Wie passen Identität und Kontrollverlust zusammen?

Als ich vorgestern ein eigenes, kleines Kontrollverlusterlebnis durchmachte, reagierte ich, so musste ich mir hinterher eingestehen, panisch. Panischer jedenfalls, als es der Situation angemessen gewesen wäre.

Was hätte schließlich schon passieren können? Ein Angreifer hätte meine Direct Messages auslesen und ansonsten nur herumrandalieren können: bescheuerte Tweets schreiben, Leute follown und entfollwn oder blocken. Richtig ownen kann er meinen Account nicht, denn um mein Passwort zu ändern, müsste er ja das alte haben. Und so hätte der Angreifer nichts anstellen können, was man nicht in wenigen Minuten wieder hätte rückgängig machen können.

Dennoch würde ich sagen, dass meine Reaktion eine normale ist. Sie ist jedenfalls typisch für die Reaktion auf einen Kontrollverlust und sie ist somit auch die Erklärung für die Emotionalität der Debatte, die darum geführt wird. Aber das alles ist ja nicht neu.

Nein, ich habe nie und würde auch nie sagen, dass ich ein besonders entspanntes Individuum bin, vor allem nicht gegenüber dem Kontrollverlust, auch wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte. Ich spreche hier nicht als Superheld, dem das alles nichts anhaben kann, sondern als jemand, der glaubt, dass nach der emotionalen Reaktion eine sachlichere, rationalere Herangehensweise geboten ist. Der selbst (nicht das erste Mal) eine solche Situation durchlebt und weiß, dass das alles im Grunde gar nicht so dolle wehtut, wie man es sich vorher ausmalt. Und der deswegen nach dem besten Umgang mit statt den besten Verhinderungsstrategien gegen diese Dingen sucht.

Zum Analysieren der eigenen Reaktion bietet es sich an, sich zu vergegenwärtigen, wovor man sich eigentlich gefürchtet hat. In meinem Fall war es nicht das Einbrechen in einen intimen Bereich (Privacy), sondern das Stehlen der Identität. (Was, wie ich noch erläutern werde, nicht so weit von einander entfernt liegt)

Zu sprechen, ohne sprechen zu wollen. Nicht mehr die Kontrolle über das kommunizierende Selbst zu haben. Eingesperrt sein in der eigenen Identität, die tut, was sie will. Das ist nichts weniger als der Horror der Verrücktheit. Der ist gar nicht so weit weg, wenn der Twitteraccount anfängt zu sprechen und man diesen als einen nicht unwesentlichen Teil seiner Identität begreift.

Auch wenn der Twitteraccount @stefaniggemeier nicht bösartig geführt wurde, sondern nur Stefan Niggemeiers Texte und später auch Texte über ihn verbreitete, kann ich verstehen, dass es Niggemeier nicht kalt gelassen hat, dass da jemand unter seiner Identität spricht.


[Link]

Auch was mich bei der Niggemeier vs. Dumont-Affäre am meisten interessiert, ist die Rolle der Identität. Die vielen (vermeintlichen) Neven DuMonts, die da einen vielstimmigen Streit in den Kommentaren ausfochten, haben noch etwas belustigendes. Was wir aber, sicher aus einigen Konventionen heraus – nicht akzeptieren, ist die Nichtzurechenbarkeit der Äußerungen.

Hier muss man differenzieren: Es war eben nicht nur ein Pseudonym, das hier für Verwirrung sorgte (das ist allgemein – auch von Stefan Niggemeier – akzeptierte Realität), sondern die Zurechenbarkeit selbst war gestört. Identität – hier im Netz – orientiert sich zumindest im Alltag an eindeutiger Referenzierbarkeit. Es ist egal, ob es eine Personalausweisidentität ist, die im Blog kommentiert, oder ein „mspro“, so lange der eine Kommentar von „mspro“ auch vom selben Autor wie dem anderen Kommentar von „mspro“ zugeordnet werden kann.

Identität ist ein Zuordnungs- und Filterkriterium, das einerseits die Konsistenz der Kommunikation sichert, als auch Aufhänger für Eigenschaften, Meinungen und Weltbilder dient und ja: auch für Reputation, das heißt auch Vertrauen, Kredit und so weiter. Diese Möglichkeit hat DuMont (sollte er es gewesen sein) verletzt, was ihm von einigen übel genommen wurde.

Christian Heller hat in seinem vor einem Jahr vorgetragenen Talk „Identity Wars“ die These vertreten, dass sich in der Nach-Web2.0-Ära die Identität ganz auflösen werde und sich die Bewusstseine der Kommunikationsteilnehmer in einer diffusen Internet-Wolke auflösen. 4chan, ein Forum in dem alle Inhalte nur unter dem einen Namen „Anonymous“ gepostet werden und hinter dem sich also eine unbekannte aber offensichtlich riesige Masse an Menschen verbirgt, sieht er als Vorläufer dieser Entwicklung.

Ich glaube da nicht wirklich dran. Denn, wie ich nicht müde werde zu betonen, ist die Macht zunehmend bei dem Konsumenten von Information angelangt, der mit den fortschreitenden Fähigkeiten seiner Filter (oder Querys) immer sicherer durch den Informationsozean pflügt. Und die Mächtigkeit der Filter erfordert gute Filterkriterien. Und wie ich eben schon andeutete, ist Identität ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Filterkriterium überhaupt. Ganz egal, was Roland Barthes über den Tod des Autors oder Michel Foucault über die Autorenfunktion gesagt haben, die Identität der Quelle hat sich nach wie vor, als wichtigstes Kriterium bewahrt, wenn auch nicht als einziges.

Egal, ob ich Blogs abonniere oder Menschen bei Twitter followe, selbst, wenn ich eine Zeitung abonniere: Identität (im Sinne der Wiedererkennbarkeit, Zurechenbarkeit und Persistenz einer Quelle) ist das wichtigste Filterkriterium. Auch beim bloßen Bewerten von Information ist es immer sehr wichtig, wer etwas gesagt hat. Dazu ist dieses Kriterium extrem gut zu personalisieren. Nicht nur der SPIEGEL ist für mich eine sichere Quelle. Mein Freund, der sich auch auskennt und dem ich persönlich vertraue, ist eine noch viel bessere Quelle. Subjektiv.

Identität spielt also für die Filtersouveränität eine herausragende Rolle.

Identitätsklau, Identitätsverschleierung etc. ist so gesehen ein ernstzunehmendes Problem für eine positive Zukunftsvision in Zeiten des Kontrollverlusts. Denn es ist ja eben nicht nur der Eine, der beklaut wird, sondern auch der Andere, denn vergessen wir nicht, es ist seine Filtersouveränität, um die es geht.

Und genau hier liegt das Problem, bei dem ich stecken geblieben bin und der mit ein Grund ist, warum auf diesem Blog so lange nichts passiert ist.

Denn hier reentryen wir zurück, mitten in den Kontrollverlust. Denn natürlich ist der Identitätsklau wiederum Teil des Kontrollverlustes. Mehr noch: die Angst, vor dem Klauen der Identität ist eng verwandt mit der Idee des Datenschutzes. In beiden Fällen geht es um Identität und Reputation. Nur bei dem einen als geheime Wahrheit und bei dem anderen als öffentliche Lüge. Outing und Identitätsklau sind quasi Schwestern.

Konstantin Neven DuMont nutzte die identitäre Freiheit des Internets, um sein vielstimmiges Theaterstück in Niggemeiers Kommentaren aufzuführen. Erster Kontrollverlust. Niggemeier nutze die Verknüpfungen von DuMonts Daten, um seine geheim geglaubte Identität auffliegen zu lassen. Zweiter Kontrollverlust.

Meine vurlgärsalomonische Antwort, dass ich sowohl für ein Recht zu lügen bin, als auch für das Recht, eine Lüge aufzudecken, ist mir selbst als sehr unbefriedigend aufgestoßen.

Wahrheit und Lüge. So bitter es ist: hier sind wir angelangt. Hier müßten wir die Trennlinie ziehen, wenn wir sie ziehen wollten, um die Legitimität von Identität für die Zukunft zu sichern. Eine merkwürdige, längst überholte Grenze. Eine unangemessene, dazu.

Identität, so sehr sie gerade derzeit als wichtig erscheint, ist nur unter dem Preis eines überkommenen Wahrheitsbegriffs zu haben. Die Alternative wäre aber freischwebende Information, die vollkommene Autorenlosigkeit, ohne Kredit als Ansatz der Filterung. Oder nicht?

Vielleicht hat Christian Heller also doch recht. Vielleicht ist die Notwendigkeit der Identität nur ein weiteres Filterproblem, dass sich demnächst erledigt haben wird.

Heute schon sehen wir beispielsweise in der Entwicklung von RSS-Readern hin zu Twitter eine Verschiebung, die ein wenig in diese Richtung zeigt. Bei RSS abonniere ich direkt Blogs, meist, um an den originären Content eines Autors zu kommen. In Twitter wird viel mehr externer Content per Link verbreitet. Auf Twitter spielt also weniger die Reputation einer Autorenidentität, sondern die einer Filteridentität eine Rolle. Ist dies schon ein erster Schritt in die postindentitäre Sphäre?

Ich habe die Antworten auf all diese Fragen noch nicht für mich beantwortet. Sie liegen tiefer noch in der Frage nach dem Kredit selbst vergraben, wie mir scheint. Wer oder was ist eines Kredits würdig? Eine Frage, die es in sich hat und die weit über die Netzdiskussionen hinaus geht. Vielleicht aber auch die Frage, wo es erst richtig spannend wird.

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10 Kommentare zu Wie passen Identität und Kontrollverlust zusammen?

  1. Lies mal Haarison C. White, Identity & Control. Das hilft.

  2. MasterGoba sagt:

    Vielleicht wird Dich in diesem Zusammenhang der Film „Unknown“ mit Liam Neeson interessieren, der 2011 ins Kino kommen wird.

    Wenn man die schreibende Person, ihre Denksphäre und auch ihre „Macken“ schon einigermaßen gut kennt, sollte es nicht schwerfallen, den echten Urheber zu erkennen. Deine Antwort auf meinen Kommentar zu dem erwähnten Erlebnis konnte ich daher mit einiger Sicherheit Dir zuordnen ;) Das Problem ist ja das Gros der unvorbereiteten Rezipienten, die für bare Münze nehmen müssen, was da nun mal steht, egal ob es von Dir gedacht und geschrieben wurde oder auch nicht. Man nicht hinterherrufen, dass man das gar nicht geschrieben hat. Gelesen ist gelesen. Und eine Meinung ist gefasst.

    Meine Meinung dazu.

    • Jens Best sagt:

      Hmm, sieht nach nem guten Actionmovie aus, aber an dieser Stelle wil ich nochmal auf einen SciFi-Roman hinweisen, der, besonder im ersten Teil, die Thematik „Filtersouveränität“ perfekt bespielt.

      Charles Stross „Accelerando“

  3. In der Datenschutz- und Anonymisierungszene spricht man gerne von Verkettbarkeit. Damit ist gemeint, daß man eine Folge von Internetzugriffen einer Identität zuweisen kann, der man dann eine wie auch immer geartete Reputation unterstellt.

    Dabei ist nicht zwingend notwendig, daß der sichtbare Name der reale Name einer Person ist oder daß der reale Name aus dem sichtbaren Namen ableitbar ist. Es ist auch nicht notwendig, daß für zwei aufeinander folgende Zugriffe derselbe Name verwendet wird.

    Beispiel aus dem Alltag: Ich verwende zum Beispiel als Mailadresse in Blogs und bei Bestellungen gerne kris-tagname@koehntopp.de, und obwohl das immer unterschiedliche Adressen sind, sind sie der Identität „Kris“ zuzuordnen.

    Für ein Filterkriterium wird noch etwas mehr gefordert, nämlich die maschinelle Erfaßbarkeit aller Namen einer Identität, sodaß man einen Filter bauen kann, der alle bisher und zukünftig verwendeten Namen einer Identität erfaßt.

    Damit kann man vom Namen auf die Identität schließen, aber immer noch nicht den von einer Identität als nächstes verwendeten Namen (werde ich kris-mspro@…, kris-seemann@… oder kris-ctrlverlust@… verwenden, um hier im Blog das nächste mal zu posten?).

    Und dann kann man schrittweise weiter einschränken, bis man irgendwann beim elektronischen Personalausweis oder bei DE-Mail ankommt.

    Siehe auch Andreas Pfitzmann, Marit Köhntopp: Anonymity, Unobservability, and Pseudonymity – A Proposal for Terminology; in:H.Federrath (Ed.): Designing Privacy Enhancing Technologies; Workshop on Design Issues in Anonymity and Unobservability, July 25-26, 2000, Intern. Computer Science Institut (ICSI), Berkeley, CA,LNCS 2009, Springer-Verlag, Heidelberg 2001, 1-9

    http://dud.inf.tu-dresden.de/Anon_Terminology.shtml

  4. Ob wir durch Verschiebung von der Autoren- zur Filteridentität in eine postidentitäre Sphäre (oder Phase?) gelangen? Ich denke nein und zwar aus folgender Erwägung

    Die Trennung zwischen Autor- und Filteridentität halte ich für überbewertet bis obsolet. Eigentlich gibt es sie nicht wirklich. Ein Autor filtert im Publikationsvorgang seine Gedanken, die ja letztlich aber auch nur ein Filterergebnis von Wahrnehmungen, daraus entstehenden Erfahrungen und Schlüssen/Bewertungen sind. Sprich: Es ist in gewisser Hinsicht alles ein sich stetig rückkoppelnder Filterkreis (aus Kontrollverlusten, um in Deiner Terminologie zu bleiben), ein echter Ursprung, echte Autorenschaft in dieser Hinsicht problematisch. Ist dies Postidentität? Auf einer gewissen Ebene ja. Aber wohl eher rein akademisch. Denn am Ende steht beim Rezipienten immer die Wahrnehmung einer Quelle, sei sie ein Pseudonym, eine natürliche oder juristische Person, eine Site oder „das Netz“). Und diese Quelle wird schon aus pragmatischen (Komplexitätsreduktion, gedankliche Begriffsbildung zur Einordnung etc.) Gründen rezipientenseitig eben klassifiziert und somit mit einer Identität versehen. Das einzig postidentitäre dadran ist, daß es eine stärkere Divergenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung von Sende- und Empfangsidentitäten (oder -entitäten?) geben kann.

  5. uniquolol sagt:

    Wer Näheres über Identität wissen will…

    Eine kleine Einführung:
    „Identität, Identitätsdiffusion, Identitätsstörung“ – Prof. Dr. Michael Ermann
    http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2010/ermann_m.pdf

  6. mich befriedigt der begriff „identität“ hier nicht. vieles von dem, was du meinst, lässt sich eher mit so etwas wie „konsistenz einer stimme“ beschreiben. überhaupt bin ich der meinung, dass David Weinbergers „stimme“ als durchaus komplexes webtheoretisches konzept viel mehr herangezogen gehört. (damit sind wir dann auch gleich viel näher an Foucault.)

  7. mspro sagt:

    Martin – Es gibt ca. drölfmilliarden Identitätstheorien und Konzepte. Ich hätte es eh nie allen recht machen können.

    Deswegen mein Rückzug auf Identität als stabile, d.h. wiederholbare Referenz. Ich finde, das ist die Basic-Definition und hoffentlich satisfikationsfähig. Und die reicht ja schon, um in’s schlingern zu geraten.

    Weinbergers „Stimmen“-Konzept kenne ich nicht. Hört sich interessant an. Kannst du mir einen Buchtitel nennen oder ein paar Links liefern?

  8. Salome sagt:

    wenn schon identität und digitalisierung, dann dies als tipp: http://www.amazon.de/Digitale-Identit%C3%A4ten-Stephan-Humer/dp/3981141733/

    lg

    sal

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