Gentechnologie und die Pflicht zur Utopie

Im Initialpost dieses Blogs, „Die Krankenakte des Tut Ench Amun„, habe ich die Marschrichtung des Kontrollverlusts bereits skizziert. Wir können heute nicht wissen, was morgen Daten sein werden. Der Kontrollverlust über Information ereignet sich im Zweifelsfall schon lange bevor etwas zur Information wird. Denn was Information ist, entscheiden Technologien, die es der Zukunft erlauben, die Gegenwart zu lesen, wie wir sie heute nicht lesen können. Ich habe mich damals vor allem auf analytische Algorithmen bezogen, die unscheinbares zu Kompomittierendem verknüpfen können. Das alles ist natürlich nur harmlose Spielerei – gegen das, was mit der Gentechnologie vor der Tür steht.

Einer der erschreckendsten Zukunftsvisionen, der ich mich je ausgesetzt habe, ist die Story von GATTACA. Kein Science-Fiction-Szenario vermochte es, mich mehr zu ängstigen. Das liegt vor allem daran, dass diese Vision mir nicht nur – wie im sonstigen Science Fiction – als die schlichte, mehr oder minder plausible Möglichkeit einer Zukunft erscheint. Gattaca ist von Anfang an zwingend.

Die Geschichte erzählt von einem Normalo. Ein durchschnittlich intelligenter, ein durchschnittlich gut aussehender, ein durchschnittlich gesunder junger Mann, mit ganz normalen Anlagen, also. Das Problem ist, dass er in einer Welt lebt, in der normale Anlagen die Ausnahme sind. In dieser Zukunftsvision laufen ansonsten beinahe ausschließlich genetisch hoch gezüchtete Menschen herum und bilden somit eine Art natürliche Oberschicht. Für Leute wie den Protagonisten, als einer der letzten normalen Zufallsprodukte einer romantischen Sexualität, bleiben nur einfache Arbeitertätigkeiten und ein Leben als Unterprivilegierter.

Die Menschheit hat also das Menschsein in die eigenen Hände genommen. Zu diesem Zweck werden eine Großzahl an Embryonen durch künstliche Befruchtung hergestellt. In einem gentechnologischen Auswahlverfahren werden daraus eine Handvoll Kandidaten heraus gesiebt, die die besten genetischen Voraussetzungen aufweisen, um in der Welt erfolgreich zu sein – maximal intelligent, maximal sportlich, maximal gesund, maximal belastbar. Aus diesen Endrundenkanditaten castet die Elternjury dann ihren tatsächlichen Nachwuchs. Fertig ist der Übermensch.

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Vor einigen Wochen ist in dem Podcast „Bundesradio“ ein sehr erhellendes Gespräch erschienen, dass Tim Pritlove und Philip Banse mit Stefan Etgeton, dem Gesundheitsexperten bei dem Verbraucherzentrale Bundesverband, führten. Am Ende des auch sonst sehr hörenswerten Podcasts werden ein paar Zukunftstrends im Gesundheitssystem abgesteckt. Klar ist schon mal: die Genforschung wird die Herstellung von Medikamenten revolutionieren. Medikamente werden auf spezifische genetische Konfigurationen hin optimiert und werden so viel höhere Wirkungsgrade entwickeln und gleichzeitig die Nebenwirkungen minimieren.

Sag mir wer du bist, dann gebe ich dir das für dich individuell am besten abgestimmte Angebot. Targeting, Distributet Reality und individuelle Medikation sind eine Reihe des selben Prinzips. Der User, der Leser, der Patient rückt in’s Zentrum der medizinischen Versorgung. Doch auch Medizin 2.0 basiert auf dem Mehrwert vom Austausch persönlicher Information für den individuellen Zuschnitt des Produktes. Sag mir wer du bist, dann kann ich dich besser behandeln. Und seien wir ehrlich: wer würde mit seiner DNS geizen, wenn es sein Leiden lindern oder im Zweifelsfall sogar sein Leben retten würde?

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23andme ist ein Startup, dass als erstes Gensquenzierung für den Massenmarkt anbietet. Klar, noch ist das recht teuer, aber die Preise fallen rapide. In wenigen Jahren (vielleicht jetzt schon?) ist das ein lukratives Massengeschäft. Es wird passieren, was immer passiert. Selbst wenn man das selber völlig ablehnt, werden es genug Menschen machen, weil der Tausch einfach zu gut ist. Was ist schon Geld gegen eine schneller und besser wieder hergestellte Gesundheit? Und wenn es erst genug Menschen machen, muss man sich vom Arzt fragen lassen, warum man denn nicht den USB-Stick mit der eigenen DNS-Sequenz mitgebracht hat. „Naja, selber schuld„, wird er dann murmeln.

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Das alles wird mit aller letzter Sicherheit passieren. Und wenn da jemand Gesetze gegen macht, dann werden die Menschen in den Nachbarstaat pilgern. Wir würden im Zweifelsfall alle zum Mond fliegen, wenn es unser Leben retten oder unsere Krankheit heilen würde, oder die von jemanden, den wir lieben. Unser aller DNS wird sequenziert werden, denn wir werden die Vorteile davon nutzen wollen, nein müssen. Wir werden die beste medizinische Versorgung haben wollen, auch wenn unsere Krankenkasse, unser Arzt, die Schwester und – hups – wenn was schief geht auch das ganze Internet das aller intimste erfahren, was wir haben: den Bauplan unseres Seins.

Und wir werden für unsere Kinder die besten Startchancen einfordern, wie wir es immer getan haben. Wir werden nicht zulassen, dass sie ihren Klassenkameraden unterlegen sind, weil wir die neuen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik nicht nutzen, aus „ethischen“ Bedenken oder weil es uns zu teuer ist. Bullshit! Jeder wird es tun!

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Und jetzt kommen Sie an die Reihe. Sie können jetzt durchdrehen, sich aufregen, Pamphlete gegen diesen doch jetzt aber wirklich mal sich abzeichnenden Untergang des Abendlandes verfassen. Ich habe keine Sekunde einen Zweifel daran, wie diese Entwicklung in den Feuilletons dieser Welt begleitet werden wird. Politiker werden Verbote fordern und man wird die Menschen beschimpfen, die als erstes diese Wege gehen. Das alles ist so verdammt vorhersehbar, wie der Streit, den wir derzeit um das Internet führen – nur in etwa hoch 10.

Und zwar nicht ganz zu unrecht. Stellen wir uns nur kurz vor, was passiert, wenn das passiert, was immer passiert: dass meine DNS in die falschen Hände gerät. Wenn meine Krankenkasse von all meinen potentiell morbiden Dispositionen erfährt (vielleicht erfahren muss?), während sie meine Beitragshöhe berechnet. Wenn die Bekannte, in die ich so verliebt bin, erfährt, dass ich unfruchbares Sperma habe. Wenn mein potentieller Arbeitgeber erfährt, dass ich eine genetische Disposition zu Tobsuchtanfällen habe. Dass mein Vater erfährt, dass ich gar nicht von ihm abstamme, sondern von einer Urlaubsbekanntschaft meiner Mutter. Was wenn, wir in einer Welt leben, die unserer jetzigen nicht allzu unähnlich ist – wo all diese Dinge, die über mich herauskommen können mein Leben ruinieren würden, nur weil meine Haut in die Welt schuppt und meine Haare in jede Suppe fallen und weil es reicht, dass ich Blut, Speichel, Sperma oder Rotz hinterlasse, im Taschentuch, auf der Hose, im Bett, im Restaurant.

Stellen wir uns also den Datenschutz der Zukunft als hermetischen ABC-Schutzanzug vor, mit dem wir Tag und Nacht herumlaufen.

Man kann aber auch überlegen, wie man damit umgeht. Man kann überlegen, was die tatsächlichen Gefahren einer solchen Entwicklung sind. Man kann sich Gedanken machen, in was für einer Gesellschaft es kein Problem wäre, wenn ein Kind qua Geburt ein Leiden diagnostiziert wird, dessen Behandlung im Laufe seines Lebens 1,8 Millionen Euro verschlingen wird. Man kann sich Gedanken darüber machen, welchen Umgang wir miteinander pflegen sollten, wenn bestimmte Dinge über uns bekannt sind, die nicht schmeichelhaft sind und die uns gegenüber anderen benachteiligen. Wir können über Unzulänglichkeiten sprechen, über das Menschsein und darüber, welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, dass jeder – trotz welcher Unzulänglichkeit auch immer – leben kann, gut leben kann. Sagen wir: möglichst gut.

Statt uns also eine Welt zu wünschen, in der die Zahnpasta wieder in die Tube zurück drückbar ist, sollten wir uns darauf konzentrieren, wie wir eine Welt gestalten, die totz der befreiten Zahnpasta lebenswert bleibt und vielleicht gerade durch die Zahnpasta noch besser wird.

Viele Kulturpessimisten bleiben uns darauf meistens eine Antwort schuldig. Das ist nicht nur intellektuell armseelig, es ist auch ethisch verwerflich. Ich habe im ersten Blogeintrag von einer „Pflicht zur Utopie“ gesprochen. Die ist durchaus ernst gemeint und ich verstehe sie als Aufgabe, sobald man sich mit diesen Themen auseinandersetzt. Egal, ob Kulturkritiker oder Internetapologet, an ihren Vorschlägen sollten wir sie messen!

Frank Schirrmacher hat in Payback ein drittel seines Buches dieser Aufgabe gewidmet. Er hat eine verbesserte Bildung gefordert, und er hat gefordert, dass die Algorithmen, die unser tägliches Leben mitbestimmen, erklärt werden sollen und zwar breitenwirksam erklärt. Er hat somit den ersten Ansatz zu einer – zumindest intellektuellen – Vergesellschaftung von Technologie gefordert, der ich voll und ganz beipflichten möchte. Ich würde mir wünschen, dass die Debattenbeiträge zu dem Thema strenger nach den Kriterien beurteilt werden, was sie denn als Strategien vorzuweisen haben, um die von ihnen beklagten Folgen des Kontrollverlusts aufzufangen.

Ankündigung: Ich werde über meinen eigenen Vorschlag – das Konzept der „Plattformneutralität“ – am Wochenende auf der SIGINT, einer Veranstaltung des Chaos Computer Club, eine Keynote halten.

(Original erschienen auf der Website von FAZ.net)

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