Ego: die eierlegende Wollmilchsau des Bösen

Dieses Blog gäbe es ohne Frank Schirrmacher nicht. Er schlug mir vor, für die FAZ zu bloggen. Ich dachte mir ein Konzept aus und legte los: der CTRL-Verlust war geboren. Der Rest ist Geschichte. Auf eine gewisse Art war der CTRL-Verlust auch immer eine kontinuierliche Antwort auf die Thesen in Schirrmachers Buch Payback. Antworten, die Schirrmachers Thesen nicht negierten, sondern umdeuteten – versuchten, das emanzipative Potential aus dem Kontrollverlust herauszuarbeiten. Payback war kein gutes Buch, aber zu seiner Zeit ein wichtiges (Hier meine damalige Rezension). Nun ist der Nachfolger erschienen, das nächste Schirrmacherbuch, der nächste Hype: “Ego – Das Spiel des Lebens“.

In gewisser Weise knüpft Ego tatsächlich inhaltlich an den Vorgänger an. Immer noch geht es um die Algorithmen. Immer noch werden wir fremdbestimmt von den Maschinen, diesmal aber nicht mehr abstrakt, sondern konkret. Schirrmacher hat sich Algorithmen herausgepickt, die er für unsere derzeitige Situation verantwortlich macht: die Algorithmen, die auf der Spieltheorie aufbauen und vornehmlich in der Finanzwirtschaft zum automatisierten Handel verwendet werden. Und wenn er es dabei belassen hätte, dann hätte auch ein vernünftiges Buch bei herauskommen können. Aber Schirrmacher reichte das nicht.

Das Buch

Im Gegensatz zu Payback folgt Ego einem Plot. Es wird die Geschichte vom Aufstieg eines Algorithmuses erzählt. Dieser Algorithmus – Schirrmacher nennt ihn anthropomorphisierend “Nummer 2″ wird uns zunächst als Spieltheorie vorgestellt. Im kalten Krieg soll sie wesentlich dazu beigetragen haben, die Sowjetunion zu besiegen (unbelegte These). In den 90ern wurde die Spieltheorie von den nun arbeitslosen Wissenschaftlern in die Finanzwirtschaft getragen. Spezielle Analysten – die Quants – entwarfen die entsprechenden Algorithmen aber “Nummer 2″ geriet außer Kontrolle, was auch irgendwie mit der Finanzkrise zu tun habe (was genau, das wird nie so recht klar). Heute, mit dem Internet und Google, Facebook, Amazon und Big Data, so Schirrmacher, sei “Nummer 2″ allgegenwärtig. Unsere ganze Welt wird nach “Nummer 2″s Bedürfnissen hin umgestaltet. Und nicht nur das: wir selbst werden zu “Nummer 2″, wir selbst hätten sein Wesen verinnerlicht und handelten zunehmend nach seinem Plan.

Um es gleich zu sagen: Ego ist ein schlechtes Buch. Es ist sogar ein sagenhaft schlechtes Buch. Es ist schlampig recherchiert, Wissen wird kaum vermittelt und es ist bis ins Mark unredlich, manipulativ geschrieben. Schirrmachers Duktus wirkt über das ganze Buch wie die bemühte Einflüsterung eines Paranoikers, ein viertel des Buches ist reine Redundanz: gebetsmühlenhafte Wiederholung immer der selben Geschichte. Das Buch ist auf Suggestion, statt auf Evidenz ausgelegt und man hat sofort das unangenehme Gefühl, dass der Autor es nicht ernst mit einem meint.

Inhaltlich ist es voller sachlicher Fehler, Verzerrungen und manipulativer Fehlschlüsse (was zu zeigen sein wird), statt Argumenten wird ein breiter He-said-she-said-Flickenteppich ausgerollt; zusammenhanglos, bloß keine Verantwortung übernehmen. Das Buch ist geschrieben, um diffuse Ängste vor Rationalität und Technik zu schüren, vor Entfremdung, vor Identitätsverlust. Es steht damit keinesfalls in einer linken Tradition, sondern vielmehr der, der konservativen Revolution.

Die Nummer 2-Verschwörung

Das Hauptaugenmerk des Buches scheint Schirrmacher darauf verwendet zu haben, ein Feindbild aufzubauen. Wirtschaft ist komplex, Politik auch. Wer Zustimmung ernten will, braucht ein Feindbild, das für alles, was irgendwie schief läuft, verantwortlich gemacht werden kann. Einen Punkt, auf den der Leser seine Angst und seine Wut konzentrieren kann und ihn nicht mit lästiger Komplexität konfrontiert.

Schirrmacher lässt keinen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist. “Nummer 2″ ist kurz davor die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wahrscheinlich bist auch Du schon betroffen:

“Man kann die Türen verbarrikadieren, die Fenster schließen, Nummer 2 drängt sich noch schnell herein. Nummer 2 folgt uns wie ein Schatten und nimmt uns die Sonne. Nummer 2 ist die Sonne und sagt: Schau, wie schön ich leuchte. Nummer 2 trifft Entscheidungen für uns, macht Deals, schaut in die Zukunft, lobt uns, beschenkt uns, bestraft uns. Und vor allem: Nummer 2 wettet auf uns und setzt dabei immer öfter unsere Existenz aufs Spiel. Er fängt leider an, ein Monster zu werden.”

Auffällig ist Schirrmachers Drang, “Nummer 2″ zu anthropomorphisieren:

“Bei seinem ersten Auftreten war Nummer 2 buchstäblich eine Maschine, die aussah wie ein Mensch. Sie rechnete da allerdings nicht, sondern spielte Flöte oder Klavier.”

“Von allen diesen Entwicklungsstufen stecken Reste der DNA im Erbgut von Nummer 2. Er ist technisch, aber auch spiritistisch, er rechnet wie eine Maschine und sieht Dinge voraus wie ein Medium.”

Was auch immer dieses “Nummer 2″ ist, es ist dabei die Macht zu ergreifen. Keine Frage: “Nummer 2″ ist Dein Feind:

“Nummer 2, der analysierende Algorithmus, und das digitale Du (man selbst), Nummer 1, stehen sich gegenüber wie die USA und die Sowjetunion im Kalten Krieg.”

Es wird schnell klar: wir sollen Angst bekommen, vor dieser “Nummer 2″. Doch was ist “Nummer 2″ eigentlich? Das wird im Laufe des Buches immer unklarer. Zunächst ist es ein Finanzalgorithmus, der auf der Spieltheorie fußt, dann aber Automaten im Barock, bald steht “Nummer 2″ für den Neoliberalismus. Irgendwann steht es sogar für Social Media, als nächstes für evolutionsbiologische Thesen, Amazons Empfehlungsalgorithmen und dann wieder für Algorithmen im Allgemeinen. Manchmal meint Schirrmacher damit die Wirtschaftswissenschaften als ganzes oder den Egoismus, schließlich ist “Nummer 2″ synonym für Big Data, dann für Mr. Hyde und an anderer Stelle für Automation oder Effizienz. “Das ist alles das gleiche”, versucht Schirrmacher uns weis zu machen. Wir werden das wohl selbst aufdröseln müssen.

Exkurs: Spieltheorie

“Nummer 2″ wird uns zunächst vorgestellt als Spieltheorie. Und über das ganze Buch hinweg bleibt die Spieltheorie auch der Kern des “Nummer 2″-Gespinstes. Auf sie kommt Schirrmacher wieder und wieder zurück, sie ist der Referenzpunkt für seine Thesen. Was Schirrmacher allerdings an keiner Stelle des Buches macht, ist, die Spieltheorie zu erklären. Deswegen ist es sinnvoll hier einen kleinen Exkurs voranzustellen.

Die Spieltheorie ist die formalisierte Entsprechung von Entscheidungssituationen. Stellen wir uns ein Spiel mit zwei Spielern vor: X und Y. Jedem dieser Spieler stehen verschiedene Handlungsoptionen zur Verfügung. Je nachdem, welche er beschreitet, wirkt sich das positiv oder negativ auf die Auszahlungsfunktion aus. Natürlich beeinflusst alles was X tut die Optionen und die Auszahlungsfunktion von Y und umgekehrt. Die Frage, die die Spieltheorie beantworten will, ist nun, mit welcher Strategien sowohl X als auch Y jeweils am besten fahren. Ziel des Spiels ist es für jeden Spieler, ein möglichst gutes Ergebnis in der Auszahlungsfunktion zu erreichen.

Dieser Egoismus ist es, den Schirrmacher immer wieder attackiert. Doch schon hier fängt es an: Natürlich ist der “Egoismus” des formalisierten Spieler nicht moralisch zu verstehen. Ein Spieler will das Spiel gewinnen, natürlich. Aber das Ziel dieses Gewinnes kann absolut altruistischer Natur sein: Man kann damit die Finanzierung eines Waisenhauses sicher stellen oder Spenden an NGO möglichst effizient verteilen. Mithilfe der Spieltheorie lassen sich altruistische Ziele gegen die Ziele egoistischer Mitspieler durchzusetzen – aber natürlich auch umgekehrt.

Es ist also schon mal völlig absurd, ein formales Logik-System zu nehmen, und es als moralische Handlungsanleitung zu lesen. Das ist in etwa so, als würde Schirrmacher die Willensfreiheit des Menschen dadurch bedroht sehen, dass man ihm verbietet durch Null zu dividieren.

Doch nicht nur das. Die Spieltheorie kennt neben der antagonistischen Spielart, bei der die Spieler gegeneinander spielen, auch die Kooperative Spieltheorie. Dort geht es darum, besonders effiziente Strategien der Zusammenarbeit zu finden. Wie das eben ist im Leben: Manchmal hat man gemeinsame Ziele, manchmal widerstrebende. Dass Schirrmacher uns das vorenthält ist kein Zufall, es hätte schließlich nur seine These verwässert.

Das selbe Missverständnis versucht Schirrmacher zu einem der wichtigsten Erkenntnisse der Spieltheorie zu verbreiten – dem Nashgleichgewicht. Er schreibt zum Beispiel:

“[Nash] war es, der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war.”

Was allein schon deshalb kompletter Kokolores ist, weil die Spieltheorie – vor und nach Nash – das egoistische Handeln der einzelnen Spieler bereits als Prämisse vorgegeben hat. Und dass es nicht rational ist “mit abgrundtiefen Misstrauen” und “absoluten Eigennutz” zu spielen, genau das zeigte Nash.

Das Nashgleichgewicht ist ein Zustand im Spiel, in dem jeder Mitspieler eine relativ zu den Strategien der anderen Spieler für ihn selbst optimale Strategie gefunden hat. In dieser Situation macht es für keinen der Spieler Sinn, von seiner Strategie abzuweichen, weil er sich sonst verschlechtern würde. In diesem Gleichgewicht gibt es meist keinen absoluten Gewinner oder Verlierer. Das Nashgleichgewicht anzustreben, heißt den gegenseitig besten Ausgleich für alle Spieler anzustreben, statt the Winner takes it all. Das Nash-Gleichgewicht ist dem absoluten Gewinn meist vorzuziehen, weil seine Erreichung realistischer ist und dem Spieler dennoch genug Nutzen bringt.

Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, dass das Nashgleichgewicht den Beweis erbracht hat, dass Gier und Rücksichtslosigkeit oft keine rationalen Strategien sind.

“Nummer 2″ ist Schuld an der Finanzkrise

Eine der Behauptungen, die im Buch implizit mitschwingen, ist dass “Nummer 2″ – also die bösen Algorithmen der Spieltheorie – auch irgendwie an der Finanzkrise schuld seien. Schirrmacher weiß natürlich, dass das eine kaum zu beweisende These ist, deswegen raunt er uns auch hier wieder nur sein Assoziations- und Metapherngetöse entgegen:

“Was wir mit der Finanzkrise seit 2007 erleben, ist offenbar etwas anderes als ein vorübergehender irrationaler Systemfehler, mehr als der periodische Evergreen von »Systems gone wild«. Man kann nicht einfach Maschinen »abstellen« oder, wie nach Fukushima, eine Energiewende verkünden.”

Oder:

“Computer und Markt haben immer recht, wie sich in großem Maßstab in der Finanzkrise gezeigt hat, auch dann, wenn sie nicht recht haben können.”

Diese These findet keine Fürsprecher in der Ökonomie. Egal an welchen der vielfältigen Brände der Finanzkrise man schaut: House Mortgages, Derivate, versagende Ratingagenturen; überall hat man es mit menschlichen, allzu menschlichen Versagen zu tun: Gier, fehlende Übersicht, Interessenkonflikte, etc. All dies sind aber eben nicht – egal was Schirrmacher uns weiß machen will – rationale Strategien im Sinne der Spieltheorie. Im Gegenteil!

Ich will nicht behaupten, dass, wenn wir alle Transaktionen spieltheoretischen Automaten überlassen würden, die Ökonomie uns holperfrei in eine wundervolle Zukunft fahren würde. Es gibt bereits einige Beispiele, wo Kursstürze und andere Anomalitäten an den Finanzmärkten auf die Algorithmen von High-Frequency Trading Computern zurückzuführen sind. An der Finanzkrise sind aber nachweislich Entscheidungen schuld, die ein rationaler Entscheider so wohl nie getroffen hätte.

Aber Schirrmacher brauchte anscheinend diesen Bezug zur Finanzkrise, um seinen Thesen die nötige Relevanz zu verleihen, da darf man wohl nicht kleinlich sein.

“Nummer 2″ > 9000!

Nach einigen Hundert Seiten voller redundanter und suggestiver Einflüsterungen, wird sich der ein oder andere intelligente Leser immer noch fragen, was das alles überhaupt soll. Wofür steht dieses mit der Zeit immer schwammiger werdende Monster “Nummer 2″ denn nun? Was kritisiert Schirrmacher eigentlich?

Vor allem: Wie schafft es Schirrmacher die Gültigkeit der Spieltheorie so wehement zu leugnen und gleichzeitig ihren jahrzehntelangen Siegeszug zu behaupten?

Der Mensch handelt anders als der Homo Oeconomicus – und somit anders als in der Spieltheorie vorgesehen – damit hat Schirrmacher recht. Die Ökonomen haben mit ihrer Theorie einen Idealzustand eines rationalen Entscheiders ersonnen, der so nie existiert hat. Und auch wenn Schirrmacher uns über sein ganzes Buch hinweg etwas anderes suggerieren will: jeder verdammte Ökonom ist sich dessen bewusst. Im gesamten Buch sucht man deswegen vergeblich nach einem Beleg für die steile These, die Spieltheorie würde dafür verwendet, menschliches Verhalten vorherzusehen. Wahrscheinlich aus gutem Grund: diese Vorhersagen wären sehr schlecht und die Anbieter solcher Prognosen schnell weg vom Markt. Denn in der Tat eignet sich die Spieltheorie nicht, um menschenliches Verhalten lebensecht zu simulieren.

Dennoch gibt es Einsatzzwecke für die Spieltheorie, denn es ist nichtsdestotrotz sinnvoll, rationale Entscheidungen zu treffen. Wenn man mit Aktien handelt zum Beispiel. Ich bin kein Homo Oeconomicus, aber ist es deswegen ein Fehler, Trading-Algorithmen einzusetzen, die im Gegensatz zu mir selbst rationale Entscheidungen treffen können? Schirrmacher stellt diese Frage nicht explizit, aber man könnte glauben, dass sie in der Kritik an “Nummer 2″ implizit drinsteckt. Weil der Homo Oeconomicus kein gutes Modell des Menschen ist, sei es falsch, mit seiner Hilfe Transaktionsentscheidungen zu tätigen? Das kann man zwar behaupten, dann sollte man aber seine Kritik konkretisieren (wo geht was schief und warum?) und möglichst Alternativen aufzeigen (wie kann man bessere Entscheidungen treffen?). Das aber interessiert Schirrmacher nicht. Ihm geht es um etwas anderes.

Schirrmachers rhetorischer Hütchenspielertrick ist es, diese Unterscheidung gar nicht zu machen; die zwischen der Verwendungsmöglichkeit 1. Ich versuche per Algorithmus eine bessere und schnellere Entscheidungsfindung für Transaktionen zu bekommen und 2. ich versuche menschliches Verhalten aufgrund von Modellen zu verstehen. Ersteres geht mit der Spieltheorie ganz hervorragend, zweiteres eher nicht. Schirrmacher tut aber so, als gäbe es da gar keinen Unterschied und subsumiert beide Verwendungsarten unter seinem Sammelbösewicht “Nummer 2″.

Natürlich gibt es auch in der Wirtschaftswissenschaft Ansätze, den Menschen in seinem Handeln verstehen zu wollen, statt sich ein idealisiertes Modell von ihm zu machen. Einer dieser Ansätze ist der Behaviorismus. Das weiß Schirrmacher auch, wenn er schreibt:

“Natürlich war Spieltheorie nicht alles. Eine Geschichte, die das Entstehen der neuen Rationalität erzählt, müsste auf die behavioristischen Ideen B. F. Skinners eingehen, die heute das Design der Plattformen von Google und Facebook auf der Oberfläche mehr bestimmen als die Spieltheorie: »Tue dies« – »Bekomme diese Belohnung«.”

Schirrmacher wirft irriger Weise den Behaviorismus mit der Spieltheorie in den “Nummer 2″-Topf, obwohl sich dahinter vollkommen widerstrebende Ansätze versammeln. Der Behaviorismus wird erklärtermaßen in Konkurrenz zum Homo Oeconomicus verstanden. Es geht hier darum, zu untersuchen, wie menschliche Entscheidungen auf Reiz-Reaktions-Muster basieren. Damit lässt sich menschliches Verhalten oft viel besser erklären als durch die Annahme von rationalen Schlussfolgerungen. Schirrmachers Kernvorwurf an Nummer 2, auf Rationalismus und Egoismus programmiert zu sein, trifft also auf den Behaviorismus überhaupt gar nicht zu. Es ist völlig absurd, den Behaviorismus mit der Spieltheorie in einem Begriff zu subsumieren und es die Entstehung der “neuen Rationalität” zu nennen.

Als wäre das alles noch nicht genug, wird in die krude “Nummer 2″ Suppe wird dann noch mit dem wichtigsten Buzzword unserer Tage angereichert: “Big Data“:

“Big Data wird mit Multi-Agenten-Systemen arbeiten, die gar nicht anders können, als mit dem Ego von Nummer 2 und spieltheoretischen Formeln die Welt des Sozialen zu analysieren.”

Das ist natürlich wieder grob irreführend. Nicht nur, dass spieltheoretische Formeln – aus gutem Grund – nicht zum Einsatz gebracht werden, um menschliches Verhalten zu analysieren. Bei Big Data geht es unter anderem darum, den Bias durch das Verwenden von Modellen zu verhindern, indem man große Massen an Rohdaten durch reine Korrelation sprechen lässt. Der ganze Witz an Big Data besteht also darin, dass man riesige Datenmengen untersucht, ohne sich vorher auf eine Theorie festzulegen, weswegen zum Beispiel Chris Anderson von der “end of theory” spricht.

Vollends absurd wird es schließlich, wenn Schirrmacher Google, Facebook, Amazon und Social Media insgesamt gewaltsam in seinen Topf zwängt:

“Wem das zu abstrakt ist, der frage sich, welche »Präferenzen« ihm Google oder Facebook vorgeben, oder, was im Augenblick sehr viel dramatischer ist, welche Börsenalgorithmen die Präferenzen des Traders abbilden. Die Annahmen von Nummer 2 sind beim Lesen eines E-Books, bei »smarten« Geräten, in Finanzmärkten, im politischen Leben alle immer schon implantiert.”

Finanzmarkt, Google, Facebook. Alles das Selbe! Nummer 2 ist überall! Natürlich haben weder Googles Suchalgorithmen, noch Facebooks Newsstream-Algorithmen, oder der Empfehlungsalgroithmus von Amazon auch nur im entferntesten irgendwas mit der Spieltheorie zu tun.

Das einzige Beispiel des Einsatzes der Spieltheorie in Social Media, das Schirrmacher findet, ist der Algorithmus der den Googleeigenen Marktplatz für Adwords bereitet. An einer Stelle also, wo der normale Nutzer überhaupt nicht mit in Berührung kommt, sondern wo Unternehmen und Agenturen sich gegenseitig im Buchen von Such-Keywords überbieten.

Man könnte dieses Spiel noch ewig weiter spielen. Den Unsinn, den Schirrmacher beispielsweise über Richard Dawkins verzapft hat, hat die Welt ja bereits ausführlich auseinander genommen.

Leistungsgesellschaft und das Imaginäre

Man kann es sich nicht anders vorstellen, als dass Schirrmacher keinen anderen Ausweg gefunden hat, all diese heterogenen Themen und Konzepte, die er in seine “Nummer 2″-Figur gepresst hat, in einer vermeintlich höheren Ebene zusammenzuführen. Anders ist die Wende im Buch – ab dem zweiten Teil – nicht zu verstehen.

Um uns zu erklären, wie die Spieltheorie mit ihrer in Wirklichkeit sehr begrenzten Verwendung nun unser aller Leben kolonialisiert habe, vermanscht er sie nicht nur mit allem was er finden kann, sondern versucht dieses Gebräu dann im Reich des Imaginären aufzulösen. Ja, richtig gehört: im Imaginären.

Der Kampf: Das Imaginäre vs. das Reale ist dann die Ebene der Auflösung, mit der Spieltheorie, Finanzkrise und Informationsökonmie zusammen zu denken sind.

Mit einer Argumentation, die stellenweise krudester Zinskritik und Freigeldsystem-Ergüssen ähnelt, versucht uns Schirrmacher zunächst zu überzeugen, dass die ganze Finanzkrise ja ein Symptom der kommenden Diktatur immaterieller Werte – und damit des Imaginären – ist:

“Es ist nämlich genau das, was in der Wall Street geschehen ist, als virtuelles Geld seinen ohnehin schon nicht existenten Wert noch dadurch vervielfachte, dass man es als Kredit verlieh.”

Zu dieser nichtssagenden Erkenntnis, wie man sie an jedem Stammtisch an den Kopf geworfen bekommt, addiert er einfach alle anderen Phänomene unserer Zeit, die irgendwas mit Imaterialität zu tun haben – zum Beispiel: Daten. Fertig ist der “Informationskapitalismus”. Dieser zeichne sich durch die “transmutation von Materie” aus. Das heißt der Loslösung des Geistigen vom Materiellen, einen Prozess, der schon bei der Alchemie seine Vorläufer gehabt habe.

“Die Motivation war klar: War erst alles »immateriell« und nur noch eine Frage von »Informationsökonomie« und Kommunikation, hatte man endlich die wirkliche Welt zu jenem symbolischen Raum gemacht, in dem Nummer 2, Computer und die Spieltheorie so agieren konnten wie im Kalten Krieg.”

Mit diesem Vulgär-Baudrillardismus (wir erinnern uns: Der Aufstand der Zeichen und so), glaubt Schirrmacher eine Schneise von der Finanzkrise (alles ja nur virtuelle Werte) über die Verdatung der Welt (Daten haben ebenso wie Finanzprodukte ja ebenfalls keine materielle Entsprechung) hin zum Menschen (der seine Identität auf Facebook ebenfalls virtualisiert) schlagen zu können. Wir reden hier also von nichts geringerem als der großen Megaverschwörung der Digitalisierung, die alles und jeden erfasst hat:

“Die kosmischen Supermärkte sind nur die auffälligsten, deshalb auch verräterischsten Adressen einer neuen folgenreichen Superstruktur, die im Begriff ist, die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft und die Beziehung des Menschen zu seinem eigenen Selbst vollständig zu verändern.”

Und so springt dann das System, also “Nummer 2″, quasi, mithilfe des Informationskapitalismus von den Finanzalgorithmen, über Facebook per Big Data direkt in uns hinein, in den Menschen! Und deswegen die Leistungsgesellschaft und der ganze Neoliberalismus! Oder so.

Verstanden? Nein? Ich auch nicht.

Das Traurige ist: Schirrmacher hat nicht unrecht, wenn er eine zunehmend durchökonomisierte Gesellschaft beklagt, die dem Einzelnen einredet, er sei selbst Schuld, wenn er versagt. Schirrmacher liegt auch nicht falsch, wenn er dieses System als Ausgeburt einer neoliberalen Ideologie beschreibt. Aber welcher Ideologie? Der Spieltheorie? Mit Sicherheit nicht. Es würde zu weit führen, hier die echten Ursachen der Leistungsideologie benennen zu wollen, aber in Wirklichkeit geht es Schirrmacher darum eh nicht.

Digitale Chemtrails

In dem dreiteiligen Roman Illuminatus! von Robert Shea und Robert Anton Wilson wird eine gleichnahmige Geheimloge beschrieben. Die Illuninati operieren im Untergrund, sie unterwandern Regierungen, planen Attentate und Revolutionen. Nichts passiert durch Zufall auf der Welt, hinter allem stecken die Illunimati. Ihre Zahl ist die 23 und sie wird, quasi als Bekenner-Signatur, in den Metadaten jedes Welthistorischen Ereignisses hinterlassen. Ob in der Anzahl von Stockwerken eines Ortes, dem Datum, der Uhrzeit, des Staßennamens oder der Anzahl von überfahrenen Pollern. Überall steckt die 23, oder ihre Quersumme 5 drin. Und wenn nicht, dann eben in den Quersummen von scheinbar unverdächtigen Zahlenreihen.

Der Witz ist nun, dass wenn man erstmal diese These für sich verinnerlicht hat, man anfängt, die 23 oder die 5 überall zu sehen. Man nimmt Daten bestimmter Ereignisse, zieht Quersummen aus allen Möglichen Zahlen, die zufällig auftauchen und tatsächlich: die 5 oder die 23 tauchen immer irgendwie auf. Und wenn man sich das angewöhnt, wird man zwangsläufig paranoid, beginnt zu glauben, dass alles, was geschieht – oder zumindest doch ziemlich viel – von den Illuminati kontrolliert wird.

Wenn man das Muster nur generisch und unscharf genug definiert, findet man es überall. Das hat Schirrmacher – wie wir gezeigt haben – mit seiner “Nummer 2″ bis ins Absurde getrieben. “Nummer 2″ ist alles und nichts. Nur deswegen kann Schirrmacher wenig kritischen Lesern vormachen, “Nummer 2″ stehe bereits hinter ihnen. Es ist nichts anderes als eine perfide Manipulationsstrategie.

Schirrmachers Buch arbeitet mit den Mitteln einer Verschwörungstheorie. Ich bin mir sicher, dass er dies jederzeit abstreiten würde und dass er behaupten würde, es ginge ihm darum, Strukturen aufzuzeigen. Doch diese Chance hätte er gehabt. Er hätte Kritik üben können an den Modellen der Ökonomie. Doch dafür hätte er sie zunächst verstehen müssen. Er hätte auch ein kritisches Buch über der Leistungsgesellschaft schreiben können, doch dafür hätte er sich für sie interessieren müssen. Auch die Finanzkrise kann immer noch viel Aufklärung brauchen. Aber Aufkläung ist Schirrmachers Sache nicht. Im Gegenteil.

Ist Schirrmacher jetzt “links”?

Jakob Augstein bespricht “Ego” in seiner SPIEGEL-Online Kolumne und betitelt sie mit den Worten: “Ohne Zweifel links“. Er spricht konkret von einer “Linkswendung” Schirrmachers und bezeichnet das Buch als “intellektuelles Vergnügen“. In der Tat ist Ego in etwa so “links”, wie es ein “intellektuelles Vergnügen” ist. Das Missverständnis, Schirrmachers Buch für “links” zu halten, erklärt sich aber aus dem Umstand, dass es schon lange keine Kapitalismuskritik von rechts mehr gab.

Doch wenn “Ego” links ist, wo ist dann Schirrmachers Kritik an den Ausbeutungsverhältnissen? Wo prangert er Armut an, oder die Ungleichverteilung von Ressourcen? Wo geht es ihm um Gerechtigkeit oder gar nur um ein lebenswertes Leben für jedermann? Wo stellt er den Eigentumsbegriff in Frage, wo zeigt er Wege auf, die in eine bessere Welt führen? All das kommt bei Schirrmacher nicht vor. Ihm geht es an keiner Stelle um die Unterprivilegierten, sondern ausschließlich um Seinesgleichen. Es geht ihm um das bekannte Alte-Weiße-Männer-Problem mit dem Fortschritt: Es geht ihm um die Entfremdungserfahrung von Identität durch Technik und Rationalismus.

Wer heute den Kapitalismus kritisiert, wird ohne Umschweife dem linken Lager zugeordnet, obwohl es schon immer auch eine rechte Schule der Kapitalismuskritik gab. Das letzte große Aufbäumen dieser Denkrichtung war die Konservative Revolution. Autoren wie Heidegger, Ernst Jünger und Oswald Spengler kritiserten, ganz ähnlich wie Schirrmacher den Kapitalismus aus der Erfahrung der Entfremdung heraus. Der schon damals attakierte “Rationalismus” und die mit ihm einhergehende Technisierung bildeten den Kern der Attacken. Ihm gegenüber wurde das Irrationale, das Triebhafte des Menschen und vor allem die Verankerung in Heimat und Tradition beschworen. Identität war damals vor allem verknüpft mit Heimat, Vaterland und Ritualen. Ganz so plump scheint dieser Bezug bei Schirrmacher nicht durch. Doch die Erzählung ist durchaus strukturgleich:

“Zwar hatten insbesondere die sogenannten postmodernen Philosophen schon einiges dafür getan, die Festung sturmreif zu schießen, aber das Ich war ziemlich hartnäckig. Es wollte Dinge, die mit Identität zu tun haben: langfristige Arbeitsverträge zum Beispiel oder abends nach Hause gehen, wie Generationen von Menschen, und sagen können, dass man seine Arbeitskraft, aber nicht seine Seele verkauft hat.”

Identität als lebenslange Festanstellung und 9to5-Alltag. So liest sich das heute. Interessant auch sein Angriff auf das “lebenslange Lernen”:

“So ist »lebenslanges Lernen«, das so ausgeruht und beschaulich klingt, oft genau das Gegenteil dessen, was man damit verbindet: die Fähigkeit, ständig zu verlernen, an was man noch gestern geglaubt hat, auch seine eigene Identität.”

Schirrmacher beweint das gesamte Buch hindurch, wie sich Identität durch das digitale “verflüssigt“, wie “Loyalitäten” zu Bruch gehen, wie Arbeitsverhältnisse und Bildung nicht mehr wie dem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts gehorchen. Er fürchtet die Zerlegung des Menschen in “ein Bündel von Daten” und den Verlust von “Bindungen” und Identitäten, die in der guten alten Zeit “ein Leben lang hielten.“.

Kurz: Schirrmacher geht es an keiner Stelle, um das Verbessern der Zustände, nicht um die Verlierer des Kapitalismus. Es geht ihm schlicht und ergreifend um schnöden Kulturpessimismus. Man darf sich wohl glücklich schätzen, dass er die Trauer um den Verlust des Nationalstaates und pathetische Heimatgesänge außen vor gelassen hat.

Der von Schirrmachers aufgemachte Antagonismus bleibt dennoch der selbe, wie der der Konservativen Revolution: hier der alles sich unterwerfende Rationalismus und die alles bestimmende Technik vs. dem Mensch und sein irrationales Bedürfnis nach Identität und Sicherheit.

Und was präsentiert Schirrmacher uns als Lösung? Er ruft auf, sich dem System zu entziehen, Social Media weniger zu verwenden. Er plädiert für einen starken Datenschutz und wiederholt seine Forderung nach einer “europäischen Suchmaschine”. Auf eine gewisse Art passt sich das Buch ganz gut in den Deutschen Datenschutzdiskurs ein, der ja ebenfalls den Boden der Rationalität oft für das Schüren diffuser Ängste verlässt. Vielleicht hat Schirrmacher es ja geschafft, mit seiner kruden “Nummer 2″-Brühe eine Rechtfertigungsideologie für deutsche Kampf-Aluhüte zu bereiten.

Fazit

Während “Payback” zwar auch eine ganze Menge Mist enthielt, konnte es sich hinter dem vergleichsweise bescheidenen Anspruch verstecken, nur eine Rundschau über den aktuellen Stand der Debatte seiner Zeit zu sein. “Payback” war wirr, aber gerade durch seine Unstrukturiertheit ungefährlich. Und es war, dazu stehe ich heute noch, ein wichtiger Debattenbeitrag in einer Zeit, als die deutschsprachigen Medien das Thema Internet und Digitalisierung vollkommen zu verschlafen drohten.

Ego ist anders. Ego will mehr sein, es will eine eigene These aufstellen. Eine These, die da lautet, dass die Spieltheorie überall unser Leben bestimmt. Diese These schafft Schirrmacher an keine Stelle zu belegen. Deswegen tut Schirrmacher einfach so, als sei Spieltheorie identisch oder irgendwie verwandt mit Big Data, Social Media, Behaviorismus, Empfehlungsalgorithmen und was er sonst noch so alles findet. Er versteckt die Heterogenität dieser Ansätze hinter dem Begriff “Nummer 2″ und erzählt uns ein manipulatives Schauermärchen, von der kommenden Weltherrschaft dieses, seines Hirngespinstes. Dabei geht es an keiner Stelle darum, Ungerechtigkeiten oder unhaltbare Zustände der Kapitalismusverlierer zu kritisieren, sondern um das beweinen von Permanenz, Tradition und Identität. Von bürgerlichen Werten also.

Der eigentliche Clou bei “Ego” ist, dass so ziemlich alle Eigenschaften, die Schirrmacher seiner “Nummer 2″ zuschreibt, auf sein Buch selber zutreffen:

  • Nicht verrückte Wissenschaftler der RAND Corporation haben “Nummer 2″ erfunden, sondern Schirrmacher allein.
  • Schirrmacher agiert viel egoistischer als “Nummer 2″, denn er verkauft seine Leser für dumm, um ausschließlich seiner eigenen Nutzenfunktion zu dienen.
  • Nicht die Spieltheorie ist paranoid. Alle Menschen als gehirngewaschene Wesen unter der Fuchtel eines transhumanen Algorithmuses zu sehen – das ist paranoid.
  • Und nein, Algorithmen sind keine guten Manipulationsstrategien. Antropomorphisierungen, Suggestion statt Argumenten, gebetsmühlenhafte Wiederholungen und zusammengeschusterte Narrative sind da viel effektiver.
  • Und der Humanismus ist übrigens nicht bedroht durch formalisierte Entscheidungstheorien und die Verknüpfung von Daten, sondern viel eher von demagogischen, antiaufklärerischen Pamphleten gegen den Rationalismus.

Ich halte Schirrmachers Werk wegen seiner antiaufklärischen Tendenzen, seiner manipulativen Machart und seiner Anschlussfähigkeit an unreflektierte linke Positionen für gefährlich. Gott sei Dank ist das Buch handwerklich so schlecht, dass sein Erfolg ernstlich in Frage steht. Ich hoffe sehr, dass Schirrmachers Buch so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zukommt, weil es uns in der wichtigen Diskussion über den Kapitalismus in eine Sackgasse führt. Ich fürchte mich davor, dass in der linken Szene mit Schirrmacher argumentiert wird, ich fürchte mich vor Diskussionen, die keine Differenzen mehr kennen, die im Amalgam kulturkonservativer Ablehnungsrhetorik jeden Fortschritt und das rationale Denken ansich verdammen.

Ein solches Buch kann gefährlich sein, in einer Zeit, in der wieder viele Rattenfänger unterwegs sind. Leute, die mit populistischer Rhetorik, aber ohne politische Konzepte auf “Die da oben” oder “den Kapitalismus” schimpfen, in Wirklichkeit aber ihre eigene Agenda verfolgen. Schirrmacher ist vielleicht nur ein Vorbote. Wir müssen wieder wachsam sein.


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Gretchenfrage Big Data

Dem einen oder anderen Beobachter mag aufgefallen sein, dass vieles von dem, was ich seit 2010 hier in diesem Blog aufschreibe, sich in Big Data manifestiert (hier eine gute Deutschlandradiosenung zu Big Data). Und ich bin mittlerweile auch zu der Ansicht gelangt, dass wir mit der Entwicklung von Big Data direkt am Scheideweg des Kontrollverlustes stehen. Ich glaube, dass die Kämpfe – insbesondere auch die um die EU-Datenschutzverordnung – in Wirklichkeit auch eine Richtungsentscheidung zu diesem Thema sein soll.

Der Kontrollverlust, so wie ich ihn definiere, ist die generelle Unabsehbarkeit von Informationen, die aus Daten gewonnen werden können. Er schließt ein, dass ich 1. nicht mehr wissen kann, welche Daten erhoben werden, 2. welche Wege sie gehen, bzw. welche Kopien von ihnen angefertigt werden und 3. und wichtigstens, ich nicht wissen kann, wie diese Daten, verknüpft mit anderen Daten, welche Aussagen zulassen.

Der dritte Punkt nun ist im großen und ganzen der Coup hinter Big Data. Big Data greift meist auf Bestandsdaten zurück, die zu einem ganz anderen Zweck erhoben wurden (Tracking, Suchabfragen, Mobiltelefonzellenortung, medizinische Daten, etc.) und korreliert sie mit anderen Datensätzen. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse. Und zwar in jeder Hinsicht verblüffend: vielleicht auch über mich.
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Carta.info: Die Null-Euro Utopie

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Für einen noch anzukündigenden Sammelband über das Urheberrecht habe ich einen Beitrag verfasst. Dort schreibe ich nebenbei auf, warum ich glaube, dass der sogenannte “Informationsmarkt” die längste Zeit mißverstanden wurde. Eine These im übrigen, die hier sehr gut herpasst und die ich weiterzuentwickeln gedenke. Da ich freie Hand hatte, den Beitrag auch anderweitig zu veröffentlichen, gab ich ihn Carta.info, weil ich irgendwie fand, dass er da gut hinpasst.
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Als ich mit dem Bloggen anfing, interessierte ich mich nicht für das Urheberrecht. Das ist etwas ganz Normales. Das Urheberrecht ist kompliziert und schwer verständlich. Nicht mal die Urheber wissen, was da drin steht. Sie haben Manager und Anwälte, die das für sie regeln.

Dass ich aber mit dieser Haltung im Internet nicht weit komme, musste ich erst lernen. Man schreibt so seine Texte, sucht per Google nach einem passenden Bild, um den Text etwas aufzulockern, und denkt sich nichts weiter dabei. Viele haben diese Erfahrung gemacht, einige allerdings teuer dafür bezahlt: eine Abmahnung kann schnell mal 1500 Euro kosten. Als ich immer häufiger von solchen Fällen hörte, war ich empört. Wo ist denn bitte das Problem, fragte ich? Wo ist der Schaden? Wem wurde denn bitte etwas weggenommen? Mein Gerechtigkeitsempfinden rebellierte gegen dieses offensichtlich antiquierte Gesetz: Urheberrecht.

[Weiterlesen auf Carta >>]


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SPEX: Into the Deep Wide Open – Unterwegs im Darknet

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Ich wurde von Torsten Groß gefragt, ob ich nicht für die SPEX was über das Darknet schreiben will. Natürlich wollte ich. Ich schlug eine Reportage vor.

Die Herausforderungen waren also: 1. Mit welcher Perspektive nimmt man am besten ein nicht per se technikaffines Publikum in krypto-technologische Welten mit? 2. Wie kann man eine Reportage einigermaßen spannend erzählen, wenn der Erzähler im Grunde nichts weiter tut, als im Browser rumzuklicken?

Das Ergebnis hat hoffentlich bei der Zielgruppe erreicht, was es sollte: aufklären, unterhalten und die politische Botschaft mitgeben. Für eingefleischte Nerds mit Darknet-Tiefblick wird der Artikel allerdings eher enttäuschend sein.

In der Onlineversion korrigiert: Errata: Dass das Crypto Anarchist Manifesto kein Buch ist, weiß ich, konnte es der SPEX-Redaktion aber nicht schnell genug sagen.
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Der Ladebalken steht bei 25 Prozent, als das Chatfenster aufspringt. Eine verschlüsselte Verbindung. »Und, bist du soweit?« »Nein«, antworte ich kurz. Der Hacker am anderen Computer hatte auf einen Link verwiesen, von dem aus ich nun ein Softwarepaket herunterlade. 30 Prozent. Das Paket enthält diverse Programme, die es erlauben, Daten auszutauschen, ohne dass jemand die Möglichkeit hat, mich dabei zu beobachten. Diese Programme sollen mich zu einem Knoten in einem Netz machen, das zwar im Internet und über das Internet kommuniziert, selbst aber kein Teil davon ist. Ich will ein Teil des Darknet werden.

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Plattformen II – Infrastruktur und Kontrolle

Ein neuer Heilsbringer ist am Netzgemeindenhorizont erschienen. Nach Status.net, Diaspora und Zurcker soll uns nun also APP.net aus den Fängen all der pösen Facebooks, Googleplusses und Twitters befreien.

Der Gründer Dalton Caldwell initiierte das Projekt gewissermaßen mit einem Rant über die zunehmende Geschlossenheit der Twitterplattform. Twitter, einst vorbildlich offen nach innen wie nach außen, hat ein enormes Ökosystem um sich herum geschaffen, mit vielen externen Dienstleistern und einer ganzen Reihe von Drittanbietersoftware. Doch seit die Entscheidung zur Werbung als Geschäftsmodell gefallen ist, zieht Twitter die Mauern hoch, exkommuniziert Drittanbieter per API und sperrt die Inhalte seiner Nutzer immer weiter ein.

Wenn du für das Produkt nicht zahlst, bist du das Produkt“. Diese gebetsmühlenhaft wiederholte Weisheit scheint sich ein weiteres Mal zu bestätigen. Das Rezept dagegen ist so einfach wie die Analyse, jedenfalls nach Caldwell: man muss dann eben für den Service zahlen, dann ist man der Kunde, kein produkt mehr, dann wird man gehört. Und so sammelt er für seinen Dienst im Vorfeld Geld (bald 1 Mio Dollar) und will auch nach dem Launch die Nutzer zur Kasse bitten.
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Carta: Der entfesselte Skandal: Das Buch zum Kontrollverlust

Vor knapp einem Jahr lud mich Bernhard Pörksen ein, an der Uni Tübingen einen Vortrag über den Kontrollverlust zu halten, was ich gerne annahm. Wir blieben seitdem über das Thema in Kontakt, denn Pörksen schrieb zu dieser Zeit zusammen mit seiner Mitarbeiterin Hanne Detel ein Buch über Skandale im Internetzeitalter. Während der Entstehungsphase gab es weiteren Austausch und Zusammenarbeit; so habe ich eine frühe Alphaversion des Buches lesen und kommentieren dürfen. Ich bin also befangen, was die Autoren und das Buch angeht, finde aber den Beitrag zu wichtig, als ich dass ich ihn unrezensiert lassen könnte.

In gewissem Sinne ist „Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ nun das Kontrollverlustbuch. Jedenfalls ist es das erste Buch, das die Kontrollverlustthese in Buchform in die Debatte wirft. In einem anderen Sinn ist es das aber auch wieder nicht, denn einerseits haben Pörksen und Detel ihren Kontrollverlustbegriff anders definiert, als ich es tat (dazu gleich mehr), andererseits ist das Thema, mit dem sich das Buch auseinandersetzt – der Skandal – nur ein Ausschnitt dessen, was ich alles unter dem Begriff Kontrollverlust subsumiere.

Aber genau diese Konzentration auf ein Kernthema tut dem Buch gut. Pörksen und Detel legen eine extrem lesbare Sammlung von einzelnen Fallstudien vor. Allesamt sind sie Beispiele des Kontrollverlusts auf die eine oder andere Weise, alle werden sehr detailliert beschrieben, sind sehr gut recherchiert, und erst am Schluss jeder Geschichte werden sie in den medientheoretischen Kontext gesetzt. Obwohl die Geschichten schon für sich sprechen, schaffen es die beiden Autoren durch die theoretische Anreicherung, den Blick auf das Phänomen des Kontrollverlusts auf neue Weise freizulegen.

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Schufa, Facebook und die Plattformneutralität

Die Post-Privacydebatte. Ich hatte sie schon längst aus der allgemeinen Wahrnehmung gewähnt. Doch so, wie die Urheberrechtsdebatte alle Jahre wieder aufflammt, wird es wahrscheinlich auch mit der Post-Privacydebatte passieren. Wir haben es schließlich mit den selben Voraussetzungen zu tun: der technische Wandel zwingt uns dazu, gesellschaftliche Institutionen neu zu bewerten und solange das nicht geschehen ist, wird der Zombie auferstehen und uns heimsuchen, wieder und wieder und wieder.

Frank Rieger hat nun anlässlich der Diskussion um die Nutzung von Facebookdaten durch die Schufa in der FAZ zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Debatte aufgerufen. Leider vergaß er, sie selbst zu führen. Stattdessen beließ er es dabei, einige gezielte Aufreger rund um die Aussage zu stricken, dass Postprivacy eine neoliberale Ideologie sei.

Ohne mich auf die Debatte einlassen zu wollen, ob Postprivacy nun [politischer Kampfbegriff A] oder eher [politischer Kampfbegriff B] ist, will ich den Artikel zum Anlass nehmen, die Post-Privacy-Argumente noch mal anhand der Schufadebatte in Stellung zu bringen. Denn Argumente gibt es tatsächlich, auch wenn Frank Rieger sie mit keinem Wort erwähnt.
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Demokratisch in die Kontrollgesellschaft

Gestern war ich bei einem Treffen der OHU Öffentlichkeit und Privatheit des von Google betriebenen Collaboratorys. Das erste Thema, über das wir sprachen, war das aus der Initiative heraus entstandene Projekt der Offline-Tags. Die Idee ist denkbar einfach: Man klebt sich einen Button sichtbar auf die Kleidung und kann so für Mensch und Maschine sein Bedürfnis nach öffentlicher Privatsphäre ausdrücken, d.h. unter welchen Umständen man mit den allgegenwärtigen Fotokameras und ihrem Internetzugang konfrontiert werden möchte. Eines der Tags steht für “keine Fotos”, eines für “Bitte vorher fragen”, eines für “Fotos gerne, aber kein Personen-Tagging”. Ein einziges steht für “Fotografieren und Taggen: bitte gerne!“. Die Tags sollen auch maschinell ausgelesen werden; eine entsprechende App ist bereits in der Mache.
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Komplexität: Handle mit es!

Christian Stöcker hat kürzlich auf Spiegel Online eine Horrorvision eines zukünftigen Internets an die Wand gemalt. Im Gegensatz zu jenen, die meinen, dass das Internet vor allem als anarchischer, unkontrollierbarer Raum aufzufassen sei (also zum Beispiel ich), zeigt er gekonnt, wie die digitalen Technologien in Wirklichkeit ein enormes Kontrollpotential haben:

“Es gibt eben doch einen zentralen Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Im Netz ist absolute Rechtsdurchsetzung möglich.”

Das kommt dem Raunen Deleuzes sehr nah, der durch die Computer die “Kontrollgesellschaft” am Horizont zu erkennen glaubte, die die Foucaultsche Disziplinargesellschaft ablösen würde.

Ohne, dass ich Christian Stöcker oder Deleuze wirklich eine technische Argumentation entgegenhalten könnte, möchte ich an dieser Stelle meinen unerschütterlichen Glauben ausdrücken, dass dem nicht so kommt. Ja, ich glaube an den Kontrollverlust, und nein, ich glaube nicht an die Kontrollgesellschaft. Ich spreche von “Glauben”, denn ich bin mir bewusst, dass meine Zuversicht auf Annahmen fußt, die wahrscheinlich nicht beweisbar sind, die aber unerschütterlich zu meinen Glaubenssätzen gehören und aus denen sich sowohl meine Zuversicht für die Zukunft, als auch meine vermeintliche “Radikalität” speisen.
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Plattformen I – Ubiquität und Innovation

Am Sonntag war ich auf einer Party und traf dort auf Christian Heller und leider kommt das nicht so oft vor, wie man denken könnte. Jedenfalls provozierte er mich mit der Bemerkung, dass die wirklich interessanten technologischen Neuerungen ja nicht im Mainstream passieren und er diesen also getrost ignorieren könne. Wirkliche Innovation, so Christian, passiere an den Rändern. Ich widersprach.

Gerade im technologischen Mainstream werden neue Innovationen geboren. Wenn eine Technologie Mainstream wird, oder gar ubiquitär, dann kann und wird sie weiterer Innovation als Grundlage dienen. Als Plattform eben. Und dies ist eine gute Gelegenheit dem Plattformbegriff mal etwas zu Leibe zu rücken und ihn mit einigen Beispielen zu unterfüttern.

Podcast

Der Podcast wurde eigentlich schon 2000 erfunden. Die Technik, Audiodateien per Feed im Internet zu verteilen ist nun auch keine RocketScience. Aber erst als Apple seinen iPod herausbrachte, konnten sich die Dateien ein Publikum erschließen. Podcasts werden unterwegs konsumiert und Apple lieferte die Hardware dazu. Die weite Verbreitung der relativ homogenen Abspielgeräte war dann auch der Durchbruch für das, was man erst ab diesem Zeitpunkt ein “Medienformat” nennen konnte. Deswegen: “Podcast“. Es dauerte noch bis 2005 bis Apple selbst den Trend erkannte und eine eigene Podcast-Verwaltung in sein Musikprogramm iTunes integrierte. Seitdem boomt das Format, neuerdings nicht zu letzt auch durch die massenhafte Verbreitung von iOS-Geräten. Der Podcast hat die Welt verändert und hört nicht auf damit. Ohne das Mainstreamwerden der Basistechnologie des iPod wäre diese Entwicklung aber nicht denkbar gewesen.
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