Vortrag: Das radikale Recht des Anderen

Diesen Vortrag habe ich am 2. Oktober 2010 auf der Konferenz Openmind10 gehalten. Er versucht den Öffentlichkeitsbegriff in Bezug zu den digitalen Medien vollkommen neu zu definieren und aus diesen Prämissen eine kommende Informationsethik zu skizzieren.
Achtung: Dies ist nicht in erster Linie ein politischer Text, der sich als konkreter Forderungskatalog begreift, sondern ist eine Reflexion im luftleeren Raum, um die Ethiken in ihrem Idealzustand zu destillieren.


Als Sascha Lobo während der Streetview Diskussion den Begriff der „digitalen Öffentlichkeit“ aufbrachte, dachte ich: Was für ein Spin! Statt ständig gegen das subjektive empfundene Bedrohungsszenario des Privaten zu argumentieren, einfach mal die Sache umdrehen und einen positiven Begriff gegenüber stellen, der allen klar macht, was hier auf dem Spiel steht.

Und mehr noch: Die universelle Anwendbarkeit dieser Metapher im netzpolitischen Diskurs ist enorm weitreichend. Sperrige Begriffe wie Netzneutralität bekommen durch die Analogstellung mit dem öffentlichen Raum eine promenadenhafte Leichtigkeit. Und auch in der ewigen Filesharingdebatte scheint ein starker Begriff von „Öffentlichkeit“ und dessen formulierten Interesses genau die ethische-moralische – und emotionale (!) – Leerstelle zu besetzen, die den Urheberrechtsgegnern bislang gefehlt hat. (Sorry, Sascha)

Jedoch beschlich mich alsbald auch ein gewisses Unwohlsein mit dem Begriff, seiner Tradition und seiner bisweilen doch sehr unterschiedlichen Verwendung. Nicht, dass er als politischer Kampfbegriff unbrauchbar ist, aber philosophisch-semantisch liegt er unrund in der Hand. Martina Pickhardt ist dies als erstes aufgefallen, ich habe auch meine Zweifel geäußert. Der Begriff gehört auf den Prüfstand.

Hannah Arendt – das sollte man vorweg sagen – gebührt das Verdienst, den Menschen als erste als im Kern soziales Wesen gesehen zu haben. In der Vita Activa beschreibt sie dessen Conditio Humana als die eines per se pluralen Wesens. Der Mensch kommt nie allein und deswegen ist seine Beziehung zur Gruppe konstitutiv für das menschliche Sein.

Die Situation des menschlichen Zusammenseins – der Öffentlichkeit also – ist für Arendt die griechische Polis. Dort ist der Mensch – weit ab von allen Notwendigkeiten (der Ökonomie) und der Herrschaft, die beide im Reich des Privaten liegen – ein freier Mensch. Frei kann der Mensch nur unter Gleichen sein und so ist die Polis ohne jede Hierarchie. Zudem ist es der bewusste Akt der Überschreitung der Schwelle zur Öffentlichkeit, das das öffentliche, freie und darin vor allem das politische Subjekt ausmacht.

Dem entgegen hält Arendt die heute (seit der Neuzeit) vorherrschende „Gesellschaft„. Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Notwendige, also die Ökonomie, in den Bereich des Öffentlichen gerückt habe. Dadurch seien die Sphären durchmischt und kein Mensch mehr frei. Statt des freien Individuums herrscht der konformistische Massenmensch vor und statt dass er sich wie die Menschen in der Polis mit Seinesgleichen misst, misst er sich nur noch am statistischen Durchschnitt. Überhaupt findet Arendt ja die Statistik furchtbar schlimm und als Geißel der Zeit.

Ohne ihrer Analyse widersprechen zu wollen, sehe ich die Ursachen der Massengesellschaft durchaus woanders. Schon unser heutiger Begriff von Öffentlichkeit deutet auf einen anderen Schuldigen hin: die Massenmedien.

Wenn wir heute von Öffentlichkeit reden, dann meinen wir das medial Öffentliche. Das was eben mehr oder weniger öffentlich sein kann und dessen Öffentlichkeit sich an so Dingen wie Auflage, Quote oder Klickzahlen misst. Die Öffentlichkeit der Massenmedien – also die großen Sender von Informationen ohne Rückkanal – haben längst die Öffentlichkeit der Orte – der Polis wie die der Marktplätze – als die relevante Öffentlichkeit abgelöst.

Niklas Luhmann schrieb im ersten Satz seines Werks „Die Realität der Massenmedien“: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.„. Sodann begann er die Massenmedien als Funktionssystem der Gesellschaft zu beschreiben, das keine andere Aufgabe hat, als dessen Selbstbeobachtung zu gewährleisten. Dabei betont Luhmann, dass diese Aufgabe eben nicht darin bestünde, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild der Gesellschaft zu zeichnen, sondern einfach nur ein anschlussfähiges. Eines das wieder zurück injiziert wird in die Gesellschaft und das anschlussfähig sein muss, um die Kommunikation der Gesellschaft über die Gesellschaft am laufen zu halten. Denn bei Luhmann ist Gesellschaft eben das: ein Diskurs über sich selbst.

Das das Bild der Gesellschaft, dass ihr da von den Medien Tag ein Tag aus eingetrichtert wird, gar nicht wahrheitsgemäß sein kann, ist bereits klar, wenn man die begrenzten Mittel betrachtet, die ihnen zur Verfügung stehen. Da wabert ein riesiger, komplexer, amorpher und durch und durch heterogener Schlamm von Menschenmassen vor sich hin und dann soll das ganze durch eine Handvoll Kameras festgehalten werden? Wie wir wissen, ist das unmöglich und so kommt in den Massenmedien nur das, was vermeintlich alle – zumindest aber die meisten – interessiert, vor. Und genau deswegen ist das Bild der Gesellschaft von sich selbst eben das einer „Gesellschaft“ im arendtschen Sinn: eines homogenen Gesellschaftskorpus, der „denkt“, „fühlt“ und eine bestimmte Musikrichtung „mag“ – so im statistischen Durchschnitt. Und neben dem Mainstream wurde eben auch dieses merkwürdige Gespenst der öffentlichen Meinung geboren, das seitdem für allerlei Moralismen hergezogen wird – als normative Self fullfilling Prophecy. Das alles nur weil sich die Menschen tatsächlich durch das verzerrte Bild ihrer Selbst im Nadelöhr der Massenmedien zwangsvergemeinschaften ließen, in eine Gruppe, dessen unscharfes Bild sie in der Zeitung sahen und das sie wahlweise „Gesellschaft“ oder „Staat“ oder eben „Öffentlichkeit“ nannten. (Es ließen sich an dieser Stelle Untersuchungen auf den Einfluss dieses medialen Selbstbildes auf die sonstigen – auch politischen – Organisationsstrukturen der Menschen anschließen: „Staat“ und auch die „repräsentative Demokratie“ (Wählerwille) sind folgerichtige Institutionen, die eng an die Evolution der Massenmedien gekoppelt sind.)

Und auf einmal kommt das Internet. Es kommt, dann sticht es Millionen Löcher in diesen medialen Gesellschaftsluftballon und die Gatekeeper an den Nadelöhren rufen warnend, dass doch die Illusion von Einigkeit zugrunde gehen könne und dass sie jetzt dringend ein Leistungschutzgeld kassieren müssen, wenn nicht morgen die Demokratie im Eimer sein soll. Ja, die Nadelöhre verlieren an Bedeutung, wenn jeder ein Sender sein kann und die Leute sich wieder untereinander austauschen. Es ist interessant zu beobachten, wie „die Gruppe“ als Konzept zerfällt in Netzwerken, in denen Menschen wieder auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Die Masse scheint überwunden und die Kommunikation wieder hierarchiefrei. War die Massengesellschaft also nur ein böser Traum?

Erleben wir also die Wiederauferstehung der Polis?

Nein! Und da sind wir endlich angelangt beim Kontrollverlust. Der nämlich macht das alles eine Nummer komplizierter.

Weil sich die Ordnungsmacht in den digitalen Medien von der Senderseite auf die Seite der Empfängter geschlagen hat und deswegen unsere 10.000 Jahre alten Konzepte der Organisationsstrukturen von Kommunikation auf den Kopf stellt, verschiebt sich auch das, was wir vormals Öffentlichkeit nannten ganz erheblich.

Die relationale Datenbank, die mit Hilfe von komplexer Abfragealgorithmen über jegliche Ordnung des Diskurses hinwegfegt, um über alle nur denkbaren Verknüpfungen in Echtzeit zu neuen Ordnungsstrukturen zu gelangen, ist die Blaupause dessen, was den Kontrollverlust ausmacht. Wichtig ist nicht mehr, wo jemand eine Information plaziert, wichtig ist, wann und wer und unter Einbeziehung welcher Faktoren diese abfragt.

Wir müssen die Öffentlichkeit von Query her denken.

Ein Beispiel: Neulich veröffentlichte jemand in seinem Blog die Vermutung, dass mein Artikel zu Stuttgart 21 ja doch von Ministerpräsident Mappus bezahlt sein müsse. Ich finde das ulkig und die drei Freunde, die sein Blog lesen, wahrscheinlich auch. Und in der Logik der alten Medien wäre eben das schon die Öffentlichkeit dieser Information gewesen. Aber heute wird dieses Posting jeder finden, der bei Google nach meinem Namen sucht (in meinem speziellen Fall allerdings recht weit hinten, bei anderen Leuten wäre das ärgerlicher) – also ein spezielles Interesse an meiner Person hat. Ein Interesse, dass sich in der Eingabe meines Namens in dem Suchfeld von Google ausdrückt und somit Öffentlichkeit jenseits eines klassischen Begriffs von Reichweite herstellt. Und damit dem Sender wegnimmt.

Wir müssen die Öffentlichkeit von der Googlesuche her denken.

Als weiteres Beispiel sei hier Twitter erwähnt. Mit dem Followingprinzip stellt man sich seine „Query“ zusammen, die durchaus sehr komplex – vor allem aber sehr individuell ist. Aus der Liste der Follower wird die Timeline generiert, die eine Wirklichkeit zusammenschraubt, die einzig und alleine von meinen Followingentscheidungen bestimmt ist. Die Realitätskonfiguration, der so eine Timeline dann entspricht, habe ich mal „Distributed Reality“ genannt. Ein System, in dem der eine Follower der Follower des anderen ist und so ein Filtersystem mit Filtern von Filtern von Filtern eine in die Tiefe ungeahnte Komplexität erreicht. Eine Maschine, die es fertig bringt, mir alle relevanten Informationen der Welt zusammenzutragen. Relevant für mich, wohl gemerkt. Ich – als Empfänger, als Abfrager, als Query – der wie eine Spinne im Zentrum des eigenen Informationsnetzwerkes sitzt und sich seine Informationen „pullt“.

Wir müssen die Öffentlichkeit vom Follower her denken.

Zwei Dinge fallen auf:

1. Öffentlichkeit ist Privatsache. So paradox es sich anhört, aber die neue Öffentlich ist das autonomste, eigenste und privateste, was man sich nur vorstellen kann. Auf dem 26c3 wurde auf einem Podium die Wahrheit ausgesprochen: „Zu niemandem ist man ehrlicher, als zu seiner Suchmaschine.

2. Eine Asymmetrie des Unbekannten. In dieser Privatheit ist die Query auf radikale Weise anonym. Sie ist es nicht notwendigenfalls und sie ist es nicht per se. Aber in der Unendlichkeit ihrer Möglichkeiten entzieht sie sich unseres Zugriffs, ja, sogar unserer Vorstellungskraft. Wir können nicht abschätzen, wie wir abgefragt werden, welche Kriterien dabei eine Rolle spielen, welche anderen Datensätze daran geknüpft werden und wie und in welchem Kontext dann diese Information erscheint. Das alles, was ich Kontrollverlust genannt habe und das Ausdruck eben dieser Asymmetrie ist: eines ewigen Nichtwissenkönnens und eines Nichtvorbereitet seins auf die Query, die da kommen wird.

Der größte Experte des radikal unbekannten ist bekanntermaßen Levinas. Ähnlich, wie Hannah Arendt hat er den Menschen von Anfang an und a priori als soziales Wesen definiert. Noch radikaler als Arendt hat er dieses Soziale gedacht. Wo bei Arendt der Bezug zur Gemeinschaft das politische Handeln des Menschen ist, ist bei Levinas der Platz der Ethik – und zwar im Bezug zum Anderen.

Der Andere ist ein Konzept, dass den Bezug zur Gemeinschaft wieder herunter bricht zu einem Gegenüber. Es personalisiert das Soziale zum eigentlichen Grundbaustein: das Verhältnis und die Verantwortung zum Anderen.

Gleichzeitig bleibt der Andere eine abstrakte Kategorie des Unbekannten, des Nicht-besitzbaren, des Nicht-wissbaren. Damit ist es strukturanalog mit dem, was wir vorhin die Query genannt haben. Der Andere bei Levinas ist immer der ganz Andere und sprengt so per se jede Vorstellung, die wir von ihm haben. Es ist diese Asymmetrie, die bei Levinas die Ethik überhaupt begründet.

Und diese Asymmetrie gilt es bei Levinas nicht nur auszuhalten, sondern sie bürdet uns zudem eine Verantwortung auf. Ver-Antwortung, das Gebot des Antwortens, auf den Anderen. Auf die Query des Anderen, wie ich ergänzen möchte.

Der monolithische Öffentlichkeitsbegriff ist Geschichte. Die neue Öffentlichkeit ist der Andere. Wir können uns also diese Öffentlichkeit – wie sie im Internet existiert – gar nicht vorstellen. Und wenn wir es versuchen, liegen wir falsch – per se und per definitionem. So falsch, wie die Wikipedianer, wenn sie festlegen wollen, welche Information „relevant“ ist und alles andere löschen. So falsch wie diejenigen, die den Rundfunkstaatsvertrag machen und meinen, bestimmen zu können, wie lange Inhalte vorgehalten werden sollten. So falsch wie der, der seine Hausfassade verpixelt, weil er glaubt, dass er dem Anderen den Zugriff auf diese Daten verwehren darf, weil er zu wissen glaubt, was dieser damit vorhat. In all diesen Fällen wird sich nicht eben an einer allgemeinen Öffentlichkeit vergangen, die in der Tat Dinge in die allgemeine Relevanz erhebt, oder nicht. Nein, hier wird für den Anderen entschieden und zwar ohne Kenntnis seines Interesses, seiner Filter und seiner Kompetenz.

Das radikale Recht des Anderen ist die Souveränität beim Filtern.

Ein paar Beispiele für Implikationen, die sich aus dieser asymmetrischen Ethik ergeben:

1. Vorauswahl von Information ist ein Eingriff in die Filtersouveränität des Anderen. Alles, was wir Informationen unzugänglich machen (z.B. durch Netzsperren), sei es, indem wir Dinge nicht publizieren, indem wir Dinge zurückziehen, indem wir Informationen löschen, schränkt die Filterfreiheit des Anderen ein. Wir haben dazu kein Recht.

Denn 2.: Es ist es das radikale Recht des Anderen zu beurteilen, was Information ist und was nicht. Wir besitzen nicht die Kriterien und im Zweifel gar nicht die technologischen Voraussetzungen, um zu beurteilen, wie und in welcher Weise bestimmte Daten nützlich sein werden. Das entscheiden zu wollen ist zu jeder Zeit eine Anmaßung.

Und 3. gibt es keine „böse“ oder „gute“ Information. Niemand hat dies zu beurteilen, niemand hat ein Recht dazu, denn auch hier gilt, dass das einzig und allein die Aufgabe des Anderen ist, zu entscheiden. Auch und vor allem – wie die Modi seiner Reaktion auf „gute“ oder „böse“ Information ist. Im Zweifel braucht der Andere nämlich „böse“ Information, um andere „böse“ Information filtern zu können.

Das bedeutet im Umkehrschluss 4., dass innerhalb unserer Informationsethik ein Mehr an Information immer wünschenswert ist. Egal, wie böse oder irrelevant sie uns auch im Einzelfall erscheinen mag. Im Zweifel wird der Andere mit ihrer Hilfe Krebs heilen – wer kann das schon sagen? Wir haben keine Möglichkeit das abzusehen oder auszuschließen. Mit anderen Worten: Wer Informationen von sich preisgibt, abrufbar macht – egal ob es sich um sogenanntes „geistiges Eigentum“ handelt oder um private Daten – der handelt ethisch.

Was in der Forderung 5. endet: Alle Schleusen auf! Alle Gesetze, Verordnungen und moralischen Schranken, die der Filtersouveränität im Weg stehen, müssen beseitigt werden. Egal ob Urheberrecht, ein zu krasses Verständnis von Datenschutz, Persönlichkeitsrechte sofern sie sich auf Informationen Beziehen, müssen fallen. Sie schränken die freie Konfigurierbarkeit der Filter des Anderen ein.

Die Filtersouveränität des Anderen ist das neue „Interesse der Öffentlichkeit„. Während die Interessen der Öffentlichkeit mit denen der Privatleute mehr schlecht als recht abgeglichen werden mussten, funktioniert das beim Anderen nicht mehr. Sein Interesse bleibt verborgen und sein Nutzen an Informationen ist grundsätzlich nicht einschätzbar. Und genau deswegen überwiegt es. Denn übermorgen wird sein Nutzen an den Daten von Heute größer sein als morgen. Wir sitzen auf dem Schatz eines zukünftigen Anderen. Ihn mutwillig zu zerstören ist purer Egoismus.

(Einer der besten Texte zur Diskussion um Streetview hat Fritten.cc geschrieben. Er hat es geschafft, Streetview und dessen Nutzen vom Anderen her zu denken, indem er selbst in diese Rolle geschlüpft ist. Als er die alten Fotos aus Familienbeständen aus seinem Heimatdorf gegen die Fotos aus der Jetztzeit montierte, bekam er eine leise Ahnung vom radikalen Recht des Anderen.)

Nun kann man zurecht fragen, ob es das schon war, mit der Ethik des Anderen. Nein, noch lange nicht. Die implizite Struktur der asymmetrischen Ausgeliefertheit an den Anderen bedingt – nicht nur bei Levinas – einen durchaus kommunikativen Kanal zum Anderen. Ich nenne ihn den „ethischen Kanal“.

Die Überlegung ist einfach: wenn ich Teil einer Distributed Reality des Anderen bin, dann ist alles, was ich tue und sage, auch ein Statement. Dann ist alles ein Appell an den Anderen, dann bekommt all mein Handeln eine ethische, normative Dimension. Und dieser Appell an den Anderen ist die Ethik einer Ethik. Es ist der Imperativ doch bitte eine Ethik auszubilden, oder einer zu folgen, wenn nicht meiner, so doch einer anderen, denn der Appell der Filtersouveränität besagt: Entscheide!

Dies wäre der erste Appell: Entscheide! Es ist ein Appell an die Freiheit. Entscheide, wie du filtern willst, entscheide, welches Bild du dem Anderen gegenüber darstellen willst. Drucks nicht rum, sondern entscheide, damit auch der Andere entscheiden kann, ob er deiner Ethik folgt. Die Kriterien deines Lebens sind nämlich die Filterkriterien des Anderen. Bilde deine Ethik also frei von Zwängen aus.

Der zweite Appell schließt daran an: Appelliere! Appelliere, denn dein Entscheiden nützt nicht nur als Filterkriterium, sondern auch als normativer Einfluss in der Welt. Deine Entscheidung macht die Realität des Anderen (sofern er das zulässt), reflektiert Gemeinschaft und beeinflusst Weltbilder. In jeder Entscheidung appellierst du, also Appelliere.

(Wer hier eine Rekursion findet, darf sie behalten.)

Und als letztes, eine grobe, utopische Skizze, wohin das alles führen würde:

Zu einer „Gesellschaft“ (kann man das noch so sagen?) des Gebots. Meine Freiheit endet eben informationell nicht mehr an dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Nein, meine und seine Freiheit sind unendlich. Verbote braucht es nicht mehr, denn so lange meine Filtersouveränität nicht eingeschränkt wird, schränkt der Andere nicht meine Freiheit ein. Seine Freiheit stärkt meine Freiheit, denn sie liefert mir im Zweifel die Kriterien für meine Filter, ihn auszublenden.

Eine radikal segmentierte Gesellschaft wäre natürlich das Endprodukt. Davor wurde bereits viel gewarnt, ich jedoch ziehe eine radikal segmentierte Gesellschaft einer konformistischen Massengesellschaft vor. Vor allem weil es ja eben keine in sich abgeschlossenen Subkulturen sind, sondern offene Netzwerke, die sich diffus überlappen. (Wir haben noch kein Denken (und keine Metaphern) für solcherlei Strukturen gefunden, denn unsere Ordnungstechniken erlauben uns nur in Behältnissen zu denken. Deswegen sind „Parallelgesellschaft“ und „Echoraum“ die falschen Metaphern und suggerieren die falschen Schlüsse. Nichts ist offener als ein Netzwerk. Aber: In einem Netzwerk gibt es keine objektive, holistisch-richtige Perspektive, sondern nur die des Anderen.)

Danke!

Mein Vortrag ist bereits auch schon online abzurufen. Zur Qualität (Vor allem zur Tonqualität) kann ich derzeit keine Aussage machen, denn ich sitze hier ohne echtes Internet und habe es mir noch nicht angesehen.

Dazu gibt es hier ein Videointerview zum selben Thema im Anschluss des Vortrags.

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65 Antworten auf Vortrag: Das radikale Recht des Anderen

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  3. zur Forderung 5. fällt mir der Vergleich zur Abrüstung ein: wenn man als einzige(r) mitmacht, kann man sich diesem mulmigen Gefühl kaum erwehren ;-)

  4. Hm. Ich versteh die Argumentation nicht wirklich. Die Öffentlichkeit waren schon immer die Anderen. Imho ist schon Luhmanns These falsch, der echte Öffentlichkeit (als Raum der Polis) mit inszenierter (Massen)Öffentlichkeit gleichsetzt, während ich finde, man muss das unterscheiden. In der „echten“, politischen Offentlichkeit war schon immer die Andere (und ihre Rezeption) entscheidend, nicht dass was gesendet wurde. Also insofern stimmt, was du schreibst, kommt mir aber nicht so neu vor. Was mich interessiert: siehst du noch einen Unterschied zwischen Öffentlichem und Privatem? Oder gar Intimem? Das ist imho der entscheidende Punkt: das bisherige Öffentliche (das echte) lebte davon, im Privaten einen Rückhalt und Gehenpol zu haben. Was passiert, wenn der gefährdet ist, oder, um es neutraler zu sagen, abgeschafft wird, ist die spannende Frage. Eine Neudefinition auf Öffentlichkeit müsste darauf eine Antwort geben. Denk ich.

  5. mspro sagt:

    LifeScienTology – Das ist die Urerfahrung des Anderen. Die krasse Asymmetrie. Und ja, einer muss anfangen. Muss vertrauen, wo es kein Vertrauen zu begründen gibt. Aber das ist nicht neu.

    Antje Schrupp – So neu kann das allein deswegen nicht sein, weil Levinas Philosophie schon sehr alt ist. Aber: Arendt war in der Tat noch nicht so weit. Sie hat den Anderen noch nicht als Kategrorie gehabt sondern immer noch massenmedial holistisch gedacht – sie war teil dessen, was sie kritisierte. Nicht schlimm, ging ja allen so.

    Luhmann indes redet gar nicht von Öffentlichkeit, sondern von Gesellschaft. Und gleichsetzen tut er auch nichts, weil es bei ihm jenseits der Kommunikation nichts gibt, jedenfalls nichts systemtheoretisch Beschreibbares.

    Der Unterschied zu den drei unterschiedlichen Öffentlichkeiten: Ort, Massnemedien, Internet ist die Struktur der Öffentlichkeit. Während in den ersten beiden Fällen es immer ein Subjekt der Öffentlichkeit gibt, eines, dass die Schwelle aus dem Privaten überschreitet, ist es im letzten Fall nur noch Anlaufstelle für Querys und verliert jeglichen Subjektstatus. Das ist die kopernikanische Wende, die den Kontrollverlust ausmacht und die Macht dem Anderen gibt.

    Das ist natürlich auch der Untergang des privaten, wie wir es kennen. Die Unterscheidung Öffentlich/Privat wird schließlich traditionell vom Subjekt getroffen. Nun liegt sie – wenn sie in diesem Fall noch Sinn macht – beim Anderen. So wie in den Niederlanden, wo alle große Panoramaenster ohne Gardinen haben, man sich aber darauf geeinigt hat, nicht reinzuschauen, also keine indiskreten Querys zu tätigen. ;)

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  7. Zur Frage der Privatheit und der Intimität schreibe ich gerade an einer ausführlichen Antwort; deshalb hier nur kurz nitpicking:

    Es war nicht Hannah Arendt, die »den Menschen als erste als im Kern soziales Wesen gesehen« hat; auch da geht sie von Aristoteles aus, der den Menschen als zoon politikon, als gemeinschaftsbezogenes Tier, faßt. Bei Aristoteles ist die teleologische Bestimmung des Menschen, das »gute Leben« zu erreichen, und das ist nur in der Polis zu erreichen – hier hat Arendt sehr genau Aristoteles auf die Bedingungen der Moderne übertragen.

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  9. Gibro sagt:

    Ich denke über eine längere Replik nach, die deinen Ausführungen gerecht werden, spontan: Die Sache mit dem gemeinschaftsbezogenen Tier: das ist gerade der Punkt, weswegen unsere Gesellschaft nur bis zu einem gewissen Grad zersplittern wird. Die Referenzierung zueinander findet immer stärker in kleinen homogenen Gruppen statt. In unseren Seminaren der politischen Bildung spreche ich gerne von postmoderner Beliebigkeit, wenn Diskussionen damit enden, dass gesagt wird „das muss ja jeder selber wissen“. Das ist strenggenommen die Folge, wenn der Imperativ die Freiheit des Anderen ist. Ich halte das für zutiefst unpolitisch. Es ist die Grundlage des gemeinschaftsbezogenen Tiers, sich zu reiben und gemeinsame Regeln zu vereinbaren, die unsere Handeln naturgemäß einschränken werden. Zentral ist, dass es mit totaler Freiheit keinen Kommunikationsanlass mehr gibt, eben beliebig wird.

  10. mspro sagt:

    Repliken sind immer gerne gesehen! :)

    In der Tat ist die Aufgabe der Gruppenstruktur für meisten Leute am schwersten zu verstehen, denn fast alle emanzipativen Errungenschaften basieren darauf: Demokratie, Einigung, Rechte, Gesetze, etc.

    Ich denke dennoch, dass mehr möglich sein wird, dass wir sogar, ohne es zu wissen, schon längst in eine Gruppenlose Welt auswandern.

    Das ist im Grunde auch das, was fxneumann bei mir attestiert, wenn er meine Vision als unpolitisch klassifiziert. Kann man das noch Politik nennen, wenn man nicht gezwungen wird, sich zu einigen?

    Aber darauf werde ich noch mal gesondert eingehen müssen.

  11. namae sagt:

    hmm bisschen chaotisch geworden, aber was solls:

    „Entscheide, wie du filtern willst, entscheide, welches Bild du dem Anderen gegenüber darstellen willst. Drucks nicht rum, sondern entscheide, damit auch der Andere entscheiden kann, ob er deiner Ethik folgt.“

    Wenn ich ein gezielt gestyltes Bild abgebe, dann habe ich doch schon vor-gefiltert.

    In der Zwischenzeit, meine verehrten Empfaenger, ein bisschen Schleuse-auf Information:
    ==================================
    Fuer Verbot von Kryptosoftware!!!!
    Fuer den staatlich garantiert de-anonymisierenden Internetpass!!!!
    ==================================

    „Die Kriterien deines Lebens sind nämlich die Filterkriterien des Anderen. Bilde deine Ethik also frei von Zwängen aus.“

    Ich nehme an, dass „die Kriterien deines Lebens“ = „deine Ethik“?

    „dass innerhalb unserer Informationsethik ein Mehr an Information immer wünschenswert ist.“

    Aus Gruenden der Schleusen-auf Informationspolitik sehe ich mich dazu veranlasst, mein /dev/random auf dieses Kommentarfeld hier umzuleiten. Viel Spass beim Krebs heilen dann noch. ;)

    Ok, man kann mich ja filtern, und versuchen, das /dev/random vom rest zu trennen.
    Aber du hattest doch an mich appeliert, nicht vorzufiltern?

    Eigentlich….
    Eigentlich glaube ich, dass man zu den Appellen noch hinzufuegen koennte: Kommuniziere klar. Kommuniziere so, dass Missinterpretation mit grossen Muehen verbunden ist.

    Vielleicht ist ein Teil des Problems, dass Kommunikation ueber Web doch nicht so effizient ist.

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  13. mspro sagt:

    Ein ungestyltes bild gibt imho gar nicht. Also ist die beste, ungefiltertste schicht, die du anzubieten hast erstmal die beste. Wenn es neurolesetools gibt reden wir noch mal ;)

    Bisdahin ja:lebe deine ethik, wie es dir gefällt. Indem du das tust appellierst du bereits und gibst gleichzeitig filterkriterien.

    Dev/random ist wohl recht zuverlässig filterbar.;)

    Zum missverstanden werden: das ist ein notwendiger teil jeder form von kommunikation. Ich sehe weder einen grund noch eine möglichkeit das zu ändern.

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  18. adrian oesch sagt:

    erstmal danke. ich mage deine texte, sie sind eine herausvorderung meiner kognitiven fähigkeiten ;)

    inputs meinerseits.

    – deine thesen zur neuen öffentlichkeit erinnern mich stark an die theorie des konstruktivismus. jeder hat eine eigene wahrnehmung der realität durch den eigenen individuellen filter, somit gibt es so viele „wahrheiten“ wie es menschen gibt. jeder kann abfragen was er will, er konstruiert sich seine realität selber zusammen. filter existieren nicht nur online, sondern sind auch offline schon lange erwiesen, aber das geht dann schon tief in die wahrnehmuns- & neurowissenschaften.

    – wenn ich dich richtig verstehe, versuchst du den begriff öffentlichkeit neu zu definieren, als masse der individuellen wahrnehmungen der informationen, oder anders formuliert, als die masse aller filter, in dem sinne, dass jeder mensch einen filter ist/hat.
    da bis jetzt aber immer von einer gesellschaftlichen öffentlichkeit als ganzes gesprochen wurde, verwirrt mich das ziemlich. dann müssten wir über individuelle öffentlichkeiten reden etc. wäre es nicht möglich den begriff öffentlichkeit als pool aller informationen zu sehen, die im internet ja auch alle zugänglich/ sprich „abfragbar“ sind. dass dann jeder seinen eigenen filter einbaut, hat mit der individualität der menschheit zu tun und deren verschiedenen wahrnehmung der welt.

    – kennst du die theorien des groupthink? geht auch genau in die richtung. man soll keine informationen zurückhalten, weil man nie weiss, was diese in kombination mit informationen, die ein anderer evt. verschweigt, für schlüsse zulassen. du verlangst eigentlich ein „pooling“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Gruppendenken). sehr sympathisch!

  19. Tim sagt:

    Ich halte das für schwierig, weil ein monolithischer Kulturbegriff unterstellt wird. Ein Beispiel: Ich übe eine Nischensportart aus, die in den USA die Freizeitbeschäftigung vornehmlich von Afroamerikanern ist, bis hin zu einer eigenen „Kultur“. Hiwerzulande läuft das relativ unabhängig von dem Status in den USA. Dies internetöffentlich zu machen, hat erstmal keine Konsequenzen, interessiert kaum jemanden. Nur: Wenn das meine Geschäftspartner und -freunde aus den USA erfahren, würde das zu Irritatonen führen, die die Arbeitsathmosphäre belasten würde, wenn es nicht sogar sich negativ auf meinen Erfolg im Job auswirken würde.

    Kann man natürlich als Problem der weissen Mittelschicht in den USA mit der schwarzen Bevölkerung interpretieren, zeigt aber, dass eine Gesellschaft, schon gar nicht über Länder- und Kulturgrenzen hinweg so radikal segmentiert sein kann, dass es autonome Einheiten sind. Die Spannungspunkte ergeben sich, wo Grenzen überwunden werden.

    Da erwarte ich noch eine Antwort drauf. Mir scheint, dies ist eine Herausforderung für jemanden, der sich wie mspro sehr in einem bestimmten Milieu bewegt.

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  22. Dani sagt:

    Der US-Geheimdienst hat das Recht des Anderen, von meiner Überweisung an die Piratenpartei zu erfahren – Swift. Denn diese Information ist weder gut noch böse.

    Denn der US-Geheimdienst braucht Information, damit ihre Drohnen die „Richtigen“ trifft. Warum sollten nach den Taliban nicht die schwedische Piratenpartei die nächsten sein, die es aus der Sicht des US-Geheimdienstes lohnt, gegen alle Menschenrechte einfach mal kurz zu beseitigen. Drohnen auf all die, die das politische und wirtschaftliche Interesse der USA gefährden.

    Mir macht das radikale Recht des Anderen an meinen Daten Angst. Denn ich weiß nicht, warum diese Daten für den Anderen relevante Information darstellt und was für Auswirkungen die Schlussfolgerung des Anderen auf mich haben könnten. Ich vertraue meinen Freunden und Familie mehr als dem US-Geheimdienst. Du nicht?

    Wer kann mal ein Link posten, aus dem die Bedeutung der Meldeämter bei der Judenverfolgung im Dritten Reich hervorgeht.

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  24. Pingback: Postdramatiker - Recht des Anderen? Übermensch? Öffentlich und Privat taumelt an den Abgrund.

  25. Sören Bindinger sagt:

    Hallo,
    ich glaube fast, dies ist eine lesenswerte Seite – nur so schlecht „accessible“, dass ich mir das lesen heute mal spare.

    Kein Mensch denkt mehr an Menschen mit suboptimalem Augenlicht, oder?

    Hellgrün auf weiß, oder umgekehrt? Ich hoffe, es geht Ihnen sonst gut …

  26. Raventhird sagt:

    Zwei Anmerkungen:

    „Hannah Arendt – das sollte man vorweg sagen – gebührt das Verdienst, den Menschen als erste als im Kern soziales Wesen gesehen zu haben.“

    1. Das ist – Entschuldigung – kompletter Unsinn. Die Sicht auf den Menschen als „zoon politikon“ ist so alt wie die Aufzeichnungen zurückreichen. Vermutlich gab es sogar schon vor Aristoteles und tausende Jahr vor Christus ne Menge Leute, die den Menschen als soziales Wesen definierten.

    2. Was mir wirklich wichtig ist, hingegen: Du machst in diesem Artikel 2 verschiedene Wege auf, zu einer „neuen Öffentlichkeit“ zu kommen bzw. diese neue Öffentlichkeit zu fassen zu bekommen. Einen der Wege im Artikel selbst, einen in den Kommentaren. Und der erste ist ziemlich obsolet, der zweite gruselig.

    2.1. Der erste Weg heißt: Entscheide, was Du preisgibst, was Du darstellst und sei es.

    „Entscheide! Es ist ein Appell an die Freiheit. Entscheide, wie du filtern willst, entscheide, welches Bild du dem Anderen gegenüber darstellen willst.“

    Einer der Vorkommentatoren merkt an: Das ist doch schon ein Filter. Richtig, das ist er. Und zwar einer, der schon seit Jahrhunderten Menschen und Kultur zusammenhält. Das ist keine Forderung, sondern der IST-Zustand, die Grundlage aller Kunst, Politik und allen gesellschaftlichen Miteinanders. Wenn man das jetzt seit ein paar Jahren im Netz auf seinem Facebook und Twitter-Kanal durchführt: Wo genau ist denn die Neuerung? Gesellschaft wurde schon immer „von Rezipienten her“ gedacht, anders ist ein soziales Zusammenleben gar nicht möglich und anders entstehen ,Ausdrucksformen‘ kultureller Art gar nicht erst.

    2.2. Dann zeigst Du in den Kommentaren aber plötzlich einen zweiten Weg und der lautet:

    „Also ist die beste, ungefiltertste schicht, die du anzubieten hast erstmal die beste. Wenn es neurolesetools gibt reden wir noch mal ;)“

    Und hier fängt das, was Du entwirfst, an, wirklich graufenhaft zu werden. Jeder soll also die ungefiltertste Schicht permanent absondern, die er zu bieten hat? Das klingt nach einer technokratischen und emotionslosen Dystopie, in der Menschen zu Maschinen verkommen, die permanent ohne irgendwelche Filter Informationen senden in dem guten Glauben, dass derjenige, der sie empfängt, schon was gutes damit anfangen kann und wird („Krebs heilen“). Ich muss vehement widersprechen: Gerade die Filterung, die Verzerrung, die Selbstzensur, die Zurückbehaltung von Informationen ist das, was das Leben spannend macht und ist das, was Beziehungen, Kunst, Literatur, Politik und alles andere erst ermöglicht. Information muss gefiltert, codiert und am Ende von anderen wieder decodiert werden. Ansonsten sind wir nur Maschinen und Lesegeräte in einer ziemlich traurigen und komplett langweiligen Existenz.

  27. mspro sagt:

    Raventhird – In der Tat. Das ist alles noch etwas unsauber. Ich bin da auch noch nicht so recht sicher, wie ich das aufdrösele. Ähnliche Kritik kommt vom postdramatiker: http://postdramatiker.de/blog/2010/10/16/recht-des-anderen-ubermensch-offentlich-und-privat-taumelt-an-den-abgrund/

    Das alles greift aber nicht den von mir beschriebenen Paradigmenwechsel an, aber klar, das ist eine Leerstelle. Ich werde da noch mal gesondert drauf antworten müssen.

  28. mspro sagt:

    Sören Bindinger – Meine These von der Filtersouveränität ernst genommen, hieße Accessibilty, dass ich nur alle Informationen Maschinenlesbar zur Verfügung stellen muss, alles andere müssen ihre Lesewerkzeuge selber stemmen. (Da gibt es sicher bereits Browserplugins, die das Design für jede Sehschwäche optimieren)

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  30. Raventhird sagt:

    Übrigens noch dritte Anmerkung: Schön, dass es dieses Blog wieder gibt und dass mal mal wieder Artikel kommentieren und lesen darf, die über „Social Media und Blogs sind ja generell großartig“ und „Facebook hat da ne tolle neue Funktion, die die Verlage verändern wird“ hinaus geht ;).

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  33. V. Ohneland sagt:

    Nicht dass ich das jetzt alles verstanden hätte, so tief stecke ich nicht in der Materie. Nach Lesen des Blogbeitrags vom Postdramatiker möchte ich aber anmerken, dass ein großes Problem beim Recht des Anderen zum Filtern meiner Informationen zu sein scheint, dass hier Macht und Asymmetrie in der Gesellschaft als Dimension vollkommen ausgeblendet wird. Alle (Menschen z.B.) über die es relativ wenig zu wissen gibt, was in Daten ausdrückbar ist, stehen jene (Firmen, Staaten etc.) gegenüber, über die es ungleich mehr zu wissen gäbe. Deiner Linie folgend hieße das wohl, dass ich als Einzelner über ungleich größere Filterkapazitäten verfügen müsste, um in dieser Asymmetrie bestehen zu können. Die Chancen, meine Informationen warum auch immer filtern zu können dürften aber steigen, je mehr Daten der Andere selbst hat und je bessere Filter er hat.

    Nicht menschliche Akteure einbezogen sind wir keine Gesellschaft von prinzipiell Gleichen, die sich lediglich gegenseitig in die Fenster gucken könnte. Bestehende (auch ökonomische) Macht in der Gesellschaft schlägt sich auch dort nieder, vielleicht tatsächlich in der banalen/existenziellen Frage, ob ich einen Job bekomme oder nicht.

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