Queryology II – Das Filtersubjekt

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Dies ist nun der zweite Teil einer überarbeiteten Version eines Vortrags, den ich während des 27c3 in der c-base gehalten habe. Es ist ungemein wichtig, den ersten Teil – Queryology I – Das Ende der Medien – zu lesen, um die Ausgangslage der Gedanken hier zu verstehen.
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Dieses Video wirft einige Fragen auf. Vor allem: Was genau passiert hier?

Zunächst das offensichtliche: Eine merkwürdige Kamera wird präsentiert, die die Realität verändert darstellt. Dinge, die vorher da waren, sind es nicht mehr. Das Bild wird manipuliert.

Wir kennen das zu genüge. Die Medien waren nie ganz objektiv in ihrer Weltdarstellung und selbst Techniken wie Fotomontage sind viel älter als die digitale Technik. Als Stalins Regierungsstaab immer keiner wurde, weil er einen nach dem anderen „beseitigte“, ließ er schon damals immer auch die Fotos redigieren. Die Toten sollten nie existiert haben.

Seit einiger Zeit gibt es in vielen Medien, vor allem in Magazinen, kaum mehr nichtbearbeitete Fotos. Das Blog Photoshop Disasters zeigt, wie die Kunst der Bildmanipulation seither zum schludrigen Nebenherjob mutierte, der von unterbezahlten Praktikanten in Akkordarbeit bewerkstelligt wird.

Simulation

Schon vor über 30 Jahren rief Jean Baudrillard das Zeitalter der Simulation aus. Es löst das Simulaktrum der Produktion ab, in dem Zeichen ohne Vorbild hergestellt wurden (wie z.b. das Telefon), so wie zuvor schon die Produktion die Imitation ablöste, jenes Simulakrum, in dem die Zeichen noch die Natur nachahmten. Im Simulakrum der Simulation wird nun die Verbindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem, also der realen Welt, endgültig kontingent. Wir dürften den Bildern nicht mehr trauen, ruft uns Baudrillard zu. Alles löse sich in einer trügerischen, nur aus Zeichenfassaden bestehenden Welt auf.

Und wenn er heute noch leben würde, fehlte ihm vermutlich das nächste Superlativ für das oben gezeigte Video. Damit dürfte die Simulation endgültig Einzug gehalten haben. Ist es also so? Treten wir ein, also diesmal wirklich ein, in das Zeitalter der Simulation?

Wenn wir versuchen wollen, in der Bibliothek von Babel die Prozessierung von Information zu verstehen, müssen auch wir uns radikal vom Denkschema der Medien lösen und uns erneut fragen: was passiert wirklich in dem Video?

Oberflächlich sehen wir auch hier nur Aufschreibesysteme. Es wird uns ein Bild generiert, das abspeicherbar, weiterverarbeitbar und so weiter ist. Auch die Manipulation ist nichts wesentlich neues.

Jedoch passiert dieser Prozess automatisiert und in Echtzeit. Es scheint so, als ob der ganze baudrillardsche Diskurs um die Simulation in Algorithmen gegossen wurde. Die Software nimmt die die bekannten Editiertechniken und wendet sie scheinbar ohne merkliche Verzögerung und von ganz allein auf das Original an. Das lässt uns eben nicht einen manipulierten Film schauen (das wäre ja nichts neues), sondern durch eine manipulierende Linse.

Dies ist überhaupt nur möglich, weil der Algorithmus das Bild zuvor – jedenfalls grob – liest. Der Computer befragt das Bild, er zieht in ihm Grenzen und unterscheidet Flächen. Der Algorithmus sieht! Er sieht für uns! Bevor wir das Bild zu sehen bekommen, sieht er hin, zersetzt das Bild, diskriminiert Bereiche und macht es uns selektivin seinen Bestandteilen – zugänglich.

Was wir hier haben ist das, was Vilém Flusser eine „Sehmaschine“ nennt.* Eine Maschine, die für uns sieht, die für uns liest und filtert und das gesehne in vorab definierter Form zugänglich macht. Wir sehen hier eine frei konfigurierbare Query an die sichtbare Welt. Und das ist etwas ganz anderes, als das, was Baudrillard sich noch unter „Simulation“ vorstellen konnte.

Hier zeigt sich ein weiteres Mal, wie das Denken sich wandeln muss, will es den Sprung schaffen, den man machen muss, um sich vom Konzept der Medien zu befreien. Baudrillard konnte damals noch nicht – ebenso wenig wie Kittler – die Zusammenhänge fassen, die sich aus der Entwicklung der Informationstechnologien ergeben. Der Geist ist gefangen in den Schemen der Medien und will alles in diesen Kontext einreihen. Und so ist auch die These vom Simulakrum der Simulation eine Erzählung der Aufschreibesyteme. Und sie verbleibt damit ironischer Weise selbst im Simulakrum der Produktion – der industriellen Fertigung der Zeichen.

Filtern ist nicht neu. Schon vor 150 Jahren konnte man linke oder rechte Zeitungen abonnieren und der Journalismus hat schon immer in einem Überangebot von Informationen das Relevante für die Leser herausgesucht und es in opportune Perspektiven gestellt. Jede Publikation ist bereits ein Filter. Ist die „Echtzeitfilterung“ also nur die Fortsetzung des Gatekeepers mit anderen – digitalen – Mitteln? Sind „Sehmaschinen“ also nur algorithmisierte Journalisten, Archivare und Verleger? Im Grunde ja. Und gleichzeitig wieder nein.

Ordnung

Um die „Sehmaschine“ zu verstehen, muss man in die 70er Jahre zurückgehen, als sie ihre ersten Gehversuche machte. Die Sehmaschine hat nämlich ihre Anfänge nicht in den Redaktionen der Verlage oder in der optischen Technik, sondern in der Entwicklung der relationalen Datenbank. Es geht dabei nicht in erster Linie um Bilder, im Grunde nicht mal nur um Informationen, sondern um ihre Ordnung.

Ordnung ist eine Speichertechnik. Wenn ich etwas an eine genau spezifizierte Stelle lege, dann kann ich oder jemand anderes zu einem späteren Zeitpunkt wieder darauf zurückgreifen. Ordnung gehört somit dem Kontinuum der Aufschreibesysteme also „Medien“ an und die ersten Datenbanken waren Aufschreibesysteme im klassischen Sinn – auch wenn sie auf Computern liefen. Sie hatten Ordner und Unterordner und Unterunterordner. Man konnte sich hirarchisch von Kategorie zu Unterkategorie bewegen, bis man sein Ziel – die gewünchte Information gefunden hatte. Im Grunde genommen brauchte man für die frühen Datenbanken gar keinen Computer; man hätte die Daten ebenso gut in beschrifteten Schuhkartons organisieren können.

David Weinberger unterscheidet drei verschiedene Ordnungstypen: Die erste Ordnung der Ordung ist die Ordung der Reiheinfolge und des Ortes der Dinge, etwa wie ich mein Bücherregal sortiert habe. Die zweite Ordung der Ordnung ist die, wenn wir statt den Dingen, ihre Metadaten sortieren. Etwa Karteikästen oder Kataloge. Die Frühen Datenbanken waren eine Mischung aus den ersten beiden Ordnungen der Ordnung.

Erst mit der Entwicklung der realtionalen Datenbank durch Ted Codd und seinem Team kam der Computer zur Ausnutzung seines Potentials. War es vorher noch notwendig den semantisch-hierarchischen Aufbau einer Datenbank zu kennen, um sich darin zurecht zu finden, stand auf einmal eine merkwürdige Zaubersprache zur Befragung der Datenmassen zur Verfügung. SQL – Structured Query Language. Damit kann man Abfragen machen, wie:

„SELECT date FROM artikel WHERE title=’Queryology II – Das Filtersubjekt‘;“ **

Und bekommt das Datum dieses Artikels heraus. Oder man fragt:

„SELECT datum FROM artikel LEFT JOIN kategorienverknüpfung ON kategorienverknüpfung.artikel = artikel.id WHERE kategorienverknüpfung.kategroie = ‚qeryology‘; **

Diese Query würde mir die Erstellungsdaten aller Artikel ausgeben, die mit „Queryology“ getaggt sind. Wohl sortiert in einer Liste.

Was Codd tat, war, dass er die die Kontrolle der Daten – ihre Ordnung und all ihre Möglichkeiten – aus den Händen derer nahm, die die Daten strukturieren und einstellen und sie jenen gab, die die Daten abfragen. Die Datenbank ist flach, sie kennt keine Relevanz, keine Hierarchien, keine Zusammenhänge. Ordnung, Struktur und Verknüpfung entsteht erst in dem Moment, wenn ich meine Query formuliere. In Echtzeit.

Diese Technik – nicht in ihrer konkreten Ausgestaltung – aber von ihrem Prinzip her – arbeitet auch im Manipulationsalgoritmus aus dem Video. Mit SQL war der Startschuß gegeben für das, was wir in der Bibliothek von Babel als neues Paradigma der Sinngenerierung verstehen können. Die Query löst die Medien ab. Wo vorher der Rufer in’s Nichts den Sinn produzierte, steht heute der algorithmische Filter im Alles.

Dies ist Weinbergers “dritte Ordnung der Ordung”. Im Gegensatz zur ersten Ordnung der Ordnung und der zweiten Ordnung der Ordnung ist die dritte Ordnung der Ordnung allerdings keine feststehende Ordung mehr. Sie ist die noch zu definierende Ordung der Abfrage, eine Adhoc-Ordung. Es ist die Wunschordung des Betrachters, die keine Instanz des „Designs“, des „Achivars“ oder des „Programmierers“ mehr vorgibt, sondern sich meiner Sehmaschine beugt.

Die dritte Ordnung der Ordnung ist eine Ordnung, die den Namen nicht mehr verdient. Es ist keine Ordung. Es verdient nicht den den Präsens des Wortes „sein„. Die dritte Ordnung der Ordnung ist nicht, sondern wenn überhaupt, wird sie sein. Die dritte Ordnung der Ordnung kündigt sich nur an und zwar – das habe ich einstmals zu zeigen versucht – sie kündigt sich als das ganz Andere an. Die Query ist nicht und sie ist nicht vorhersehbar. Sie wird eine ganz andere Ordung gewesen sein, als die, die ich mir zu einer gegebenen Zeit X vorstellen kann.

Filtersubjekt

Derweil kündigt das emphatische „You„, „Yours“ und so weiter aus dem Video ein neues Subjekt an. Nachdem wir das Subjekt als Autorenfunktion seit Foucault und Barthes schon lange kaltgestellt haben und ihm mit der Query den letzten Todesstoß versetzt haben, taucht es auf der anderen Seite der Gleichung unvermittelt wieder auf. Derjenige, der die Anfrage formuliert, erhält eine merkwürdige, neue Autorenrolle; als Autor seiner Wahrnehmung. Diese neue Souveränität des Filtersubjektes über seine Weltperzeption, stellt nicht nur jede Erkenntnistheorie auf den Kopf, sondern invertiert alle Diskurse der Postmoderne.

Wenn der Kontrollverlust der endgültige Verlust des Aufschreibe-Subjekts ist, dann ist die Queryology die Geburt des Filter-Subjektes.

Wenn wir unter dem Paradigma der Medien von Beschränkungen sprachen, dann taten wir es mit dem Unterton der Unfreiheit. Auch der Diskurs Baudrillards denkt die Simulation als Unterdrückungswerkzeug. Wenn wir heute, in der Bibliothek zu Babel und unter den Möglichkeiten der Query von „Beschränkungen“ sprechen, dann tun wir es unter der Maßgabe der Befreiung. Denn all die Diskurse und Regeln und Determinismen von einst, werden zu Echtzeitalgoritmen und damit zu Tools der Filterung. Wir schalten uns Beschränkungen vor unsere Wahrnehmung, um unsere persönliche Sinnproduktion zu verbessern. Die Dispositive werden zur Sichtbarkeitskonfiguration. Ideologien werden zur Brille. Tabus werden zum Filtersystem.

Wenn die Aufklärung die Befreiung von der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist, dann hat sie dort nicht halt gemacht. Sie ist dabei, die realitätsbestimmte Unmündigkeit aufzulösen. Das Filtersubjekt ist das Subjekt einer Art Hyperaufklärung. Es ist das mündige Subjekt der Konfiguration seiner eigenen Wahrheit.

Fazit

Wir sind gerade erst an dem Punkt angelangt, an dem wir anfangen, die großen Linien zu sehen; dabei ist das alles längst dabei die Welt nachhaltig umzukrempeln. Google, twitter, Facebook und all die anderen weisen den Weg in die queryologische Zukunft. Und die wird holprig. Die Menschen an in den Archiven und an den Mischpulten haben längst verstanden, dass sich da einiges verändert und kämpfen gegen bereits ihre vielfältigen Kontrollverluste.

Was genau passiert und passieren wird, ist allerdings Gegenstand einiger komplexer Überlegungen, die noch gedacht werden müssen. Es schließen sich etliche Fragen an: Was wäre „Gesellschaft„, „Wahrheit„, „Identität“ und „Kultur“ von der Query her gedacht? (Ich habe das bereits einmal mit dem Begriff „Öffentlichkeit“ versucht zu fragen). Fragen dieser Art würde sich eine „Queryology“ zur Aufgabe machen. Als eine historische Untersuchung des Jetzt. Als eine Echtzeitarchäologie.

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* Um genau zu sein, muss man anfügen, dass Flusser zwar die Hellsicht besaß die „Sehmaschine“ als zu bedenkendes Objekt erkannt zu haben, es aber ebenso wenig wie Kittler und Baudrillard schafft, den Turn nachzuvollziehen, den ihr Erscheinen bedeutet. Übrigens ebenso wie Lev Manovich das Wesen der Datenbank zwar erahnte, aber gedanklich doch verfehlte.

** Veinfachte Version. Orginale und funktionale Version wäre:

„SELECT wp_posts.post_date
FROM wp_posts
LEFT JOIN wp_term_relationships ON wp_term_relationships.object_id = wp_posts.ID
WHERE wp_term_relationships.term_taxonomy_id =141
LIMIT 0 , 30“

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24 Kommentare zu Queryology II – Das Filtersubjekt

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  2. Danke für den überaus spannenden Post!

    Trotzdem: Ich glaube das nicht ganz. Ist der Abschied von den Medien und die Neuordnung der Welt nach immer neuen queries nicht doch nur eine Illusion, die zwar tatsächlich unseren Umgang mit weiten Bereichen unseres Alltags bestimmt, zu der es aber jederzeit enthüllbar auch noch die andere Welt gibt, in der die Zigarettenschachtel immer noch auf dem Tisch liegt, und in dem das Smartphone Linse *und* App braucht, um das Bild zu fälschen?

    Und wenn dem so ist: Ist das dann nicht doch die eben eigentlich schon bekannte Invisibilisierungstendenz von Medien, bei denen sie und Aspekte der Bloß-vermitteltheit von Welt gemeinsam zum Verschwinden gebracht werden? Ja, die Praxis wird davon jetzt stärker bestimmt als früher, und das neue Subjekt der query leuchtet mir völlig ein. Aber die angeblich in der Vergangenheit verlorene andere Welt bleibt doch ganz gegenwärtig zugänglich, und die anderen Subjekte, die damit umgehen, auch.

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  4. mspro sagt:

    Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass von heute auf morgen die Querydominanz durchbricht. Das wird schon noch … hm … 5 Jahre oder so dauern?

    Die Auswirkungen sind ja bereits gravierend. Siehe Verleger, siehe Kulturproduktion, siehe Privatsphäre. Siehe all die Unternehmen, die durch das Angebot möglichst zielführende Querys zu stellen, groß geworden sind: allen vorran Google.

    Natürlich wird das den Alltag vieler Leute nicht sofort komplett umkrempeln, aber einen ganzen Batzen Macht verschieben.

  5. Pingback: Queryology, die nächste Fuhre « H I E R

  6. Golem sagt:

    Wow, mspr0 meint Hinweis auf P=NP gefunden zu haben. Gratulation!

  7. mspro sagt:

    Golem – verstehe nicht, was mein Text mit dem P=NP-Problem zu tun haben soll. Oder wolltest du witzig sein?

  8. Tilman sagt:

    Hmm, was Du beschreibst ist meines Erachtens Konstruktivismus. In einer radikalen, zuende gedachten Form. Die von Dir beschriebenen Technologien ermöglichen eine extreme Umsetzung konstruktivistischer Weltsicht. Aber klar, das ist so.

  9. Fünf Jahre warten ist kein Problem. Ich meine aber, daß ein Anstieg an Querydenken nicht das Verschwinden, sondern einen ebensogroßen Anstieg an Widerstand seitens der Apparat- und Medienwahrnehmung bedeuten wird.

    Vielleicht ist es eher diese neue Differenz, als nur eine Seite, die die Richtung des gegenwärtigen Wandels beschreibt?

  10. Stefan W. sagt:

    Vom Video mit Radierfunktion ist es dann ja auch nur noch ein Schritt zum Einkomponieren von Nicht-Vorhandenem. Also erst retouchiert man die Zigarettenschachtel weg, dann kopiert man eine Tafel Schokolade hinein.

    Aus Mercedes mach Opel.

    Man braucht sich dann auch nicht mehr vor dem Eiffelturm zu filmen, wenn es sowieso einfacher ist eine beliebige Person in das ET-Video zu kopieren, oder den Eiffelturm hinter beliebige Personen.

    Wenn das Video nicht mehr beweist dass man da war, dann braucht man es auch gar nicht mehr aufzunehmen.

  11. Timo sagt:

    Hi Michael, vielen Dank für die beiden Beiträge. Als „klassischer Geisteswissenschaftler“ ertappe ich mich selbst immer wieder dabei, beim Nachdenken über das Netz in traditionelle Medientheorien zu verfallen, obwohl ich durch den alltäglichen Gebrauch schon intuitiv ‚weiß‘, dass das nicht funktionieren kann. Ich habe eine vielleicht aus einem Mangel an technischem Verständnis naive Frage: Wenn ich dich richtig verstehe, ist die Query wichtiger als der Algorithmus, obgleich von diesem abhängig. Ist dann nicht der Algorithmus die Machtbasis, wie zum Beispiel bei Google? Wird das Filtersubjekt nicht vom Filter bestimmt und demnach auch seine Mündigkeit? Und wäre eine tatsächliche Verschiebung der Machtverhältnisse nicht erst durch Linked Data bzw. Semantic Web möglich? Hoffe, dass war nicht zu wirr.

  12. mspro sagt:

    Timo – danke für das Lob.

    Deine Frage ist berechtigt und die Antwort legt sich in einigen Feldern klar zu tage, aber nicht in allen.

    Google, Facebook & co basieren ihre Macht und ihre Einnahmen ja tatsächlich darauf, dass sie einem das queryologische Rüstzeugt erst geben. Ebenso wie Datamining etc. Das entsprechende Know How ist sicherlich ein Faktor der Macht.

    Ebenso ist es bereits jetzt krass, welche Möglichkeiten in der Query stecken. Ich benutz da immer das Mittel Gaydar um das zu veranschaulichen. Aus einer geschickten Suchanfrage auf deine Freundesliste bei Facebook kann das Programm eine ziemlich genaue Einschätzung liefern, ob jemand schwul ist.

    Deswegen ja, man ist gewissermaßen ausgeliefert, dem Anderen, wie ich in einem anderen Text schrieb.

    Aaaber: man ist nur in soweit ausgeliefert, als man Geheimnisse hat. Geheimnisse sind die Macht des Anderen, der an der Query sitzt. Und da wird es kompliziert.

    Und das wiederum macht auch ihn angreifbar. Denn wer er seine Querytechnologien versteckt und seine Macht darauf aufbauen will, exklusiven Zugang zu der Technologie zu beanspruchen, ist er genau so vom Kontrollverlust und den Querys eines anderen ausgeliefert.

    Insofern würde ich da – zunächst – mal von ausgehen, dass sich exklusiver Zugang zu Querytechnologie langfristig nicht durchsetzen wird / bzw. durchsetzbar ist und somit auch das Machtgefälle nicht so groß werden kann.

    Bis dahin sollte man sich im klaren darüber sein, dass man zb. Facebook einen großen Gefallen tut, wenn man bestimmte Daten über sich dort nur mit „private“ oder so einstellt, denn dann kann Facebook den Zugang dazu kontrollieren.

    Merksatz: nur Information die uneingeschränkt öffentlich ist, reduziert Machtgefälle. Und dann auf jedenfall.

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  14. Trill sagt:

    Hallo,
    ich hätte ein paar Rückfragen:

    1. Der Aufschreibe-Autor verschwindet und der Leser wird qua Suchanfrage selbst zum Autor. soweit okey. In Deinem Text radikalisierst Du diese These dahingehend,dass das Subjekt in einer Hyperaufklärung zum autonomen Autor seiner Wahrheit würde.
    Die Frage lautet: Wie lässt sich so eine Autonomie verstehen?
    a) Ist diese Autonomie nicht wesentlich durch die tags eingeschränkt, mit denen die Bibliothek zu Babel versehen ist? (Ich nenne tags aus Unwissen mal alles, wonach Query-Abfragen gestellt werden können.
    b) Am Ende von Idealismus/Realismus Debatten steht traditionell die Frage danach, was Subjekte miteinander verbindet, ob es überhaupt andere Subjekte gibt (Berkeley/Locke und so´n Zeug). Wenn das Subjekt tatsächlich autonom seine Wirklichkeit generiert stellt sich unbedingt die Frage nach der Vermitteltheit zum Rest der Welt.

    2. Filter ums unsere persönliche Sinnproduktion zu verbessern. Mein Klugscheißer-Hirn hat mich gleich fragen lassen: Was heißt denn hier „verbessern“? Man sollte sich das fragen, ich würde aber gerne noch woanders hinaus:
    Nach allem was die Wissenschaft so sagt, ist unser Hirn sowieso nichts anderes, als eine große Filterungs- und Konstruktionsmaschine. Nur ein Bruchteil der durch Sinnesorgane gewonnenen Informationen wird zu unserem Bild der Wirklichkeit verarbeitet. Dabei wird dieses wiederum so ergänzt, wie wir es erwarten. Ich glaube, das ist nicht neu.
    Unser Bild von der Welt unterliegt also zahlreichen Filtereinstellungen. Das betrifft die „natürliche“ Umgebung wie die „kulturelle“. Genderforschung würde von Codes sprechen, wenn es um die Wahrnehmung von Geschlechterunterschieden geht. Unter einer zillionen Informtationen meines Gegenübers wähle ich diejenigen aus und interpretiere sie, von denen ich annehmen kann, dass sie mir das (die, den) Gender meines Gegenüber verraten – und dessen Vorstellung davon.
    Dein Text ließe sich so verstehen, dass das Internet jetzt einen Punkt erreicht, an dem wir diese Technik des filterns auf den Umgang mit Medien erweitern. Während früher die Knappheit an Text (oder Büchern) bestimmte, was ich las, muss ich heute selber bestimmen, was ich lese. Mehr noch: bestimmen, wie ich etwas lese. Und mehr noch: Durch meine Art zu lesen (den Queries) die Art des Textes manipuliere, welchen ich lese.
    Wenn man den ersten Punkt gelten lässt, dass wir ohnehin immer schon Konstrukteure unserer Wirklichkeit waren, reduziert sich Dein Ansatz auf eine (radikale) Medienkritik. Oder man dreht noch ein bisschen weiter: Ideologiekritk hat sich immer schon gegen die proklamation einer Wahrheit gewendet, die Hierarchische Gesellschaftsverhältnisse begünstigt. Dabei ging es oft darum zu Zeigen, wie Wahrheit konstruiert wird das „Sachzwänge“ „alternativlos“ „Nestbauerin“, etc. eben nur unter bestimmten Prämissen Wahrheitscharakter haben. Wenn jetzt das Nutzungsverhalten im Internet dazu führt, sich über solche Konstruktionsakte aufzuklären, dann würde damit tatsächlich eine Revolution der BlaBlaBla.
    Sorry, ich will nicht in ein Fazit rutschen.

    Sollten ja drei Fragen werden, also:

    Was denkst Du darüber?
    Liest Du drei Wochen nach dem posten noch Komentare?

  15. mspro sagt:

    @Trill

    zu 1.)

    a) Das siehst du ganz richtig. Man kann natürlich nicht wirklich frei agieren. Alles in den Limits der vorhandenen Daten einerseits und den eigenen Prägungen andererseits. Die generierte Wahrheit ist nicht beliebig.

    b) Weiß nicht, ob ich das jetzt richtig verstanden habe, aber natürlich ist die Welt vermittelt. Davon bin ich aber ausgegangen. Durch die Filter ist sie zudem noch viel weiter verzerrt. Nur, dass wir das jetzt als Werkzeug nutzen.

    (Insgesamt bin ich mir auch der Problemtatik des Subjektbegriffs bewusst. Man sollte ihn hier durchaus als Provokation lesen)

    zu 2.)

    Was „verbessern“ ist, kann ich im Sinne der Filtersouveränität natürlich überhaupt nicht allgemein beantworten. Das muss jeder für sich. Ich zum beispiel höre Podcasts während ich in der Ubahn sitze. Ich bestimme das Gemurmel um mich herum als nutzloses Rauschen und ersetze es durch einen akustischen Inromationsstrom. Ich würde auch gerne eine Brille tragen, dass mir das Alexa-Gebäude am Alexanderplatz durch irgendwas anderes ersetzt. Aber jeder kann das natürlich anders handhaben und wird es auch anders handhaben. Das ist ja gerade der Pradigmenwechsel: die Umkehrung der Rechtfertigung von Information.

    Dass unsere Wirklichkeit schon immer eine Konstruierte ist, ist richtig. In sofern setzen die Medien das Gehirn und dessen Funktionsweise außerhalb des biologioschen Körpers fort, was ja mc luhansch eh die Definition ist.

    Dass wir diese Konstruktion aber nun aktiv gestalten können, ist das eigentlich neue.

    Zu der Ideologiekritik: Natürlich wäre „jeder seine eigene Wahrheit“ auch der Schlussstrich unter die Ideologien, denn was wäre eine Ideologie ohne allgemeinen Wahrheitsanspruch?

    Andererseits wäre ich da Vorsichtig. Denn auch Ideologien sind ja sehr wirksame Aufmerksamkeitsfilter und insofern vielleicht ein Wahrheitskonstruktionsansatz, den man in den Querybaukasten intergiert. Ideologie als Dropdownmenue oder als Browserplugin. Warum nicht?

    Letzte Frage: Ja, ich lese die Kommentare und wenn sie interessant erscheinen beantworte ich sie sogar manchmal. ;)

  16. Trill sagt:

    Hallo mspro,

    nicht direkt eine Antwort, aber das ist aus dem obigen entstanden:

    Ich versuche mal systematisch zu formulieren, was mich an dem Querylogy-Gedanken interessiert, bzw. von welchem Standpunkt aus ich ihn verstehen will. Diesmal wirklich in drei Punkten. Ich hoffe Punkt Drei bringt Eins und Zwei zu einem sinnvollen Ergebnis.

    1.Herrschafts/Ideologiekritik
    Ich erkenne unsere Welt als hierarchisch geordnet. Herrschaft hält diese Hierarchie aufrecht. Und: Die Hierarchie ist deutlich zu Ungunsten der Beherrschten. Und: Die Beherrschten sind deutlich in der Überzahl. Und: Die Herrschaft wird überwiegend nicht offen gewaltsam ausgeübt. Neben der Drohung von Gewalt erklärt sich dieser Zustand durch die Einwilligung der Beherrschten. Ideologiekritik sieht ihre Aufgabe u.a. darin, diese Einwilligung zu hinterfragen, aufzubrechen und den Betroffenen Mittel an die Hand zu geben, die Einwilligung aufzukündigen.
    Querylogy könnte als Methode und als Erkenntnis dazu beitragen, ideologische Filtervoreinstellungen als solche zu erkennen. Indem das Subjekt lernt, dass Wirklichkeit im Cyberspace aus seinen Anfragen generiert wird, könnte es auch erkennen, dass es sich mit jeder Art von Wirklichkeit so verhält. Auch unser FirstLife verstehen wir nur, weil wir es auf ganz bestimmte Arten interpretieren und nicht, weil es ist wie es ist. Wenn man die Interpretationsmuster analog zu Filtereinstellungen versteht, könnte man bspw. Rassismus als solchen Filter erkennen. Einen bestimmten Anteil der Bevölkerung als rassisch minderwertig zu bezeichnen, erlaubt es, diesen andere Lebensumstände zuzumuten als sich selbst. Der Filter erlaubt, soziale Schieflagen zu übersehen oder rauszurendern. Gleichzeitig verhindert er, In Kontakt mit den Anderen zu treten. Ziel sollte es jetzt nicht sein, zu überlegen, welche Filtereinstellung bequemer ist, sondern klarzumachen, dass man sie ändern kann. Alle „das ist bei denen halt so“, „der Neger schnaxelt eben gerne“, etc.-Sätze verlieren ihren Anspruch: nämlich naturgesetzlich zu sein.

    2.Wirklichkeitsverlust
    Jeder generiert seine eigene Wirklichkeit. Bei solchen Einsichten beschleichen einen Zweifel. Oder Angst. Zweifel daran, ob der Satz stimmen kann, wenn wir ständig die Erfahrung machen, auf gemeinsames Erleben zurückzugreifen. Was sorgt dafür, dass wir trotz Milliarden von Wirklichkeiten überhaupt kommunizieren können? Diese Frage ist vielfältig beantwortet worden, ohne vom „jedem seine Wirklichkeit“ abzurücken (Luhmann, Leibniz, Foucault). In allen Formen kann diese Einsicht Grusel oder Horror auslösen. Der Verlust einer verlässlichen, gemeinsamen Wirklichkeit sorgt für ein Maximales Gefühl von Isoliertheit. Sehr anschaulich wird diese Angst in Filmen dargestellt, in denen der Protagonist tatsächlich oder vermeintlich unter Wahnvorstellungen leidet.
    Querylogy trägt natürlich zu dieser Form von Wirklichkeitsverlust bei. Die Matrix wird benannt, die blaue (oder rote?) Pille geschluckt. Allerdings finden wir keine „echte Realität“ hinter der Matrix. Kein wir Menschen (Natur) gegen die Maschinen (Kunstprodukt). Keine Hafergrütze, kein Umkleidengeruch, kein Feind, der sich automatisch enthüllt. Hinter der Matrix findet sich nur die Aufforderung eine eigene zu bauen. Die Wirklichkeit existiert nur als Konstrukt.

    3.Realitätsmaschinen
    Warum aber, leben wir nicht in einem alltäglichen Alptraum der Isolation? Weil Kommunikation anschlussfähig ist! Binsenweisheit. Wir finden nicht nur die Eingabeaufforderung, sondern zugleich ein Netz an bereits existenten Vorschlägen für Realität. Im Laufe des Lebens bekommen wir ein großes Set an Interpretationen an die Hand, mit denen Wirklichkeit generiert wird. Unser Hirn kann als Realitätsmaschine verstanden werden, die in Echtzeit Wirklichkeit schafft. Offensichtlich funktioniert das auch ziemlich reibungslos – also Problemfrei.
    Neben dem Wahn gibt es jedoch ein weiteres Problem – und das sitzt tief: Wir haben keinen direkten Zugriff auf die Parameter, nach denen unser Hirn die Welt um uns entstehen lässt. Sich über diese Unwissenheit aufzuklären ist ein erster Schritt. Seinen Ansichten gegenüber skeptisch zu bleiben ein weiterer. Und hierbei könnte angewandte Querilogy enorm hilfreich sein. Im erkennen des eigenen Schaffens durch Queries erkennt das Subjekt, dass nur es selbst überhaupt schaffen kann. Vorgefertigte Meinungen sind letztlich nichts anderes als gefiltertes Internet. Wer einmal den Unterschied zwischen freiem und gefilterten Web gespürt hat (bspw. an einem Schulrechner mit Jugendsicherung), der realisiert, dass ihm ein Stück Realitätsgenerierung verweigert wurde. Man nähme an, man dürfte keine Anfragen an Suchmaschinen starten, sondern müsste alles von der Startseite spiegel.online (oder bild.de) beginnen. Man kann die Enge beinahe körperlich erfahren. Und schon Google.com als Startseite lehrt einen, dass überhaupt nichts geschehen wird, wenn wir keine Frage an die Welt haben.
    Querylogy bietet also Erkenntnis und Methode zum bewussten Erleben einer durch User-Anfragen konstruierten Welt. Damit ist noch nichts darüber gesagt, welche Gruppen von Menschen sich um welche Arten von Realtitätsmerkmalen scharen. Aber es gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich Subjekte in diesen Zusammenballungen über den Grund des Zusammenkommens klar werden. Das Internet als Realtitäsmaschine ist als solche leichter zu erkennen, Fehlschlüsse wie im FirstLife leichter zu vermeiden.
    Inwieweit sich aus der Erkenntnis über den Konstruktionscharakter der Welt ein Anspruch an die Abschaffung von Privatsphäre (das radikale Recht des Anderen) ergibt – damit man keine Barrieren im Schaffensprozess der Anderen erschafft – dieser Anspruch muss noch nachgewiesen werden.

    Soweit, lg.

    Trill

  17. Benedikt sagt:

    Sehr spannend Text, vielen Dank.

    Dass sich die dritte Ordnung jeweils nur in der Strukturierung durch eine query ergibt, ändert nichts daran, dass die query nur bei dem anstößt was (auch immer) sie als „tags“ versteht. Das wäre meine „Antwort“ auf Trills Fragen 1a) und b) gleichermaßen gewesen – die beiden Teile heben einander mMn in dieser Hinsicht auf.

    Eine kleine Kritik am Text will ich noch loswerden, auch wenn sie (billig) auf den (hier) zum Scheitern ja verurteilten Versuch, über Kant hinauszugehen:
    „Wenn die Aufklärung die Befreiung von der ’selbst verschuldeten Unmündigkeit‘ ist, dann hat sie dort nicht halt gemacht. Sie ist dabei, die realitätsbestimmte Unmündigkeit aufzulösen.“
    Letzteres geht nicht über ersteres hinaus, sondern ist darin enthalten. Insofern würde ich eher vorschlagen (und hielte das eigentlich auch für die stärkere Aussage). dass „sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen“ ja gerade bedeuten müsste, die eigenen Filter zu erarbeiten, die eigenen (Suchan)Fragen an die Wirklichkeit zu stellen.
    Oder?

  18. rode sagt:

    Ich denke, dass die Erkenntnis des Filter-Subjekts so wichtig wie alt ist. Die Digitalisierung macht es nicht zum Novum, was du ja selbst bemerkt hast. Quereyology ist kein neues Phänomen, so schön der Begriff in den beiden Beiträgen auch aufgebaut wurde und ein einzelnes Phänomen hervorzuheben macht keine neue Erkenntnistheorie. Der Ideologie-Filter ist nicht neu, sonst hätten sie alle nicht florieren können. Kognitive Verzerrung und Voreingenommenheit, confirmation bias, hostile media effect, selective exposure theory, shifting baselines und nicht zu letzt unsere Versuche unserem Selbstbild zu entsprechen lassen das (Filter-)Subjekt ohnmächtig der objektiven Realität gegenüberstehen – unabhängig von Digitalisierung und Suchmaschine. Das Problem liegt schon viel näher an unserem Bewusstsein. Konstruktivismus wurde als weiterer Stichpunkt bereits genannt.
    Das nicht nur die subjektiven Filter-Mittel eine Rolle spielen und die externen (Vor-)Filter (die Medien) nicht neu sind, hast du auch erwähnt. Neu, und damit stimme ich dem Beitrag zu, ist der Umfang und die Möglichkeiten der Filter-Mittel. Die Macht, die damit den Hütern der Algorithmen zufällt, hat aber nichts mit der Definition des Filter-Subjekts zutun – sie gehören nicht zu seiner Autorschaft. Neu ist auch das Gewicht des Macht-Batzens der sich dort verschiebt. Deshalb ist es wichtig die Meinungsbildung und subjektive Wahrnehmung im Internet weiter zu thematisieren. Zum Glück wurde das schon recht populär und in dutzenden(?) Büchern behandelt. Zu letzt kann man damit gar Verschwörungstheoretiker diskreditieren. Und die Gesellschaft wird sich klar, dass ihr nicht die ganze Realität auf der ersten Suchergebnisseite präsentiert wird. Das bleibt zumindest zu hoffen, aber die anonymen Mitglieder unserer Gesellschaft werden oft genug unterschätzt – eine weitere Verzerrung. Zum Glück sind wir nicht in den Suchmaschinen gefangen und Kant lässt sich immer noch unverzerrt lesen. Deshalb wollte die Queryology nur ein wenig relativieren. Es ist alles nichts neues, aber nach wie vor bedeutend.

    Grüße

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  21. Das Bild von der Relationalen Datenbank, wie es hier gezeichnet wird, zeigt, wie sehr die Herrschaft der Systeme schon akzeptiert ist. Das Subjekt hat gar keine Kraft mehr, sich seine Welt-Struktur selbst zu bestimmen, es nimmt die vom System vorgegebenen Strukturierungsmethoden als natürlich an. Um zu verstehen, welcher Strukturierungsmacht des Systems sich das „Filter-Subjekt“ unterwirft, muss man sich in Erinnerung rufen, von welchen Annahmen die Relationale Datenbank ausgeht:

    1. Die Welt zerfällt in Entitäten, die klar definierten Kategorien z geordnet werden können
    2. Jede Entität hat die durch die Kategorie bestimmten Attribute, die je von einem bestimmten Typ sind
    3. Entitäten sind miteinander durch 1-zu-N-Beziehungen miteinander verknüpft, die einen ganz bestimmten Sinn haben und ebenfalls durch die Kategorie definiert sind.
    So ist die Welt der Relationalen Datenbank aufgebaut, aber so ist nicht die reale Welt strukturiert. Das Filter-Subjekt unterwirft sich dieser Weltsicht, und nur, wenn es das tut, kann es filtern. Es unterwirft sich aber nicht nur diesen allgemeinen Prinzipien, sondern auch den konkreten Entscheidungen des System-Designers. Es kann überhaupt nur innerhalb der Zwänge des Systems agieren. Das gilt übrigens nicht nur für die Relationale Datenbank, sondern für jedes nur technische System, sei es Hypertext oder seien es XML-Strukturen, in denen ich mich mit einer entsprechenden Abfragesprache bewegen kann. Immer akzeptiere ich zum einen die Systementscheidungen, dach denen das technische Weltbild konstruiert wird und sodann den konkreten Entscheidungen des System-Designers (der im Übrigen ebenfalls den Zwängen seines Systems und den dazu gehörenden Verfahren unterworfen ist). Es ist fraglich, mit welcher Berechtigung hier überhaupt von einem „Subjekt“ gesprochen werden kann.

    • mspro sagt:

      ja, ist recht. wieder code is law.

      aber eben wieder mal so unnötig pessimistisch. warum. war die zeitung, das fernsehbild und die bibliothek etwa näher dran an der beschreibung der welt? waren die strukturen die zuvor existierten um die welt zu beschreiben etwa mit weniger einschränkungen verbunden?

      hell no! sowas von gar nicht. die relationale datenbank – mit all ihrer einschränkung – schafft es die welt in ihrer komplexität um ein tausendfaches besser abzubilden als alles vorher dagewesene.

      was du hier machst ist nichts anderes als der wohlfeile ruf: „der kann ja gar nicht schwimmen“ wenn einer übers wasser geht. *gähn*

  22. Das ist nun aber wirklich sachlich falsch. Eine relationale Datenbank bildet nicht die Komplexität von Welt ab, schon gar nicht besser als alles bisher dagewesene. Der Karteikasten mit Anmerkungen, die an den Rand geschrieben wurden, Zetteln, die angeheftet sind, Formularfeldern, die „missbraucht“ werden, der bildete vielleicht noch Komplexität ab. Die Datenbank soll das ja gerade nicht, sie soll die Komplexität aussperren, damit etwas übrig ist, was beherrschbar ist. Jeder, der schon mal Karteikarten-Inhalte in eine Datenbank übertragen musste, weiß, wie viel Komplexität der Information dabei verloren geht.

  23. Pingback: Die Query und die Krise des Archivs | ctrl+verlust

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