obsolet werden. Die Archivseite von Tätigkeiten ist aber noch vielfältiger als diese neuere Entwicklung und hat eine gewisse Tradition.

Jede Tätigkeit ist der Strukturierungsmacht des Archivs unterworfen. Arbeitsteilung, Fordismus und Taylorismus sind einige der wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Ordnung der Arbeit. Ziel ist es, die Arbeit so zu gestalten, dass eine Query sie leicht verarbeiten kann. Und dann eben auch ersetzen kann.

Durch die Aufsplittung der Arbeiter-Tätigkeiten am Fließband in einzelne Handgriffe, wird es bald möglich ebendiese durch die Maschine zu ersetzen, die das besser, schneller und genauer macht. Das geht bishin zu den vielen aufeinanderfolgenden und teils recht komplexen Arbeitsschritten, die seit den 80er Jahren vermehrt durch computergesteuerte Roboter übernommen werden. Als die Möglichkeiten der Query komplexer werden, können bereits einige Dienstleistungen an die Query ausgelagert werden. Automaten für Essen, Trinken und Geld, die in mehreren Schritten sowohl Kundenwünsche, als auch Parameter wie “ist genug Geld eingeworfen” oder Authentifizierungsverfahren in der Query berücksichtigen müssen, ersetzen in den 90er Jahren viele Arbeitsplätze.

Derzeit wird die Query so mächtig, dass sie nicht mehr nur in den Grenzen eines Fließbandes – also einem vorgegebenen Ordnungsrahmen – oder im Raster eines festverdrahteten Prozesses agieren muss, sondern sich ihre Umgebung und ihre Ordnung selbst erschließen kann. Erste Vorboten sind die Staubsaugerroboter, die die Query ihrer eigenen Saugtätigkeit selbstständig erstellen, indem sie die Struktur Wohnung speichern. An dieser Stelle wird es vermutlich auch weitergehen; über vollautomatisierte Putztrupps bishin zur Robotermüllabfuhr.

Andere Berufe werden nur partiell obsolet oder eben “produktiver” gemacht, was aber letztlich die selbe Wirkung hat: man braucht weniger Menschen für mehr zu erledigende Dinge. Je weiter die Query voranschreitet, desto größer wird der Radius an Tätigkeit, die sie sich einverleiben kann. Je definierter die Tätigkeit ist, desto eher wird sie annektiert. Jede Struktur kommt der Query entgegen.

Arnold King fasst diesen Befund folgendermaßen zusammen:

“The paradox is this. A job seeker is looking for something for a well-defined job. But the trend seems to be that if a job can be defined, it can be automated or outsourced.”

Der jeweilige Grad der Wohldefiniertheit eines Berufs oder einer Tätigkeit lässt auf seine Ersetzbarkeit schließen. Je undefinierter, grober umrissen, schlechter beschreibbar – das heißt eben unberechenbarer – eine Tätigkeit ist, umso mehr ist man davor sicher.

Ein drittes Beispiel: Demokratie

Mehr als einmal habe ich darauf hingewiesen, dass ich die derzeitigen enormen Umwälzungen in der globalen, politischen Landschaft für eine Form des Kontrollverlusts halte. Auch hier haben wir es mit der Auswirkung einer mächtig gewordenen Query gegenüber einer über lange Zeit gewachsenen Ordnungsmacht zu tun. Dabei gilt: die Gesellschaftsstruktur ist immer so komplex, wie die Möglichkeiten ihrer Query.

Wir haben viele Systeme ausprobiert, um Gesellschaft zu organisieren. Der Feudalismus war zu einer Zeit gangbar, in der Gesellschaft noch durch Verwandtschaftsgrade organisiert werden konnte. Extrem lokal, extrem hierarchisch, extrem unbeweglich. Alles war auf die eine Query zum höhergestellten Herren hin organisiert. Die Macht wurde direkt ausgeübt und alles, was sich dieser direkten Macht entzog, war jenseits dieser Ordnung.

Mit dem Buchdruck, der Reformation und der Aufklärung reichte diese Struktur nicht mehr aus. Die Gesellschaft, in der sich Information nun schneller verbreiten konnte, drängte weiter Richtung Komplexität. Die Anzahl möglicher Queries explodierten und auch die Queries selbst wurden komplexer und damit musste wiederum die Archivseite angepasst werden. Statt der direkten Ausübung von Macht wurden in der Bürgergesellschaft Mittlerinstanzen eingesetzt: Werte, Wissenschaft und rechtliche wie politische Institutionen – die viel komplexere Hierarchiegeflechte ermöglichten und die Gesellschaft nicht mehr direkt, sondern indirekt und zum Gutteil dezentral organisierten.

Mit dem Aufstieg der Massenmedien, als vielfältigere Archivsysteme, konnten sich auf einmal auch unterschiedliche, politische Strömungen diversifizieren und schließlich in Parteien manifestieren. Die heutige Umsetzung der Demokratie ist eine Query, die auf das grobe Raster der Parteien angewendet wird, die alle paar Jahre behaupten, den gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess zu repräsentieren.

Durch die Weiterentwicklung der Query – hier natürlich vor allem im Zuge des Internets – ist der Möglichkeitsraum für die Ordnung des Archivs in’s Unermessliche gestiegen – also faktisch obsolet geworden. Die klassischen Ordnungsmächte wie die Verlage und Parteien kämpfen unter einem enormen Bedeutungsverlust. Vor allem aber leiden sie an einer drastischen Unterkomplexität – einer “Komplexitätsdiskrepanz” – gegenüber den Möglichkeiten der Meinungsbildung im Netz (aber eben auch, gegenüber der Komplexität der Welt, der Wirtschaft usw.).

Die Krise der Institutionen und der Parteien ist eine Krise ihrer Legitimität. Niemand fühlt sich durch das grobschlächtige Raster noch hinreichend repräsentiert. Die Krise der Repräsentation ist also auch nur eine Abwandlung der Krise des Archivs.
(Ich werde eine viel ausführlichere Darlegung meiner Gedanken zu diesem Themenfeld auf der openmind 2011 vortragen.)

Fazit

Man könnte hier noch viele weitere Beispiele der Krise des Archivs formulieren. Privatsphäre und Urherberrecht wären die dankbarsten Beispiele, aber die werden ja bereits breit diskutiert. Schwieriger bleiben Dinge wie Eigentum oder Identität, die derzeit zweifelsohne auch in eine Krise geraten, die aber noch nicht wirklich verstanden wurde.

Aber ich denke, dass das Muster klar geworden ist. Die Query macht herrschende Ordnungsstrukturen obsolet. Sie geraten in eine Krise und stürzen sich in einen hoffnungslosen Abwehrkampf. Clay Shirky sagte einmal: Institutionen werden versuchen die Probleme zu erhalten, für die sie die Lösung sind.

Ob Leistungsschutzrecht, Internetregulierung oder Arbeitsmarktpolitik, all das sind nur die Reaktionen auf den Kontrollverlust höherer Ebene. Sie werden die Entwicklung aber nicht aufhalten, höchstens hier und da abmildern. Ich will auch gar nicht abstreiten, dass es derzeit noch sinnvoll sein kann für Datenschutz, Arbeitsplätze und Erhaltung von Verlagen und letztendlich auch für Demokratie zu kämpfen. Wir befinden uns in der Phase des Übergangs zur Queryology, doch noch tragen die Queries uns nicht, wenn die Strukturen wegfallen. Deswegen sollten wir vorsichtig sein, mit radikalen Forderungen.

Andererseits ist es Zeit zu Erkennen, dass Vollbeschäftigung, informationelle Selbstbestimmung, der institutionelle Journalismus und die repräsentative Demokratie nicht der Weisheit letzter Schluss sind und dass sie sich so oder so wohl nicht mehr lange halten lassen werden.

Grundsätzlich lässt sich das wohl für jede Ordnung sagen. Die Query wird sich früher oder später jedes Archiv einverleiben. Durch die Abstraktion der Ordnung werden Potentiale frei. Ordnung ist immer Komplexitätsreduktion und damit Informationseinengung. Die Queryology wird also, soviel ist sicher, eine Welt schaffen, die um vieles komplexer und reichhaltiger ist, als wir sie kennen. Vielleicht zu komplex und reichhaltig, als dass wir sie noch verstehen könnten. Aber vielleicht muss das ja auch nicht sein.

Wenn man das Grundparadiga – den Konflikt zwischen Archiv und stärker werdender Query – weiterskaliert, endet man dort, wo es überhaupt keine Ordnung mehr braucht. Die allmächtige Query agiert jenseits jeder für sie angelegten Ordnung, das heißt, die Welt selbst wird ihr zur transparenten Datenbank. Mit anderen Worten: der theoretische Endpunkt der Queryologie wäre der Laplacesche Dämon. Bei ihm fällt Zukunft und Vergangenheit sowie Archiv und Welt in eins.

Die Entwicklung geht jedoch zuletzt so rasend schnell, dass es schwer fällt noch irgendwelche Vorhersagen zu machen. Vielleicht kann die Queryology aber dabei helfen, die großen Linien der Veränderung zu erkennen. Denn nicht zuletzt ist die Queryology die Wissenschaft der Abfrage und damit die Zukunft selbst.

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38 Antworten auf Die Query und die Krise des Archivs

  1. BoleB sagt:

    Ich hab schon länger keinen Text mehr gelesen wie diesen: schwer greifbar und begreifbar, fast physische Schmerzen im Kopf verursachend. Was übrigens durchweg positiv gemeint ist.
    Nein, zugegeben, Queryologie ist mir explizit noch nicht untergekommen bisher – also das Wort. Das was es beschreibt wird auch in meinen Gehirnwindungen immer mal wieder bearbeitet.
    Mein erster Eindruck (ich habe diesen Text erst einmal gelesen und brauche jetzt erst mal eine Pause davon. Was ja aber auch heisst, dass es nach der Unterbrechung weitergeht):
    Erinnert mich in gewisser Weise an den wenigen Luhmann, den ich gelesen habe (ich masse mir nicht an “den ich kenne” zu schreiben). Vieles davon war inspirierend, aber die kategorische Beschränkung auf “alles ist aus Kommunikation” will ich in ihrer Totalität nicht mitmachen. Und da sehe ich eine Parallele zu diesem Text hier.
    Gewisse Phänomene, die du mit Kontrollverlust beschreibst, beschäftigen mich auch, von der Entropie-Seite her. Im Sinne von: durch die ungeheure Zunahme des freien Informationsaustauschs stösst die Kontrolle an ihre Grenzen. Aspekte, die dabei Angst machen, wenn man das auf Gesellschaft überträgt, sind Lähmung und Irreversibilität.
    Wie man sieht kratze ich derzeit bestenfalls an der Oberfläche, daher führe ich das hier nicht weiter aus.
    Also nur noch ein paar wenige Anmerkungen:
    -ein gewisser Universalanspruch kann nie erfüllt werden, ebenso wie der Laplacesche Dämon unmöglich ist. Der Beobachter Dritten Grades, der das alles könnte, ist eben auch nur ein Abstraktum.
    - Damit sind wir bei der Kausalität, speziell der Geschichte. Geschichte mag kausal sein, da sie nur Konstrukt ist. Vergangenheit ist, ebenso wie die Gegenwart, zu multidimensional für Kausalität. Schon immer. Wir mögen heute um diese Multidimensionalität wissen – wie du schreibst – aber wer sind wir? Trotz allem nur ein unglaublich kleiner elitärer Haufen. In diesem heute sind die, die darum nicht wissen, seien es Yanomami oder mongolische Nomaden oder westfälische Versicherungsvertreter in der Mehrheit. Und die haben wie eh und je ihre Geschichte als verbindliche Query.
    - auch bei dem Arbeit-Beispiel geht mir die Kausalitäts/Fortschrittsannahme zu weit. Überspitzt gesagt ist das kein Fortschritt, wenn wir gerade wieder in der Vor-Bismarck-Ära angekommen sind. Sklaverei ist billiger als jeder Automat und wird es immer sein, weil sie sich selbst reproduzieren kann. Vielleicht können das Automaten auch, aber solange sie nur ihre eigene Spezies reproduzieren können und keine Menschen, sind die Sklaven weiterhin erste Wahl. Die können nämlich beides, und tun es jeden Tag hunderttausendfach in dieser Welt. Obwohl mir grad noch so viel im Kopf rumschwirtt, breche ich an dieser Stelle ab. Danke für die Inspiration. Und wenn mich nicht der Wahnsinn überwältigt beim weiteren Nachdenken (John Nash lässt grüssen), dann bis demnächst.

  2. tirl sagt:

    Netter Versuch, aber ich glaube es wäre entgegen Deiner Annahme günstiger, die These zu fokussieren, als sie auf alles anweden zu wollen.
    Konkret am Beispiel Arbeit. Du behauptest, ein Beruf, der sich wohl definieren lässt, wird über kurz oder lang obsolet, weil die Arbeit besser durch Maschinen erledigt werden könne. Abgesehen von BoloeBs Sklavenargument trifft Deine Annahme nur bestimmte Berufe. Ein Wartungstechniker mit Spezialisierung Heizungssyteme wird m.E. nicht durch irgendeine Query tangiert. Und seine Aurgabe ist wohldefiniert: Sorge dafür, dass die Wohnung wieder warm wird. Dabei mag er Computer zur Fehlerdiagnose benutzen, aber das Fehlerhafte Ventil wird immer er ersetzen. Zumindest lange Zeit noch (Da bräuchte es schon sehr sophisticated Roboter).

    Die Beispiele von Duek beziehen sich explizit auf Arbeiten, die sich durch die Kompetenz des Arbeiters zur Komplexitätsreduktion und Entscheidungswillen beziehen. Der Bankberater hatte lange Zeit den besseren Einblick in Investmentmöglichkeiten, als der Bankkunde. Das ist vorbei und wahrscheinlich auch gut so. Bankberater (und Berater im allgemeinen) leben lediglich von einem Vertrauensvorschuss und dem Unwillen der Kunden in einer unübersichtlichen Situation Entscheidungen zu treffen. nicht das der Berater bessere Entscheidungen trifft, aber so funktioniert das eben.
    Auch die repräsentative Demokratie erlebt ihre Krise, wenn die Repärsentierten merken, dass die politischen Akteure auch nicht mehr Ahnung vom Geschehen haben. (oder zu haben scheinen). Es ist einfach nicht mehr nachvollziehbar, warum wir uns mti einen so lamen Mechanismus wie 4-jährige Listenwahlen begnügen sollen.
    Ich glaube Deine These ist für diese Fälle unglaublich nützlich. Die Erweiterung auf alles sorgt nur dafür, dass Du Dich mit Einsprüchen von allen Seiten auseinandersetzen musst. Wieso muss Eigentum durch Querys in Frage gestellt werden? Da ist ein Dings und das ist meins. Du kannst eine Query stellen, die sich unerwartet an dem Dings auslöst. Okey. Ist aber trotzdem meins. Das Eigentum irrational ist, wird so nicht gelöst, dass konnte man auch vorher zeigen, mit Null-Rechenpower.
    So, und nun noch ein Einwand. Du und wir und so, wir beschreiben den Fehler von Institutionen oft mit ihrer Behäbigkeit und Unflexibilität. Und richtig, Insitutionen manifestieren und perpetuieren Herrschaftsverhältnisse. Aber: Die Behäbigkeit sorgt auch für Zeit, politische Entscheidungen zu treffen. Bsp.: Flughafenausbau. Der Geek-Standpunkt hier und zu allem lautet: Es gibt eine richtige Antwort, wenn man sich mit der Materie auseinandersetzt, dann wird man sie finden (deshalb hat man Linux. Oder OSX.). Das Oder wird oft nicht gesehen. So zurück zum Flughafen. Da wir wissen, dass es eine richtige Antwort gibt, brauchen wir das ganze Planfeststellungsverfahren (schon das Wort) nicht. Ein entsprchend konfigurierter Computer spuckt die Antwort in Sekunden aus. Das Problem ist jedoch die Konfiguration. Der Betreiber sagt: Die Flugbewegungen nehmen jährlich um 5% zu, um einen Asubau kommen wir nicht herum, und Standort sowieso. Also muss gebaut werden. Der Anwohner sagt: Fuck You, fahrt gefälligst mit der Bahn. Der Umweltschützer, der Lokalpolitiker, sie alle bringen ihre eigenen Parameter mit. Dabei sind sicher nicht alle gleich gut. Aber um Öffenltichkeit zuzulassen und herzustellen ist eine politische Auseinandersetzung mit einem gewissen Zeitfenster no9twendig. Vielleicht ist das das Argument für langsame Büroklratie.

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  4. AndreasP sagt:

    Ich verstehe nicht, warum die SQL-Abfrage und die relationale Datenbank irgendeine Revolution sein soll. Was eine relationale Datenbank kann, kann ein Bibliothekskarteikasten letztlich auch (mit erheblich größerem Zeitaufwand), er muss eigentlich nur groß genug sein und auf genügend Schlagworten und Informationsfeldern beruhen. Vielmehr erscheint mir die Volltextsuche bzw. das “Vorrats”-Speichern, Verknüpfen von Daten, Data Mining ohne festes Datenmodell als revolutionär.

  5. Macht ist immer ein Verhältnis von Menschen zu Menschen. Wenn von Macht gesprochen wird, dann muss man sagen, wer der Mächtige ist und wer der Ohnmächtige. Hier wird die „Query“ als mächtig, und sogar als demnächst allmächtig bezeichnet. Wer also ist die Query? Und über wen hat sie Macht? Und was tut sie mit dieser Macht?
    Hier wird gesagt, die Frage-Kraft der Query sein besser als die des Menschen. Aber nach welche Kriterien? Das Beispiel „Gesichtserkennung“ wurde genannt. Wer aber entscheidet, was in einem Gesicht zu erkennen ist und wann das als „erkannt“ gilt? Und was folgt dann aus dem „erkannten“?
    Nehmen wir an, die Query erkennt in einem Gesicht „Trauer“ – wird sie den trauernden trösten? Oder wird sie den „Freunden“ des Trauernden eine Nachricht senden, af dass sie Trost-Nachrichten versenden? Und was, wenn der gar nicht trauert?
    Eine Query kann selbst nicht trauern, und damit fehlt ihr das Entscheidende, um Trauer in einem Gesicht zu erkennen: Erfahrung. Die können nur Menschen machen. Deshalb ist die dringendste Aufgabe für die Zukunft nicht, dafür zu sorgen, dass die Query sich vom Archiv emanzipiert, sondern dass der Einzelne sich von der Query emanzipiert, und erkennt, wessen Macht sich da als „Macht der Query“ ausgibt.

    • mspro sagt:

      es gibt in der informatik auch den begriff der “mächtigkeit” hinsichtlich der möglichkeiten der algorithmen. vielleicht habe ich nicht klar genug gemacht, dass ich mich vor allem darauf beziehe, wenn ich von der “mächtigkeit der query” spreche.

      zur trauer. es gibt schon heute algos in kameras eingebaut, die erst dann das foto auslösen, wenn die fotografierten lachen. im endeffekt sind es nur ausdrücke. nein. man braucht nicht zu wissen, was trauer ist, um trauer zu erkennen. ein kind braucht auch nicht zu wissen, was wolken sind, um sie zu erkennen.

      und klar kann man sich von der query “emanzipieren”. diese emanzipation wäre aber mehr so ein “ich will die 80er wiederhaben!”-genöle. manche würden behaupten, da läge gar keine emanzipative kraft im kulturpessimismus.

  6. Der Fotoapparat erkennt nicht, wenn einer lacht, sondern er erkennt, wenn einer grinst. Aber wenn wir oft genug Fotos angesehen haben, die uns ein Grinsen für ein Lachen ausgeben, dann werden wir irgendwann glauben, dass das auf dem Foto ein Lachen sei.

    Meine Kritik hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, wenn du die Einschränkungen, die dir die “Query” auferlegt, nicht in den Blick nehmen willst, wenn dich die Verkürzungen nicht interessieren, du pure Apologetik betreibst, dann reduzierst du Kultur einfach auf Technik. Das hat eben nichts mit Emanzipation zu tun, es ist das Gegenteil.

    Eine abstrakte “Query” emanzipiert sich von einem abstrakten “Archiv”, sie wird “mächtig” – “allmächtig” sogar, sie “agiert”. Der Filter wird ein “Subjekt”.

    Queries, Archive und Filter sind aber Technisches, sind Artefakte. Sie sind keine Subjekte, nicht einmal im Sinne Latour’scher Hybride. Oder schwebt dir so etwas vor? Dann müsste das erst mal klar entwickelt werden.

    • mspro sagt:

      @jörg herrje. ich gestehe doch zu, dass die abbildung der welt in der relationalen datenbank oder was immer wir heute dafür bereithalten nicht zureichend ist. geschenkt.

      das ist doch auch das thema des ganzen posts! der antagonismus zwischen query und archiv ist doch nichts anderes als shannons diktum, dass in der (shannon-)entropie die größtmögliche information liegt und dass jede struktur den informationsgehalt einer anordnung radikal reduziert. das habe ich hier angewendet: jede ordnung, jede struktur reduziert komplexität und somit information. doch je mehr ordnung wir in die query auslagern, desto weniger komplexität muss auf der speicherseite reduziert werden, also muss auch weniger information weggeworfen werden.

      die relationale datenbank, indem sie – jetzt pass auf – WENIGER strukturen vorgibt, als bisherige medien, kann also auch DRAMATISCH mehr information abbilden, als diese. wenn du das noch nicht nachvollziehen kannst, empfehle ich shannon, weaver: mathematical theory of communication.

      und nee. für “subjekte” interessiere ich mich nur am rande.

  7. AndreasP sagt:

    Ich hab’s mir jetzt nochmal durchgelesen, und bin für mich zum vorläufigen Schluss gekommen, dass die “Query” hier genau das ist, was früher immer der “Diskurs” war. Ein Platzhalter für alles und jedes, perfekt zur Produktion von wohlklingenden Textmassen.

  8. raleisner sagt:

    (vorab) Vielleicht ignorant, aber ich schreib statt Query “Suche”, von Query weiß ich schon nicht, wie ich es aussprechen soll.

    (zum Thema) Sehr schön. Ob die Verallgemeinerung hinhaut, ist für die Theorienbildung erstmal egal, für menschliche Hirne könnte das Raster Suche-Archiv durchaus Erkenntnisse liefern. Ich glaub auch gern, daß die Verallgemeinerung theoretisch zutrifft. Aber auf welcher Skala bewegen wir uns? Ich schätze, die “harte Welt” ist so viel komplizierter als Internet und Rechnerkapazität, daß tausendmal verbesserte Suchalgorithmen die entscheidenden “Archivfunktionen” Identität – Erwerb (hier: Arbeit) – Anspruch (hier: Eigentum) nicht umgehen können.

    • mspro sagt:

      es geht mir ja auch nur darum tendenzen aufzuzeigen. wie das ganze dann auf die “harten realitäten” reagiert, wenn es drauf prallt, ist sowieso schwer vorherzusagen. ich glaube, wir sehen da bereits bewegung. allerdings noch in einem stadium, in dem wir kaum wirklich einschätzen können, was da passiert.

      zur query/suche. ich finde suche eine unzureichende übersetzung. sonst hätte ich den terminus auch sicher verwendet. die query hat konnotativ einen viel engeren bezug auf ein etwas, was durchsucht wird. außerdem ist es ja eher die frage, als die suche. und die frage würde aber auch nicht passen, sondern mehr “befragen”. die query wäre wahrscheinlich mit “befragung” am besten übersetzt. hört sich aber grauenhaft an.

  9. (Das deutsche Wort für Query ist Abfrage)

    Ich sehe einerseits nicht, dass Relationale Datenbanken oder alles, was danach entwickelt wurde, weniger Strukturvorgaben macht als vorherige Archive. Wahrscheinlich wäre das Konzept der Query deutlich besser ohne diesen Ballast und besser auf der Basis von Volltextsuche-Konzepten, Deep Insight, Data Mining zu entwickeln. Da passiert tatsächlich etwas von dem, was du hier beschreibst.

    Andererseits, und das gilt eben auch für diese neuen Konzepte, bleibt die Einschränkung, dass diese Werkzeuge eben alle nicht mehr können als sie zu können vorgeben. Sie sind, wie ich schon in meinem Kommentar zum ersten Artikel dieser Serie geschrieben habe, eben nicht das Ende des Mediums, sondern sie sind nur noch Medium, sie sind nicht mehr als das Medium, das sie per Definition sein sollen.

    Das Beispiel Karteikasten sollte das zeigen. Der ursprüngliche Einrichter des Kastens hatte einen bestimmten Zweck vorgesehen, aber er Nutzer kann den beliebig erweitern. Er kann Farbmarkierungen hinzufügen, Randnotizen machen usw. Er wird mit der Benutzung zum Herrn des Archivs und der Abfrage.

    Der Nutzer der Query kann nicht mehr über diese hinausgehen, weder über die Struktur des Archives, noch über die Möglichkeiten der Abfrage. Alles was er kann muss schon in den vorgesehenen Möglichkeiten des Systems angelegt sein.

    • mspro sagt:

      “Volltextsuche-Konzepten, Deep Insight, Data Mining”
      ja, mensch. das sage ich doch die ganze zeit. die realtionale datenbank war nicht der weisheit letzter schluss und es gibt heute viel bessere methoden. die relationale datenbank war aber eben ein quentensprung in diese richtung.

      und ja, ist ja richtig. ansätze einer freierein query konnte man schon in karteisystemen beobachten und ich will das nicht kleinreden. (hervorragende lektüre dazu übrigens: krajevski: zettelwirtschaft.

      dazu kommen die wirklich ausgefeilten zettelsysteme bei luhmann und arno schmidt.

      aber ich bleibe dabei: all das war auf der archiv/speicherseite eben viel zu strukturiert und die query nicht im mindesten so frei wie bei der relationalen db.

      ich glaube, der denkfehler, liegt dort, wo du die “freiheit” eben auf der speicherseite suchst. klar, die notizen und erweiterungen auf karteikarten sind zwar ein ausbrechen aus der vorgebenen ordnung. aber sie sind auf der speicherseite, nicht auf der abfrageseite, deswegen weniger relevant. mir geht es aber um die zunehmende freiheit auf der abfrageseite.

      du vermisst die flexibilität auf der seite, auf die man gewohnt ist zu gucken: der speicherseite – und übersiehst deswegen die neue freiheit auf der queryseite.

  10. Mein Problem ist, dass die Query dem Abfragenden gar keinen Ausbruch mehr ermöglicht, weder auf der Seite des Archivs, noch auf der Seite der Abfrage. Alles ist nur noch Medium, und meine Möglichkeiten, darin zu agieren, werden durch das, was du “Query” nennst, vordefiniert. Und es kommt noch schlimmer, die “Query” entwickelt normative Kraft, sie definiert, was überhaupt als Abfrage und als “gutes Ergebnis” gelten kann – wie das Beispiel vom “Erkennen des Lachens” sehr schön illustriert.

    Mein Gegenmittel dagegen ist ganz schlicht und effizient: Die “Query” als das zu benennen was sie ist: Ein technisches System. Technischen Systemen fehlt die Erfahrung von Irrtum und Gewissheit, von Rückschlag und Erfolg, von Enttäuschung und Bestätigung, von Sieg und Niederlage. Aber aus diesen Erfahrungen generiert der Mensch, welche “Query” ein sinnvolles Ergebnis für seine Freiheit liefert und welche ihn unterwirft.

    • mspro sagt:

      Da hast du die query vollkommen mißverstanden. die query ist das gegenteil von “vordefiniert”. sie ist frei, so frei wie es eine speicherung nie sein könnte. so frei wie nie etwas frei war. und sie ist zur zukunft offen. sie kann sich jederzeit neue datensätze heranziehen um zu korrelieren, sie kann jederzeit neue algorithmen implementieren, die sie “mächtiger” machen. die query kann alles rausholen, was auf der speicherseite zur verfügung steht und noch viel mehr. und übermorgen mehr als morgen.

      das ist es ja. es die totale liberalisierung und somit der kontrollverlust jeder struktur.

  11. mspro, das ist doch eine abstrakte Behauptung, die erstmal zu plausibilisieren wäre. Was heißt denn “frei” für eine Query? Wer ist da frei? Der Entwickler es Abfragesystems? Du als Abfragender jedenfalls bist überhaupt nicht frei, das ist es, was ich die ganze Zeit sagen will, du bist weder frei in der Anordnung deines Archivs (wohin lege ich den Stein?) – denn du musst deine Inhalte einfach an der Eingangstür “der Query” abliefern. Du bist schon gar nicht frei in der Gestaltung deiner Frage, du bist auf die Vorgaben des Systems festgelegt, und diese werden nicht offener, sondern immer geschlossener. Sie bestehen in einem einzigen Eingabefenster, in dem du deine Frage abliefern darfst.

    • mspro sagt:

      oje…

      also: freiheit der query ist natürlich relativ. und zwar realativ zu den vorgaben der speicherung. also nimm an, du speicherst einen datensatz in dem vorläufer der relationalen datenbank ab, also im grunde einem hierarchischen filesystem. dann bist du als abfragender *gezwungen* die struktur des speichervorgangs zu wiederholen. du musst die hierarchieebenen entlanghangeln, die der speichernde vorgeben hat.

      bei der relationalen datenbank gibt es keine hiearachie und damit viel weniger struktur. du kannst deinen datensatz also in der gegeben struktur abrufen “SELECT *” oder eben in einer ganz anderen, verknüpft mit ganz anderen daten, in einer ganz anderen sortierung etc. es ist das, was david weinberger die “dritte ordnung der ordnung” nennt. es ist eine abstahierte ordnung, in der query.

      jetzt wird diese “freiheit” sicher nicht einer pathosverschmierten humanistenfreiheit gerecht. aber darum geht es ja nicht. es ist ein mehr an freiheit, als es sie vorher gab. denn ja: die googlesuche gibt mehr freiheit, als der bibliothekskatalog. und ja, die twittertimeline ist freier konfigurierbar, als ein zeitungsabonnement und ja, die freiheiten in der db-gestützten korrelationsanalyse von daten ist höher, als in der vergleichenden textlektüre.

  12. Pingback: Twitter, Amen und das neue Facebook – Queryology als Analyseansatz | ctrl+verlust

  13. interessant, das lohnt sich durchzudenken. spontaner einwand: du setzt tatsächlich “query” an die stelle des “diskurs”, wie jemand oben einwendet, der dann meint, das sei eh alles blabla.

    tatsächlich ist “diskurs” ja ein (sehr unscgarf gewordenes) codewort für zeichen/aussage/semiose/semiologie. darum gehts hier tatsächlich.

    spontaner einwand: nein, aussagen und semiose lassen sich nicht auf archiv/speicher einerseits und abfrage von information andererseits reduzieren. sie haben sich von anfang an verselbständigt und funktionieren sozusagen eher als (auto-)poetisches system denn als technoider speicher. sozusagen gilgamesch vs. getreidespeicher-bürokratie-tontafeln.

    die informationstheorie von shannon ist m.e. als theorie kultureller zeichenzirkulation nicht sehr ergiebig. (sie ist wichtig, wenn es um algorithmen geht.)

    und ja, es gibt da eine überschneidung der beiden sichtweisen, glaube ich. aber da trumpfst du auch mir deutlich zu selbstgewiss auf. so weit ist deine query-theorie nicht. (sie ist eh gut & fruchtbar, wenn sie präzise bleibt.)

    im übrigen habe ich das wiederum spontane gefühl, Jörg Friedrichs hinweis auf Latour und damit auch auf die verschiedenen nach-strukturalistischen arten, “subjekt” anders als sentimental-humanistisch zu denken, wäre hier weiterführend.

  14. mspro sagt:

    Wenn ich Foucualt in Archäologie des Wissens richtig verstanden habe, grenzt er sich deutlich gegen diese Strukturalistische Sichtweise ab.

    Zum Vorwurf, ich würde “Diskurse” negieren: das Gegenteil. Ich behaupte sogar, dass alles Diskurse sind. Und wenn du meinst, dass Diskurse auf Queries zu reduzieren zu unterkomplex gedacht sein, dann denkst du Queries zu unterkomplex ;)

    Ansonsten: bei Semiotik und Strukturalismus kommen wir in diesem Leben eh nie zusammen. Aber das hatten wir glaube ich schon mal festegestellt. :)

  15. adrianoesch sagt:

    vielen dank für deine mühe, und auch den beiträgen in den kommentaren. ein feedback eines technisch nicht sehr versierten lesers.

    “Ziel ist es, die Arbeit so zu gestalten, dass eine Query sie leicht verarbeiten kann. Und dann eben auch ersetzen kann.” – du beschreibst weiter unten zwar noch etwas exakter, aber mir ist da einiges nicht klar. wie soll eine query, eine physische arbeit ersetzen? und inwiefern siehst du den ersatz einer arbeitskraft durch einen roboter als konsequenz der emanzipation der query? muss hier nicht klar zwischen physischer arbeit und abstrakten vorgängen unterschieden werden?

    wenn ein roboter automatisch den staub saugt, dann folgt er einem (vor)programmierten muster, selbst wenn sich seine bewegungsmuster verändern. was hat das mit der queryology zu tun? was hat das damit zu tun, das datenbanken neu relational und nicht hierarchisch sortiert werden?

    eine neuere art zu archivieren ist ja z.b. das tagsystem. gehe ich richtig in der annahme, das ein solches system auf der relationalen datenbank beruht? bei diesem system, spielt zwar nicht mehr die hierarchie eine rolle, jedoch die verwendeten tags. ich speichere aber immer noch in der absicht, meine daten später zu finden und es ist entscheidend, welche tags ich benutze. ich sehe darin vorallem die loslösung der hierarchie. aber worin liegt da die queryology? wenn ich einen link bei delicious schlecht tagge, dann werd ich ihn später auch nicht finden.

    ich glaube auf den punkt gebracht, verstehe ich deinen datenbank/archiv-fokus nicht. inwiefern sind denn z.b. die neuen kommunikationsformen auf die queryology zurückzuführen? und wenn nicht, glaubst du nicht, dass viele der beschriebenen phänomene auch dadurch erklärt werden können?

  16. mspro sagt:

    “wie soll eine query, eine physische arbeit ersetzen?”
    Wie ich ganz oben definiert habe, gibt es die Query bereits auch vor ihrer Emanzipation. Sie ist das schlichte Abrufen eines Speichers. Der kann also auch in Gestalt einer rein mechanischen Maschine erfolgen.

    “und inwiefern siehst du den ersatz einer arbeitskraft durch einen roboter als konsequenz der emanzipation der query?”
    Das sage ich nicht. Der Industrieroboter, wie wir ihn seit den 80er Jahren kennen, ist eben noch nicht teil der Emanzipation der Query. Anders sieht es mit den Suabsaugerrobotern aus, die sich die Ordnung (hier des Zimmers) von sich aus einverleiben können.

    “muss hier nicht klar zwischen physischer arbeit und abstrakten vorgängen unterschieden werden?”
    Nein, muss nicht. Es geht einzig um den Grad der Komplexität des Algorithmusses, der zur Ausführung notwendig ist.

    “eine neuere art zu archivieren ist ja z.b. das tagsystem. gehe ich richtig in der annahme, das ein solches system auf der relationalen datenbank beruht?”
    Ja, aber das ist nicht so wichtig. Die Relationale Datenbank ist nicht so wichtig. Sie ist nicht das Alleheilmittel und die Zukunft oder so. Darum geht es nicht. Sie ist ein historisch wichtiger Schritt. So wie die Erfindung der Dampfmaschine. Die Dampfmaschine hat die Indutrielle Revolution eingeleitet, obwohl sie schon wenige Jahrzehnte nicht mehr der Stand der Technik war.

    Das Tagging ist tatsächlich eine interessante Variante, die die emanzipierte Query hervorgebracht hat. Im Gengensatz zur Kategorie ist sie freiert (Mehrfachvertaggung) und nicht hierarchisch (bzw. man kann adhoc Hierarchien daraus bauen). Die Query, indem sie interne komplexe Verküpfungssysteme erlaubt, kann also Datensätze flexibel nach diesen Tags guppieren. Das ist tatsächlich auch erst seit der relationalen Datenbank der möglich.

    Es ist natürlich nicht wirklich die emanzipierte Query ist reinform (die gibt es eh nicht), denn immerhin muss es sich auf meine vorgegebene Ordnung verlassen. Ich benutze Tags in diesem Blog aber zb. auf mspr0.de gar nicht mehr. ich hoffe, die Query ist irgendwann so stark, dass ich die nicht mehr brauche. ;)

    “ch glaube auf den punkt gebracht, verstehe ich deinen datenbank/archiv-fokus nicht. inwiefern sind denn z.b. die neuen kommunikationsformen auf die queryology zurückzuführen? und wenn nicht, glaubst du nicht, dass viele der beschriebenen phänomene auch dadurch erklärt werden können?”
    Direkt nach diesem Artikel habe ich einen neuen geschrieben. Dort stehen ein paar Beispiele drin.

  17. hmmm, wenn ich deine antwort oben ernst nehme, habe ich das gefühl, du hast semiotik ganz grundsätzlich gar nicht verstanden. beziehungsweise es noch nicht einmal versucht. (und mit semiotik hast du es ja zu tun, ob du willst oder nicht.)

    also nochmals: das “archiv” ist *kein* speicher. kulturelle zeichenpraxis auf das paradigma speichern/abfragen zu reduzieren ist dumm. unterkomplex, plain, simpel, einfach: dumm.

    den stand der kultursemiotischen theorie musst du schon irgendwie aufnehmen, aufheben oder widerlegen, wenn deine queryologie dem selbst gestellten anspruch als großtheorie auch nur annähernd gerecht werden soll.

    falls ich dich missverstanden haben sollte und du diese reduktion doch nicht machst, oder nur aus polemischen gründen oben propagierst, gäbe es eine menge interessanter fragen. natürlich kann/soll man “diskurs”* (als positivistisches phänomen jetzt) unter dem blickwinkel des ausgeweiteten query-begriffs betrachten und von mir aus sogar dekonstruieren. die dialektik von freiheit/standardisierung auf ders seite von archiv bzw. abfrage (in deinem nächsten post skizziert) finde ich z.b. sehr interessant.

    * ich verwende den entleerten begriff “diskurs” nicht so gern, also eher: systeme von zeichenzirkulation, aussagefelder und aussageereignisse, semiose.

  18. mspro sagt:

    Aso mit wenig hab ich mich so intensiv auseinandergesetzt wie mit Semitotik. Saussure, Claude Levi Strauss, Bartes, Umberto Eco, sogar C.S. Pierce. Hab das alles gelesen, aber irgendwas störte mich immer. Dann kam Derrida in mein Leben ;)

    Ich finde auch nicht, dass ich mich gegen die Semitotik abzugrenzen brauche. So groß/wichtig ist die nicht. (Und Foucault bekommt man auch nur unter Schmerzen da rein)

    Es wird allerdings noch eine tiefere Beschäftigung in die Richtung Fpucualt und Derrida geben (wie ich oben auch schon andeute). Genauer: ich hab ein Paper für einen entsprechenden Vortrag eingereicht. Wenn der genommen wir (oder nicht) wird das hier veröffentlicht und demnächst noch weiter vertieft.

  19. die semiotik (hier jetzt nicht an eine spezielle theorie gebunden gebraaucht) ist selbstverständlich “groß/wichtig”: im sinne von grundlegend und unumgänglich. du hast ja auch eine semiotische theorie, wenn du das schema speicher/abfrage benutzen willst, um kulturelle zeichenproduktion und zeichenpraxen zu erklären.

    um aber zu wissen, was speicher/abfrage bedeuten könnte, müsstest du angeben, was komplexe kulturelle zeichen ihrem wesen nach sind und welche binnenlogiken/eigendynamiken eben ihre produktion, zirkulation, weitergabe und gebrauch regeln. (speicherung und abfrage sind erst einmal sonderfälle in diesem kontext.)

    du hast da natürlich irgendwelche annahmen. (du kommst gar nicht ohne aus, im zweifelsfall sind sie halt implizit.) von meinem blickwinkel hier, aber da kann ich viel missverstehen, erscheinen bisher diese annahmen, so weit ich sie implizit herauslesen kann, als unterkomplex.

    wenn du deine kultursemiotischen arbeitshypothesen (im obigen sinn) umreißen möchtest, gern auch provisorisch, fände ich das sehr interessant. du musst es nicht “semiotik” nennen, wenn dich das wort stört. (foucault hat es in der “archäologie” auch nicht benutzt.)

    falls es solche arbeitshypothesen aber gar nicht gibt, und falls du wirklich noch nie das bedürfnis gehabt haben solltest, sie auszuformulieren, fände ich das schon ein wenig verstörend. dann ist deine speicher/abfrage-theorie immer noch brauchbar und anregend, aber ich würde sie dann halt doch ein gutes stück tiefer hängen.

  20. mspro sagt:

    Ok, ich versuch das mal in aller Kürze … ach.

    Vielleicht sind wir uns nicht darüber klar, was wir jeweils als Semiotik verstanden haben wissen wollen. Für mich ist das – in vielen Abwandlungen – die Theorie der Zeichen, die unterstellt, dass irgendwie physich/reelle Träger gibt, auf die “Bedeutung” gemappt wird. Wenn das – im wesentlichen Semiotik ist (und nach allen oben genannten Autoren der Grundlagen funktioniert sie so) dann lehne ich diese ab und zwar im Sinne Derrida, wie er es in Die Schrift und die Differenz, der Grammtologie und am anschaulichsten in: die Stimme und das Phänomen beschrieben hat.

    Es gibt einfach keine Bedeutungsträger, sondern nur Ereignisse, die sich einschreiben (eine Differenz verursachen) die sich dann eventuell wiederholen und dadurch lesbar werden. Aber eben nicht in dem Sinne, dass sie eine/ihre Bedeutung preisgeben, sondern dass schlicht wiedererkannt werden. “Bedeutung” ist dann etwas, was dadurch im menschlichen Bewusstsein “passieren” kann.

    Mit anderen Worten, Bedeutung ist nicht an Zeichen gebunden, sondern an die Query, die sie befragt.

    Die gesamte Zeichentheorie gehört noch vollständig der Ordnung des Archivs an, wie ich es oben beschreibe.

    Wie gesagt, ich werde das ganze (allerdings ohne konkreten Bezug auf Semiotik) noch mal detailliert ausrollen.

  21. soweit ich das deiner etwas verschwommenen darstellung entnehmen kann, stimme ich tendenziell zu: ja, natürlich, bedeutung (“semantik”) ist nichts, was irgendwie an einem materiellen zeichen klebt.

    das sagt natürlich auch weder peirce (in der eco’schen lesart) noch barthes noch lévi-strauss noch gar foucault.

    “semiose” z.b. bedeutet ja gerade, dass es sich hier um unabschließbare prozesse handelt. esgibt keine verankerung im “referenten”. “sekundäre semiotische systeme” (barthes, lotman) beschreiben, wie sich bedeutungen von (vermeintlich) primären zu eben komplex sich überlagernden sekundären feldern verschieben. und das foucault’sche system von aussagen als “positivitäten”, aussagefeldern, “diskursen” (hier recht speziell gebraucht) und eben “archiven” bzw. dem “apriori” …

    nichts, NICHTS davon ist irgendwie durch Derridas Grammatologie (1967, wenn ich mich täusche) erledigt. da gehts letztlich um metaphysische fragen, die wir hier nicht brauchen.

    ja, bedeutung ist etwas, das “passiert”. nein, bedeutung ist nicht an eine “query” gebunden, die sie “befragt”. das ist nur ein sehr spezieller sonderfall im großen spiel der differenzen, das wirkung semantischer felder ist und selbige zugleich fortschreibt und auflädt.

    “Die gesamte Zeichentheorie gehört noch vollständig der Ordnung des Archivs an” … aber nein. eben überhaupt nicht. der härteste old-school-strukturalist in unserer auseinandersetzung ist ja noch lévi-strauss: aber erklär mir mal, wie seine mythen als “archiv” in deinem sinn funktionieren sollen?

    einige wichtige fragen wären etwa folgende:
    - was ist das “kulturelle archiv”? ist es ein “speicher”? wenn ja, inwiefern?
    - wie verhält sich semantik zu “information”?
    - wird in komplexen kulturellen zeichen “information gespeichert”? inwiefern? wenn ja: was wird hier wie kodiert”, was “dekodiert”?

    und wie gesagt, es ist mir völlig wurscht, ob man das ausdrücklich “semiotik” nennt oder nicht. ich verlange auch nicht das bekenntnis zu irgendwelchen dogmen. nur um die fragen kommst du halt nicht herum. und shannon hilft dir hier gar nichts.

    • mspro sagt:

      > “semiose” z.b. bedeutet ja gerade, dass es sich hier um unabschließbare prozesse handelt. esgibt keine verankerung im “referenten”. “sekundäre semiotische systeme” (barthes, lotman) beschreiben, wie sich bedeutungen von (vermeintlich) primären zu eben komplex sich überlagernden sekundären feldern verschieben. und das foucault’sche system von aussagen als “positivitäten”, aussagefeldern, “diskursen” (hier recht speziell gebraucht) und eben “archiven” bzw. dem “apriori” …

      Also: zur dekonstruktion von Saussure lese Grammatologie, zu Levi-Strauss und Foucault: Schrift und Differenz. Zu Husserl die Stimme und das Phänomen.

      Egal wie man das versucht in Metaebenen zu verschleiern, in all den Konzepten steckt das “Bedeutung klammert sich an Zeichen”-Denken drin und wird es nicht los. Das ist das, was Derrida in seinen Schriften wieder und wieder zeigt und ja, er nennt dieses Denken ganz explizit “Metaphysik”. “Metaphysik des Zeichens”.

      Zu den Fragen:
      > – was ist das “kulturelle archiv”? ist es ein “speicher”? wenn ja, inwiefern?
      Mein Archivbegriff ist schon ein spezifischer und deswegen läuft “kulturelles Archiv” leider in’s Leere. Archiv bedeutet hier: das System des Speicherns oder: die Seite des Speicherns.

      > – wie verhält sich semantik zu “information”?
      Semantik gibt es in meinem Konzept (zunächst?) nicht. Braucht es auch bislang nicht. Information ist erstmal in einem rein shannonschen Sinne zu verstehen. Also als Bits (=reine Unterschiede). (Oder wenn, man es auf Menschen anwenden will, dann vielleicht noch den Begriff von Gregory Bateson: Ein Unterschied, der einen Unterschied macht.)

      > – wird in komplexen kulturellen zeichen “information gespeichert”?
      Ich habe das oben wahrscheinlich noch viel zu unzureichend beschrieben. Es ist immer eine Ordnung, eine feste Konfiguration, die wiedererkennbar sein muss. Ich will den Zeichenbegriff hier nicht verwenden, aber natürlich ist diese Konfiguration das, was ein Semiologe als “Zeichen” bezeichnen würde.

      Zeichen würde ich es aber schon deswegen nicht nennen, weil es auch komplett unintendierte Konfigurationen sein können (wie oben angebracht: ein Ort, eine Landschaft, etc). Zeichen impliziert immer ein “für etwas”. Wenn wir sagen, dass etwas ein Zeichen “ist”, dann implizieren wir bereits eine Bedeutung. Und das macht eben den zweiten Schritt vor dem ersten. Man kann nicht sagen, dass etwas ein Zeichen “ist”. Man kann sagen, dass *manche* etwas als Zeichen sehen/lesen *können*.

      Die Seite der Speicherung ist die Seite des Archivs. Das ist es, was ich meine. Die Semiologie fragt: wie kommt die Information in das Zeichen. Ich will ja gerade aufhören, diese Frage zu stellen. Ich will Fragen, wie wird durch intelligente und komplexe Inhalteverknüpfung in Echtzeit Bedeutung generiert? Dann kann man zwar noch Fragen, wie die Ordnungsseite/Archivseite diesen Prozess (die Query) unterstützen kann, aber man kann eben nicht mehr von ihm ausgehen.

      > inwiefern? wenn ja: was wird hier wie kodiert”, was “dekodiert”?
      Das würde ich zu diesem Zeitpunkt erstmal rauslassen. (Von Shannon übernehme ich liebend gerne all seine Informationstheorien, seine Kommunikationstheorie finde ich immer wieder fragwürdig)

  22. gut, mit der frage nach der semantik kommen wir der sache entscheidend näher. (derrida hat btw damit nichts zu tun. die “differance” ist eh gekauft. du hast einfach eine extrem verkürzte idee von avancierten zeichentheorien.)

    nein, wir implizieren mit dem zeichenbegriff nicht von vornherein “eine bedeutung”, die man nur zu aufzufinden hätte, sondern eben nur, dass es bedeutung gibt: das bedeutungspostulat quasi. quelle des signifikationsprozesses, des “interpretanten” in der peirce’schen semiose.(es gibt auch ein referenzpostulat, btw.)

    und ja: “zeichen” gibt es genau dann, wenn ein bedeutungspostulat realisiert wird bzw. entsteht, in einer bestimmten raumzeitlichen situation. abgesehen davon “ist” das objekt (die lautkonfiguration usw.) logischer weise kein zeichen.

    deine antwort auf die frage nach dem “kulturellen archiv” ist ein verkürzendes missverständnis. du hast ja den speicher-begriff absolut gesetzt (was ich weiterhin nicht ansatzweise verstehe). “die seite des speicherns” wirft ja die frage auf: wer oder was speichert hier? bei google/facebook können wir darauf vordergründige antworten geben, wenn wir uns nur um die Nullen/Einsen kümmern, aber das ist es ja nicht was du willst.

    es gibt ja nun aber so etwas wie den je zu einem zeitpunkt an einem bestimmten ort gegebenen bzw. greifbaren “bedeutungsvorrat”, und da ist eben die frage, wo das liegt. ich verstehe nicht, wie du dich um diese größe herumdrücken willst, wie immer du sie nennst. das ist voraussetzung und kontext für jede query. (und jede query selbst reichert diesen bedeutungsvorrat an.)

    das muss man nicht “archiv” nennen (ich tue es auch gar nicht, ich mag den begriff nicht besonders, und foucaults apriori/archiv ist jedenfalls kein “speicher”, also irreführend benannt).

    deine großen queryologie-sätze kannst du ja nur spucken, wenn du “information” als kulturelle größe (semantik eben, sprache, sekundäre codes aus schrift oder auch aus bild-elementen …) begreifst. (wenn du darunter nur die Nullen/Einsen verstehst, brauchen wir eh nicht weiterzureden. aber das ist ja uninteressant.)

    interessant ist ja, was passiert, wenn kulturelle semantik in digitale “information” umgewandelt wird, und wieder zurück. hier “befragen” (also bedeutung hervorbringen) als paradigma für den umwandlungsprozess zu nehmen statt “dekodieren” (also bedeutung “auslesen”) ist ja genau das, was ich gut finde an deinem ansatz. die query ist teil der semiose, die digitale query verändert vermutlich die bedingungen der semiose selbst (= der kulturprozess selbst).

    aber dazu kommst du eben ohne eine gescheite semantik-theorie nicht aus. shannons information ist leer. und batesons prä-strukturalistisches bonmot ist ok, aber langt dafür bei weitem nicht.

  23. mspro sagt:

    Ich glaube, das Mißverständnis tritt auf, weil ich in dem Text an zwei Fronten gleichzeitig operiere.

    1. Ich muss die Query in der Kulturgeschichte verankern, also jenseits des Digitalen denken und veranschlagen.

    2. Ich muss die Unterschiede der Query durch das Digitale benennen und die Auswirkungen auf Kultur und Gesellschaft beschreiben.

    Und ja, ich weigere mich auch weiterhin über “Semantik” oder “Bedeutung” zu reden, als gäbe es sowas in Wirklichkeit. Ja, ich verneine das Postlat. Und das was du “bedeutungsvorrat” nennst, das nenn ich schlicht die “Mächtigkeit der Query”. Was aber etwas völlig anderes ist, weil ein “Vorrat” sich erschöpfen kann aber die Mächtigkeiten der Query (theoretisch) unendlich sind.

    Das ist es ja gerade. Wenn wir die Bedeutungsebene nicht als “etwas” begreifen, dass es “gibt”, sondern höchstens als “Effekt”, der temporär erzielt werden kann (siehe auch Sinnproduktion bei Luhmann), dann ist Bedeutung etwas strukturell unendliches und gleichzeitig für immer aufgeschobenes. Und vor allem: etwas worum es doch gar nicht geht.

    Natürlich ist Information eine kulturelle Größe, aber meiner Meinung nach ist dieser Zusammenhang eben nicht so einfach zu beschreiben, wie du es hier evozierst. Ich glaube du bist da immer viel zu stark in deinem strukturalistischen Denken verhangen und wlllst zwanghaft alles darin abgebildet sehen. Glaub es mir: es gibt ein Denken jenseits des Zeichens.

  24. lassen wirs erstmal dabei. aus meiner sicht ist das verschrobenes windmühlenfechten, was du da machst, wenn du dich weigerst, den (relativ) präzisen semantikbegriff zu benutzen und dafür die verschwiemelte formel “die mächtigkeiten der query” benutzen willst.

    ich verstehe das also so: die eine hälfte, also den semantischen horizont, der die summe alle je gegebenen und vorausgegangenen aussagen ist, blendest du aus deiner theorie mutwillig aus.

    dir geht es, fair enough, um die andere hälfte, die mutation, den entwurf, die verschiebung, die unvorhersehbare erneuerung von [bedeutungen], entschuldigung: “Mächtigkeiten der Query”, durch aussage-akte, die du query-akte nennst. (jede aussage müsste in deinem sinn eine query sein – das sind offenbar für dich synonyme.)

    p.s.: nein, es gibt kein denken “jenseits” von semantischen prozessen. was sollte das sein? tut mir leid, das ist mystifizierender blödsinn. denken und zeichenprozesse (sprachspiele im weitesten sinn): das ist deckungsgleich.

  25. mspro sagt:

    Hab ich ja schon längst gesagt, dass wir uns da nicht einig werden.

    nur kurz: nein. Der Aussagenbegriff ist nicht gleichzusetzen mit der Query. (Hab ich nie behauptet.) Der steht eher im Gegenteil erstmal außen vor. Query ist mehr das, was Foucault Diskurs nennt. aber lassen wir das erstmal …

    Ich werde, das verspreche ich, darauf zurückkommen. Vor allem auf Foucault und dann sehr genau, sehr eng am Text. Vielleicht wird es dann verständlicher.

  26. naja, es hat mir schon geholfen, zu verstehen, worauf du hinauswillst. von daher hats (mir) etwas gebracht.

    query=diskurs? du müsstest m.e. dann zumindest zwei query-begriffe unterscheiden:die je einzelne query als akt, als “positivität”. (das einzige, was es wirklich “gibt”.) und, von mir aus, die Query (upper case), also das kulturelle prinzip der Abfrage schlechthin (was immer das genau sein soll, das war ja auch das problem mit dem upper case “Diskurs”.)

    aber falls du auf foucaults archäologie-systematik demnächst mal zurückkommen willst, finde ich mich hier gern wieder ein.

  27. mspro sagt:

    ich werde vermutlich als nächstes einen twopager dazu veröffentlichen, der auch wieder nicht so richtig in’s detail geht sondern eher so streift…

    naja, aber vielleicht wenigstens wieder eine gelegenheit zu diskutieren. ;)

  28. Tril sagt:

    Ein Wunsch an Martin Lindner: 1. Wenn ich das richtig gesehen habe, habilitierst Du. Und wirst Prof. Falls ja, versuch Dich mal mehr in die Rolle des Lehrenden zu begeben. Deine Beiträge waren mir praktisch unverständlich (ein einziges Namedropping). Und: Wenn Du findest, dass an mspros Text was dran ist, fände ich es super, wenn Du mit Deinem ganzen Wissen versuchtest ihn wohlmeinend zu verbessern. Uh, das klingt furchtbar. Ich kreigs grad auch nicht besser formuliert, ich wünsche mir glaube ich, dass jemand die Argumentation mir nachvollziehbar abklopft. Das wärs. ;)

  29. Mal eine Anmerkung aus dem Off: Ich habe das Gefühl, dass ihr aneinander vorbei redet, weil ihr den, der die Abfrage formuliert, genauso ausblendet wie den, der das Archiv einrichtet. Beides sind handelnde Menschen, die Zwecke verfolgen. Aus den Zwecken ergibt sich die Bedeutung, die den Zeichen gegeben werden, wenn man die Zwecke ausblendet, wird das Reden über Bedeutungen von Zeichen leer. Die Zeichen werden anhand von Zwecken interpretiert, und erhalten durch diese intentionale Interpretation ihre Bedeutung. Der Zweck des Archiv-Einrichters und der Zweck des Abfragers sind verschieden. Mspro behauptet m.E. dass sich der Abfrager mit seinen Zwecken von den Zwecken des Archiv-Einrichters emanzipieren könne. Ich bezweifle, dass aktuelle Entwicklungen des Internet, bei denen intransparente Archive (Google, Twitter, Facebook) primitivste Abfragemöglichkeiten gegenüber stehen (ein Eingabefeld mit einem Such-Button) sich dahin gehend interpretieren lassen.

    Tagging z.B. ist ein Werkzeug auf der Archiv-Seite. Es dient den Zwecken der Archivare. Diese Zwecke sind nicht mit denen der Abfrager identisch. Der Abfrager kann zwar ein Tagging benutzen, er ist aber davon abhängig, dass das Archiv ihm überhaupt diese Option einrichtet. Der Zweck des Tags auf der Seite des Archivars ist ein anderer als der auf der Seite des Abfragers. Aber der Archivar entscheidet, wie das Tag in der Abfrage überhaupt zum Werkzeug wird. Der Zweck des Abfragers ist dabei irrelevant, ihm wird nur vorgegaukelt, dass er selbst Zwecke setzen kann.

    Unterm Strich scheint mir – bitte um Entschuldigung – die Queryologie mehr zu verschleiern als zu klären. Das liegt eben daran, dass “Macht” bei den Dingen (der Query oder dem Archiv) und nicht bei den Handelnden gesucht wird.

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