Kabel, Protokolle, Plattformen und Tribes – Vier Strukturen des Internets

/**** Für die Architekturzeitschrift [ark] 2-2017 habe ich einen Text über Strukturen des Internets geschrieben. ****/

Das Internet ist vielschichtig und lange nicht nur das offenkundige World Wide Web, mit dem fast jeder täglich zu tun hat. Es gibt Millionen und Abermillionen Prozesse, die im Hintergrund ablaufen, und ständig bilden sich neue, oftmals ungeplante Strukturen, die zum Teil in erheblichem Maße unseren Alltag bestimmen und lenken. Michael Seemann gibt Einblick in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft, von der wir so wenig wissen, obwohl ein Leben ohne sie unvorstellbar scheint.

Ich klicke auf einen Link. Ein Bit wird zusammen mit einigen anderen vom Arbeitsspeicher meines Computers rüber in die Netzwerkkarte kopiert, wo es in ein Funksignal umgewandelt wird.
In Lichtgeschwindigkeit hat es den WLAN-Router in der Abstellkammer erreicht, der es sodann durch das dicke Netzwerkkabel an das DSL-Modem weiterschickt. Dort wird das Bit in eine elektrische Frequenz verwandelt, einen Puls, der durch das Kupferkabel meiner Telefonleitung das Haus verlässt. Die vielen Leitungen aus den vielen Wohnungen aus den vielen Häusern aus dem Block versammeln sich schließlich im DSLAM, einem dieser hellgrauen, schulterhohen Hartplastikboxen, die so unscheinbar an der Straße stehen. Alle Daten aus den Häusern, aus den Wohnungen und den Routern landen erst mal hier und so auch unser kleines Bit. Der DSLAM verwandelt es in Licht, einen kleinen hellen Blitz, der nun durch die Glasfaserleitungen sitzt, zur ersten größeren Station der Telekom in meiner Nachbarschaft. Von dort zum Hauptrouter in Berlin, dann nach Frankfurt und an die Nordseeküste. Die Kabel werden immer breiter und dicker und unser Bit findet sich im immer größeren Strom anderer Bits wieder, bis es im Überseekabel TAT14 neben 10 Billionen anderer Bits durch den Atlantik pulst. Sobald unser Bit in New York wieder an Land geht, wird es sofort in die nächste Überlandleitung nach San Francisco gesteckt, von wo es in ein Rechenzentrum nach Palo Alto gelangt. Dort, in einem der zigtausend Rechner, die Facebook am Laufen halten, wird unser Bit einen Prozess auslösen, der wieder Millionen anderer Bits auf die Reise schickt, zurück zu mir. Der gesamte Prozess hat nur einen Bruchteil einer Sekunde gebraucht und stößt wiederum mehrere Prozesse an, die jeweils viele Bits auf dieselbe Reise schicken.

Das Internet ist die größte Maschine, die jemals gebaut wurde. Es wird derzeit von ca. 900 Millionen Computern bereitgestellt, an die wiederum 8,7 Milliarden Endgeräte (PCs, Smartphones, iPads etc.) angeschlossen sind, die den derzeit 3,6 Milliarden Internetnutzern gehören, die in allen Ländern der Welt zu Hause sind.

Dafür braucht es Kupfer-, Glasfaser- und Überseekabel. Es braucht die Server, Router und Switches. Es braucht Software und Protokolle. Es braucht die Links, die von Milliarden Menschen gesetzt wurden, die das weltweite Gewebe von Websites ausmachen, das wir täglich nutzen. Nicht zuletzt braucht es die menschlichen Beziehungen, geschäftlich, freundschaftlich, die so was wie Facebook oder LinkedIn überhaupt erst sinnvoll machen.
Das Internet hat mehr als eine Struktur, es ist ein ganzer Strukturzoo. Mehr noch: Das Internet bringt ständig neue Strukturen hervor. Vier davon möchte ich vorstellen.

Kabel

Die Struktur des Internets ist „distributed“ (verteilt). Das jedenfalls stand am Anfang der Überlegungen, als sich der US-amerikanische Think Tank „RAND Corporation“ Anfang der 1960er-Jahre das erste Mal Gedanken über digitale Datennetze machte. Paul Baran schwebte ein Netz vor, das Daten in Pakete verpackt und diese dann von Knotenpunkt zu Knotenpunkt weiterwirft, wie eine heiße Kartoffel. Das Prinzip – genannt „Paket Switching“ – sollte das Netz derart fexibel machen, dass es kein „intelligentes“ Zentrum mehr braucht. Die Intelligenz sollte über das gesamte Netz verteilt („distributed“) und so auch wesentlich robuster gegen Angriffe sein. Ein Netz, das kein Zentrum hat, hat auch keinen „Single Point of Failure” und funktioniert auch dann noch, wenn große Teile davon zerstört sind.

Es sollte bis 1969 dauern, bis seine Ideen im ARPANET, dem ersten Vorläufer des Internets, verwirklicht wurden. Computer waren damals noch so groß wie Hallen und so selten wie Weltwunder. Um die Computer von den ersten vier Universitäten zu verbinden, mussten ihnen jeweils ein eigener Computer hinzugestellt werden, die sogenannten IMPs (Interface Message Processor).

Doch schon in der Wachstumsphase des ARPANET wurde klar, dass sich das Versprechen des völlig verteilten Netzes nicht durchhalten lassen würde. 1982 hatte das ARPANET 100 Netzwerkknoten und die Anzahl der Verbindungen pro Knoten variierte bereits stark. Ein Netz, das tatsächlich „distributed“ ist, würde einem Maschendrahtzaun gleichen. Alle Knoten hätten mehr oder weniger gleich viele Verbindungen. Doch in der Realität bilden sich dann doch Hauptverkehrsadern heraus und bestimmte Knoten werden zu wichtigen „Hubs“ mit sehr vielen Verbindungen. Das ARPANET entwickelte sich mehr wie das Straßennetz oder wie ein Baum. Eine solche Struktur nennt man „dezentral“. Sie ist verzweigt, hierarchisch – zwar ohne Zentrum –, aber mit vielen unterschiedlichen Nebenzentren. Als das ARPANET 1983 auf das Internet umgeschaltet wurde, verstärkte sich der Effekt noch. 1986 wurde mit NSFNT der erste Backbone (eine Hauptverkehrsader) des noch jungen Internets eingeweiht und führte die Hierarchie der Datenleitungen nun auch formal ein.

Die wichtigsten Backboneleitungen werden heute von wenigen Firmen beherrscht. Betrieben werden sie von den großen Telekommunikationsbetreibern, wie AT&T, Level 3 oder der Deutschen Telekom. Anbieter dieser Größe nennt man „Tier 1“, was bedeutet, dass sie ihren Datenverkehr miteinander austauschen, ohne sich gegenseitig dafür zu bezahlen. Eine Hand wäscht die andere. Auf der anderen Seite steht die kapillare Verästelung an der „letzten Meile“ in die Haushalte.

Die Dezentralität ist nicht das Ergebnis von Planung, sondern von organischen Prozessen der Selbstorganisation. Das Netz wuchs einfach, indem sich nach und nach immer mehr Institutionen anschlossen, was automatisch zu Verästelung hier und Konzentration dort führte. Das Internet ist dezentral, nicht weil das so geplant war, sondern weil es die effizienteste Struktur ist.

Protokolle

Doch die eigentliche Struktur des Internets ist der Stapel. So wurde es als Software designt. Im Grunde ging es darum, die verschiedenen Netze, die es Ende der 1970er-Jahren gab und von denen das ARPANET nur eines war, miteinander zu verbinden. Vint Cerf und Robert E. Kahn entwarfen eine Art universelles Verbindungsstück, das zwischen unterschiedlichen Netzen vermitteln sollte. Ein Zwischen(inter)-Netz.

Das Ergebnis ihrer Forschung heißt TCP/IP und bildet noch immer die wesentliche Grundlage des Internets. Es ist eben nicht die Hardware, auf der es läuft, sondern die Software, die sicherstellt, dass Computer weltweit dieselbe Sprache sprechen. TCP (Transport Control Protocol) und IP (Internet Protocol) besorgen arbeitsteilig das bereits erwähnte „Paket Switching“. Während TCP die Datenpakete schnürt und kontrolliert, kümmert sich IP darum, den besten Weg zum Ziel zu finden.

Zurück zu unserem Bit vom Anfang. Mit dem Klick auf einen Link auf Facebook wird eine Nachricht ausgelöst, die an Facebook gesendet werden muss. TCP nimmt die Nachricht und zerlegt sie in einzelne Pakete – unser Bit landet in einem davon. TCP weiß auch in welchem, denn es behält den Überblick, was in welchem Paket liegt und wie die Daten wieder zusammengesetzt werden müssen. Die geschnürten Pakete werden dann vom IP mit einem Adressaufkleber versehen, wie im normalen Leben: Absenderadresse, Empfängeradresse. Wobei es sich in diesem Fall natürlich um IP-Adressen handelt – einzigartige Nummern, über die jeder Computer im Internet erreichbar ist (z.B. 190.123.34.13).

Das Paket mit unserem Bit wird nun von einem Computer zum anderen geworfen, sogenannten Routern. Die Router kennen meist nicht die Zieladresse, aber sie kennen den jeweils nächsten Router auf dem Weg. Das Paket wird also wie die heiße Kartoffel immer näher ans Ziel geworfen, bis es am Ende Facebooks Rechenzentren in Kalifornien erreicht. Dort wacht TCP derweil über den Transport jedes einzelnen Pakets und ordert verloren gegangene Pakete nach.

Und hier wird die Stapel-Architektur sichtbar: TCP kann seine Arbeit nur verrichten, wenn vorher IP seine Arbeit erledigt hat. Die Transportebene sitzt auf der Adressebene auf. Und diese kann wiederum nur funktionieren, wenn es darunter noch andere Netzwerkprotokolle gibt, wie WLAN, Ethernet oder LTE. Unser Bit klettert also den Stapel hoch: vom WLAN hoch zu IP weiter zu TCP und oben bei Facebook wird es wieder zusammengesetzt.

Die Struktur des Internets ist vertikal geschichtet. Man spricht auch vom Protokollstapel (Protocol Stack) mit vier Ebenen: der Netzwerkebene, der Adressebene, der Transportebene und zu guter Letzt der Anwendungsebene (Application Layer), auf der in unserem Fall Facebook beziehungsweise das WWW liegen, aber auch WhatsApp, E-Mail oder Uber zu Hause sein können. Dieser Application Layer hat seine ganz eigenen Strukturen hervorgebracht.

Plattformen

Die wahre Struktur des Internets ist das Monopol. Große Konzerne beherrschen das Internet und keiner kann ihnen noch das Wasser reichen. Für viele ist es überraschend, dass das World Wide Web (WWW) nicht gleichbedeutend mit dem Internet ist. Doch als sich der britische Wissenschaftler Tim Berners Lee 1991 im schweizerischen Cern daranmachte, eine Technologie zu entwickeln, mit der man schnell und unkompliziert Dokumente publizieren kann, konnte er bereits auf das Internet zählen. Das World Wide Web ist eine unter vielen Anwendungen (im Sinne des Application Layers), die durch das Internet möglich wurden. Schätzungen gehen heute von 47 Milliarden Websites aus.

Auch das WWW bildet mit seinen Links eine Netzwerkstruktur. Diese Struktur zu benutzen, um Ordnung in das Chaos des Webs zu bringen, hat Google Ende der 1990er-Jahre groß gemacht. Google fragte, wie viele andere Websites auf eine jeweilige Website Links gesetzt haben, und nahm dies als Maß ihrer Relevanz.
Das Web ist auch Grundlage des Erfolgs von Facebook und Amazon. Wie Google beherrschen diese Firmen ihre jeweiligen Märkte mit einer monopolartigen Machtkonzentration. Einige dieser Web-Unternehmen gehören heute zu den wertvollsten und wirtschaftlich erfolgreichsten der Welt.

Das Geheimnis des Erfolgs dieser Plattformen besteht darin, dass sie sogenannte „Netzwerkeffekte“ generieren. Jeder Nutzer und jede Nutzerin, die einem Netzwerk beitritt, erhöht dessen Nutzen für alle anderen – was wiederum neue Interessenten anlockt. Dieser „Feedbackloop“ führt zu den ungekannten Wachstumseffekten und dazu, dass alle auf Facebook sind, einfach, weil alle auf Facebook sind.

Man kann die Netzwerkeffekte mit der Gravitation vergleichen. Große Massen ziehen wiederum Massen an. Wir werden auf Facebook gehalten, wie wir auf der Erde gehalten werden. Zwar können wir die Gravitation überwinden, aber das ist ziemlich anstrengend. Ähnlich geht es uns mit Facebook. Klar können wir nein sagen, aber das kostet uns enorm viele kommunikative Möglichkeiten.

Diese soziale Gravitation strukturiert den ganzen Plattformmarkt zu etwas Vergleichbarem wie dem Sonnensystem. Große Massen rasen um ihre Umlaufbahn und prallen immer wieder auf andere Objekte. Ein Planet, so legte unlängst eine Planetenkommission fest, ist ein Objekt, das Kraft seiner Gravitation seine Umlaufbahn frei geräumt hat. Diese Definition kostete Pluto 2012 den Planetenstatus. Auf Facebook hingegen passt sie erstaunlich gut, denn im selben Jahr verleibte sich der blaue Riese erst Instagram und zwei Jahre später WhatsApp ein. Facebooks Umlaufbahn ist seitdem frei.

„The winner takes it all“ nennt man das in der Businesswelt. Eine gefährliche Entwicklung, die die Idee des freien, dezentralen Internets ad absurdum führt.

Tribes

Die neuste Struktur des Internets ist der Stamm (Tribe). Auch wenn die Stammeskulturen als nicht sonderlich zeitgemäße Erscheinung gelten, treffen wir im Internet immer häufger auf vergleichbare soziale Strukturen.

Als Donald Trump Präsident der USA wurde, reklamierte die „Alt-Right-Bewegung“ für sich, ihn ins Weiße Haus „geshitposted“ zu haben. Gemeint waren monatelange Netzkampagnen mit Memes und Fakenews. Die Alt-Right war dabei kein offzieller Teil der Kampagne, sondern ein loser Zusammenschluss von Internettrollen und rechtsradikalen Hipstern.

Die Alt-Right kann man als Internettribe begreifen. Seth Godin hat 2008 in seinem Buch „Tribes“ beschrieben, wie man einen solchen Stamm gründet. Dafür müsse man nur eine Idee formulieren, die dem jeweiligen Status quo zuwiderläuft. Man müsse Herätiker sein. Den „Followern“ der Idee müsse dann nur noch eine Kommunikationsstruktur zur Verfügung gestellt werden und es bestehe die Chance, dass sich in der Gruppe enorme Energien freisetzen. Mit so einem Tribe könne man die Welt verändern, so Godin.

Onlinetribes brauchen weder geografsche Nähe noch verwandtschaftliche Beziehungen, sondern nur ein Thema und einen Gegner. Den Rest erledigt das Netz mit seinen kommunikativen Möglichkeiten. Tribe gegen Tribe. Das Netz zersplittert in immer mehr sich gegenseitig hassende Gruppen.

Das ist vor allem deswegen erstaunlich, weil das Internet eigentlich als der endgültige Befreiungsschlag des Individuums gefeiert wurde. All die Institutionen und künstlichen Organisationen würde das Internet unnötig machen und der geogra sche Raum würde fürs Soziale obsolet. Sozialität braucht keine Struktur, jenseits der individuellen Bindungen, so war die Idee. Wozu Gruppen?

Weil sie es wollen! Menschen brauchen Zugehörigkeit, Identität und Abgrenzung, so scheint es jedenfalls. „Die moderne Massengesellschaft entspreche einfach nicht der Natur des Menschen.“, sagen die Aktivisten von neotribes.co und wollen den Tribalismus in die neue Zeit holen. So hatte bereits Michel Maffesoli argumentiert, der schon in den 1990er-Jahren den Neo-Tribalismus ausgerufen hatte.

Dennoch würden sich die meisten Tribes nicht als solche bezeichnen. Anonymous, Piraten, Weird Twitter, Pegida, die Netzgemeinde, Telekommunisten, Sifftwitter, 4chan, 8chan, die Bernds von krautchan, Pr0gramm.com, Prepper, Furrys, Cosplayer, Gamergater, Bronies, Maskus, Netzfrauen, Alt-Righter, die diversen Subreddits und viele andere Gruppen schließen sich im Internet zusammen, gründen ihre eigenen Medien und Kommunikationsstrukturen, grenzen und kapseln sich nach außen ab, frönen ihrer Echokammer und bekriegen sich unerbittlich.
Es ist noch nicht klar, wohin die zunehmende Tribalisierung des Netzes noch führt. Löst sich die Massengesellschaft vollkommen in verfeindete Stämme auf, die sich virtuell gegenüberstehen, aber deren Demarkationslinien geografisch durch alle Nationen und Nachbarschaften laufen?

Fazit

Der Traum vom Internet war immer das Überkommen von Struktur: von Macht, Hierarchie, Nation, Institution und Gruppe. Doch überall, wo es waltet, schleichen sich neue Strukturen ein, neue Macht entsteht, neue Hierarchien setzen sich durch, neue Gruppenformationen werden gefunden. Nichts davon war so geplant, alles kam immer anders. Das Internet ist der Motor eines beschleunigten Strukturwildwuchses und die neuen Strukturen bedrohen zunehmend die alten. Überall quietscht und knarzt es. Plattformen reiben sich an Nationalstaaten, Tribes stürzen politische Institutionen. Die Welt verändert sich in einem rasenden Tempo.

Occupy Wall Street, Arabischer Frühling, Brexit und Trump sind nur die sichtbarsten Auswüchse dieses turbulenten Strukturwandels. Niemand weiß, wo das endet. Aber Kabel, Protokolle, Plattformen und Tribes bilden die Infrastrukturen der neuen Gesellschaft und wir werden wohl lernen müssen, darin zu leben.

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