Wikileaks und eine postbaudrillardsche Frage der Informationsethik

„On Wednesday we clean up Qatanah, and on Thursday, God willing, we come home,“

schrieb ein israelischer Soldat in seinen Facebookstream und offenbart damit Details eines bevorstehenden Kampfeinsatzes im Palestinensergebiet. Die Operation musste darauf hin abgesagt werden. Der Soldat wurde für zehn Tage eingesperrt.

Was wäre ein Krieg in Zeiten des Kontrollverlustes?

Alles begann in Vietnam. Die militärische Zäsur und das ewige Trauma amerikanischer Kriegsführung war ein entscheidender, medialer Kontrollverlust. Es war ein blutiger, komplizierter und grausamer Krieg, ohne Frage. Jedoch mit Sicherheit nicht schlimmer als alle anderen. Sicher, die Gerätschaften waren viel weiterentwickelt als noch zum Zweiten Weltkrieg. Die Kriegsgeräte, aber auch die Medienapparate. Die Ungleichzeitigkeit bestand in der strategischen Unterschätzung dieser Medienapparatur, seitens des Militärs. Die Zeitungen, Fernsehsender und sonstigen Medien schickten Unmengen von Journalisten in das Kriegsgebiet. Das Militär lies sie gewähren. Und die Journalisten taten ihre Arbeit. Sie filmten die Brandbomben, fotografierten ausgelöschte Dörfer, verbrannte Kinder und Särge. Immer wieder Särge, bedeckt mit dem Sternenbanner. Die Empörung bei der Bevölkerung wuchs. Der Krieg lies sich nicht mehr weiterführen. Das sollte dem amerikanischen Militär kein zweites mal passieren.

Jean Baudrillard behauptete während des zweiten Golfkrieges – also jener der von dem Bush ohne double-u geführt wurde – dass dieser Krieg gar nicht stattgefunden habe. Die Kritik an ihm war heftig. Wie zynisch könne man sein? Doch der vielgescholtene Baudrillard hatte nur das ausgedrückt, was viele fühlten. Das, was wir vom Krieg sehen, ist nur eine strategische Maskerade. Eine gefälschte Kulisse, bei der wir uns zumindest nicht sicher sein können, ob da hinter überhaupt wirklich ein Krieg statt findet.

In Wag The Dog, einem Hollywoodfilm aus dem Jahre 1997 wird diese Möglichkeit durchgespielt. Ein rein medial inszenierter Krieg, ausgedacht und produziert von Spin-Doktoren in Zusammenarbeit mit Hollywoodproduzenten. Er soll von der Aufdeckung einer Affaire des Präsidenten ablenken. Bill Clinton machte den Film schließlich wahr. Es ist natürlich schwierig zu beweisen, dass er aus reinem PR-Kalkül unter dem Namen „Operation Desert Fox“ ein paar Fabriken im Irak hat angreifen lassen, just an dem Tag, als das Amtsenthebungsverfahren im Zuge der Lewinsky-Affäre beginnen sollte. Kritischen Beobachtern drängte sich dieser Eindruck jedoch auf.

Baudrillard könnte den Golfkrieg richtig analysiert haben: Die mediale Repräsentation des Krieges ist wichtiger als der Krieg selbst. Die Zeichen machen sich die Signifikate Untertan; wir leben in einer, ja, quasi in einer Simulation. Eine nicht sehr überzeugende Simulation, lässt sich hinzufügen. Und dennoch ging die Rechnung von George Bush dem älteren noch auf: vom sauberen Krieg war hinterher die Rede. Ein Krieg, in dem mithilfe von Präzisionswaffen die feindlichen Soldaten quasi aus ihrer zivilen Umwelt herausoperiert würden.

Kontrollverlust und Dissimulation

Krieg als symbolische Handlung forcierte auch sein Sohn. Obwohl es keinen nachweisbaren Zusammenhang gab, eröffnete Georg W. Buch den neuerlichen Irakfeldzug, als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September. Die Simulationsfassade sollte diesmal noch dichter, noch näher, noch spektakulärer werden. „Embedded Journalists“ wurden in den Panzern durch die Kriegslandschaften auf Fotosafari kutschiert. Die Presseoffiziere waren sehr gut geschult und von Anfang an wurde auf die kontrollierte Berichterstattung allerhöchsten Wert gelegt. Doch als George W. Bush zum Abschluss der großen Kriegsgala aus dem Jagdflugzeug stieg und auf dem Flugzeugträger ausrief: „Mission Accomplished“, hatte er nicht ganz so unrecht, wie manche heute behaupten. Was zu ende ging, war diese Art des Krieges: des kontrollierten Medienkrieges, der Kriegssimulation baudrillard’schen Art.

Die Kontrolle würde sich nicht halten lassen. Nicht wenn die Soldaten nicht mehr nur eine Herde anonymer Kreigsmashinen sind, die man in den Kugelhagel schicken kann, still, duldend. Das kann man zwar auch weiterhin, doch heute Bloggen, Twittern und Fotografieren sie nebenbei, was das Zeug hält.

Die Aufregung in Sachen Abu-Ghuraib war der erste Vorbote. Das Kriegsgefangenenlager geriet bald in den Fokus der Berichterstattung. Nicht weil dort unvorstellbare Gräueltaten begangen wurden – das ist in Kriegsgefangenenlagern so üblich, sondern weil Soldaten zu dieser Zeit bereits die ersten Handys mit Fotofunktion besaßen. Die Bilder – Bilder, die niemals entstehen hätten dürfen – gingen von Soldatenhandy zu Soldatenhandy und von dort um die Welt. Folterspiele, Erniedrigungen, religiöse/kulturelle Demütigungen, physische und psychische Gewalt und unmenschliche Behandlungen, also die übliche Verwandlung vom Menschen zum Monster im Verlauf eines Krieges, geriet auf diese Weise an die Öffentlichkeit.

Konnte sich der bisherige medienpolitische Kontrollaparat der Militärs auf die Journalisten konzentrieren und ihre Berichterstattung durch Verbote und vor allem durch das Angebot vielfältiger und attraktiver Bilder weitgehend steuern, waren es die Soldaten selber, die medial außer Rand und Band gerieten. Zwar hat man das Problem durch regide Vorschriften zur privaten Verwendung von Medien und drastischen Strafen bei deren Verstoß einigermaßen in den Griff bekommen, jedoch bleibt der Kontrollverlust weiterhin unberechenbar.

Wikileaks und die Verantwortung des Empfängers

Vorgestern hat die Organisation Wikileaks nun dieses Video veröffentlicht:

Die Ironie an der Geschichte ist, dass die Kameras, die in den Helikoptern installiert sind und alle Missionen genaustens protokollieren, eigentlich Teil eines riesigen Kontrollapparates sind. Jedes Militär ist streng hierarchisch aufgebaut. Was unten passiert, musste bisher durch eine wohlgeordnete aber lange Befehlskette von unten nach oben herauf gereicht werden. Dank neuster Technologie fliegt das Oberkommando heute bei jedem Einsatz mit. Und jetzt sind auch wir dabei. Denn der Kontrollaparat wird zum Kontrollverlust.

Sobald Daten existieren, ist ihre Reichweite nicht mehr sicher eingrenzbar. Der Kontrollverlust weitet sich aus, je mehr Medien zum Einsatz kommen. Von den Journalisten, über die Soldaten, über die Opfer bis hin zu jenen stummen Zeugen des Oberkommandos, die kalt und unbewegt alles aufzeichnen, werden sich die Medien multiplizieren. Und das einzige, was es dann noch braucht, ist ein klitzekleines Leck.
Der Kontrollverlust hat einen Kulminationspunkt gefunden: Wikileaks. Wikileaks ist für den Kontrollverlust das, was die New York Times für den Journalismus war ist. Die wichtigste Institution und das Paradebeispiel seiner Funktionsweise. Kein Monopol, aber ein Sinnbild.

Auf Wikileaks kann jeder anonym Dokumente einreichen. Es will die zentrale Anlaufstelle für die so genannten „Whistleblower“ sein. Informationen anonym verbreiten geht im Internet zwar nicht erst seit Wikileaks, jedoch geht Wikileaks ein paar Meilen weiter, als nur eine anonyme Veröffentlichungsplattform für jedermann zu sein.

1. Wikileaks überprüft die Echtheit von Dokumenten und veröffentlicht auch nur solche. Selbstgeschriebene Dokumente, Erfahrungsberichte und „Geschichten“ aller Art müssen draußen bleiben.

2. Wikileaks legt aller größten Wert, die Anonymität ihrer Quellen zu gewährleisten. Dazu gehören nicht nur die vielfältigen Angebote zur anonymen Einreichung, sondern auch Methoden zur nachträglichen anonymisierung von Datenspuren an Dokumenten, etc.

3. Was Wikileaks außerdem bietet, ist eine weitgehend internationale Infrastruktur. Ein über viele Länder verteiltes Servernetzwerk sorgt dafür, dass Dokumente trotz Repressionsversuche oder gerichtlicher Verfolgung mehrerer Staaten, zugänglich bleiben können.

Dass das Video also auf Wikileaks aufgetaucht ist, hat eine gewisse Logik, hat sich Wikileaks im letzten Jahr schließlich einen gewissen Ruf erarbeitet. Dennoch wertet das Peter Sennhauser auf Netzwertig als Bankrotterklärung des amerikanischen Mainstream-Journalismus:

Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung.

Sennhauser wirft den klassischen Medien eine zu große Nähe zur Politik vor. Wirklich brisantes würde nicht mehr auf den Tisch kommen. Der Journalismus will es sich kaum noch leisten, das gute Verhältnis zur Politik zu riskieren, also werden solche Stories lieber unter den Tisch fallen gelassen. Die andere Erklärung, dass die Whistleblower die Mainstreammedien gar nicht in Betracht gezogen haben könnten, wäre indes noch niederschmetternder für die Verlage. Welche Gründe es auch immer hat: Es sind die ersten Anzeichen eines tiefgreifenden Wandels.

Der Journalist und Medienkritiker Markus Reiter, der auch das Buch Dumm 3.0 geschrieben hat, twitterte gestern: „Die Zukunft des Journalismus liegt in Arabien. Vergleich CNN – Al Jazeera“ und dazu ein Link auf folgendes Bild.

Wenn man jetzt „Arabien“ durch „Internet“ und „Al Jazeera“ durch „Wikileaks“ austauschte, wäre ich versucht, ihm recht zu geben.

Mit Dank an Daniel Erk.

PS: Je länger dieser Eintrag wurde, desto ratloser und stiller wurde ich. Die Analyse ist klar und offensichtlich. Doch was bedeutet das für die oben angesprochene Simulation? Ist dies der Sieg der Dissimulation? Ist dieser Sieg auf Dauer absolut, so absolut, wie es der Kontrollverlust ist, der ihn ermöglichte? Die eigentliche Frage, liegt – ich kann da nur immer wieder drauf insistieren – nicht beim Sender, sondern beim Empfänger.

Eine Freundin, mit der ich gestern über das Video sprach, gestand mir, dass sie es sich nicht angesehen habe. Sie habe ein empfindliches Gemüt, solche Dinge können ihr nicht nur den Tag, sondern sogar die Woche versauen. Das sind hohe Kosten für eine Information, die eigentlich keine realen Auswirkungen auf ihr Leben hat. Sie war sich nicht sicher, ob das jetzt eine moralische fragwürdige Tat ist, dieses bewusste ignorieren. Ratlos saß ich vor ihr; ich konnte es ihr nicht beantworten.

Wandert mit der Informationsmacht auch die Informationsverantwortung auf die Seite des Empfängers? Brauchen wir eine Ethik des Hinsehens? Ähnliche Fragen finden sich auch in den Kommentaren meines letzten Blogposts. Ich sehe mich derzeit nicht in der Lage, sie zu beantworten.

(Original erschienen auf der Website von FAZ.net)

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3 Kommentare zu Wikileaks und eine postbaudrillardsche Frage der Informationsethik

  1. Matze sagt:

    Die bizarre Situation des „Net Citizen“ wird in der P.S.-Passage des Artikels deutlich, dort lesen wir die Frage:

    „Je länger dieser Eintrag wurde, desto ratloser und stiller wurde ich. Die Analyse ist klar und offensichtlich. Doch was bedeutet das für die oben angesprochene Simulation?“

    Das schier Unglaubliche ist, dass sich damit weiterhin um die *Simulation* gesorgt wird.

    Das Kennzeichen der erfolgreichen Simulation ist, dass sie jede Störung, sei es ein entlarvendes, schockierendes Video, oder ein Phänomen wie Wikileaks, auf Dauer als Bausteine intergrieren wird.

    Es ist doch so, der Net Citizen, wie die restliche Bevölkerung, hängt an der Medienrealität, weil die zu Teilen dessen/deren Öffentlichkeit konstituiert.

    Ob verbesserndes Modifizieren der Simulation diese *zurückführen* kann, zu einer *Repräsentation* – das ist die Frage!

    Das Ende der Simulation wäre die Zeremonie, die nichts bewirken will.

  2. mspro sagt:

    Das ist ein alter Artikel. Das Ende der Simulation läute ich hier ein: http://www.ctrl-verlust.net/queryology-i-das-ende-der-medien/

  3. Pingback: Wikileaks Kontrollverlust | ctrl+verlust

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