Die Gewalt der Plattform und der Preis des Postkapitalismus

Sascha Lobo hat vor einiger Zeit das Wort des Plattformkapitalismus geprägt. 1 Ich war damals sehr dankbar dafür, weil ich der Meinung war, dass es die Diskussion um die sogenannte „Sharing Economy“ wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Plattformen sind kapitalistische, wenn nicht sogar hyperkapitalistische Firmen, so war ich damals der Meinung, die auch in meinem Buch Ausdruck findet.2

Seit ich Paul Masons Buch Postkapitalismus gelesen habe 3, bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Nicht, dass ich Mason in allem zustimmen möchte, aber ich glaube, er hat einen Punkt, der nicht ganz wegzudiskutieren ist. Ich will mich hier vom Reflex befreien „Da fließt Geld, also ist das Kapitalistisch“ zu rufen und mich stattdessen in eine tiefere Analyse der Ökonomie der Plattform begeben, um noch mal grundsätzlicher nach dem postkapitalistischen Moment in der Plattformökonomie zu suchen. Vorsichtshalber sage ich es vorweg: das Aufspüren eines postkapitalistischen Moments ist nicht die Behauptung, dass heutige Plattformanbieter bereits jenseits des Kapitalismus operieren oder keine kapitalistischen Unternehmen seien. Es bedeute vielmehr, dass sie grundlegende Mechaniken ins Werk setzen, die nicht mehr kapitalistisch sind, die vielleicht sogar dem Kapitalismus als System und Funktionsweise gegenüberstehen. Und im weitestest aus dem Fenster gelehnten Fall: dass sie ein eigenes System etablieren, das im Stande wäre, den Kapitalismus großflächig zu ersetzen.

Masons Postkapitalismus in a Nutshell

Masons These geht ungefähr wie folgt: Die digitalen Technologien seien nicht mehr wertschöpfend im klassisch ökonomischen Sinn. Zumindest haben wir keine sinnvollen Metriken, um den Wert digitaler Wertschöpfung zu messen. Die Wikipedia und Linux fügen dem Bruttoinlandsprodukt jedenfalls weniger hinzu, als sie ihm abknapsen, indem sie zum Beispiel Unternehmen pleite gehen lassen, die die selben Produkte (Betriebsysteme, Enzyklopädien) für Geld angeboten haben. Überhaupt entwickele sich mittlerweile ja alles in Richtung Informationstechnologie – auch Flugzeuge seien heute zum Großen teil Informationsprodukte – und damit unterwirft sich nach und nach alles dem Gesetz des Informationsgütermarktes. Und dieses Gesetz lautet: alles ist grenzkostenfrei kopier- und distribuierbar. Und damit – so Mason – sei dieses Gesetz selbst schon kein kapitalistisches mehr, denn einen Kapitalismus ohne Knappheit könne es nicht geben. Beobachten lässt sich diese Inkompatibilität an der wesentlichsten Mechanik des Kapitalismus: die Preismechanik von Angebot und Nachfrage.

Mason macht ein Beispiel: iTunes offeriert Preise, diese seien aber schon nicht mehr von dem Preismechanismus bestimmt, sondern rein willkürlich. In einer Welt, in der Songs ohne Kosten reproduzierbar sind, kollabiere der natürliche Preis des Gutes auf 0 Euro.4

Aber: an dieser Stelle Frage ich mich: warum dann also nimmt iTunes 99 Cent pro Song und nicht vielmehr nichts? Mason macht es sich hier leicht. Seiner Meinung nach sind Plattformen wie iTunes temporäre Übergangsformen, quasi das letzte Aufbäumen des Kapitalismus gegen sein bevorstehendes Ende. Der Trick ist folgender: iTunes, indem es sich einen Monopolmarkt aufgebaut habe, könne dadurch den Preis frei bestimmen. iTunes – so könnte man sagen – agiert am System vorbei, es trickst es aus. Es findet einen Preis am Kapitalismus vorbei, einen Preis, der völlig beliebig sei.

Ich finde hingegen, es lohnt sich da etwas genauer hinzuschauen.

Filesharing als Staatskrise

Ich habe in meinem Buch und einigen Texten ebenfalls iTunes gerne als Beispiel genommen.5 iTunes, so könnte man sagen, ist einer der ersten Überlebenden des Kontrollverlusts, weswegen es spannend ist, zu schauen, welche Strategien dort entwickelt wurden. iTunes – indem es den Musikmarkt aus seinen alt hergebrachten Strukturen in sein Plattformmodell überführte – hat die Musikindustrie gewisser maßen gerettet. Und kolonialisiert.

Geschehen konnte das nur, weil die bestehenden Strukturen unter den digitalen Bedingungen versagten. Vertriebstrukturen – vom Presswerk bis zum Plattenladem – wurden durch aufkommende Dienste wie Napster und später Bittorrent gebypasst, so könnte man sagen. Aber waren es wirklich nur die privatwirtschaftlichen Institutionen und Unternehmen, die hier versagten? Ist es nicht etwas grundsätzlicheres, was hier versagte?

Natürlich konnte und wollte die Musikindustrie diese Bedrohung nicht auf sich sitzen lassen und fand einen alten Verbündeten: den Staat. Mithilfe von rechtlichen Schritten schaffte es die Industrie Napster den Gar auszumachen. Sie schaffte es aber nicht, das Filesharing ansich aus dem Verkehr zu ziehen. Die staatliche Gewalt ermöglichte ebenfalls institutionell organisierte Firmen wie Napster auszuschalten, nicht aber so dezentrale Protokolle wie Bittorrent. Filesharing blieb ein Problem, dem man – obwohl es klar illegal war – mit rechtlichen Mitteln nicht herr wurde.

Was hier also versagte, waren weniger die klassischen Vertriebsstrukturen der Musikbranche. Was eigentlich versagte, war der Staat. Obwohl der Staat der Musikindustrie ihr (geistiges) Eigentum garantierte, konnte er diesem Anspruch mit all seiner Gewalt nicht gerecht werden. Und hier wird es erst wirklich interessant. Denn was immer wieder und wieder übersehen wird, ist die Tatsache, wie sehr doch all die Kapitalistische Ordnung vom Staat und dessen Durchsetzungsgewalt abhängig ist. Hier, in diesem Versagen nun, wird es deutlich.

Kapitalismus als staatliche Eigentumsordnung

Was ist der Kapitalismus? Die bisher überzeugendste Antwort, die ich auf diese Frage gefunden habe, ist die von Otto Steiger und Gunnar Heinsohn in „Eigentum, Zins, Geld“. 6

Die klassische und neoklassische und die Keynesianische Ökonomie definieren den Kapitalismus vom Markt (oder ursprünglicher: vom Tausch) her. Sogar der Marxismus, der ihn von den Produktionsverhältnissen und der Lohnarbeit her definiert, setzt den Tausch als Kategorie einfach voraus. 7

Steiger und Heinsohn widersprechen den gängigen Theorien. Der Kapitalismus, sagen sie, definiert sich über die Differenz von Eigentum und Besitz. Der Eigentumsbegriff wurde von der Ökonomie bislang nicht genügend problematisiert und verstanden. Das liegt daran, dass Eigentum – wenn man ihn in Differenz zum Besitz betrachtet – gar kein ökonomischer Begriff ist, sondern ein rechtlicher. Eigentum wird in der Ökonomie immer schon quasinatürlich vorausgesetzt, dabei ist es eine durch und durch menschengemachte Konstruktion.

Diese Konstruktion wird ersichtlich, wenn man die Differenz von Eigentum und Besitz genauer besieht. Während Besitz die aktuelle Herrschaft über eine Sache anzeigt, ist Eigentum ein reiner Rechtstitel. Als Eigentümer brauche ich die Herrschaft über die Sache nicht ständig ausüben. Ich kann mein Eigentum anderen zugänglich machen, ich kann es in den Besitz von anderer geben, ohne, dass ich mein Eigentum daran verliere. Der Grund, warum ich den Besitz an meinem Eigentum nicht ständig ausüben muss, ist der Staat.

Eigentum kann es nur dort geben, wo es ein ausgeprägtes Staatswesen gibt, das mit entsprechenden Eigntumsgesetzen ausgestattet ist und über die Gewalt verfügt, Eigentumsrechte durchzusetzen.8

Der Kapitalismus ist ein System, dass über die zentralistische Gewalt des Staates überhaupt ermöglicht wird. Er steht und fällt mit der Fähigkeit des Staates Eigentumsrechte durchzusetzen, das heißt dem/der Eigentümer/in die Möglichkeit zu geben qua Staatsgewalt die Verfügungsgewalt über eine Sache auszuüben.

Das strukturelle Versagen des Staates im Falle der Durchsetzung der Eigentumssrechte der Musikindustrie ist also mehr als nur die Disruption einer Branche. Im Kern ist es bereits eine sich ankündigende Staatskrise – und somit – da hat Paul Mason recht – eine Krise des Kapitalismus.

Und mitten in dieser Krise des Kapitalismus platzt iTunes herein und setzte den Preis für einen Song auf 99 Cent. Wie kann das sein?

Um diese Frage zu beantworten müssen wir uns mit dem entstehen von Preisen beschäftigen.

Die Gewalttheorie des Preises

Quasi als Vorarbeit zu diesem Text beschäftigte ich mich mit der Marx’schen Arbeitswerttheorie, sowie am Rande mit der Grenznutzentheorie der klassischen Schule.9 Beide gelten als rivalisierende Theorien des Preises. Da ich beide Theorien schlecht finde und zudem Mason meiner Meinung richtig gezeigt hat, dass die Informationswirtschaft dem kapitalistischen Preismechanismus einen Strich durch die Rechnung macht, kündigte ich am Ende des Textes großmäulig an, eine Theorie des Preises zu entwerfen, die besser und universeller ist, als beide vorliegenden Theorien. Eine Theorie die nicht nur für den Kapitalismus gilt, sondern auch vorher und nachher Gültigkeit beansprucht.

Die Zeit ist gekommen. Hier ist sie. Meine universelle Theorie des Preises:

Der Preis einer Sache wird von demjenigen festgelegt der Verfügungsgewalt über die Sache hat. 10

Zugegeben, die Theorie ist recht … übersichtlich. Auf den ersten Blick mag man sie banal nennen. Aber im folgenden will ich zeigen, dass sie durchaus in der Lage ist, einige Sachverhalte, die vorher im Nebel verblieben, aufzuklären. 11

Die Theorie ist eine direkte Ableitung aus dem Paradigma, das von Heinsohn und Steiger vorgegeben wurde. Sie fragt nicht nach Nutzen oder Wert. Ihr Ausgangspunkt ist die Gewalt. Wenn im Kapitalismus, derjenige den Preis definiert, der Eigentümer eine Sache ist, liegt es Nahe im Umkehrschluss zu fragen, ob nicht immer derjenige den Preis einer Sache festlegt, der die Verfügungsgewalt darüber hat. Denn wer einen Preis festsetzen will muss die Gewalt zur Verfügung haben, die Bezahlung auch durchzusetzen, bzw. um den anderen daran hindern, sich die Sache mit Gewalt anzueignen.

Im Feudalismus war es die Gewalt des Besitzers selbst. Die Gewalt konnte unterschiedliche Formen haben. Sei es die rohe Gewalt von Armeen und Waffen, ein Bündnis mit anderen Herrschern oder die Etablierung von Status und Respekt, oder gar Legitimationsstrukturen durch Erzählung/Ideologie. Wenn jemand allerdings die Sache streitig machte, gab es keine externe Instanz, auf die sich der Besitzer berufen konnte.

Im Kapitalismus wird die Verfügungsgewalt im Rechtstitel des Eigentums abstrahiert und an den Staat geoutsourced. Heinsohn und Steiger insistieren zum Beispiel darauf, dass Eigentum bedeutet, dass es beliehen und verpfändet werden kann. Es bedeutet eben auch, dass man als Eigentümer in der Position ist, den Preis dafür festzusetzen. Damit wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der sich über die Jahrhunderte zu allem Formen, Farben und Undurchsichtigkeiten des heutigen Kapitalismus mit seinen verwobenen Finanzstrukturen geführt hat. Grundlage all dessen bleibt der Staat und seine Gewalt.

Und schließlich erklärt die Theorie auch iTunes. Aber dafür müssen wir etwas ausholen.

Der iTunespakt

Als Steve Jobs 2002 auf die Musiklabels zukam, standen sie mit dem Rücken zur Wand. Er zeigte ihnen den iTunes Music Store und verhandelte ein Label nach dem anderen in die Kooperation.

Die Musikindustrie hat mitgemacht. Mehr oder weniger freiwillig, denn die Bedingungen waren ein mittelschwerer Paradigmenwechsel. Jobs wollte die Alben entbundlen, das heißt, die Songs einzeln verkaufbar machen. Außerdem setzte er einen Einheitspreis durch: die 99 Cent. Die Musikmanager verhandelten hart, am Ende aber fügten sie sich dem Applediktat. 12

„Der Preis wird von demjenigen festgelegt, der Verfügungsgewalt über die Sache hat.“ Für die Labels war der Kapitalismus vorbei, seit der Staat unfähig war, ihre Eigentumsrechte durchzusetzen. Jobs bot ihnen eine Infrastruktur an, mit der sie wieder Geld verdienen konnten, diktierte ihnen aber, wie sie Geld verdienen konnten. Steve Jobs war derjenige, der die Verfügungsgewalt über das Eigentum der Musiklabels hatte, weil er die Infrastruktur kontrollierte.

Macht hat, wer die Plattform kontrolliert, lautet die Regel 5 des Neuen Spiels in meinem Buch. Hier sieht man die neue Macht am Werk.

Mason sieht hier noch den Kapitalismus am Werk, sein letztes Aufbäumen. Er sieht nicht, dass sich bereits hier ein System bahn gebrochen hat, dass schon nicht mehr kapitalistisch ist, das man bereits postkapitalistisch nennen kann.

Vielleicht hat er auch recht damit. Dass die Plattformanbietern überhaupt einen Anteil an ihren Einnahmen zugestehen, liegt daran, dass sie das System des Kapitalismus noch anerkennen. Die Plattformanbieter sind selbst noch kapitalistische Institutionen und als solche vom Staat belangbar. Dass sie aber Geld für digitale Güter nehmen können, wird schon nicht mehr vom Staat bewerkstelligt, sondern durch ihre ganz eigene, spezifische Gewalt.13

Es lohnt sich also diese spezifische Gewalt der Plattform in den Blick zu nehmen.

Die Gewalt der Plattform

Die Gewalt der Plattform besteht in ihrem Nutzen und ihrer Fähigkeit, Leute von diesem Nutzen ein- und auszuschließen. Innerhalb ihrer Grenzen macht sie ihre eigenen Regeln, die in Code gegossen sind. Code is Law.14 Diese Regeln können sehr detailliert bestimmte Modi der Nutzung erlauben oder durch schlichtes verweigern des Dienstes untersagen. Die Plattform hat keine Macht über den/die Nutzer/in, die sie ihr/ihm nicht zuvor gegeben hat. Die Plattform gibt, um wieder nehmen zu können. Darin besteht ihre Gewalt, das ist ihre Macht.

Das Monopol, wie Mason es beschwört, trägt zum Gelingen bei, ist aber weder hinreichend noch notwendig für die Gewalt der Plattform. Schon Marktführerschaft setzt durch die überlegenen Netzwerkeffekte die nötige Nutzensschwere frei.15

Die Macht der Netzwerkeffekte ist die entscheidende Zutat. Das wurde so oft wiederholt, aber ich sage es noch mal: Der Nutzen eines Netzwerkes steigt mit jedem/r hinzukommenden Teilnehmer/in. Das gilt aber eben nicht nur für Personen. Jeder Musiktitel auf iTunes (oder Spotify) trägt zum Netzwerkeffekt bei.

Plattformen entstehen immer nach folgendem Muster:

1. Baue interaktive Tools, die ein persönliches und/oder gesellschaftliches Problem lösen und dadurch Nutzen generieren. (Generiere – wenn möglich – viele unterschiedliche Nutzen.)
2. Wachse, bis Du relevante Netzwerkeffekte erzielst, die weiteren Nutzen generieren.
3. Behalte die Kontrolle über en Zugang zum Nutzen, also die Fähigkeit, ihn jederzeit wieder einzuschränken oder ganz zu entziehen.
4. Verknappe den Nutzen und nehme Geld für den Zugang zu ihm.

Dieses Prinzip findet sich in allen Plattformgeschäftsmodellen wieder. Sie unterscheiden sich nur darin, welcher Nutzen für wen verknappt wird. Meistens ist es die Aufmerksamkeit der Nutzer. (Google/Facebook/Twitter). Manchmal ist sind es aber die Informationsgüter selbst (iTunes/Netflix/Apple Appstore). In einigen Fällen ist es auch der Zugang zur Plattform selbst, oder zu gewissen Spezialdiensten oder Dienstleistungen. (Xing, Github, Uber). Besonders umstrittene Beispiele für genau diese Vorgehensweise sind Auflösung der Netzneutralität durch die Internetprovider, wie die Verknappung von Werbeplätzen in Browsern durch AdBlockPlus. Aber auch sie operieren nach derselben Logik.16

Die neue Güterordung

Wir müssen wieder ganz einfache Fragen stellen. Grundlegende Fragen. Was ist ein Gut? Und muss ein Gut jemandem gehören?

Die Gewalt der Plattform ist eine Gewalt, die auch unter den Voraussetzungen des informationellen Kontrollverlusts noch wirkt, weswegen Informationsgüter ihr erster, quasi natürliche Anwendungsfall sind. Informationsgüter sind in der Ordnung des Kapitalismus nichts neues, auch wenn sie sich doch sehr von physischen Unterscheiden, haben sie Eigentümer, können überhaupt Eigentum sein.

Bei Social Media Diensten läuft das schon anders. Sie hantieren mit Daten, Text, Bilder, Videos und natürlich den Verhaltens- und Stammdaten der Nutzer/innen, für die die Eigentumsverhältnisse schwerer zu klären sind. Gehören Facebook die Daten seiner Nutzer/innen, oder gehören sie den Nutzer/innen? Wenige der Postings dürften klassischen Bewertungen nach die Schwelle zum geistigen Eigentum überschreiten. Natürlich sieht das Gesetz gewisse Rechte für persönliche Daten vor, aber einen Eigentumsbegriff gibt es hier nicht. Mit gutem Grund. Wem gehört ein Like? Dem, der liked, demjenigen, der das gelikte Posting verfasst hat, Facebook? Oder was ist mit Aufmerksamkeit, der eigentlichen Geldquelle vieler Plattformen. Wem gehört Aufmerksamkeit? Dem, den man sie „schenkt“? Dem, der sie erzeugt? Oder dem, der sie aufbringt?

Die Antwort ist: es ist egal. Eigentum ist ein Konzept, das innerhalb von Plattformen obsolet ist, denn die Zugangsregulierung wird einfach direkter betrieben. Jurist/innen werden sich wahrscheinlich dennoch weiter darüber streiten, aber Auswirkungen dieser Streits dürften keinen normativen Effekt haben.

In meinem Buch hatte ich die verschiedenen Güterarten hinsichtlich des Plattformmodell bereits durchdekliniert. Plattformen versuchen Öffentliche Güter (nichtrivalisierende, nicht zugangsbeschränkte Güter) in Clubgüter (nichtrivalisierende aber zugangsbeschränkte Güter) zu verwandeln, indem sie Kontrolle über den Zugang erlangen 17. Dass diese nichtrivalisierenden, zugangsbeschränkten Güter wiederum keinen Eigentümer brauchen ist aber das eigentlich Neue und postkapitalistische Moment des Plattformmodells.

An dieser Stelle könnte man auf die Idee kommen, dass das Plattformmodell und damit eine Postkapitalistische Ordnung nur ein Sturm im immateriellen Wasserglas ist. Die klassische Ökonomie der Dinge und Gegenstände sei davon gar nicht betroffen.

Das ist das ist bereits heute leicht von der Hand zu weisen. Vom Carsharing, über die Sharingökonomie zum Internet of Things wird klar, dass das Plattformmodell längst begonnen hat, die physische Ökomomie zu okkupieren. Oder kolonisieren. Das wiederum ist aber wieder eine ganz andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden muss.

Plan C

Ich finde es zu weit gegangen, die heute realexistierenden Plattformen postkapitalistisch zu nennen. Sie sind aber eben auch nicht mehr ganz kapitalistisch, bzw. etablieren eine postkapitalistische Mechanik. In ihnen steckt der Kern einer Ordnung, die ohne Eigentum und damit ohne Staat auskommt und diese durch ihre eigenen Ordnungs- und Gewaltprinzipien ersetzen könnte. 18

Betrachtet man den derzeitigen Zustand des Systems des Kapitalismus – beide Seiten: des Nationalstaates, wie auch des Marktsystems – dann kann man unabhängig von unseren Überlegungen hier auf den Gedanken verfallen, dass der Kapitalismus bereits im Sterben liegt. Einen einfachen Übergang vom Kapitalistischen System zum Plattformsystem wird es aber nicht geben. Das alte muss erst zerrüttet sein, bevor das neue sich etablieren kann. Es wird eine Phase der Unruhe und des Chaos geben müssen, an deren Anfang wir vielleicht schon stehen.

Eine Ordnung der Plattformen mag man ablehnen und zwar aus guten Gründen. Zuvorderst ihrer mangelnden demokratischen Legitimation wegen. Das ist aber keine strukturelles Argument. Auch der Staat hat nicht als Demokratie angefangen, sondern hat sich als Ordnungsmacht in der frühen Neuzeit erstmal unter absolutistischen Vorzeichen bahn gebrochen. Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Demokratie sind hinterher als AddOn in die bereits vorhandene Struktur implementiert worden.

Deswegen wäre ich vorsichtig, das Plattformmodell als postkapitalistische Möglichkeit rundheraus abzulehnen, sondern plädiere vielmehr dafür, das Modell weiter zu studieren und zu verstehen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie man auch diese Struktur domestiziert – also demokratisiert bekommt.

Wenn der Nationalstaat und seine Institutionen inklusive Kapitalismus der Plan A war, dem wir Anfang des Jahrtausends den libertären wie naiven Gedanken des heterarchischen Netzwerkes als Plan B entgegenhielten, dann ist es Zeit jetzt an Plan C zu feilen. Denn weder wird sich Plan B bewahrheiten, noch noch gibt es eine mögliche Rückkehr zu Plan A. Das derzeitige System wird vielleicht schon in den nächsten 5 bis 10 Jahren verfallen sein. Und dann ist es gut, Plan C in der Schublade zu haben.

  1. Lobo, Sascha: Die Mensch-Maschine: Auf dem Weg in die Dumpinghölle http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-sharing-economy-wie-bei-uber-ist-plattform-kapitalismus-a-989584.html
  2. Seemann, Michael: Das Neue Spiel, S. 118
  3. Mason, Paul: Postcapitalism, A Guide to Our Future
  4. Das ist natürlich ebenfalls die Argumentation bei Jeremy Rifkins Zero Marginal Cost Society. Beide Bücher werden deswegen gerne verglichen. Dennoch, finde ich, geht Mason in seiner Analyse tiefer, weswegen ich ihn weiter als Ausgangspunkt behalte.
  5. vgl. z.B. http://www.ctrl-verlust.net/plattformprivacy
  6. Ich halte es für eines der wichtigsten Bücher über Ökonomie der letzten 20 Jahre, auch wenn ich einige Teile der Analyse nur sehr bedingt teile.
  7. Zum Beispiel im zentralen Begriff des Tauschwertes. David Graeber hatte dagegen sehr schön gezeigt, dass die quasi von allen Ökonomen immer vorausgesetzte Urszene des Kapitalismus: der Markt auf dem Güter gegen Güter getauscht werden, nirgends nachgewiesen werden kann. (Graeber, David: Debt, the first 5000 Years) Diese Gesellschaftsform hat es weder irgendwo gegeben, noch hat sie sich in irgendeinem Volk herausgebildet. Sie ist ein reines Geistesprodukt von bereits kapitalistisch denkenden Ökonomen.
  8. Der Feudalismus kannte nicht nur keinen rechtlichen Begriff von Eigentum, sondern hatte auch gar nicht die Strukturen, es durchzusetzen. Besitzen konnten nur die Stände, weil sie über Strukturen verfügten, den Besitz auch zu verteidigen.
  9. Ich lehne die Marx’sche Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum. http://mspr0.de/?p=4605
  10. Als Verfügungsgewalt verstehen wir die Fähigkeit die Sache zu nutzen und gleichzeitig, andere von der Nutzung der Sache auszuschließen.
  11. Wer sich an dieser Stelle eine Preistheorie gewünscht hat, die Aussagen darüber zu treffen im Stande ist, welcher Preis für eine Sache veranschlagt werden wird, wird hier natürlich enttäuscht sein. Aber ganz ehrlich: ich bezweifle, dass es eine solche Theorie je geben kann. Die Behavouristische Forschung hat die Idee des Homo Oeconimicus längst relativiert. Die Grenznutzentheorie hat sicher ihre Anwendungsfälle und spielt in der Preisgeataltung sicherlich mit rein, aber sie trifft oft nicht immer zu. Preisbildung ist ein komplexes Problem, in das sehr viele Variablen einfließen. Schaut man sich bestimmte Märkte an, scheint die Preisbildung beinahe beliebig zu sein. Ein Beispiel sind Matratzen, die mit teils mehreren Hundert Prozent Marge verkauft werden, was einen ganzen Anhang von Gründen hat, wie in dieser Freakonomics-Folge zu erfahren ist: http://freakonomics.com/podcast/mattress-store-bubble/ Ähnlich sieht es bei Hygieneartikeln aus, die sich unter einem gewissen Preis gar nicht verkaufen, weil sonst das Qualitätsempfinden nicht befriedigt wird. Spannend auch, wie ganz situationsabhängige Variablen reinspielen. Hier ein schöner Artikel darüber, warum bestimmte Küchen aus bestimmten Ländern für teurere Preise verkauft werden, als bestimmte andere: http://www.theatlantic.com/business/archive/2016/07/the-future-is-expensive-chinese-food/491015/?single_page=true Uber wiederum hat zum Beispiel herausgefunden, dass Kunden gewillt sind, biszu 9 mal so hohe Preise für eine Fahrt zu zahlen, wenn ihr Handyakku fast alle ist.
    http://thenextweb.com/insider/2016/05/20/uber-riders-will-pay-9-9-times-surge-pricing-phone-battery-low/#gref. Preismechanismen sind in der Realität wahnsinnig komplex und lassen sich nicht auf einen oder einige Gesetze runterbrechen. Das alles beiseite gelassen, ist wenig gesetzmäßiges über den Preis zu sagen. Bis auf: wer ihn festlegt. Welche Überlegungen und Motivationsstrukturen ihn dabei leiten ist dabei erst mal nachrangig. Die Ökonomie geht zum Beispiel immer davon aus, dass jemand, der einen Preis für eine Sache festlegt, diese auch verkaufen will. Das ist nicht immer der Fall. Ich selbst lege für Dinge, auf die ich keine Lust habe, prohibitiv hohe Preise fest, damit sie nicht gekauft werden (Und wenn doch, dass ich eine entsprechende Entschädigung bekomme, was auch schon vorgekommen ist).
  12. Schön dokumentiert in diesem alten Artikel: http://www.rollingstone.com/music/news/steve-jobs-music-vision-20111007
  13. An dieser Stelle müssen ein paar Nachträge gemacht werden. Bei der Unterwerfung der Labels unter das Applediktat ist es bekanntlich nicht geblieben. Heute existiert eine heterogene Plattformstruktur im Musikmarkt. Insbesondere Spotify hat sich als wichtige Plattform etabliert. Sie wird zu einem großen Teil von den Labels selbst getragen, was darauf hindeutet, dass sie sehr wohl gelernt haben. Auch sonst haben sie quasi kartellartige Strukturen gebildet und diktieren auch allen anderen Streaminganbietern, welches Songkontingent sie für welchen Preis anbieten dürfen, was der Grund dafür ist, dass sich sie Angebote so wenig unterscheiden. Auch wenn man sagen kann, dass die Labels ihre Macht zurückgewonnen haben, kann man also nicht von einer Rückkehr in Kapitalistische Strukturen sprechen. Zudem ist spannend, wie lange sich die Staaten und die EU z.B. dieses Schauspiel noch bieten lassen.
  14. Es gibt wenige Punkte, an dem Lawrence Lessig 16 Jahre alte These deutlicher zu sich selbst findet, als bei der Gewalt der Plattform. Allerdings wäre zu ergänzen, dass Code nicht nur Law ist. Es ist Auch Judge und Vollzugsbeamter. Im Grunde lässt sich das noch besser und klarer anhand Deleuzes‘ Konzept der Kontrollgesellschaften beschreiben. Ich habe das bereits in meinem Buch skizziert. Das Neue Spiel, Seite 75f.
  15. Es wird bei Google, Facebook, etc. gerne von Monopolen gesprochen. Das ist genau genommen falsch. Es sind Marktführer, oft mit großem Abstand. Ihre Nichtmonopolstellung aber schränkt sie tatsächlich faktisch ein.
  16. Der einzige Unterschied dürfte sein, dass die von diesen Akteuren verknappten Nutzen vorher öffentliche Güter waren, sie also keinen originären Nutzen erschaffen haben, weswegen das Moralempfinden vieler Leute Sturm läuft. Jedoch kann man argumentieren, dass zum Beispiel AdBlockPlus von einem reinen Blockingdienst zu einem Regulator für Onlinewerbung wurde. Dann müsste man ihn an seiner Funktion messen und also zugestehen, dass es doch originären Nutzen generiert. Auch die Netzprovider versprechen mit gelockerter Netzneutralität neuen Nutzen zu generieren. Man darf da aber skeptisch bleiben.
  17. Seemann, Michael: Das Neue Spiel, Seite 132
  18. An dieser Stelle könnte man fragen, wie sehr Geld und Geldtransaktion strukturell an das System des Kapitalismus gebunden ist. Wird es verschwinden, wenn das kapitalistische Modell rund um die Plattformen zusammenbricht? Wird es ersetzt werden durch andere transaktionsformen? Dazu kann ich nur spekulieren. Seit Maxwells Demon wissen wir, dass Ordnung nie umsonst zu haben ist, weswegen ich davon ausgehe, dass der ordnenden Instanz immer ein Tribut auf die eine andere Weise gezollt werden wird. Vielleicht lässt sich Ordnung auch dezentral organisieren, wie einige Verfechter des Openweb und der distributed Networks behaupten. Aber auch dann wird es irgendeinen Preis geben, der dafür an irgendwen gezahlt werden muss und sei es nur das gegenseitige Betrauen mit Policing-Aufgaben oder freiwillige Selbsteinschränkungen, etc.

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10 Kommentare zu Die Gewalt der Plattform und der Preis des Postkapitalismus

  1. Enno sagt:

    Sehr elegant, ich bin beeindruckt. Was ich an deiner Theorie des Preises bestechend finde, ist, wie gut sie sich auf alle möglichen Bereiche übertragen lässt. Beispiel Arbeitsmarkt, der ja nur in Ausnahmefällen nach Angebot und Nachfrage richtet – oder nach dem, was der Eigentümer der Arbeitskraft als Preis fordert. Vielmehr entscheidet, wer die Gewalt der Preissetzung ausübt. Diese Ausübung von Gewalt kann z.B. ein Streik sein, aber eben auch die Sanktionen beim Alg2. Interssant, wie sehr hier der oft staatsverachtende Neoliberalismus auf den Staat und dessen gesetzte Regeln angewiesen ist.

    • mspro sagt:

      Die Gewalt des Arbeitsmarktes geht vor allem von der Tatsache aus, dass man als Arbeitnehmer/in irgendwas essen muss. Es ist also eine ziemlich elemantare, existentielle Gewalt, die einen zu einem Vertragsabschluss drängt. Zwar ist der Arbeitnehmer also in der Position seine Arbeitkraft zu bepreisen, denn er hat die Grunsätzliche Verfügungsgewalt darüber (in dem Text gebe ich das Beispiel, dass ich absurd hohe Gagen für Tätigkeiten aufrufe, auf die ich keine Lust habe), aber das muss man sich erstmal leisten können. Erst wenn man die Existenz gesichert hat, ist man genau genommen in der Verfügungsgewalt über seine Arbeitskraft.

  2. Ralf Muschall sagt:

    Mit der Gewalttheorie der Preisbildung habe ich ein kleines Problem: 2 Leute haben je Gewalt über etwas, das der andere will (in 99% der Fälle dürfte es bei einer Seite Geld sein). Auf welches Tauschverhältnis einigen sie sich nun und warum? Und was sorgt dafür, dass normalerweise (d.h. außerhalb disruptiver Neuerungen oder exotischer Güter) verschiedene Menschenpaare an verschiedenen Orten näherungsweise zum gleichen Faktor kommen?

    • mspro sagt:

      Im kapitalistischen System, in dem wir leben, kommt so etwas nur sehr selten vor, denn die Eigentumsordnung soll ja genau diese Situation verhindern. Meist gibt es bereits einen Eigentümer und so ist die Sache klar. Die von dir beschriebene Situation tritt nur dann auf, wenn es 1. ungeklärte Eigentumsverhältnisse gibt und 2. keine ordnende Zentralinstanz gibt, die die Sache regeln kann. Mit anderen Worten: sie kommt meist zischen Staaten vor. Dann, wenn zwei Staaten jeweils ein Territorium beanspruchen, es aber nicht vertraglich geregelt ist, zu wem es gehört. Das ist in der Geschichte sehr oft durch blutige Konflikte entschieden worden, oft gehen die Scharmützel Ewigkeiten, siehe zum Beispiel die Kaschmierregion, oder die Shetlandinseln.

  3. Timo Ollech sagt:

    Die Preistheorie greift ein wenig kurz: auf Monopol- und Oligopolsituationen trifft sie zu, aber wenn es viele Anbieter eines Gutes auf einem Markt gibt, kann nicht einer der Anbieter einfach willkürlich einen Preis festsetzen. Er hat zwar die Verfügungsgewalt über den Anteil der insgesamt produzierten Güter, den er selber hergestellt hat, aber eben nicht über alle Güter dieser Art.

    Zu dem Beispiel Arbeitsmarkt sage ich immer, dass dieser erst durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ein wirklich freier Markt würde.

    • mspro sagt:

      Sie greift nicht zu kurz. Die Macht einen Preis für eine Sache festlegen zu können, ist etwas anderes, als die Macht die Sache auch an den Mann zu bekommen.

      Dass man nicht die Macht hat, Preise über die Gattung eines Produktes festzulegen, versteht sich von selbst und derart hirnrissiges würde auch niemand behaupten. Jedenfall niemand, den ich kenne.

  4. Fritz Iv sagt:

    Dass Bedürfnis, Ökonomie verstehen zu wollen, rührt daher, dass sie in der Praxis in ihrer Komplexität regelmäßig um iner Zehnerpotenz komplizierter ist, als man es sich mal schnell mit 4 oder 5 abstrakten Begriffen zusammenreimt. Dass ein Eigentümer nur insofern überhaupt als Eigentümer sich fühlen kann, wie er die Modalitäten der Herausgabe seines Besitzes allein entscheiden könnte, kann man so behaupten – Wohnungseigentümer beklagen sich daher, sie seien ja schon quasi „enteignet“ – aber es führt eben praktisch zu nichts, nicht einmal zu einer sauberen Erkenntnis der Preisbildungen im Digitalgütermarkt.
    Dabei ist der Musikmarkt der Unbedeutendste überhaupt – nach kapitalistischen Maßstäben betrachtet ist das so gut wie nichts, weswegen der Staat sich damit auch nicht mehr beschäftigt, als man es gerade muss. Interessanter ist die gewisse und vielfach beneidete Preisfestsetzungsmacht von Apple im Hardware-Bereich, die ziemlich kunstvoll konstruiert wurde – iTunes ist nur in dem Zusammenhang relevant, ansonsten schnurz.
    Erstaunlich die These, Eigentum benötige den Staat als Rechtsgaranten. Das sehen Knder im Sandkasten anders und vermutlich zutreffender ;) Eigentum entstand historisch schlicht durch Besiedelung, Beackerung und Verteidigung. Heute ist Eigentum immer mehr kooperativ gesichert, der Staat organisiert diese Kooperativität.
    Was hieße überhaupt „postkapitalistisch“? Das hieße ja, dass Kapital als Faktor der Produktion keine Rolle mehr spielt. Bei den Plattformen ist das bekanntlich nicht der Fall. Die Produktion einer durchsetzungsfähigen Plattform verschlingt tonnenweise Kapital, ziemlich klassisch müssen dafür zahlreiche Ressourcen eingesetzt werden. Das Geschäftsmodell dazu kann aussehen, wie es will – z.B. rein werbefinanziert, es muss aber die Ressourcen refinanzieren.
    Was die Verhandlungsposition eines Eigentümers bis nahe 0 schwächt, ist, wenn a) entweder niemand seine Ware wirklich benötigt, er aber unbedingt verkaufen will („Flohmarkt“), oder wenn b) seine Ware im Überfluss gratis vorhanden ist („Luft ab 99 Cent!“). In der Situation, dass die Verhandlunsposition des Eigentümers sich sozusagen in Luft auflöst, ist der klassische, hoch komplizierte Preisbildungsprozess (man ist da ja seit enigen Jahren endlich weiter als die Chicago-Dogmen von anno Tobak) am Ende – der Preis entfällt, die Refinanzierung muss dann andere Wege finden, kann aber nie völlig entfallen .
    Es kann hilfreich für die Überlegungen sein, wenn man sich klar macht, dass einer postkapitalistischen Gesellschaft eine kapitalistische vorausgegangen sein müsste. Der Begriff wird aber regelmäßig mit maximaler Verschwommenheit angewendet, wobei z.B. die kategorischen Unterschiede zur hochgradig regulierten Marktwirtschaft einfach übersprungen werden (ist ja auch schön einfach, klar) Oben im Kommentar hat Ralf Marschall schon sehr elegant auf den Punkt hingewiesen, dass die „Gewalt“ der Preisfestsetzung schon im simplen Tauschprozess auf eine mindestens ebenso große Gegengewalt trifft – denn der die Ware hat, dem mangelt es ja an etwas anderem – und wenn dieses eben Geld ist, fragt sich, wer der „Kapitalist“ ist: der die Ware besitzt oder der das Geld hat? Für den Verkauf der Arbeitskraft wurde das immer andersherum gesehen. Musiker sind ja auch nur Arbeitsverkäufer, nicht Kapitalisten. Wenn man die Kette weiterverfolgt, entdeckt man eher die Dialektik des Geschehens als dass die pur theoretische Preisfestsetzungsfreiheit in der Praxis irgendwo ausschlaggebend wäre. Als ob Apple den Preis irgendwie aus der Luft gegriffen hätte. Apple hat sich als Preisvermittler zwischen Anbietern und Abnehmern geschoben, indem Apple eine neue Distributionsform erfand. Letztlich ist es aber ein 3-Parteien-Preis.
    Die „postkapitalistische Wirtschaft“ als eine Wirtschaft, in der die Reproduktion weit weniger kosten- und preisabhängig wäre als heute, hängt von anderen Faktoren vermutlich viel mehr ab als von irgendwelchen digitalen Marktmodellen: Faktor 1 ist Energie, Faktor 2 ist Grund und Boden. Die einschneidenste Veränderung, die uns in diesem Jahrhundert noch überkommen könnte, wäre Energie zum Preis von Luft, in beliebigen Mengen und natürlich auch ohne versteckte Kosten, sprich ohne Umweltschädlichkeit. Das könnte Automatisierungen ermöglichen, die gegen unendlich gehen. Der letzte echte Besitz wäre dann vermutlich Grund und Boden (und natürlich Zeit).

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  6. seinswandel sagt:

    Ich halte es durchaus für vielversprechend, die aktuellen ökonomischen Entwicklungen unter dem Schlagwort „Plattformkapitalismus“ zu diskutieren.

    Gemäß Mason gelte für den Plattformkapitalismus das Gesetz: „alles ist grenzkostenfrei kopier- und distribuierbar“ und „(…) einen Kapitalismus ohne Knappheit könne es nicht geben“. Für viele Güter oder Dienste sinken die Transaktions- bzw. Opportunitätskosten. Das ist zunächst mal eine dem Kapitalismus inhärente Tendenz, die sich etwa bei zunehmender Automatisierung und sinkenden Transportkosten beobachten lässt. Doch auch für digitale Plattformen gilt, dass sie eine materiale Basis benötigen. Das ist in diesem Fall eine sehr aufwändige, wartungs- und erneuerungsbedürftige IT-Infrastruktur mit Serverfarmen, physikalischer Vernetzung, elektrischer Energie usw. Aus der Verfügung über diese durchaus knappen Infrastruktur ergibt sich Macht. Auch die Produktion von Musikstücken, die dann vermeintlich transaktionskostenfrei geteilt werden, erfordert den Einsatz knapper Ressourcen: Lebenszeit, Instrumente, Datenträger usw. Allein aus dem Umstand sinkender Transaktionskosten oder der Ablösung einer alten Vertriebsstruktur durch eine neue lässt sich also noch kein neues kapitalistisches Paradigma ableiten, sondern im Gegenteil die Fortsetzung eines alten.

    Spannender wird es an dem Punkt von Staat und Kapitalismus. In der Tat ist der Staat mit seinem Gewaltmonopol der Durchsetzer von Verfahren und Recht, mithin von Eigentum und Vertrag, also auch einer gewissen Berechenbarkeit sowohl von Produktionsbedingungen und ökonomischen Gewinnchancen sowie von persönlicher Lebensführung und politischen Aushandlungsprozessen.

    „Obwohl der Staat der Musikindustrie ihr (geistiges) Eigentum garantierte, konnte er diesem Anspruch mit all seiner Gewalt nicht gerecht werden.“
    Meines Erachtens wäre es wichtig Macht und Gewalt genauer zu unterscheiden. Der Staat beansprucht das Monopol auf die physische Verletzungsgewalt, aber seine Macht bezieht er darüber hinaus etwa aus einem gewissen Legitimitätsglauben. Legitimität wird wiederum darüber erzeugt, dass der (liberale) Staat bestimmte Leistungen garantiert: Menschen- und Bürgerrechte, Sicherheit, politische und ökonomische Teilhabe, Wohlfahrt, Aufstiegsversprechen und dergleichen mehr. Staatskrisen sind immer auch Legitimitätskrisen, aber das ist eine lange Debatte.

    Zum Preis: „Der Preis einer Sache wird von demjenigen festgelegt der Verfügungsgewalt über die Sache hat.“ „Als Verfügungsgewalt verstehen wir die Fähigkeit die Sache zu nutzen und gleichzeitig, andere von der Nutzung der Sache auszuschließen.“ Von einer „Gewalttheorie“ des Preises zu schreiben, finde ich nicht einleuchtend, obwohl ich es ansonsten als eine überzeugende Bestimmung des Preises sehe. Es ist eine Frage der Verfügungsmacht, die sich nicht zwingend aus Gewalt speisen muss. Zudem ist ein Preis ohne Tausch nicht denkbar. Der Preis wird natürlich in Antizipation von Abnehmern festgelegt. Ein Preis für ein Produkt, dass niemand erwirbt, ist ökonomisch unsinnig. Hätte iTunes den Preis für ein Titel auf $10 festgelegt, hätte das Geschäftsmodell mangels Abnehmer wohl nicht funktioniert und die Leute würden weiter CDs kaufen oder illegal filesharen. Gänzlich kostenfreie Filesharing-Plattformen gibt es ja weiterhin, aber die haben anscheinend an Attraktivität verloren, vermutlich weil es sich für die Anwender nicht lohnt. Das hat wiederum durchaus auch mit staatlichen Restriktionen zu tun. Warum sollte ich sonst überhaupt 99c zahlen?

    Trotzdem haben wir es hier mit einer höchst bemerkenswerten Entwicklung zu tun. Der Staat kann nicht mehr alleine die Eigentumsrechte garantieren. Diese Lücke besetzt ein anderer Akteur, nämlich große Multinationale Konzerne. Das bedeutet einen erneuten Machtzuwachs für ökonomische Akteure. Ganz neu ist das auch nicht, siehe etwa internationale Schiedsgerichte, bei denen Unternehmen beanspruchen mit Staaten gleichberechtigt, Streitfragen auszuhandeln. Die Lücke entstand nicht zuletzt deshalb, weil Akteure im Netz die klassischen Eigentumsrechte für bestimmte Güter aushebelten.

    Ob das alles schon auf einen Postkapitalismus hindeutet, halte ich doch für fragwürdig. Es ist zunächst die Fortsetzung eines Langzeittrends, bei dem der Staat durch die (kapitalistische) Ökonomie, deren Erhalt er um der eigenen Legitimität willen garantiert, zurückgedrängt wird.

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