Schufa, Facebook und die Plattformneutralität

Die Post-Privacydebatte. Ich hatte sie schon längst aus der allgemeinen Wahrnehmung gewähnt. Doch so, wie die Urheberrechtsdebatte alle Jahre wieder aufflammt, wird es wahrscheinlich auch mit der Post-Privacydebatte passieren. Wir haben es schließlich mit den selben Voraussetzungen zu tun: der technische Wandel zwingt uns dazu, gesellschaftliche Institutionen neu zu bewerten und solange das nicht geschehen ist, wird der Zombie auferstehen und uns heimsuchen, wieder und wieder und wieder.

Frank Rieger hat nun anlässlich der Diskussion um die Nutzung von Facebookdaten durch die Schufa in der FAZ zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Debatte aufgerufen. Leider vergaß er, sie selbst zu führen. Stattdessen beließ er es dabei, einige gezielte Aufreger rund um die Aussage zu stricken, dass Postprivacy eine neoliberale Ideologie sei.

Ohne mich auf die Debatte einlassen zu wollen, ob Postprivacy nun [politischer Kampfbegriff A] oder eher [politischer Kampfbegriff B] ist, will ich den Artikel zum Anlass nehmen, die Post-Privacy-Argumente noch mal anhand der Schufadebatte in Stellung zu bringen. Denn Argumente gibt es tatsächlich, auch wenn Frank Rieger sie mit keinem Wort erwähnt.

1.) Die Schufa und die Notwendigkeit der Diskriminierung

Es ist leicht die Schufa nicht zu mögen. Jeder, der mit ihr konfrontiert wird, hat ein unangenehmes Gefühl. Das geht mir ganz ehrlich auch so. Die Schufa bewertet Menschen. Und zwar ihre Kreditwürdigkeit. Das ist durchaus vergleichbar mit einem Zeugnis über die eigene ökonomische Relevanz und fühlt sich mitunter in unserer durchökonomisierten Welt an, als wäre diese Zahl der gesellschaftliche Wert der eigenen Existenz. Niemand mag das und für viele ist das tatsächlich sogar ein existenzielle Problem, da hat Frank Rieger recht.

Was er aber komplett auslässt, ist die Frage, auf welches Problem die Institution Schufa antwortet. In einer idealen Welt ist jeder kreditwürdig. Zahlungsausfälle sind aber in der realen Wirtschaft alltäglich und bedrohen viele Existenzen, nicht nur Banken und große Firmen. Die Schufa versucht durch ihr Scoring Anhaltspunkte für eine Bewertung der Kreditwürdigkeit zu liefern.

Wer hier schon Unrecht wittert, ist in der Pflicht erklären müssen, wie er sonst in der Gesellschaft Transaktionen unter völlig Fremden bewerkstelligen möchte. Das heißt, wie er auf das Vertrauensproblem in der modernen Gesellschaft antworten möchte.

Nicht, dass es nicht auch andere Lösungen für das Problem gäbe. Es gab schließlich schon Kredite vor der Datenverarbeitung. Man bekam entweder jeden Kredit, weil man der Sohn der wichtigen Familie X war, oder keinen Kredit, weil der Bankangestellte keine Menschen mit langen Haaren mochte. Sprich: man war dem subjektiven menschlichen Urteil von – meist sehr konservativen – Menschen ausgeliefert. Und wenn man dann noch in eine fremde Stadt kam, hatte man vollends verloren.

Erste Erkenntnis: Wenn man als Prämissen annehmen kann, dass es A) nicht sinnvoll ist, wenn jeder jeden Kredit bekommt und B) es Kriterien geben muss, diese Entscheidung zu fällen, kann man die Schufa und das, was sie tut, nicht rundherum ablehnen.

Und meiner Meinung nach ist die datenbasierte Bewertung durchaus ein Fortschritt gegenüber der sozialen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Menschen aus gutem Hause oder mit guten Verbindungen das anders sehen.

2. Statistik und der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität

Wenn man nun soweit ist, den Sinn und Nutzen der Schufa-Bewertung anzuerkennen, braucht man noch lange nicht aufhören, dessen Zustandekommen zu kritisieren. Wie misst man Kreditwürdigkeit? – ist die Frage und die Antwort ist: Gar nicht. Man kann Kreditwürdigkeit nicht messen, denn ob ein Kredit abbezahlt wird oder nicht, ist ein Messungspunkt in der Zukunft und die Zukunft ist bekanntlich für Messinstrumente aller Art unzugänglich.

Schon hier können wir feststellen: Es gibt weder eine “gerechte” noch eine “wirkliche” Bewertung von Kreditwürdigkeit. Es kann sie nicht geben, niemals und per Definitionem.

Was man stattdessen macht, ist natürlich die Schuldenstände der Konten des Betreffenden zu bewerten. Das ist eine recht effektive Methode zumindest die Zahlungsunfähigen herauszufiltern. Aber das sind Ausnahmen. Was ist mit dem großen Rest der Menschen, deren “normale” Kontostände kaum Prognosen ihrer zukünftigen Zahlungsfähigkeit zulassen? Jobs können verloren gehen, Investitionen fehlschlagen, Kunden können nicht zahlen oder sie fühlen sich moralisch/kulturell nicht genügend verpflichtet, etc. Ob man einen Kredit zurückzahlen wird oder nicht kann tausend Ursachen haben, für die meisten Ursachen existiert gar keine Datenbasis.

Die Schufa experimentiert deswegen schon länger damit, indirekte Daten zu nutzen, um die Hinweise auf die Kreditwürdigkeit zu bekommen. Einen Aufschrei gab es beispielsweise, als sie die Adresse nutzen wollten.

Ist jemand weniger kreditwürdig, weil er in dem Stadtteil A wohnt? Die Antwort ist natürlich: nein. Aber das liegt daran, dass die Frage falsch gestellt ist. Es geht der Schufa nämlich nicht um Kausalität, sondern um Korrelation. Korrelation kann auch dann vorliegen und valide sein, wenn man keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen zwei Werten herleiten kann.

Beispiel: Wenn die Analyse von Daten mit Zahlungsausfällen ergibt, dass in Stadtteil A eine Ausfallhäufigkeit von 30% über dem Schnitt existiert, dann macht es durchaus Sinn, dies in die Bewertung einfließen zu lassen, auch wenn man gar keine Meinung zu Stadtteil A hat. Denn wenn dieser Wert nicht nur eine kurzzeitige Anomalie ist, kann ein Unternehmen, das diese Korrelation berücksichtigt, tatsächlich Geld sparen, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die bisherige statistische Rückzahlwahrscheinlichkeit auch in den Zahlen des Unternehmens auswirkt.

Aber werden da nicht Leute falsch bewertet, wenn alle über einen Kamm geschert werden? Ja, das werden sie. Das werden sie aber so oder so, wie wir oben festgestellt haben. False Positives sind sowieso unvermeidlich und als solches kein Argument für oder gegen eine Maßnahme. Vielleicht produziert die Einrechnung dieses Faktors andere false Positives als ohne, aber unwahrscheinlich ist, dass sie mehr produziert.

Aber nur die Zunahme an false Positives wäre ein valides Gegenargument. Das steht aber nicht zu befürchten, denn wenn dem so wäre, hätte das Modell weder für die Schufa noch für die Banken einen Sinn, denn false Positives kosten sie bares Geld (dazu gleich mehr). Es ist eher wahrscheinlich, dass die Einberechnung solcher Daten tatsächlich zu einer signifikanten Senkung von Zahlungsausfällen führt. Das heißt: zu einer realistischeren (Vorsicht: nicht(!) realistischen) Einschätzung der Kreditwürdigkeit.

Zweite Erkenntnis: Das Heranziehen von indirekten Daten durch Korrelation produziert zwar keine “Wahrheit” und ist im Einzelfall oft falsch, aber es steigert die Richtigkeit der Einschätzung in ihrer Gesamtheit. Wer beide Ebenen argumentativ vermischt, verkennt den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.
(Der Vollständigkeit halber: eine etwas in’s esoterische driftender „Argumentation“, warum Daten ja grundsätzlich gar nichts aussagen. Begründung: sie könnten ja falsch sein. Außerdem: Taleb!!1)

3. Macht und Interessen

Immer wenn Frank Rieger keine Lust hat, Interessen und Machtgefüge tatsächlich zu beschreiben, raunt er nur etwas undeutliches von “der Macht”, die “wir” naiven Post-Privacyler ja nicht berücksichtigen würden. Damit macht er es sich ziemlich bequem. Tatsächlich ist der Macht- und Interessenzusammenhang genau bei diesem Beispiel aber extrem aufschlussreich und verdient eine genaue Betrachtung.

Wenn wir weiterhin also davon ausgehen, dass A) die Aufgabe der Kreditwürdigkeitsbewertung der Schufa notwendig ist und B) anhand von mehr und besseren Daten genauer ist, muss man natürlich die Machtfrage stellen. Sie lautet: Wem nützt das?

Klar ist es im Interesse der Banken und Unternehmen herauszufinden, wer vermutlich zahlungsfähig sein wird und wer nicht. Schön für die Banken. Aber ich, als machtloses Individuum bin dem doch vollkommen ausgeliefert!

1. Ändert die Einbeziehung oder Auslassung der zusätzlichen Daten nichts an der Machtsituation. Der Schufawert ist auch dann entscheidend für mein Leben, wenn er mit einer schlechteren Datenbasis errechnet wird.
2. Ist es sogar auch in meinem Interesse, richtig eingeschätzt zu werden. Es ist scheiße, ein false Positive zu sein. Alles, was dem Abhilfe verschafft ist in meinem Interesse. Bzw. es ist nicht in meinem Interesse, dass die Schufa mich aufgrund mangelhaften Wissens bewertet. (Es sei denn, ich bin tatsächlich nicht zahlungsfähig, weiß das auch, will aber dennoch einen Kredit)
3. Die Bank ihrerseits verweigert mir den Kredit nicht, weil sie Kreditverweigerung so schnafte findet. Im Gegenteil. Die Bank würde am liebsten jedem einen Kredit geben, denn sie verdient Geld schließlich nicht mit Kreditverweigerung, sondern mit Kreditvergabe.

Paradoxerweise stellen wir an diesem Punkt fest: die Interessen eines Kreditantragsstellers und seiner Bank grundsätzlich die selben: Der Kredit sollte möglichst zustande kommen. (Gleiches gilt natürlich für das Zustandekommen von Handyverträgen und Wohnungsvermietungen.)

Dritte Erkenntnis: Ja, es gibt ein Machtgefälle. Aber es ist hier nicht ausschlaggebend, denn es gibt hier gar keinen Interessenkonflikt.

Wenn man einmal verstanden hat, dass Kreditnehmer und Bank – und natürlich auch die Schufa – (Kreditbetrüger nehmen wir mal aus) allesamt ein vitales Interesse an einer möglichst korrekten Bewertung der Kreditwürdigkeit haben, dann wird vieles klarer.

Beispiel Wohnorte: Wir wissen alle, wie schlecht und unzureichend die Bewertung der Kreditwürdigkeit anhand von Wohnorten ist. Was wir aber nicht bedenken ist, dass die Schufa und die Banken im Jammer über diese Unzureichendheit sofort mit einstimmen würden. Denn natürlich würden sie gerne bessere Daten heranziehen. Aber es ist schwer, daran zu kommen und zu testen, welche Daten sich eignen und welche nicht. Das Stadtteilraster bietet nur ein wenig – aber immerhin ein bisschen – Signifikanz. Wahrscheinlich gerade so viel, dass es reicht, die Rückzahlquoten etwas zu verbessern.

Und genau hier kommt Facebook in’s Spiel. Facebook hat viele Daten. Es ist nicht ganz klar, welche Daten eine signifikante Korrelation zu Kreditausfällen aufweisen. Wir dürfen an dieser Stelle nicht wieder dem gängigen Fehler verfallen und nach Kausalitäten suchen und so zu wissen glauben, was hier Aussagekräftig ist und was nicht. Deswegen ja auch ein Forschungsprojekt.

Klar, viele Daten bedeuten nicht automatisch bessere Daten, aber sie bedeuten potentiell mehr Möglichkeiten für signifikante Korrelationen. Wie gut diese sind, würde sich in einer Studie zeigen lassen. Leider haben das Hasso Plattner Institut und die Schufa das Projekt aber bereits abgesagt.

Fazit

Was bleibt: die Schufa wird weiterhin ihre Bewertungen vornehmen, aber auf schlechterer Datenbasis. Damit werden mehr Menschen in ihrer Kreditwürdigkeit falsch eingeschätzt. Das ist doof für viele Menschen, die einen Kredit deswegen nicht bekommen und es ist doof für die Banken, die ihre Ausfallraten nicht senken können. Die einzigen Gewinner sind die falsch Eingeschätzten, die einen Kredit bekommen, obwohl sie ihn wohl nicht zurückzahlen können. (Selbst da kann man sich fragen kann, ob das wirklich etwas gutes ist.)

Es ist so leicht die Schufa zu hassen. Aber man sollte sich darüber im klaren sein, dass hier die Psychologie des „shooting the messenger“ aus einem spricht. Denn das, was die Schufa tut, ist Reporting. Ja, sie reportet soziale und ökonomische Ungleichheit und macht sie anschlussfähig. Sie reportet Kapitalismus. Das ist traurig, aber eben wahr – es ist unsere Welt.

Frank Rieger tut in seinem Artikel so, als ginge es um die Frage, ob wir eine machtvolle Schnüffel-Schufa haben wollen, oder eine harmlose Datenschutz-Schufa. Die Wahl ist aber eine andere: wollen wir eine informierte Schufa oder eine uninformierte. Denn so lange kein nennenswerter Konkurrent am Horizont erscheint, bleibt der Schufa-Score so mächtig wie er ist. Egal wie falsch er ist.

Worüber wir eigentlich reden sollten: Der Kampf gegen Diskriminierung.

Ich kann jeden verstehen, der gegen Diskriminierung ist. Unredlicher Budenzauber ist es aber, wenn man die Abschaffung der Schufa fordert ohne ein Alternativkonzept zum Kapitalismus beizulegen. Wie wir festgestellt haben ist “Kredite für alle!” keine echte Option (ok, die USA haben das Konzept zwar mal ausprobiert, aber das ging ja nur eine kurze Zeit lang gut …).

Aber nach wie vor bin auch ich gegen Diskriminierung wo immer es geht. Besonders wenn sie so weitreichende Auswirkung auf die Lebensführung hat, wie der Schufa-Score. Doch im Gegensatz zu den Datenschützern glaube ich nicht, dass man Diskriminierung sinnvoll bekämpft, indem man versucht, Diskriminierungsmerkmale zu vertuschen. Vor allem nicht in einer sich zunehmend verdatenden Welt.

Es wird immer Kriterien und Eigenschaften geben, jemanden zu bewerten, ob berechtigt oder unberechtigt. In Zukunft noch mehr als heute. An dieser Front ist nichts zu gewinnen. Wenn wir Teilhabe diskriminierungsfrei haben wollen, dann müssen wir das Problem direkt angehen. Dann müssen wir politisch diskriminierungfreie Bereiche durchsetzen.

Das ist das, was die Plattformneutralität will. Sie will bestimmte Aspekte der sozialen Teilhabe effektiv jeder Diskriminierungsmöglichkeit entziehen. Nicht, indem sie Unterschiede verdeckt, sondern indem sie Teilhabe bedingungslos sichert.

Egal, ob Bedingungsloses Grundeinkommen, Netzneutralität, ein Recht auf Wasseranschluss oder der fahrscheinlose Nahverkehr. Nur wo gar keine Möglichkeit zur Diskriminierung vorgesehen ist, können Menschen egal welche Meinungen, Hautfarben und Scoringwerte haben, ohne einen Nachteil davon erleiden zu müssen . Das ist wesentlich effektiver, als den Kontrollinstanzen Blindheit zu verordnen.

Plattformneutralität ist deswegen für mich die einzig gangbare politische Antwort auf den Kontrollverlust und Post-Privacy. Alles andere ist reine Symptomdoktorei.

PS: Panoptismus

Andreas Bogk bemängelt zu recht, dass ich den Panoptismus der Schufa-Situation nicht problematisiere. Das Panopticon ist ein Entwurf zu einem Gefängnis von Jeremy Bentham, indem die Bewacher von einem zentralen Punkt aus in alle Gefangenen-Zellen schauen können, die Gefangenen, die Wärter dabei aber nicht zurückbeobachten können. Foucault greift in “Überwachen und Strafen” diese Idee als Metapher des Subjektivierungsprozesses auf: Indem wir ständig damit konfrontiert werden, beobachtet zu werden, ändern wir unser Verhalten. Selbst dann, wenn wir gar nicht beobachtet werden.

Die Einbeziehung von persönlichen Facebook-Daten in den Schufa-Score würde wahrscheinlich einen solchen Effekt hervorrufen. Viele würden wahrscheinlich anfangen, anders und andere Dinge zu schreiben, wenn sie darüber gewahr sind, dass sie zur Einschätzung ihrer Kreditwürdigkeit herangezogen werden.

Ich kann darauf zwei – vielleicht nicht ganz befriedigende – Antworten geben:

1. Foucault hat völlig recht, den Panoptismus als gesellschaftliche Normalität zu beschreiben. Dass wir unter Aufpassern und Drohung von Strafe unser Verhalten anpassen ist sicher ein wichtiger Faktor in der Genese unserer Persönlichkeit. Dazu gehören aber auch wünschenswerte Verhaltensweisen, dass wir beispielsweise nicht auf die Straße kacken. Panoptismus ist also ansich nicht per se böse, obwohl ich natürlich auch die Gefahren sehe.

2. Die Facebookprofile sind mir heute schon alle viel zu gestreamlined. Schon heute ist der Personalchef im Online-Design vieler Profile längst mitgedacht. Ich glaube nicht, dass die Schufa-Schere im Kopf die Situation verbessert.

Ich kann an dieser Stelle aber nur ein weiteres Mal auf die Plattformneutralität drängen. Nur ein diskriminierungsfreier Bereich nimmt den Druck aus der Schufa-Bewertung. Und nicht nur aus der. Klar, wird es auch in einer Welt mit Grundeinkommen blöd sein, einen Kredit nicht zu bekommen, aber es ist vielleicht nicht mehr so die existentielle Angst, die einen dazu bringt, das Leben nach den Kriterien der Schufa zu inszenieren.

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15 Antworten auf Schufa, Facebook und die Plattformneutralität

  1. Stefan sagt:

    Das Problem was ich mit der Schufa habe ist, dass sie scheinbar “neutrale”, datenbasierte Bewertung der Kreditwürdigkeit vornimmt. Tatsächlich ist das aber gar nicht möglich. Die Banken (und damit die Schufa) haben eine AKTIVE Rolle in unserer Wirtschaft und sind mitverantwortlich wer kreditwürdig ist und wer nicht. Wie? Indem über die Schufa Menschen in Klassen gesteckt werden (durchaus auf bekannten Korrelationen und Kausalitäten) und diese dann entsprechend in Sippenhaft nimmt. Dadurch werden diese ökonomisch schlechter gestellt (Sie müssen quasi die Kosten für die Kreditausfälle ihrer Nachbarn zahlen), was wiederum natürlich ihre Kreditwürdigkeit beeinträchtigt. Deine Argumentation mit “weniger false positives” zieht nicht, da die Bank eben eine aktiv diskriminierende Rolle einnimmt. Es gibt keine objektive Messlatte an der man die “false positves” messen könnte, Kreditwürdigkeit ist eine sehr subjektive Einschätzung.

    Ich stimme mit dir aber überein darin, dass ein Grundeinkommen die richtige Sntwort auf die Schufa ist – jedoch kann Datenschutz durchaus dazu führen, dass Banken mehr Menschen “falsch” einschätzen und so weniger Gewinne machen: Für mich eine durchaus erstrebenswerte Option, denn die “Blindheit” in der Diskriminierung kommt als Gewinn bei den tendenziell Diskriminierten wieder an.

  2. Schade, dass der entscheidende Absatz „Worüber wir eigentlich reden sollten“ so kurz ausfällt! Ich verstehe deinen Ansatz deiner Kritik an der Schufa-Kritik (glaube ich zumindest), nur ist mir nicht klar was du da verteidigst. Die Schufa ist ein unkontrolliertes Macht (ja!) -Instrument, das auch nicht nur zur Kreditvergabe herangezogen wird, sondern auch die Chancen zahlungswilliger z.B. Jungfamilien aus einem bestimmten Stadtteil bei der Wohnungssuche behindern kann (ich denke derlei Katastrophen Szenarien gibt’s zu Hauf). Weiter denke ich, dass dieser Laden nicht dem gerechten Interessenausgleich von Kreditnehmer und ~geber dient, sondern der mögllichst hohen Rendite der Bank, der privatem Initiativgeist nicht eben aufgeschlossen gegenüber steht.
    Auch die Frage, wer überhaupt Kredite braucht bleibt offen; bzw. die Frage ob Kredite nicht eine Ausgeburt eines Wirtschaftssystems sind, das ich für meinen Teil für überdenkenkeswürdig halte. Es gibt z.B. Modelle andersartiger Vorausfinanzierung, die auf den Erfolg des Projekts und nicht auf die Gewinnmaximierung durch Aussenstehende, nicht am Projekt beteiligte, setzen.
    U.A. würde die Abschaffung des Geldes „bestimmte Aspekte der sozialen Teilhabe effektiv jeder Diskriminierungsmöglichkeit entziehen”!

  3. Felix sagt:

    “jedoch kann Datenschutz durchaus dazu führen, dass Banken mehr Menschen “falsch” einschätzen und so weniger Gewinne machen: Für mich eine durchaus erstrebenswerte Option, denn die “Blindheit” in der Diskriminierung kommt als Gewinn bei den tendenziell Diskriminierten wieder an.”

    Huch, meinst du, wenn der Bank ein Geschäft entgeht, weil sie dir einen Kredit verweigert, den du eigentlich locker zurückzahlen könntest – meinst du wirklich, dass käme dann deswegen bei dir wieder als Gewinn an, weil die Bank weniger Gewinne macht?

  4. Pingback: Schufa-Diskussion Teil II | goowell

  5. scanlines sagt:

    Mein grundsätzliches Problem besteht wohl in der für mich gruseligen Absicht, menschliches Verhalten berechenbar zu machen bzw. zu glauben, daß man das könne.

    Es ist mir dabei relativ egal, welche oder wie viele Daten hierfür herangezogen werden oder welche cleveren oder stupiden Algorithmen diese dann verdauen und ein Ergebnis ausscheiden.

    Es ist mir einfach unangenehm, daß auf solcher maschinell-mathematischer Ebene Einschätzungen von und Entscheidungen über Menschen getroffen werden, da die Basis für diese Entscheidungen so neutral, so unbiased, so diskriminerungsfrei wirkt und sich all die Konzepter, Programmierer, Data-Miner, Entscheider schön hinter der Fassade der aseptisch reinen Maschinenwahrheit verstecken und die Verantwortung auf vermeintlich unbestechliche Zahlen abschieben können.

    Natürlich ist das irrational und hat viel mit gekränktem Krone-der-Schöpfung-Stolz zu tun.
    Denn natürlich basieren alle Entscheidungen immer auf irgendwelchen Daten, selbst die schönen Bauchentscheidungen, die ja gerne gegen die rationalen Kopfentscheidungen (und was anderes als die ultimative Kopfentscheidung ist das Rechenergebnis?) ins Feld geführt werden.

    Ist der Unterschied wirklich so groß, ob man auf Basis von diffusen und nicht wirklich nachprüfbaren (Res)Sentiments oder aufgrund irgendwelcher Datensätze beurteilt wird?
    Wahrscheinlich nicht.

    Dennoch habe ich eben dieses (nicht berechenbare) ungute Gefühl, wenn man auf die vermeintlich bessere, zumindest nicht schlechtere Einschätzung durch ausgewertete Datensätze irgendeiner Art vertraut, v. a. hinsichtlich dessen, was Du schön als “für Messinstrumente aller Art unzugängliche” Zukunft beschreibst.

    Ich sorge mich also weniger um Kausalität oder Korrelation, sondern um die Extrapolation aufgrund bestehender Datensätze, um die Zukunft vorherzusagen (und zu beeinflussen).

    Die Daten der Vergangenheit bewerten mich also bspw. als nicht kreditfähig. Wie werde ich dieses Stigma wieder los, v. a. wenn diese Wertung aus unzähligen Quellen und mithilfe eines mir unbekannten Rechenverfahrens ermittelt wird?

    Ich weiß, das, also die Intransparenz der Wertermittlung, ist auch jetzt schon so bei der Schufa. Allerdings wird der Datendschungel bei zunehmend einfließenden Quellen immer undurchdringlicher — nicht zuletzt für die Scorer selbst.
    Komplexitätsverschärfung eben, um das Wesen des Menschen möglichst exakt abzubilden und vorhersagen zu können.
    Schon alleine dieses Bestreben ist mir zutiefst zuwider, weil es eine Steuerbarkeit von Personen anstrebt.

    Natürlich kommt auch da so etwas raus wie gekränkter Individualismus. Es ist ja nicht schön, wenn man merkt, daß man vermeintlich nicht so einzigartig ist, wie man glaubt/gerne wäre.
    Ist ja schon bei den Empfehlungsgeschichten von Amazon und Last.fm befremdlich (, wenn auch nützlich).

    Das war jetzt ein eher assoziativer stream of consciousness, der uns in der Sache auch nicht wirklich weiterbringt.

    Ich bin auch ein großer Freund des Plattformneutralitätsgedanken und der diskriminierungsfreien Räume, halte das aber für eine schöne Utopie — was nichts Schlechtes ist.

  6. Stefan sagt:

    @felix: nicht bei jedem. Wenn der Bank Daten fehlen, weiter aber Geld verdienen will muss sie Kredite vergeben. Das zusätzliche Risiko muss sie auf alle verteilen. So zahlen die “Diskriminierten” im Schnitt weniger als die “Nichtdiskriminierten”, im Gegensatz zu einer Welt wo Banken frei diskriminieren können und über alle relevanten Daten verfügen. Dein Beispiel ist eben dass ein Priveligierter (“locker bezahlen”, also wohlhabend) aufgrund von Datenschutz/Diskriminierungseinschränkung eingeschränkt wird, das heißt seine Privilegien nicht nutzen kann. Datenschutz soll aber eben keine Eliten schützen, sondern weniger Glückliche.

    Ich sags nochmal: Früher war es jedem klar, wenn zB ein Ausländer früher beim Banker kein Kredit kriegte, war jedem klar, dass das Diskriminierung zum Nachteil der Gruppe Ausländer ist bzw. sein kann. Aber sie basierte auch auf Daten! Ausländer sind eben statistisch gesehen ärmer und somit schlechtere Kunden für die Bank. Mit Schufa wird das Ganze in eine scheinbar neutrale, wissenschaftliche Form gegossen. Diskriminierungen werden einfach reproduziert, aus ökonomischen Interesse. Deswegen ist es mE sinnvoll den Datenpunkt “Herkunft” oÄ nicht von der Schufa erfassen zu lassen, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass das diese Art der Diskriminierung nicht aufheben wird.

  7. Pingback: Die Schufa, Facebook und die falschen FreundeBenders Blog

  8. Sabine sagt:

    Damit die Schufa uns genauer bewerten kann, sollen wir ihr unsere Daten geben, denn ihrer Bewertung entgehen, können wir ohnehin nicht. Du schreibst: “Es wird immer Kriterien und Eigenschaften geben, jemanden zu bewerten, ob berechtigt oder unberechtigt.” Mit diesem argumentativ reichlich schwachen Fatalismus lässt sich jede Diskriminierung wenn nicht rechtfertigen, so doch für normal und unvermeidlich erklären.

    Dem lässt sich aber doch Folgendes entgegenhalten: in einem Rechtsstaat lassen sich sehr wohl Regeln formulieren, nach denen Institutionen jemanden bewerten dürfen. Und wer nach Kriterien bewertet wird, die nicht rechtens sind, kann rechtlich dagegen vorgehen. Und wenn er Recht bekommt, wird ihm der Staat dabei helfen, sein Recht durchzusetzen.

    Es gibt keinen Grund, eine Diskussion über den rechtmäßigen Gebrauch von Daten zu verweigern, wie du es mit deinem Fatalismus tust. Datensparsamkeit und Zweckgebundenheit sind aus meiner Sicht gute regulative Ideen. Wenn du sie für dich nicht gelten lassen willst: gerne. Aber sprich anderen Menschen doch nicht das Recht ab, sich für ein Prinzip der Rechtmäßigkeit des Gebrauchs ihrer Daten einzusetzen.

    Das einzige, was du dem entgegenhältst, ist die Unvermeidlichkeit des Kontrollverlusts. Ein weiterer Fatalismus in deiner Argumentation. Das Schicksal ist immer ein guter Helfer, wenn man argumentativ nicht mehr weiter weiß, …

  9. Felix sagt:

    “Mit diesem argumentativ reichlich schwachen Fatalismus lässt sich jede Diskriminierung wenn nicht rechtfertigen, so doch für normal und unvermeidlich erklären.”

    Das wirft die Gegenfrage auf, wie denn Diskriminierungsformen, die es einmal gab, jeweils überwunden wurden und ob interventionistische Diskriminierungsverbote irgendwelche Erfolge vorzuweisen haben.

  10. Sabine sagt:

    @Felix: Interessant, dass du Gesetze als “Interventionismus” bezeichnest. Klingt irgendwie antietatistisch… Vielleicht hat Frank doch gar nicht so unrecht damit, wenn er die Postprivacy-Vertreter Neoliberale nennt.

    Und du fragst nicht ernsthaft, ob Diskriminierungsverbote irgendwelchen Erfolg haben, oder? Wie sähe unser Leben aus, wenn der Satz “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.” nicht im Grundgesetz stehen würde?

  11. gmx sagt:

    Dass bessere Daten nichts an der bestehenden Machtsituation ändern würde ich so nicht unterschreiben:

    Werden weniger false Positives produziert, dann steigt das Vertrauen in die Schufa-Bewertung und es werden sich weniger Unternehmen finden, die alternative Bewertungskriterien bei ihren Kunden anwendet. Die Macht der Schufa steigt dann durchaus.

    Das ist aber dann auch schon alles was ich erwähnen wollte. Denn es ist klar dass dieser Machtzuwachs sich sinnvollerweise nur durch starke Konkurrenz bekämpfen lässt, und nicht durch eine künstliche Verschlechterung des Angebots beim De-facto-Monopolisten.

  12. pill sagt:

    Ich möchte scanlines zustimmen.
    Das Problem liegt darin, dass Wahrscheinlichkeiten aus Korrelationen nicht nur behaupten für den_die Einzelne_n die Zukunft abschätzbar machen zu können sondern auch sehr direkt diese Zukunft mit beeinflussen.
    Also dadurch das an Leute aus einem Viertel weniger Kredite vergeben werden kann sich auch kaum einstellen, dass das Viertel ‘im Schnitt’ kreditwürdiger wird. Selbsterfüllende Prophezeiungen halt..

    Und was bedeutet es eigentlich wenn sozial hergestelltes Vertrauen (gerne auch auf Basis von Vorurteilen) einfach durch berechnetes Vertrauen (auf Basis von datageminten Vorurteilen) ersetzt wird. Vorher konnte ich es – als Angehöriger einer misstrauten Minderheit – wenigstens noch bei einer anderen Bank versuchen..

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  15. tsvair sagt:

    Ich möchte hier mal was zur Platformneutralität allgemein sagen:
    Die Platformneutralität ist doch in gewisser Weise die Abstraktion der Gesellschaft (Man betrachtet gleiche Dinge gleich, weswegen nicht die Beispiele, sondern die ihnen zu Grunde legenden Prinzipien aussachlaggebend für die Betrachtung sind.) Doch die Diskreminierung ist auch eine Abstraktion (zwar ein nicht immer Zutreffende, aber es ist eine. Wenn man sagt, das alle Ausländer doof sind, betrachtet man ja auch die Gruppe und nicht das Individuum (sonst würde man ja feststellen, das die Beobachtung schwachsinn wäre^^)). Ist Diskreminierung nun auch eine Art Plattformneutralität? [sreyi eodem]

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