RollingStone: Deutschland, bald unverpixelt?

Für die Januarausgabe des RollingStone habe ich folgenden Artikel geschrieben. Ist vielleicht nicht mehr ganz so aktuell, aber ich wollt ihn hier dokumentiert haben.

Von den Deutschen reletaiv unbeachtet haben sich sogenannte „neue Medien“ in die Welt geschlichen. Das störte rund 20 Jahre kaum, doch seit diesem Jahr ist es mit Ruhe vorbei.

Zum Beispiel diesen Sommer. Hatten sich die einen gerade angefangen bei Facebook einzurichten (ca. 5%) und die anderen die Preisvorteile beim Onlinebuchen von Billigreisen für sich entdeckt (ca. 65%) und schon steigt das Internet aus dem Bildschirm und steht vor der Haustür. In Form eines Autos fährt es durch die Straßen und macht Fotos! Die Deutschen müssen an eine Invasion Außerirdischer geglaubt haben. Wie sonst erklärt man die 244.237 Widersprüche und die darauf folgende Flächenverpixelung deutscher Großstädte auf Google Street View?

„Ich hab Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.“, traute sich noch Michael Glos 2007 – seinerzeit immerhin Bundesminister für Wirtschaft – öffentlich zu sagen. Lange galt Internetabstinenz als kokette Zierde. Doch das kann sich ein Politiker nicht mehr erlauben, seitdem das Internet für viele aufgehört hat, eine freiwillige Veranstaltung zu sein.

Immer weniger Menschen können sich überhaupt aussuchen, ob sie mit dem Internet etwas zu tun haben wollen. Bestimmte Dinge bekommt man nur noch im Internet geregelt und die Steuererklärung soll man jetzt auch digital abgeben. Derweil hat Facebook die eigenen Daten eh schon gespeichert, weil ja mindestens einer der Freunde dort sein Adressbuch abgeglichen hat. Und über Google liest man ja sowieso immer was in der Zeitung. Ist es da nicht verständlich, wenn man den Eindringling im Googleauto wieder aus dem Land jagen will?

Dabei ist Street View ja nur ein Symbol und der Abwehrkampf dagegen eine klassische Windmühlenschlacht. Denn das, was sich gerade ändert, ist grundlegender als die neuste Technik in der Kartographie.

Das erkennt man derzeit gut an der Aufregung um das Enthüllungsportal Wikileaks. Seit der Veröffentlichung der US-amerikanischen Botschaftsdepeschen sieht sich das politische Hinterzimmer einer ungekannten Bedrohung ausgesetzt. Wenn alles schief läuft – so steht zu befürchten – muss Politik bald in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden: nachvollziehbar und transparent. Kaum auszudenken!

Keine Frage: natürlich ist auch hier der Deutsche dagegen. 65% gaben dem ARD-Deutschlandtrend gegenüber an, gegen die Aktivitäten der Enthüllungsplattform zu sein. Ob das jetzt reine Solidarität mit den betroffenen Regierungen ist, oder die Sorge, selber einmal Gegenstand von „Leaks“ zu werden, gibt die Statistik nicht her. Zweiteres wäre aber vielleicht gar nicht so unberechtigt. Warum sollte nur das politische Hinterzimmer bedroht sein und nicht das Zimmer ansich?

Während nämlich in einer Welt der Wände und Entfernungen noch ein großer Aufwand getrieben werden musste, um eine Information an einen Empfängerkreis weiterzuverbreiten, der über eine mittlere Ratsversammlung hinausgeht, muss man heute einen ähnlichen Aufwand treiben, um die selbe Information nicht sofort weltweit zugänglich zu machen.

Im Digitalen gibt es keinen Unterschied zwischen Schicken und Kopieren. Egal ob wir eine E-Mail schicken oder eine Website aufrufen: jede Operation im Internet ist eine Kopieroperation. Es braucht dann nur eine unachtsame Sekunde, eine Schwachstelle im System oder einen unzufriedenen Mitarbeiter und schon ist eine Information nicht mehr begrenzbar.

Die Musikindustrie kann davon ein Liedchen singen, war sie doch eines der ersten Opfer des Kontrollverlusts. So lange sich musikalische Daten noch im physischen Raum bewegten, konnte man den begrenzten Zugang zu ihnen noch gut bezollen. Doch das Internet findet immer Wege an den Schranken vorbei. Langfristig an jeder.

Deswegen ist Wikileaks das Napster der Regierungen. Ein Weckruf, klar, aber doch nur ein Vorbote. Einer, der vielleicht bald zur Strecke gebracht wird – Julian Assange befindet sich ja bereits in Haft – dessen Prinzip sich aber längst festgesetzt hat und nicht mehr wegehen wird.

Es wird also erst das „Gnutellaleaks“, das „eDoneyleaks“, das „Rapidshareleaks“ und das das „BitTorrentleaks“ geben müssen, bis die Politiker anfangen zu verstehen. Und bis dahin wird eine Menge Porzellan zerschlagen worden sein. Wir sollten sehr wachsam sein, dass die kostbaren Familienerbstücke „Demokratie“ und „Meinungsfreiheit“ dabei nicht zu schaden kommen. In einigen Ländern und auch in hiesigen Köpfen scheint man diese Werte schon auf dem Prüfstand gestellt zu haben.

Aber vermutlich ängstigt man sich hierzulande sowieso mehr darüber, dass all die unverpixelten Hausfassaden bei Wikileaks auftauchen könnten. Wehe, Google!

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