Plattformneutralität, Gender und die verdammte der Realität

Das letzte Wochende habe ich auf der SIGINT verbracht, einer großartigen Konferenz des Chaos Computer Club in Köln, wo ich auch über Plattformneutralität referiert habe. Obwohl ich das Gefühl hatte, dass die Idee recht verständig aufgenommen wurde, rieb sich mein eigener Eindruck meines eigenen Konzeptes immer mal wieder mit den sonstigen Themen der Konferenz. Und somit eben mit der Realität echter Plattformen.

Plattformneutralität ist nämlich zunächst ein Konzept, ein abstraktes Paradigma, von dem man politische Positionen herleiten kann. Witziger Weise geht die Kritik daran von „hat es alles schon gegeben“ über „Kann man ja alles mit fordern“ bis zu „Oh Gott, Du rufst das vierte Reich aus, wir werden alle sterben!„.

Ich kann nun aufgrund der Erfahrungen und Diskurse auf der SIGINT etwas beispielhafter auf diese Kritik antworten, denn ich habe das Konzept während der Konferenz genutzt, zu verschiedenen Fragen eine plattformneutrale Position zu entwickeln. Heraus kam dabei leider nicht immer das, was ich persönlich für sinnvoll halten würde, aber immerhin nichts beliebiges, sondern eine sehr spezielle Position. Eine Position die deutlich herleitbar und durchaus kontrovers diskutierbar ist.

Beispielhaft will ich das anhand einer Diskussion die einerseits länger in der Netzszene, andererseits gerade heftig in der Piratenpartei und – es musste ja so kommen – auch auf der SIGINT kontrovers behandelt wurde. Nämlich die Notwendigkeit und die Verträglichkeit von Frauenpolitik (Feminismus/Gender) mit der Nerd und Geekkultur.

Obwohl der Diskurs auf der Konferenz irgendwie von Anfang an in der Luft lag, wurde er erst so richtig mit dem Pannel „Women and Geek Culture – What’s the problem, guys?“ virulent und wurde in darauf folgenden immer wieder aufflammenden Gesprächen auch neben den Veranstaltungen weiter diskutiert.

Nun kann man sehr leicht eine Ableitung vom Prinzip der Plattformneutralität hin zur Emanzipation und Gleichstellung von Mann und Frau (aber auch für alle anderen identitären Rollen wie Rasse, Schicht, Religion etc.) herleiten. Denn Plattformneutralität ist ja bekanntlich die Herstellung eines möglichst machtneutralen Diskurses als Plattform einer möglichst freien Kommunikation. Jede soziokulturelle Ungleichbehandlung von Kommunikation aufgrund der Herkunft und Art seines Senders widerspricht der Idee der neutralen Plattform diametral.

So weit, so einfach. Damit wären wir in etwa auf dem Komplexitätsgrad der Genderdebatte in der Piratenpartei angekommen, wo ja alle bereits Postfeministen sind, allerdings meist, um sich mit dem Thema nicht weiter befassen zu müssen. Beim prüfenden Blick in die Realität fällt allerdings auf, dass es auch hier bei der Plattformneutralität wie auch bei den Piraten noch einiges mehr zu sagen gibt. Dass nämlich die Genderdebatte in ihren praktischen Realitäten noch heterogener und teils widersprüchlicher sind, so dass man zum Teil die Unterschiede der Geschlechter betonen muss, um Gleichberechtigung zu fördern, etc.

Aber zurück zu dem Pannel. Dort nämlich wurde eine plattformneutralitätsmäßig sehr interessante Fragestellung aufgeworfen: die Podiumsteilnehmerinnen nämlich beschwerten sich geschlossen über einige Hacker, die Ausdrucke von einem altertümlichen Nadeldrucker zur Schau stellten, von denen einer eine in ASCII-Art gesetzte, nackte Frau im Comicstil war.

Exkurs: ASCII-Art – das muss man dazu wissen – ist eine Kunstform, die in der frühen Zeit der Hacker und Demoszene entstand und die nichts weiter tut, als aus dem Zeichensatz der ASCII-Tabelle, den jeder gewöhnliche Computer beherrscht und somit sowas wie ein früher interoperabler Zeichenstandard war, Bilder zu „setzen“. Heute geht sowas über ausgefeilte Algorithmen, in den 90ern allerdings wurden diese Bilder noch aufwändig per Hand gesetzt und erfreuten sich in gewissen Nerdkreisen hoher Beliebtheit. ASCII-Art ist somit ein wichtiger Bestandteil der Nerdkultur.

Die Frauen auf dem Pannel jedoch waren sich in diesem Fall einig: Das sei Sexismus und hatten den Vorfall per Foto dokumentiert. Die Diskussion wurde hitzig, denn einige Hacker sahen jetzt widerum ihre Kultur angegriffen. Eine verfahrene Situation also, die ein wenig die Komplexität des Genderdiskurses aufscheinen lässt.

Und nebenbei haben wir damit auch einen exemplarischen Fall, der die Besonderheit der des Konzeptes der Plattformneutralität aufzuzeigen im Stande ist. Nimmt man sie nämlich hier als Paradigma, ist es ein zunächst absolutes NOGO eine öffentliche zur Schaustellung dieses oder anderer Bilder zu verbieten oder einzuschränken. Plattformneutralität ist nämlich von Anfang an ein Konzept für die radikale Informationsfreiheit. Die Informationen selber – so wäre der plattformneutrale Denkansatz – sind nicht das Problem, können nicht das Problem sein, dürfen nicht das Problem sein.

Plattformneutral gedacht, würde man jetzt aber eben auch nicht die Probleme ignorieren, die die Frauen offenbar mit solchen Darstellungen haben, sondern es würde die Probleme wo anders suchen, nämlich bei der Plattform, bei der Infrastruktur. Wenn sich jemand von Information offendet (ich benutze das englische „offend“, weil sich „angegriffen“ und „brüskiert“ irgendwie falsch anfühlen) fühlt, dann muss man auf der Infrastrukturebene dafür sorgen, dass dem nicht mehr so ist.

Bei der weiteren Diskussion über dieses Thema wurde nämlich auch das eigentliche Problem benannt, dass eine solche Darstellung für Frauen, gerade auf so einer Konferenz, hat. Hier eine der gebrachten Erklärungen:

Die SIGINT hatte einen Frauenanteil, der kaum höher als 15 Prozent gewesen sein kann. Damit da keine falschen Vorstellungen aufkommen: das ist für eine Hackerkonferenz sogar viel. Als Frau jedoch ist es nicht leicht, sich bei einer solchen Männerdominanz „willkommen“ zu fühlen. Es bleibt immer der leichte Beigeschmack als Frau in eine Männerdomäne „einzudringen“. Wenn dieses Verhältnis nun durch solcherart Grafiken auch noch offen zur Schau gestellt wird, dann sendet dies implizit Signale an die Frauen, dass sie hier nicht willkommen sind, dass man hier lieber „unter sich“ bleiben möchte, selbst wenn das nicht so gemeint war. Der heterosexuelle, weiße Mittelschichtmann – und beinahe alle Nerds rekrutieren sich aus diesem identitären Feld – setzt sich so zur Norm und stellt diese Norm als eine Art in den Boden gerammte Flagge öffentlich zur Schau.

Ich kann verstehen, dass sich Frauen in einem solchen Umfeld schnell „offendet“ fühlen können, wenn sie mit solchen Grafiken konfrontiert werden. Aber dennoch: der Plattformneutrale Ansatz kann und darf nicht in die Kommunikation eingreifen, sondern muss stattdessen fragen: Wie können wir die Plattform/Infrastruktur so anpassen, dass sich Frau nicht mehr von sexistischer Kommunikation „offendet“ fühlen muss? Im konkreten Fall: Wie muss die Plattform SIGINT aussehen, dass Frauen sich in ihr wohl fühlen, ohne, dass die Themen, Bilder, Meme und die Kommunikation normativ eingeschränkt werden müssten?

Die plattformneutrale Lösung könnte also so aussehen: Zu der Infrastruktur einer Plattform gehören eben nicht nur die Kabel, die Räumlichkeiten und das Catering, sondern vor allem ganz entscheidend: die Teilnehmer. Die Teilnehmer und die persönlichen, sowie soziokulturellen Gemeinsamkeiten mit ihnen sind, sobald man in einen Diskurs eintritt, für das Individuum ganz entscheidend. Ich kann zu Thema X viel besser eine Beziehung herstellen, wenn dieses Thema bereits in einer meiner Peergroups verhandelt wird. Die Peergroup selbst ist also durchaus Medium des Diskurses, ist Infrastruktur, die zur Ermöglichung von Kommunikation beiträgt. Vor allem gibt sie den Kommunikationsteilnehmern mehr Sicherheit, wenn man sich nicht als die „Ausnahme“ definieren muss. Das, was Christian Heller die „Ressource Ignoranz“ nennt und die Fähigkeit und Souveränität benennt, offendende Inhalte auszublenden, wird vor allem durch die Vergewisserung in der eigenen Peergroup gefördert.

Mit anderen Worten: eine Erhöhung des Frauenanteils würde dem Selbstbewusstsein der Frauen auf einer solchen Konferenz sehr zu gute kommen. Der vom Podium angesprochene gefühlte Rechtfertigungszwang würde minimiert werden und somit einen souveräneren Umgang mit vermeintlich „offendenden“ Informationen ermöglichen.

Vermutlich wären noch weitere Maßnahmen denkbar, den Umgang mit offendenden Inhalten zu verbessern, dennoch muss man wohl einschränkend dazu sagen, dass diese Lösung auch nur so mittelgut funktionieren würde.

Man darf eben nicht vergessen, dass das Konzept der Plattformneutralität vor allem aus den Erfahrungen im Internet entwickelt wurde. Dort gibt es effektive, technischen Tools um Kommunikation jeglicher Art aus dem Weg zu gehen. Die „Distributed Reality“ funktioniert leider nur im digitalen Raum und bis die Konferenzen tatsächlich plattformneutral behandelt werden können, müssen wir wohl noch die ein oder andere Innovation in Sachen Augmented Reality abwarten.

Ich kann also nur raten, das Konzept der Plattformneutralität sehr vorsichtig zu benutzen. Im Zweifelsfall reicht es nicht aus, um sich darauf zu berufen, wenn man echte Probleme in der realen Welt lösen möchte. Nicht zu letzt deswegen habe ich bisher auch auf ein tischhauendes Manifest verzichtet, sondern die Plattformneutralität als ein sehr abstraktes Konzept dargestellt, von dem man her denken kann, aber nicht umbedingt immer sollte.

Als solches finde ich es aber immer noch höchst spannend und werde es auch weiterhin auf alle möglichen Diskurse anzuwenden versuchen.

(Original erschienen auf der Website von FAZ.net)

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