Warum wir Dinge ins Internet schreiben

Ohne den Inhalt des Buches von Jeff Jarvis abzuwarten, will ich ein paar mögliche Antworten auf die Frage in den Raum werfen, warum wir Dinge ins Internet schreiben.

Anlass ist diese schöne Debatte hier auf Google Plus, die sich wiederum auf diesen Artikel von Frank Schirrmacher bezieht, der einen etwas doofen Titel und am Ende eine entsprechende Forderung hat, aber bis dahin eine interressante Auseinandersetzung mit Internet und dem gesellschaftlichen Gedächtnis bietet.

Nur eines kam mir sowohl in dem Artikel, als auch in der Diskussion zu kurz: Wenn es so ist, dass wir Menschen immer mehr Informationen in das Internet externalisieren, dann hat das einen Grund. Oder zwei, oder drei. Wir scheinen einen Nutzen zu ziehen und einen Sinn darin zu sehen, sonst würden wir das ja nicht tun.

Einige Antworten, die mir im Laufe der Zeit eingefallen oder mir zugeflogen sind, will ich hier aufzählen:

1. Erinnerung

Das ist der einzige Punkt, den Schirrmacher in seinem Text anspricht: die Erinnerung. Gut, er bezieht sich noch auf Deb Roy, der zu teils wissenschaftlichen Zwecken, das Aufwachsen seines Sohnes detailliert dokumentierte.

Wenn wir etwas ins Internet auslagern, dann brauchen wir uns diese Information nicht mehr zu merken. Das war auch das Ergebnis der Studie auf die sich Schirrmacher und andere beziehen. Wir haben also den Kopf frei für anderes, wichtigeres. Wir erweitern dadurch also auch unsere geistigen Kapazitäten, können mehr Information verarbeiten, etc. Frédéric Valin hat diesen Umstand in der taz sehr schön eingeordnet:

„Man muss nicht ad hoc darauf antworten können, ob Benjamin Franklin jemals Klavierunterricht erteilt hat oder ob alle Länder mindestens zwei Farben in ihrer Flagge haben – zwei Beispielfragen aus der Studie. Das alles beantworten Suchmaschinen.“

2. Filtersouveränität

So stimmig diese Antwort auch ist, würde ich sie gerne filtersouverän radikalisieren. Es ist zwar eine Binse, dass wir Erinnerung betreiben, um sie in Zukunft abzurufen, aber anhand der Erkenntnisse eines Foucaults zum Möglichkeitsraum von Aussagen und der allgemein stattfindenden technischen Entwicklung bekommt dieser Umstand einen weitaus größeren Impact. Wenn wir nämlich wissen, dass es Fragen an Daten und Aussagen geben wird, von denen wir heute noch nichts ahnen – sei es, dass uns dazu die Diskurse oder eben andere Technologien fehlen – dann sind wir in einem „Jetzt“ niemals in der Position den Wert der aufgeschriebenen Daten einzuschätzen.

Die Filtersouveränität bezieht sich noch radikaler auf die Zukunft als die einfache Erinnerung und fühlt sich ihr verpflichtet. Durch das Aufschreiben, steckt die Archäologie der Zukunft ihre Claims im Heute ab.

3. Besseres Verständnis / Sozialität

Gestern ging zufälliger Weise ein Link zu einer anderen Umfrage der New York Times rum, die sich mit der Frage beschäftigt, warum man Inhalte teilt. Denn es ist schließlich so, dass das auslagern von Daten ins Internet in den seltensten Fällen ein autistischer Prozess ist, sondern viel öfter damit zu tun hat, dass wir Daten mit anderen teilen wollen.

Die Gründe sind nun hier aufgelistet. Wesentlich scheint die Erfahrung zu sein, dass durch das Teilen von Information und dem anschließenden Diskurs dazu, das Verständnis der geteilten Information steigt. Und natürlich ist das Teilen immer wieder ein Anlass, sich sozial auszutauschen.

Es heißt ja schließlich nicht umsonst Sozial Media. Einer der direkt erfahrbarsten Nutzen des Diskurses ist sicherlich immer noch das Sich-verorten im Diskurs selbst. Gesellschaftliche Teilhabe als Selbstzweck Kommunikation – so frei nach Luhmann.

4. Vergrößerung des Netzwerks

Aber diese Art der Kommunikation durch die Strukturen des Netz weist noch eine besondere Qualität auf, die nicht gleich auf der Hand liegt.

Der Psychologe Robin Dunbar konstatierte in den 90er Jahren, dass der strukturelle Aufbau der Menschlichen Neokortex auf eine Gruppengröße von 150 ausgelegt sei. 150 Menschen, die sogenannte „Dunbars Number“, sei die maximale Gruppengröße, mit der wir Menschen interagieren können. In Untersuchungen hatte sich das mehrfach bestätigt.

Das ist schade, denn zusätzliche Vernetzung birgt exponentielle Chancen. Der Mathematiker Robert Metcalfe hatte festgestellt, dass sich der Wert eines Netzwerkes proportional zum Quadrat der Knotenpunkte steigert – Metcalfes Law. Auch bekannt, als der sogenannte „Netzwerkeffekt“. Mit jedem neuen Kontakt steigt der Wert eines Netzwerkes exponentiell an.

Nun wird aber darüber gestritten, ob in sozialen Netzwerken Dunbars Number überhaupt noch ihre Gültigkeit hat. Wir sehen jedenfalls häufig, dass die Menschen dort mit mehr als 150 Leuten vernetzt sind. Vieles deutet darauf hin, dass computergestütztes Befreundetsein den Menschen befähigt, mit weit mehr anderen Menschen in kommunikativen Kontakt zu bleiben, als nur 150. Entsprechend erhöht sich auch der Wert des Netzwerks.

Diesen Zusammenhang habe ich bei Leander Wattig im Blog entdeckt, der eine Folie eines Vortrags von Karin Frick fotografierte. Der Blogpost war überschrieben mit: „Warum es rational ist, im Internet viele Daten über sich preiszugeben“. @texastee war so nett, für mich die Folie zu reengineeren:

Funktionieren tut das, weil die Menschen, mit denen ich mich auf Social Networks connecte, mir – und allen anderen Kontakten – von sich aus und ungefragt Informationen über sich bereitstellen. Das leicht monadenhafte vor sich hinbrabbeln ohne einen direkt benannten Empfänger bei Twitter und Facebook ist das, was diese Form der Kommunikation so effektiv macht. Die jeweiligen Interessenten pullen sich die Informationen in ihren Stream und können so auf dem Laufenden bleiben. Anstatt, dass ich also mit jedem Einzeln meine Wehwehchen und Erlebnisse besprechen muss, stell ich sie zum Abruf bereit. Die Query macht den Rest.

Gut. Aber was genau ist denn jetzt der „Wert“ des Netzwerkes? Also jenseits des eigenen Gefühls des Eingebundenseins in eine soziale Situation?

Mark Granovetter hatte gezeigt, dass es eben nicht in erster Linie die Menschen aus dem engsten sozialen Umfeld sind, die einem in verschiedenen Lebenssituationen weiterhelfen, sondern das erweiterte Netzwerk, die schwachen Verbindungen. Jobs, Freundschaften, neue Kontakte und andere Gelegenheiten werden meist hier generiert. Kombiniert mit Metcalfe, ergibt sich hier ein greifbarer Nutzen für das Leben. Ein Nutzen, den ich hier versucht habe aus persönlicher Sicht darzustellen: Warum ich faul bin und warum das die Zukunft ist. Es ist, die Tore zu öffnen um die Zukunft in Form der Serendipität hereinspazieren zu lassen.

All das führt natürlich in eine Gesellschaft, die viel enger verknüpft ist und in der tiefe und breite viel komplexer organsiert ist und sich dementsprechend heftig beginnt zu verändern. Ich bin überzeugt, höherer Vernetzungsgrad in der Gesellschaft wird diese besser machen. Besser im Sinne von freier und gleichzeitig informeller. Besser für das Individuum, weil es ihm instantan viel mehr Möglichkeiten bietet.

5. Entscheidungen auslagern: Optionsvielfalt

Bleiben wir bei den Möglichkeiten. In What Technology wants macht Kevin Kelly die recht einfache Gleichung auf, dass Freiheit Optionsvielfalt bedeutet. Entsprechend deutet er auch das mit Shampoosorten überladene Supermarktregal als Ausdruck der Freiheit. Sicher, wenn wir diesen Zustand mit dem in der DDR vergleichen, scheint die Richtung zu stimmen. Aber viele fühlen sich von der Optionsvielfalt überfordert oder lassen sie von vornherein links liegen, indem sie sich auf ein Shampoo festlegen. Es scheint fast so, als gäbe es für Shampoosorten ebenfalls eine Art Dunbars Number.

Wenn jetzt also ein Grenznutzen der Optionsvielfalt zu beobachten ist, ist es auch nach Kellys Formel nicht mehr möglich, die individuelle Freiheit zu erweitern. Aber vielleicht sind ja ähnliche Mechanismen möglich, wie in Social Networks. Bislang verwendete die Wirtschaft die Informationen über uns nur, um die Werbung für uns anzupassen. Aber was ist, wenn sie anfängt die Produkte anzupassen? Ich will mich im Supermarkt nicht damit beschäftigen, was für eine Haarsorte ich habe – trocken, fettig, glänzend, gelockt, spröde, etc. Ich will eigentlich überhaupt nicht in den Supermarkt gehen müssen. „Nehmt euch die Information über mein Haar und stellt mir was anständiges in die Dusche!

Wenn wir Informationen – vor allem über unsere Konsumwünsche – ins Netz stellen, könnten uns Unternehmen mit Produkten beliefern, die wir wollen, ohne dass wir uns darüber Gedanken machen müssen. Ich bin kein Freund von Konsumentscheidungen und wäre froh, wenn Unternehmen die Rechtsgeschäfte mit einem eigens mich simulierenden Avatar abwickeln könnten, der alles über mich weiß – sogar wie ich entscheide. Soll die Query das erledigen!

Das wäre eine queryologische Zukunftsvision, die dem ein oder anderen vielleicht „creepy“ vorkommt, aber verdammt nützlich wäre. Die Befreiung vom Konsum und die gleichzeitige Erweiterung der Optionsvielfalt, durch Erweiterung von uns selbst in die Query. Ich glaube schon, dass das die Zukunft ist, egal, was Datenschützer sagen.

6. Die kulturelle Kaprizierung auf das Neue

Diesen Punkt habe ich bereits in der Diskussion auf Google Plus eingebracht. Ich übenehm das hier mal:

Jan Assmann hatte für das kulturelle Gedächtnis bereits gezeigt, dass im Zuge der Erfindung der Schrift eine gewisse Liberalisierung des Umgangs der Kultur vollzogen hat. So war die kulturelle Identität der Juden recht früh „portabel“, weil sie in Schrift fixiert war und nicht mehr an rituelle Gedenkorte, wie noch bei den Ägyptern.

Groys wiederum zeigt, wie sich der Kunstbegriff im Laufe der Jahrhunderte von einem Reproduktiven, eng gefassten hin zu einem auf das Neue ausgerichteten entwickelt. Seine These: je besser wir Informationen und Wissen zugänglich halten (Mächtigkeit und Accessibility von Archivtechnik), desto mehr kapriziert sich Kultur auf die Erschaffung von neuem und dem Fortschritt – auf Irritation des Bestehenden, sozusagen.

Ich als neophiler Mensch begrüße das sich zum Allarchiv wandelnde Internet und weine den dadurch obsolet werdenden Stützen der repititiven – das heißt sich auf Tradition berufenden – Kulturtechniken des Archivierens keine Träne nach. *

* Jan Assmann: das kulturelle Gedächtnis, Boris Groys: über das Neue.

Ich glaube übrigens, dass sich diese Entwicklung anhand der Internet-Meme ganz deutlich aufzeigen lässt. Das, was heute im Netz aufmerksamkeitsheischend aufpoppt, braucht diesen Moment der extremen Irritation, eine gewisse Whatthefuckebility.

Ich glaube, wir werden noch eine weitergehende Liberalisierung des Kuturbegriffs beobachten können. Vielleicht gibt es demnächst eine 4Chan-Oper?

7. Unsterblichkeit

Als letztes sei einmal auf den großartigen Text von Peter Glaser auf SpOn hingewiesen. Er bringt natürlich ein entscheidendes – vielleicht das entscheidenste – Argument für das Veröffentlichen und Teilen im Internet: den Tod, bzw. dessen Überwindung.

Im Grunde ist es auch das Argument, das untergründig alle Jahrhunderte die großen Werke durchwehte. Unsterblich ist der, der eine Hinterlassenschaft hat. In unserer heutigen Zeit muss diese Hinterlassenschaft unseren Geist repräsentieren, am besten reproduzieren. Die andauernde Auseinandersetzung mit den Toten nennt Derrida „Gespenster befragen„. Und ja, wenn, dann wollen wir wenigstens das sein, nach unserem Tod: ein Gespenst.

Aber blieb die Unsterblichkeit bislang nur den großen Geistern – den Philosophen, Schriftsteller, etc. vorbehalten, wird unsere Generation als Ganzes ein umfangreiches Archiv hinterlassen. Sogar ein noch viel umfangreicheres, als es je gegeben hat. Eines, das stetig wächst und das am Ende meines Lebens nicht weniger als die Komplettaufzeichnung meiner letzten X Jahre beinhalten wird, wenn ich es denn will. Und ich glaube schon, dass ich will.

Und wie schon die Erinnerung, lässt sich auch diese Aussicht noch queryologisch pimpen: Denn all die Datenmengen sind ja nicht nur sich selbst genug in einem Hier und Heute, sondern erweitern auch nach ihrer Aufzeichnung und sogar nach meinem Tod ihre Möglichkeiten. Ich habe auf diesen Zusammenhang schon damals bei der Blogwiedereröffnung hingewiesen.

Wenn wir alle also einen mehrere hundert Petabyte großen Datenhaufen hinterlassen, wird sich Erinnerungsarbeit verändern. Natürlich wird man ensprechende Software brauchen, um sich sinnvoll einen Weg durch meinen Identitätsdatenhaufen zu pflügen. Diese Software muss so intelligent sein, Zusammenhänge zu verknüpfen, Semantiken zu erkennen und Strukturen zu reproduzieren. Mit anderen Worten: sie muss mich zum teil simulieren! Aber wieso eigentlich nur zum Teil?

Ich glaube, dass – ein ensprechend großer Datenbestand vorausgesetzt – und die technische Entwicklung 30 Jahre in die Zukuft interpoliert, ein Computer mich zu 87% simulieren könnte. Vielleicht auch 88%. Und was wäre dann mein Leben, mein twittern, mein Social Networken und Lifestreaming anderes gewesen, als ein Mindupload?

Ja, ich glaube, dass wir nicht mehr sterben werden oder wenn, dann nur noch temporär. Wenn sich Datenverknüpfungs- und Analysemethoden weiterhin entwickeln, ist die Simulation von Persönlichkeit nur eine Frage der Zeit. Der Rest eine Frage der Daten.

Seine Daten nicht ins Internet zu stellen, wäre also gesundheitsschädlich. So wie Rauchen vermindert es die Lebenserwartung enorm. Ein langsamer Freitod, während wir anderen das Ende des Endes feiern.

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29 Kommentare zu Warum wir Dinge ins Internet schreiben

  1. Dominik sagt:

    Bzgl. „Unsterblichkeit“: schon mal von martine rothblatt und ihren mindclones gehört? http://mindclones.blogspot.com/
    Ruhig die Dame auch mal in der engl wikipedia checken, echt hochinteressant.
    Danke für den Post.

  2. Helga sagt:

    Wir sehen jedenfalls häufig, dass die Menschen dort mit mehr als 150 Leuten vernetzt sind. Vieles deutet darauf hin, dass computergestütztes Befreundetsein den Menschen befähigt, mit weit mehr anderen Menschen in kommunikativen Kontakt zu bleiben, als nur 150. Entsprechend erhöht sich auch der Wert des Netzwerks.

    Zunächst haben die meisten Leute weniger als 150 Kontakte. Ansonsten bleibt das so schwammig – vieles deutet, häufig sehen… Dabei ist es nichts neues, dass man nicht über seine engsten Freunde, sondern über Bekannte, erweiterte Netzwerke etc. an Dinge kommt, die einem weiterhelfen. Das nannte sich früher Vitamin B und funktionierte genauso.

    Dafür muss man aber nicht mit 1000 Leuten auf Facebook vernetzt sein, das solltest Du wissen. Spannende Jobangebote werden geteilt oder retweetet und landen dann bei mir. Früher war das halt mehr Mund-zu-Mundpropaganda oder weitergereichte Flyer, heute läuft das digital.

    Ansonsten unterschätzt Du meiner Meinung die Faulheit der Menschen, denen das Pullen von Informationen schnell zuviel wird, wenn der Informationsfluß zu groß wird (hierzu habe ich aber auch nur anekdotische Evidenz).

  3. mspro sagt:

    @Helga – hast du den verlinkten NZZ-Artikel dazu gelesen? (aber vorsicht: ist von 2007)

    Ansonsten:Klar kennt man das als „Vitamin B“ schon immer. Aber auch hier ist die Größe des Netzwerkes und vor allem die des erweiterten Netzwerkes entscheident, denn es erhöht die Chancen im genannten Rahmen. Metcalfe gilt natürlich auch für Offline.

    Online geht das eben nur mehr. Siehe Grafik. Und um das „pullen“ musst du dir auch keine Gedanken machen. Das tut die Software für dich. :)

  4. Addliss sagt:

    Ein sehr schöner Artikel, erst einmal danke dafür!

    Ich habe jedoch ein, zwei Anmerkungen:

    Ich denke, mit dem Begriff der Irritation durch Kultur triffst du einen wichtigen Punkt. Dennoch denke ich, dass es nicht immer eine Irritation in Richtung Whatthefuckability sein muss, sondern auch in anderer Form irritierend sein kann. (Irritierend ist hier immer im Sinne der Systemtheorie nach Luhmann verstanden.)

    Zudem denke ich, dass eine Unsterblichkeit in deinem Sinne nicht unbedingt erstrebenswert sein muss. Wenn wir von allen unseren großen Wissenschaftlern, Politikern, Philosophen, Schriftstellern etc. heute ähnliche Datenmengen hätten, hätten wir sehr große Probleme mit ihnen. Wir haben schon mit den bekannten Daten Probleme, wenn wir z.B. Schopenhauers Meinung über Frauen berücksichtigen. Können wir ihn dann noch als „großen Geist“ wahrnehmen? Oder man denke auch antisemitische Tendenzen bei vielen Künstlern, Politikern usw. Was machen wir damit?

    Wir könnten zwar alles über einen Menschen sagen, mit den von dir beschworenen Datenmengen, doch wir könnten schwerlich das Gehaltvolle herausfiltern. Vielleicht willst du das auch gar nicht, aber eine Simulation der toten Menschen wünsche ich mir gar nicht.

    Ich wünschte mir auch keine Simulation meiner Persönlichkeit, wenn es denn möglich wäre. Ich will das raushauen können, was ich für teilenswert halte, den Rest aber für mich behalten. Da schwingt auch ein Teil Eitelkeit mit, aber meine Fehler will ich nicht simuliert und nicht unbedingt archiviert sehen, auch wenn ich weiß, dass ich nicht alle Fehler verstecken kann.

  5. Helga sagt:

    Bei der NZZ steht auch nur

    Nun trifft man aber in SNS immer wieder auf Personen, die 500 oder mehr Kontakte aufweisen. Wird Dunbars Erkenntnis dadurch widerlegt?

    Nichts konkretes.

    Mit den größeren Kreisen, der besseren Vernetzung muss ich immer an die Six Degrees of Separation denken. In dem Zusammenhang habe ich auch (vor dem Internet) schon mal gehört, dass jeder Mensch eben so 100 engere Kontakte hat, rund 1000 Bekannte und die haben auch wiederrum 1000 Bekannte, so dass über „da kennt wer wen“ schon immer fix Dinge rumkamen. Im Endeffekt macht es das Internet vielleicht sogar schwieriger, weil ein weiterer Kanal dazugekommen ist – neben persönlich treffen, Telefon kann man eigentlich sogar x Kanäle nutzen. Jede_r hat aber Präferenzen und dann wirds schwierig. Einige Leute hängen nur auf Twitter rum, andere beantworten nur E-Mails und ein Drittel der Deutschen ist ja noch nicht mal im Internet.

    Was die Software angeht, die Informationen für mich pullt, habe ich da einfach sehr viel weniger Vetrauen in ihr für Menschen vernünftiges Funktionieren drin als Du, aber auch diejenigen, die darin eine große Bedrohung sehen.

  6. Jan Exner sagt:

    Geile Vorstellung: wenn Dein Avatar merkt, dass er seine eigenen Ziele optimieren kann indem er Provider nicht mehr neutral behandelt…

    Du hast gerade den Grundstein gelegt für korrupte Software. Und das alles wegen Shampoo.

  7. Addliss sagt:

    Was ich vergessen habe hinzuzufügen: Ich denke, eine Simulation meiner Person wäre mir auch völlig unrecht, denn ich halte mich immer noch bis zu einem gewissen Grad für nicht deterministisch. Daher ist eine Simulation nicht korrekt und mir unrecht, wenn sie bestimmte Entscheidungen trifft, die ich so nicht treffen würde.

    Ich denke, das Unterbewusstsein, da bei Entscheidungen auch eine Rolle spielt, ist zudem ziemlich schwierig zu simulieren.

  8. ploerre sagt:

    Mindupload für’s ewige Leben: Was Du da beschreibst sind die fliegenden Atom-Autos aus den 50ern.
    Schau mal in die Cyberpunkmythologie.
    Irgendwie muß ich da gerade an die „Dixie-Flatline“ denken. Die hasste ihren gleichförmigen und berechneten Zustand und hat letztendlich nach Abschluß ihrer Aufträge von Neuromancer die Selbstlöschung eingefordert. Ebenso der Finne in Mona Lisa Overdrive – postmortales Persönlichkeits-ROM wird zu einer Lokalgottheit, der man Koks opfert – und er hat es gehasst.
    OK, abgeschlossene Systeme. Gefangen in der eigenen Vergangenheit.
    Muß eigentlich nicht sein. Evolviere ein Framework, das Minduploads sammelt oder sich einzelne Aspekte herauspickt – und aus milliarden dieser Konserven zu diversen eigenen Entitäten wächst. Gemäß den Gesetzen der Masseanziehung entstehen von den jeweiligen Präferenzen oder Charaktereigenschaften abhängige Meta-Cluster: nervöse Plapperwesen, Zwangsbesamer, Katzenbilduniversen.. subversive vs. autoritative oder Ratio vs. Huldigung.. die Rückkehr der Götter und Dämonen.
    Ob die dann irgendwann den Mensch noch brauchen, ist fraglich.

  9. Nicole Haase sagt:

    Punkt 5 creepy? Nun ja, vielleicht ein wenig. Je mehr ich darüber nachdenke aber wirklich großartig. Aktuell wird mir ein Tag der Woche schlichtweg durch diesen elenden Zwangsaufenthalt im Supermarkt verdorben.
    Mit einer Online-Order für den täglichen Bedarf habe ich zwar einmal probiert, aber das war noch nicht serientauglich für mich.

    Ach, es wäre so großartig diesen Tag zurück zu gewinnen…

  10. Sascha Stoltenow sagt:

    Lies endlich mal ein paar Arbeiten von Granovetters Doktorvater, Harrison White. Vernetzung ist der Ursprung sozialer Systeme, nicht die Zukunft. Das Internet dynamisiert das nur. Und wenn wir nur mit 150 Menschen (oder doch eher Rollen?) Beziehungen pflegen könnten, gäbe es keine Macht einer Regierung über 80 Mio. oder 1,2 Mrd. Andererseits: Das wäre eine gute Erklärung, warum viele Menschen schon mit ihrem sozialen Nahbereich überfordert sind.

  11. mspro sagt:

    irgendwie versteh ich dich immer nicht. schreibst du das jetzt hier, weil es irgendwas widerspricht, was ich sage (das sehe ich nicht), oder weil du dich nur wie üblich dicke tun willst?

  12. Pingback: Die Query schlägt zurück - Die wunderbare Welt von Isotopp

  13. Adrian Oesch sagt:

    habe den artikel erst kurz überflogen, möchte trotzdem kurz auf eine sozialpsychologische theorie verweisen, die meiner ansicht nach, ein gutes motiv für das teilen von informationen bietet. – http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_sozialen_Vergleichs

  14. mspro sagt:

    interessant. danke für den link!

  15. Erinnerung out zu sourcen, um Platz zu schaffen scheint mir ein gewagtes Argument, sobald Erinnerung als Kultur schaffende Entität begriffen wird bzw. werden soll. Das pragmatische Argument „Raumgewinn“ darf dann keine Rolle mehr spielen.

    Erinnerung formt Identität – würden wir dazu übergehen Kulturtexte (Erinnerungsgewebe egal welcher Form: Audiovisuell, Print etc.) ins Netz einzubetten, um unsere geistigen Kapazitäten auszulasten, dann würden wir Gefahr laufen unser „Selbst“ zu verlieren. Mir ist bewußt, dass das auch nach einer Chance klingt, aber es würde zwangsläufig bedeuten das sich unsere Identitäten nicht mehr aus Sozialitäten zusammensetzen, sondern zu instabilen artifiziellen Gebilden werden. Der Zugang zu kulturellen Informationen würde dann über das Werden und Sein des „Selbst“ entscheiden. Ich verlinke mich an dieser Stelle einmal selbst, auch weil ich auf Copy und Paste keinen Bock habe: Wenn ein ausführlicherer Diskurs zum Thema Erinnerung und Gedächtnis im Netzkontext Interessiert, dann hier: http://amsellen.wordpress.com/2011/04/26/erinnerungsprozesse-in-den-social-media/

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  19. Sascha Stoltenow sagt:

    Das oben habe ich geschrieben, weil es Dich anregen soll, noch etwas tiefer zu graben. Es ist also eher Bestätigung. So ist es beispielsweise unerheblich, ob der Computer Dich zu X Prozent simulieren kann, wenn wir davon ausgehen, dass Du bist, was andere über Dich sagen. Dass von dem über Dich Gesagten – und da redest Du mit – nun mehr dokumentiert ist, verändert meines Erachtens nur etwas an Reichweite und Dynamik, nicht am Prinzip.

    Dort, wo ich widersprechen will, mache ich es explizit. Beispielsweise, wenn ich sage, dass Filtersouveränität auch nur eine Ilusion von Identitätsbildung ist.

  20. Enno sagt:

    Ich brauche dringend mehr Zeit, um mal wieder über Postprivacy zu bloggen. Ist dir klar, dass CTRLvoerlust/Queryology/radikale Recht des anderen immer mehr Züge einer Religion annehmen? Transzendenz, der Algorithmus als platonische Spritualität, ein Weiterleben nach dem Tod. Wenn ich länger suche, finde ich da bestimmt noch mehr Elemente.

  21. Philip Engstrand sagt:

    Es ist auch vieles anderes im obigen Artikel zu kritisieren, aber das das sonst niemand aufgefallen ist:

    Metcalfe’s law sagt mitnichten, das der Wert eines Netzwerkes mit der Anzahl der Teilnehmer exponentiell steigt, sondern das der ‚Wert‘ – und damit war mal eine Art Vernetzungszahl gemeint – mit dem Quadrat der Teilnehmer steigt. Was bei Vollvermaschung ja nicht ganz falsch ist.

    Also nicht 2 hoch N, sondern N hoch 2.

    Soziale Netzwerke sind aber idR eher dünn vermascht, d.h. Information läuft eher über ein paar dicke Verbindungen und dann sternförmig weiter.

    Hier M. anzuwenden ist dürftig bis nicht-wissenschaftlich.

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  23. Ich denke, es geht beim Teilen im Internet wie schon immer in der Menschheitsgeschichte um Eines: Die Erhaltung des Gesamtsystems.

    Das Ziel des einzelnen Menschen zu jedem beliebigen Zeitpunkt mag egoistisch erscheinen (frei nach Richard Dawkins Das egoistische Gen), aber letzten Endes zielt jede menschliche Anstrengung nur auf die Verbesserung der Bedingungen für das eigene System (Menschheit) gegenüber umliegenden Systemen (z.B. Umwelt) ab. Ebenso wie sich der einzelne Mensch als eigenes System gegen Umwelteinflüsse oder sogar Mitmenschen behaupten muss. Systeme „tuen“ so etwas by Design.

    Das Teilen ist eine verstärkte soziale Ausprägung, durch neue Technologien ermöglicht und gefördert, eine Art kulturelle Absprache zur Unterstützung von Gruppenzielen. Wenn Geben und Nehmen, also der soziale Handel, effizienter wird, erhöht sich die positive Wirkung auf das Gesamtsystem. Das einzige was wirklich externalisiert wird, ist die Verarbeitungs-Bandbreite die uns die technologische Schicht zur Verfügung stellt und jederlei menschliches Zusammenwirken beschleunigt.

    Wenn sich auch das menschheitliche Gesamtziel nicht ändert, so birgt die Abhängigmachung vom technologischen Zweitsystem und die Steigerung der Resonanzfähigkeit dennoch die Gefahr einer Selbstzerstörung des Gesamtsystems, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Das sollte jeder Mensch im Hinterkopf behalten.

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