Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft unter digitalen Bedingungen

Diesen Tweet kann man lustig finden. Ich finde ihn lustig. Und gleichzeitig meine ich ihn ernst.


Ich glaube tatsächlich, dass marktwirtschaftliche und planwirtschaftliche Organisationsformen in einem Wettbewerb stehen und ich glaube tatsächlich, dass sich das eine und/oder andere am Markt durchsetzt. Vor allem heute, in unser sich durch die Digitalisierung wandelnden Zeit.

Um das zu verstehen muss man ersteinmal ein paar Begriffe klarkriegen, die oft durcheinandergeworfen werden.

1. Marktwirtschaft und Kapitalismus sind nicht dasselbe. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist zwar zu einem großen Teil marktwirtschaftlich organisiert, aber weder ist die Marktwirtschaft ein notwendiges, noch ein hinreichendes Kriterium des Kapitalismus. Kapitalismus ist – wie ich ihn verstehe – vor allem das Prinzip, dass mittels Kapitalbesitz die gesellschaftliche Wertschöpfung strukturiert wird. Ob der Kapitalist die dafür eingesetzten Ressourcen an einem Markt aquirieren muss ist dabei erstmal egal. Umgekehrt kann es durchaus Wettbewerb und Marktmechanismen komplett ohne Eigentumsrecht geben.

2. Marktwirtschaft und Planwirtschaft sind keine streng antagonistischen Prinzipien, die sich ausschließen. Es wird wohl niemand irgendwo eine reine Planwirtschaft und es wird niemand irgendwo eine reine Marktwirtschaft nachweisen können. Beides sind einfach Prinzipien der Ressourcenallokation, die unterschiedliche Vor- und Nachteile haben und die überall zu finden sind. Wir haben beim Begriff „Planwirtschaft“ immer die großen staatsgetriebenen Planwirtschaften der Ostblockstaaten vor Augen und glauben deswegen, dass Planwirtschaft einfach eine ineffiziente Variante des Wirtschaftens ist. Das war sie in diesen Systemen ohne Frage (wir kommen noch dazu), aber auch die Marktwirtschaft hat enorme Effizienzprobleme. Marktwirtschaftliche Konkurrenz setzt beispielsweise voraus, dass unglaublich viel Infrastruktur mehrfach vorhanden sein muss und gleichzeitig, dass Skaleneffekte (also die Kostenreduktion bei Herstellung vieler Güter) nicht voll ausgeschöpft werden kann.

3. Und das wichtigste: Die Planwirtschaft hat einen enormen Stellenwert innerhalb unseres derzeitigen Kapitalismus. Ronald Coase hat bereits in den 30er Jahren darauf hingewiesen, dass wir bei all unserem Schwärmen für den Markt völlig übersehen, dass jedes Unternehmen intern eine Planwirtschaft ist. Unternehmen sind Organisationen, die sich durch Institutionalisierung, Verstetigung und hierarchische Organisation und Planung dem Markt entziehen. Unternehmen stellen zum Beispiel Menschen für eine längere Zeit ein, weil es für sie zu aufwändig wäre, jeden Tag neu Leute auf dem Arbeitsmarkt zu rekrutieren. Unternehmen machen kurzfristige, mittelfristige und langfristige Pläne, die sie dann hierarchisch organisiert durchsetzten. Mit anderen Worten, Planwirtschaften sind dem Kapitalismus nicht nur nicht Fremd, sie haben sogar sich bereits am Markt durchgesetzt, als dominante, interne Organisationsform seiner Teilnehmer.

Nachdem wir diese Punkte geklärt haben, kommen wir nun zum spannenden Teil: Wie verändert sich nun das Verhältnis von Marktwirtschaft und Planwirtschaft im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung?

Es gab bereits in den 70er Jahren die Bestrebung, anhand von computergestützter Organisation eine fortgeschrittene Variante der Planwirtschaft zu installieren: CyberSin. Die Sozialistische Regierung Allendes hat in Chile zusammen mit dem Informatiker Stafford Beer an einer kybernetischen Planwirtschaft gearbeitet. Wie effizient dieser Versuch war, lässt sich leider nicht genau bemessen, denn das Experiment fand bekanntlich sein Ende im Putsch von Pinochet. Nichtsdestotrotz gibt es – gerade in kommunistischen Kreisen die Hoffnung – mit heutiger Technologie einen solchen kybernetischen Kommunismus durchführen zu können. Die Frage der Effizienz von Ressourcenallocationsmechanismen entscheidet sich nämlich tatsächlich am Informationsfluss. Die staatlichen Planwirtschaften von Einst mussten enormen Planungshorizonten entsprechen. Fünf- oder gar Zehnjahrespläne bestimmten die Produktion von Gütern. Wer weiß schon, wer was in fünf oder zehn Jahren braucht? Hinzu kam, dass die Komplexität dieser Planungsprozesse jede Bürokratie überforderte, weswegen es immer wieder zu Fehlallokationen kam. Dagegen stelle man sich mit Internet of Things ausgestattete Smarthomes in Smartcitys vor, die an einer künstlichen Zentralintelligenz mit der Rechenpower mehrerer Rechenzentren angeschlossen sind, welche alle Informationen in Echtzeit zusammenbringt und prozessiert. Planungshorizonte würden so selten einen Tag überschreiten und meist unter einer Sekunde bleiben. Eine Echtzeitplanwirtschaft würde doch eine ungeahnte Effizienz schaffen. Wer braucht da noch den Markt?

Ich halte das durchaus für ein wahrscheinliches Szenario. Aber ich glaube nicht, dass es den Kommunist/innen gefallen wird. Die kybernetische Planwirtschaft kommt, aber diese Infrastruktur wird keine staatliche, oder gar Volkseigene sein, sondern höchst wahrscheinlich die eines Unternehmens. Und wie wir gelernt haben, widerspricht sich das ja keinesfalls, denn Unternehmen sind ja planwirtschaftliche Entitäten.

Noch haben wir einen Markt – auch im IoT – aber die nächsten Jahre werden wir sehen, wie sich verschiedene Unternehmen um den Platz als Zentralsteuerung unserer Welt balgen werden. Apple und Google sind dabei an den vordersten Plätzen aufgestellt, aber es kann in dieser frühen Phase immer noch Überraschungen geben (dafür ist die Marktwirtschaft immer gut: Überraschungen, Disruptionen etc.). Am Ende wird sich – wie das bei aller grundlegenden Infrastruktur üblich ist – EIN System durchsetzen. Und der Betreiber dieses Systems wird dann die kybernetische Echtzeit-Planwirtschaft bereitstellen, in der wir dann alle leben werden. (Fußnote: grundsätzlich ist es technisch denkbar, dass sich auch ein Set standardisierter Schnittstellen und Spezifikationen durchsetzt, welches die Plattform von IoT bildet, auf dem dann smarte Geräte miteinander reden (und konkurrieren), aber das halte ich derzeit für unwahrscheinlich, da gerade viel Ressourcen in Forschung und Entwicklung gesteckt werden, die die Unternehmen dann durch ihr geschlossenes Ökosystem wieder herauswirtschaften wollen.)

Und dann haben wir die Marktwirtschaft (nicht aber den Kapitalismus) überwunden, oder?

Nicht so schnell! In meinem Buch beschreibe ich ebenfalls, dass viele planwirtschaftliche Ressourcenallokationsprozesse zu marktwirtschaftlichen übergehen. Der Grund für die planwirtschaftliche Organisation von Unternehmen sieht Ronald Coase in den Transaktionskosten, die ein Markt so verursacht. Ressourcen am Markt zu organisieren verlangt viel Mühe: Ich muss mit anderen Marktteilnehmern verhandeln, Informationen einholen, Risiken eingehen, dass mich andere übers Ohr hauen wollen, etc. Durch die Digitalisierung reduzieren sich diese Transaktionskosten, denn die meisten Transaktionskosten entstehen durch Informationseinholung und -Verarbeitung und das nehmen uns die Computer ja immer besser ab. Deswegen werden Dinge zu marktfähigen Gütern, die vorher nicht effizient am Markt organisierbar waren. Das Resultat nennen wir heute Sharing Economy – oder Plattformkapitalismus: ein Stündchen Arbeitszeit hier, eine Nacht in einem privaten WG-Zimmer dort, eine Fahrt zum Flughafen von einem X-beliebigen Autofahrer. All diese Dinge waren vor ein paar Jahren dem Markt unzugänglich, weil der Aufwand sie zu tauschen zu groß war. Manche sprechen deswegen auch von der Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche.

Wir haben also durch die Digitalisierung sowohl einen Trend, der hin zur planwirtschaftlichen Organisation geht und wir haben einen Trend der hin zur verstärkten marktwirtschaftlichen Organisation geht. Und beides schließt sich nicht aus, nein, es bedingt sich sogar. Denn beide treffen sich in der neuen Form der Institution: der Plattform.

Plattformen sind meist durch ein Unternehmen bereitgestellte, also planwirtschaftlich organisierte Infrastrukturen, auf denen sich Inseln marktwirtschaftlicher Organisation bilden können. Sie sind damit die Invertierung unseres tradierten Systems: einer Martktwirtschaft mit planwirtschaftlichen Inseln (Unternehmen).

Die Zukunft ist lustig, oder?

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6 Kommentare zu Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft unter digitalen Bedingungen

  1. Wie stellst du dir denn einen Kapitalismus ohne Markt vor? Wie können Kapitalisten ihr Geld vermehren, wenn sie nichts kaufen und verkaufen (oder [ver]mieten etc.) können?

    Und wenn es „umgekehrt“ keine Eigentumsrechte gibt, was wird dann auf dem Markt gehandelt?

    • mspro sagt:

      Also ersteres habe ich im Text bereits implizit beantwortet. Stellen wir uns ein Monopolunternehmen vor, dass seine Güter an die Menschen distribuiert. Natürlich zahlen sie dafür etwas. Dennoch kann man nicht mehr von einem Markt sprechen, da es keine Angebots-Nachfrage-Feedback mehr über den Preis gibt. Das wäre ein Kapitalismus ohne Markt. (Den hast Du übrigens in vielen Bereichen in China.)

      Für Marktsituationen jenseits von Eigentumsverhältnisse lassen sich auch leicht Beispiele finden. Nimm die Aufmerksamkeitsökomie wie die Georg Frank beschrieben hat.

  2. Stellen wir uns ein Monopolunternehmen vor, dass seine Güter an die Menschen distribuiert. Natürlich zahlen sie dafür etwas. Dennoch kann man nicht mehr von einem Markt sprechen, da es keine Angebots-Nachfrage-Feedback mehr über den Preis gibt. Das wäre ein Kapitalismus ohne Markt.

    Selbst auf einem Monopol-Markt hat der Preis doch Einfluss darauf, ob Kund_innen überhaupt kaufen (können) und wie viel. Und dann ist die Frage, wo kommen die Ressourcen und die Vorprodukte her, gibt es dafür einen (kompetitiven) Markt oder nicht? Und wo finden Unternehmen ihre Mitarbeiter_innen, gibt es einen Arbeitsmarkt oder werden die potenziellen Mitarbeiter z.B. vom Staat den einzelnen Unternehmen zugewiesen?

    Und ist die Monopolposition staatlich abgesichert oder handelt es sich lediglich um eine „marktbeherrschende Stellung“, wo ein Unternehmen sagen wir mal 80 bis 99% Marktanteil hat, aber durchaus noch kleinere konkurrierende Unternehmen neben im existieren, die sich nur schwertun, dem Platzhirsch Kunden abzujagen? Wenn letzteres, ist klar, dass es sehr wohl einen Markt gibt, nur einen ziemlich unausgewogenen.

    Wenn es in allen Bereiche — Endprodukte, Vorprodukte, Produktionsmittel, Rohstoffe, Arbeit — staatlich abgesicherte Monopolstrukturen statt kompetitiver Markt gibt, wäre es vielleicht tatsächlich eine Gesellschaft ohne Märkte. Ich würde aber bestreiten, dass man diese Gesellschaft dann noch sinnvollerweise als „Kapitalismus“ bezeichnen könnte. Es wäre vielmehr eine Zentralplanungswirtschaft, und wenn sich dort die Leiter oder „Besitzer“ der Monopolunternehmen auf Kosten der anderen bereichern können, dann nicht als Kapitalisten, sondern aufgrund ihrer privilegierten Position in diesem Konstrukt.

    Für Marktsituationen jenseits von Eigentumsverhältnisse lassen sich auch leicht Beispiele finden. Nimm die Aufmerksamkeitsökomie wie die Georg Frank beschrieben hat.

    Georg Frank kenne ich nicht, nur die Reputationökonomie mit „Whuffies“ aus Cory Doctorows Roman „Down and Out in the Magic Kingdom“ und einige ähnliche fiktive Konstrukte. Das bleibt in den Details zwar etwas vage, aber es scheint sich um alternative Währungen zu handelt, die man zwar auf andere Weise verdient als Geld, die dann auf die selbe Weise eingesetzt wird, um Eigentumsrechte an den Dingen zu erwerben, die noch knapp sind.

    Allgemeiner gesagt: Markt ist die Institution, auf der ge- und verkauft wird. Eigentum ist das, was ge- und verkauft werden kann. Wie wäre also eines davon vorstellbar ohne das andere?

    • mspro sagt:

      Wie ich bereits im Text schreibe, gibt es eine „reine Planwirtschaft“ nicht, wird es womöglich nie geben. Eine andere Sache, die ich in dem Text versuche auszuräumen, ist die Fixe Idee jede Planwirtschaft müsse eine staatliche sein.

  3. Pingback: “Marktwirtschaft und Kapitalismus sind nicht dasselbe” | .-

  4. Michael Reifferscheidt sagt:

    Allen die sich für das Thema der kybernetischen Planwirtschaft interessieren, kann ich die theoretische Arbeit des schottischen Informatikers Paul Cockshott an’s Herz legen.

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