Die Krankenakte von Tut Ench Amun

Ich habe die Kontrolle verloren. Über dieses Blog. Und das, noch bevor ich es angefangen hatte. Es vegetierte nämlich bereits einige Tage in den vermeintlich anonymen Sphären unterkategorisierter Listen – unfertig, aber einsatzbereit. Ich, wir – dachten, dass es hier, in den Untiefen des FAZ-Systems unentdeckt bleiben würde. Wie naiv! In „Jurassic Park“ sagt der Mathematiker Ian Malcolm, nachdem er von den unfassbar ambitionierten Sicherheitsmaßnahmen erfährt, die man um die eingesperrten Dinosaurier errichtet hat: „Das Leben findet einen Weg.“ Komplexität ist etwas anderes als Kompliziertheit. Kompliziertheit ist schwierig zu handhaben, Komplexität unmöglich. Das Leben ist komplex, das Netz ist es auch. Das Netz findet einen Weg. Mathias Richel twitterte vorgestern Nacht:


Keine halbe Stunde und einige Retweets später, hatten dieses bis dahin eintragslose Blog – also nur das Design, mein Bild und der About-Text – bereits mehrere Tausend Menschen gesehen. Wir waren öffentlich. Ich finde das gut. Ich kann das auch gut finden, denn dieses Blog behandelt genau dieses Thema und hat somit bereits seinen ersten Blogeintrag selbst provoziert. Eine Tatsache, die mir auch entgegen kommt, denn ich schreibe diesen Blogpost in dem Speisewagen eines ICEs. Ich habe doch keine Zeit!
Ich war nämlich gerade auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort hatte noch eben gerade die Internetlegende padeluun – einer der profiliertesten Datenschützer Deutschlands – die Utopie eines freundlichen Internets gezeichnet. Ein Internet, in dem sich die Menschen wohl fühlen, weil ihnen menschlich, nicht kontrollierend, sondern mit aller Freiheit und Vertrauen entgegen getreten wird. Ich für meinen Teil finde diese Idee wundervoll. Und ich bewundere padeluun sehr dafür, mit welcher Ernsthaftigkeit und Leidenschaft er für sie kämpft. Er hat dafür meine ganze Unterstützung.

Es gibt aber auch einen Bereich seiner Vision, die ich nicht teile. Nicht teilen kann. Er möchte, dass der Mensch Herr über seine Daten bleibt, – nein – eher wird. Er glaubt daran, dass durch entsprechende Datenschutzbestimmungen, Datenvermeidungsstrategien und anderen Forderungen, die Menschen die Kontrolle über sich behalten, über ihre Spuren und ihre Verwendung, auch hier im Internet. Ich glaube nicht, dass das geht.

Ich glaube daran, dass man, sobald man sich äußert, nicht mehr in Hand hat, was mit dieser Äußerung geschieht. Nicht nur, aber ganz besonders im Internet. Das liegt nicht nur daran, dass die Transaktionskosten für Informationen im Internet auf null gesunken sind. Clay Shirky hat zwar recht, wenn er postuliert, dass eben dies unsere „Privatsphäre“ war: der Aufwand für die Information zur Durchschreitung des Raums. Die Transaktionskosten von Kommunikation, vor allem über weite Strecken und über mehrere soziale Knoten hinweg. Unsere Privatsphäre war eine natürliche, eine, die aus den Umständen erwuchs, sie war die Defaulteinstellung des Lebens. Es brauchte einen enormen Einsatz, sie zu überwinden.

Heute muss die Privatheit künstlich, sehr aufwändig hergestellt werden. Opt-Outs bei Facebook, Haken, die man in seinem Internetbrowser setzen muss, Plugins, die man installieren muss, Caches und Cookies und Histories, die man regelmäßig löschen muss. Es ist vor allem auch die Masse an Daten, die wir bewusst und unbewusst hinterlassen. Aber selbst wenn man hier glaubt, die Kontrolle zu haben, wenn man glaubt, zu wissen, was die technischen Prozesse sind und wie die identifizierenden Algorithmen funktionieren – trotzdem bleibt etwas im Raum, dem ich den Rang eines Naturgesetzes geben möchte:

Wir werden die Kontrolle verloren haben.

Wenn es denn nur die Daten wären, die wir bewusst äußern. Wenn es doch nur die tausenden anderen Daten wären, die wir implizit äußern, ohne es wirklich zu wissen oder – wenn wir es wissen – nicht daran zu denken, immer und zu jeder Zeit. Und wenn es doch nur die geringen Transaktion-, Speicher- und Weiterverarbeitungskosten wären, die die Informationen aufbewahren, retweeten und mashupen. Nein, es ist die Zukunft selbst, die außer Rand und Band gerät und die bestimmt haben wird, was wir von uns preis gegeben haben. Wir sind per se enteignet!

Ein paar Wochen zuvor war ich auf einer Veranstaltung im Rahmen der Social Media Week in Berlin. Es ging um die Deutschland-API. Die Firma Compuccino macht sich an die ehrenvolle und bitter nötige Aufgabe politische Prozesse transparenter zu gestalten. Ihr neustes Projekt ist die Deutschland-API. Eine API ist eine Schnittstelle für Daten, die andere, fremde Programme nutzen können, diese Daten zu verarbeiten. Aus diesem Grund sind sie in ihrer Struktur für die maschinelle Weiterverarbeitung optimiert. Solch eine Schnittstelle hat Compucchino nun für den Bundestag geschaffen, so dass andere Programmierer den Bürgern interessantere Aufbereitungen der vom Bundestag veröffentlichten Daten bereitstellen können. Eine Landkarte, auf der die Zuwendungen aus den Konjunkturmaßnahmen verzeichnet sind, wäre ein nahe liegendes Beispiel. Das ist leider aber noch Zukunftsvision.

Eines der Dinge, die die Deutschland-API heute bereis anbietet, sind die Daten aus dem Petitionsserver des Bundestags. Auch ich habe zwei oder drei dieser Online-Petitionen unterzeichnet. Auch die wohl bekannteste, die gegen die Netzsperren mit über 130.000 Unterschriften. Ich habe mich dort mit meinem vollen Namen angemeldet und meiner echten Adresse. Es war mir ein Bedürfnis mich mit meinen Daten, mit meiner ganzen Identität gegen dieses absurde Gesetz zu stemmen und dazu stehe ich auch heute noch.

Nun ist es durch die strukturierten Daten der Deutschland-API möglich, ähnlich wie in meinem oben zitierten Beispiel, eine Landkarte anzulegen, aber statt die Bundesmittel für die Konjunktur, kann man die Wohnorte aller Unterzeichner einer bestimmten Petition automatisch abtragen. Das ist ein qualitativer Sprung gegenüber einer einfachen Liste. Ein politischer Gegner dieser Petition, der – sagen wir – nicht den padeluunschen Freundlichkeitskriterien entspricht, könnte sich eine ideale Route erstellen lassen, um jedem Unterzeichner körperliches Unwohl zu bereiten und dabei möglichst niedrige Reisekosten zu generieren. Und das ist erst der Anfang.

Geben wir dem ganzen Petitionswesen ein paar Jahre und sagen wir, dass es sich prächtig entwickeln wird. Ich, als durchaus politisch interessierter Mensch, würde zwangsläufig Petition um Petition unterschreiben, um einer innovativen und meiner Meinung nach richtigen Politik den Weg zu bereiten. In den nächsten 5 Jahren sind 20 – 50
gezeichnete Petitionen also nicht ganz unwahrscheinlich. Und nun lassen wir da ein Wahl-O-Mat-ähnlichen Algorithmus darüber laufen. Es kommt eine 90% Wahrscheinlichkeit heraus, dass ich die Grünen wähle. Meine politische Präferenz im Internet. Ganz ohne, dass ich sie je öffentlich geäußert habe, für jeden Abrufbar, der es wissen will. Auch eine relativ gute Einschätzung meiner zukünftigen politischen Wahlentscheidungen, bevor ich sie getroffen habe, ist damit möglich. Ich werde mit jeder unterschriebenen Petition politisch transparenter.

Wir wissen nicht, was wir gesagt haben werden, wenn wir etwas sagen. Daten haben die Eigenschaft, verknüpfbar zu sein. Und diese Verknüpfbarkeit ist potentiell unendlich. Ja, sie ist unendlich, obwohl, die Daten endlich sind. Denn sie sind es nur heute. Wir wissen nämlich noch gar nicht, was morgen Daten sein werden. Daten, die es heute noch nicht gibt, die aber als Potential vorhanden sind. Wie zum Beispiel die Gesichtserkennung, die nur auf ihre Web-Crawler-Implementation wartet. Sie wird aus heute harmlosen Fotos im Netz zuordbare Profile schustern, mit Fotos von uns, von deren Existenz wir bis dato noch gar nichts wussten. Genauso wie die örtlichen und zeitlichen Metadaten von Millionen von Bildern und neuerdings auch Tweets im Netz, deren Verknüpfungsanwendungen noch in den Kinderschuhen stecken. Niemand kann es vorhersehen, was wir von uns preis gegeben haben werden, mit einem Tweet „koche Knödel“ und einem Foto von einer anonymen Tischkante. Niemand kann das vorhersehen, weil es unmöglich ist.

Wer das nicht glaubt, soll Tut Ench Amun fragen, der über 3000 Jahre nach seinem Tod endlich eine ausführliche Krankenakte verzeichnet hat, moderner Medizin sei Dank. Die Frakturen, Verformungen und Spurenreste gibt es zwar schon seit seiner Einmauerung, doch erst heute können wir sie lesen, also verknüpfen. Wer weiß. Vielleicht kann ihm ja in weiteren hundert Jahren geholfen werden? Natürlich nur, sofern sich ein Krankenversicherer für ihn erbarmt.

Wer das immer noch nicht glaubt, soll die noch viel älteren Völker fragen, denen, die nicht mal die Schrift kannten. Man sollte sie fragen, nach dem Bild, das wir von ihnen haben. Niemals hätten sie sich vorstellen können, dass wir ihre Zivilisation rekonstruieren und bewerten, ausschließlich anhand ihres Mülls! Ich möchte nicht ausschließen, dass wir in den nächsten 20 Jahren anhand von bestimmten Molekülkonfigurationen auf die Namen der Affären ihrer Eltern schließen können.

Wer – frage ich mich in Anbetracht dieser Gegebenheiten – wer soll jemals wieder ernsthaft die Kontrolle seiner Daten einfordern? Wer soll es jemals als ein Ziel ernsthaft in Erwägung ziehen, Herr zu bleiben über seine Aussagen. Wir haben alle bereits die Kontrolle verloren und werden sie niemals wiedererlangen. Davon bin ich überzeugt.

Ich möchte also neben der – trotzdem wichtigen – Datenschutzdiskussion gerne noch eine andere Diskussion führen, von der ich glaube, dass sie bisher nicht in der Intensität und Ehrlichkeit geführt wird, wie sie es verdient. Ich will darüber diskutieren, wie wir mit diesem Kontrollverlust umgehen, der unumgänglich ist, der Menschen im Netz wie mich verfolgt, auf die ein oder andere Art und jeden verfolgen wird, früher oder später. Ich möchte über eine Unausweichlichkeit sprechen, aber auch von einer Chance, eine, die sich vielleicht derzeit mehr bietet, als sie sich zu anderen Zeiten bieten wird, weil wir jetzt, hier und heute anfangen müssen die Begriffe zu definieren und die Schaltstellen zu besetzen.

Ich bin überzeugt, dass, wenn wir uns von der Angst vorm Kontrollverlust befreien, aus den neuen Gegebenheiten eine neue, vielleicht ehrlichere und offenere Gesellschaft formen können. Vielleicht sogar eine freundlichere. Wir haben jetzt die Pflicht zur Utopie, denn sonst geben wir den Handlungsspielraum ab, an jene, die aus Angst handeln. Und da ist bekanntlich noch nie etwas gutes bei heraus gekommen.

(Original erschienen auf der Website von FAZ.net)

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