Facebook, der Privacy-Leviathan

Die Veränderungen, selbst die radikalsten, beginnen immer im kleinen. Und ich würde über keine dieser Umwälzungen schreiben, wären sie nicht in ihrem Keim schon beobachtbar. Denn das, was die Menschen tun, tun sie vielleicht unreflektiert, aber sie geben damit Tendenzen an, die viel über die unterschwelligen Machtverschiebungen aussagen, die in Zukunft eine Rolle spielen.

Beispielsweise die Datenschutzforderungen gegenüber Facebook und co. Derzeit wieder neu auf dem Buchmarkt geschmissen, unter dem Titel „Die Facebookfalle“ von Sascha Adamek.

<*großer Seufzer*>

Facebook sammelt Daten, die man ihm gibt und klar, reichert es sie statistisch an. Um Werbung anzuzeigen. Sie geben Partnern Zugriff auf die Daten, um ebenso Werbung anzuzeigen oder Features zu ermöglichen. Mehr nicht. In der Reihe, der Unternehmen, die potentiell oder real an Informationen von Nutzern herankommen, ist kein einziges dabei, das mit einer Keule auf irgendwen einschlagen wird oder eine Sklavengalere betreibt, auf der wir rudern müssen, weil wir den falschen Filmgeschmack haben. Dass Regierungen an solche Unternehmen herantreten und diese Daten tatsächlich gegen uns verwenden können, ist zwar richtig, aber Facebook dafür zu kritisieren ist so sinnvoll wie das Beschimpfen eines Raubopfers nach dem Diebstahl. Ich frage mich also regelmäßig, was diese Gekreische eigentlich soll. Aber satt mich hier wieder aufzuregen, versuche ich diese Prozesse mal zu verstehen.

</*großer Seufzer*>

Es ist interessant, wie selbstverständlich die Leute den Datenschutz, der ein berechtigtes Abwehrrecht gegen den Staat bedeutet, nun auf Unternehmen wie Facebook projizieren. Es ist, als ständen sie Facebook eine Art Gewaltmonopol zu, wie dem Staat. Es ist ersichtlich, warum man nicht vom Staat ausgehorcht werden will. Der Staat kann einem das Leben zur Hölle machen, wenn ich bestimmten normativen Kriterien nicht entspreche. Er kann mich in’s Gefängnis sprerren und all meine Hab und Gut konfiszieren. Aber nichts davon kann Facebook und nichts davon will Facebook überhaupt können. Wozu also all die Aufregung?

Eine Antwort auf die Frage, warum die Menschen in Facebook eine Art Zwilling des Staates sehen, liegt in den Datenschutzforderung an Facebook selbst verborgen. Denn an Facebook wird ja nicht nur gegenüber sich selbst Datenschutz eingefordert, sondern soll auch die Daten der Nutzer untereinander schützen. Es soll bitte verhindern, dass Tante Agata sieht, wie ich kiffe und es soll verhindern, dass meine Freunde sehen, wie ich Tante Agata auf dem Waldspaziergang begleite. Die Forderung ist, dass Facebook mir Einstelloptionen bieten soll, mit denen ich meine Informationsströme dezidiert und kleinteilig kontrollieren kann. Das ist zumindest ein Hinweis auf drei Dinge:

1. Die allgemeine Erkenntnis, dass der normative Rahmen meiner Unfreiheit zu einem nicht geringen Teil sozial – gar mirkrosozial – gesteckt wird, scheint sich durch Facebook zu verbreiten. Es sind eben nicht nur die klassisch normativen Kräfte „Staat“ und „Arbeit“, sondern auch mein direktes soziales Umfeld, das mich in eine Rolle steckt, in der ich zu funktonieren habe und die mich in meiner persönlichen Freiheit einschränkt. Und das schlimme: diese unterschiedlichen Rollen sind inkompatibel untereinander. Das ist ansich keine neue Erkenntnis, aber durch die im Digitalen vorherrschende „Transparenz by default“ wird sie nun für jeden erfahrbar. Und das macht einen gewaltigen Unterschied.

2. Diese erlebbare Erkenntnis darüber, dass der Mensch dem Menschen ein Grenzensetzer ist, lässt erst den Ruf nach dem „Privacy-Leviathan“ erschallen. „Facebook, beschütze uns vor unseren Friends!“ Dabei spielen die Privacy-Features eben jene Rolle, die die Gesetze in der Gesellschaft spielen. Sie Regeln den Umgang der Menschen miteinander, der ohne sie scheinbar zu vielen Reibereien führen würde. Indem mir Facebook die Möglichkeit gibt, bestimmte Leute von bestimmten Daten auszuschließen, übertrage ich Kontrollmacht an die von Facebook bereitgestellten Strukturen.

3. Was bei Facebook, genauso wie durch Gesetzgebung beim Staat, zu dessen Machtlegitimation gegenüber seinen Nutzern führt. Der Machtgewinn von Facebook durch die Privacyfeatures ist beträchtlich. Da diese Features von Facebook gegeben sind und wieder genommen werden können und weil sich jeder auf Facebook diesen Strukturen unterwerfen muss, hat Facebook die absolute Kontrolle über alle zugangsbeschränkten Kommunikationen seiner Plattform. Ich kann nur das bedingt freigegebene Bild von Tante Agate ansehen, wenn ich 1.) Facebooknutzer bin und 2.) Tante Agates Privacykriterien entspreche. Facebook reguliert so den Zugang zu einem riesigen Meer von Daten und zwingt jeden, der daran partizipieren will, sich seiner gesamten Policy zu unterwerfen. Im Gegensatz übrigens zu Twitter oder Blogs, wo fast alle relevanten Information öffentlich zugänglich sind.

Es ist das „Teile und Herrsche“-Prinzip. Erst indem sich Facebook zur Plattform der Datenherrschaft seiner Nutzer macht, gewinnt es seine Macht. Eine zunehmend unheimliche Macht. Aber eine Macht, die eben nicht in dem schlichten Hosting privater Information begründet liegt, wie es die meisten unreflektiert krakeelen, sondern in der Regulierung des Zugangs zu ihnen durch die Privacy-Features.

Ich will dabei gar nicht Facebook böse Absichten unterstellen. Ich glaube tatsächlich nicht, dass Facebook diese Rolle gerne ausfüllt. Aber es ist nun mal die Rolle, in die seine Nutzer es drängen. Und zwar allen voran seine schärfsten Kritiker. Die Machtakkumulation, die Facebook dadurch erfährt, ist langfristig erdrückend. Und ich persönlich empfinde diese Tendenz als die eigentliche Gefahr, die eigentliche „Facebookfalle„, die hier entsteht.

Wer sich Facebook unterwirft kann zumindest keine englischen Schimpfwörter in Chats benutzen. Der kann keine Bilder von sich hochladen, die irgendwer, irgendwo anstößig findet. Der ist verpflichtet sich dem Realnamendiktat von Facebook zu beugen, usw. Facebook hat einen gewissen Hang zur Gängelung seiner Nutzer, den ich persönlich als extrem unangenehm empfinde. Ja, sogar gefährlich.

Und machen wir uns nichts vor: die soziale Gravitation von Facebook ist immens. Ich persönlich konnte mich nicht mehr dagegen erwehren, weil ich tatsächlich an für mich wichtigen Informationsströmen nicht mehr partizipieren konnte und bin zu Facebook zurückgekehrt. Andere haben da zwar ein dickeres Fell, aber die Lage spitzt sich zu. Die Gesellschaft hat sich nun mal für eine Plattform der Kommunikation entschlossen, wer sich sträubt, isoliert sich zunehmend. Das war bei der Verbreitung von Handys nicht anders.

Ich halte es deswegen für umbedingt notwendig, sich mit Plattformen wie Facebook gesellschaftlich und politisch kritisch auseinanderzusetzen. Aber das sollte man bitte mit etwas Verstand tun. Man sollte eben nicht versuchen, seine tradierten Wertvorstellungen in neue Systeme wie Facebook reinzuprügeln, sondern sich auf die Technik einzulassen und die Machtstrukturen, die entstehen, vorurteilsfrei und kritisch zu beobachten. Das bedeutet auch, seine eigenen Wertpräferenzen kritisch zu hinterfragen, bevor man sie auf die neue Welt mappt. Eine Übung, die ganz offensichtlich den wenigsten leicht fällt.

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23 Kommentare zu Facebook, der Privacy-Leviathan

  1. Enno sagt:

    Der Staat ist bei dir per se böse, Unternehmen per se gut. Was tust du zum Beispiel, wenn eine private Versicherung per Dateneinkauf versucht, deine Lebensgewohnheiten zu bestimmen, um dir dann die Rate zur Krankenversicherung heraufzusetzen? Außerdem: Du hast an anderer Stelle selber schon geäußert, dass Firmen wie Facebook zunehmend anfangen, Staaten zu ähneln. Bereits jetzt kann Facebook Macht über dich ausüben. Sie konnten dich von der Plattform werfen, was dir weh tat, und dich dazu bringen, dich nochmal unter Klarnamen anzumelden, was du ursprünglich eigentlich nicht wolltest…

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  3. mspro sagt:

    Enno – „Der Staat ist bei dir per se böse, Unternehmen per se gut.“

    Hast du dafür Belegstellen oder nur wieder eine blühende Phantasie?

  4. Riotburnz sagt:

    „Facebook sammelt Daten, die man ihm gibt (…)“

    Genau damit ist schon alles gesagt. Wer mit seinen (privaten) Daten nicht umzugehen weiss, der weiss halt nicht damit umzugehen. Mündige Bürger haben das Recht über sich das freizugeben, was sie eben freigeben wollen.

    Aufklären? Gerne!
    Hetze und Panik? Lächerlich!

    Ein bitterer Beigeschmack ist sicherlich: Der Datenhunger der Unternehmen wächst – Gibst Du die Daten nicht frei, wirst Du ausgesperrt.

    Mein Leben findet auch ohne Facebook statt. Ich verpasse nichts – Ich will auch nicht in dieser sprachlich sehr befremdlichen Welt leben – Inflationär mit diesem Wort „Freunde“ umzugehen liegt mir nicht.

    Grüße

    @Riotburnz

  5. Martin sagt:

    Ein sehr guter Text wie ich finde.

    Während ich es gut finde, dass Facebook mir differenzierte und feingliedrige Einstellmöglichkeiten bietet, wer was von mir sehen kann, sehe ich (jetzt) durchaus das entstehende Problem. Dieses Problem ist aber leider auch nicht durch Alternativen wie Diaspora zu lösen, deren Anspruch es ja gerade ist, „mehr Kontrolle“ über die eigenen Daten zu haben.

    Wenn ich etwas ganz öffentlich machen möchte, dann kann ich das jetzt schon – entweder bei Facebook oder anderswo im Netz. Wenn ich allerdings Grenzen hinsichtlich der Sichtbarkeit für bestimmte Personengruppen setzen möchte, dann brauche ich ein übergeordnetes System zu dem dann auch diejenigen gehören müssen, die meine Inhalte sehen sollen.

    Was die Klarnamen-Politik angeht: Sehr streng kann die nicht durchgesetzt werden, denn seit es mit dem sVZ schneller bergab geht und ein entsprechend größerer Teil meiner Bekanntschaften und Freunde auch bei Facebook ist greift auch dort die (Un)sitte von verkürzten / verstellten Namen um sich.

    Jetzt noch ein Wort zum Thema Datenschutz: Datenschutz ist und bleibt (hoffentlich) ein Recht, keine Pflicht (jedenfalls für natürliche Personen). Dieses Recht muss ich selbstverständlich nicht wahrnehmen und ich muss mich auch nicht von irgendwem deswegen belehren lassen.

  6. gsohn sagt:

    witzig ist auch, wie der Staat selbst auf Facebook reagiert. So hat der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit an die behördlichen Datenschutzbeauftragten
    der obersten Bundesbehörden folgendes Schreiben versendet:

    Sichere Übertragung von personenbezogenen Daten und Verwendung von „Facebook-like-Buttons“ bei Internetangeboten der Bundesbehörden

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mit meinem Schreiben vom 2.12.2010 habe ich darum gebeten, die Internetauftritte der Bundesbehörden im Hinblick auf die Einhaltung des Datenschutzes zu prüfen.

    Bei einigen behördlichen Internetauftritten ist festzustellen, dass die Übertragung von personenbezogenen Daten, welche von den Benutzern in entsprechende Kontaktformulare zwecks Anfragen einzutragen sind, unverschlüsselt erfolgt. Dieser Sachverhalt verstößt gegen die Vorgaben des § 9 BDSG. Weiterhin weise ich darauf hin, dass die Verwendung des sog. „Facebook-like-Buttons“ aus datenschutzrechtlicher Sicht bei Webangeboten der Bundesbehörden
    nicht akzeptiert werden kann.
    Ich bitte Sie hiermit um eine verbindliche Rückmeldung innerhalb von 4 Wochen, ob Sie bei
    Ihrer Internetpräsenz den Benutzern entsprechende Kontaktformulare zwecks Anfragen zur Verfügung stellen und ob die Übertragung der personenbezogenen Daten entsprechend geschützt erfolgt. Weiterhin bitte ich um entsprechende Information bezüglich der Einbindung von „Facebook-like-Buttons“ bei Ihrem Internetauftritt.

    Falls Sie keine Kontaktformulare und kein „Facebook-like-Button“ verwenden, wird um entsprechende Fehlanzeige gebeten. Ich bitte Sie, dieses Schreiben auch an Ihre nachgeordneten Bereiche weiterzuleiten.
    Für eventuelle Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
    Mit freundlichen Grüßen
    Im Auftrag
    xyz

    Eure Meinung dazu?

  7. Stephan sagt:

    Ist das Neue nicht auch, daß nun Inhalt und die Wahrnehmmöglichkeit dessen von anderen getrennt wird? Wenn ich im ‚wirklichen Leben‘ etwas zu meinem Arbeitskollegen flüster, meiner Mutter vom Urlaub erzähle oder mit einem Saufkumpan abläster, dann bestimme ich im Akt des Mitteilens, was ich wie und wem ich es erzähle zugleich. Und zwar mit Leichtigkeit und ohne nachdenken zu müssen – ohne dem Inhalt bewußt und darüber nachdenkend Privatheits-Grade oder ihn einer FB-Freundegruppe zuordnen zu müssen.

    Wodurch, wie Du meinst, Facebook wenigstens die Möglichkeit hat, jederzeit die eigenen Zuordnungen zu ändern. Und somit ist die Macht von Facebook, daß es theoretisch jederzeit Dein Tagebuch aufblättern und Deinem Chef zeigen oder Deiner Mutter erzählen kann, mit wem Du geschlafen hast.

    Diese Trennung und einerseits die Möglichkeit der nachträglichen Veränderung der feinen Was-wem-(wann-wo)-erzählt-Einstellungen durch einen dritten und andererseit die Notwendigkeit diese mit bewußten Entscheidungen vornehmen zu müssen – das ist die Unheimlichkeit an Facebook, die sich dann in diffuser und unreflektierter Privatheitskritik äußert.

    • Riotburnz sagt:

      „Friß oder stirb ist das Zuckerberg-Prinzip.“

      – Der Rückschluss ist, dass Zuckerberg (sei Stellv. genannt), Dich dazu zwingt etwas zu „fressen“. Schlicht unwahr und aus dem rechten Licht entrückt.

  8. Timo sagt:

    Es gibt nichts zu diskutieren. Da die Gesellschaft oder die Nutzer kaum Einflußmöglichkeiten auf die Funktionen und Entwicklung von Facebook haben. Friß oder stirb ist das Zuckerberg-Prinzip.

    Dazu kommt, dass außer der Anzahl der Nutzer die Plattform vollkommen intransparent ist. Wie nutzen die Leute Facebook, welchen Stellenwert messen sie dem zu, was erwarten sie von Facebook in der Zukunft? Facebook gibt keine Daten heraus bzw. hat kein Interesse an diesen Informationen – weil es nämlich Diskussionen befördern würde, die den Geschäftserfolg negativ beeinträchtigen könnten.

    MSPRO & Co profitieren auch davon: So lässt es sich freier spekulieren und die eigene Ideologie durchdrücken.

    • Fritten sagt:

      Und daher sollte die Energie, die auf die Einhaltung von Privatsphäre/Öffentlichkeit zwischen Privatpersonen und Staaten/Unternehmen probiert wird aufrecht zu erhalten durch eine völlige „Daten-Transparenz“ der Staaten/Firmen und einer freiwilligen, da immer mehr entstehenden Offenlegung/Abschaffung der Privatsphäre erfolgen.

      Sonst entsteht erfüllbarer, da aus unternehmerischer und staatlicher Sicht wünschenswerter Datenschutz, aber gleichzeitiger Speicherung der freiwillig getätigten Äußerungen eine Diskrepanz zwischen dem Wissen der Unternehmen/Staaten und der dadurch eingehenden Macht und dem Wissen darüber aus Sicht der Öffentlichkeit, denn Transparenz aus staatlicher/unternehmerischer Sicht ist nicht wünschenswert.

      Natürlich sind wir mündige Bürger und sollten ein Recht auf Privatsphäre/Datenschutz haben, doch anscheinend können wir durch Verhalten anderer Menschen dies nicht aufrecht erhalten und schaffen auch durch unser eigenes Verhalten eine immer größere Schere zwischen Privatsphäre/Datenschutz und Öffentlichkeit/Transparenz.

      Um dem entgegen zu wirken benötigt es also nicht der weiteren Forderung nach mehr Datenschutz, die eine Angst gegenüber dem Unternehmen legitimiert, sondern entweder der Transparenz/Offenlegung der Daten für die Allgemeinheit um die daraus resultierende Macht zu entziehen oder einer persönlichen Verhaltensänderung, sich diesem Machtanspruch durch persönliche Offenheit gegenüber dem Schutzraum „Privatsphäre“ zu entziehen.

      Der Lieblingsspruch unserer zurecht als weltfremd bezeichneten Politiker „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ ist also dann in seinem Kern nachvollziehbar, wenn es aus einer entweder absoluten Transparenz des Staates resultiert und ich vor dem Staatsapparat und seinem Datenschutz somit wirklich nichts zu befürchten habe oder der Umkehrschluss zu Unternehmen, ich mir mit meinem Umgang meiner Daten bewusst bin und sie entweder a) Absolut transparent für jeden „Freund“, Freund oder Familienangehörigen veröffentliche, oder b) Nicht veröffentliche.

      Der Nachteil von c), Daten nur für gewisse Benutzergruppen zu veröffentlichen, ist, dass sie nur deswegen missbraucht werden können weil es Augen gibt, die es nach unserem gesellschaftlichen Wertevorstellungen missbrauchen könnten. Wenn ich aber von Anfang an klar aufzeige, bewusst oder unbewusst, dass die verschiedenen „Gesellschaftsschubladen“ einer Person zu mir gehören, kann mir daraus kein Nachteil entstehen, da für jeden einsichtlich dies zu einer Person gehört.

      Nach meiner bisherigen Vorstellung vom „Seemannschen Kontrollverlust“ ist der Mehrwert den man erkennen könnte, ein Verlust von Angreifbarkeit auf privater und staatlicher Ebene durch Offenheit/Transparenz und ein dadurch resultierender Gewinn an Freiheit und Machtverschiebung, da durch Aufgabe der frei gestaltbaren Privatsphäre, eine freiere Öffentlichkeit entstehen würde.

      Die Prämisse „Datenschutz ist und bleibt ein Recht, keine Pflicht.“ lässt sich auch auf die Transparenz ummünzen, denn „Offenheit ist und bleibt ein Recht, keine Pflicht.“ Wenn wir aber durch Datenschutz in unserer Öffentlichkeit eingeschränkt werden, wird unser/e Privatsphäre/Datenschutz zu einem Schutzraum von Äußerungen und Handlungen die entweder gesellschaftlich geächtet (Kopftuch, Homosexualität, etc.) aber nicht gesellschaftlich schützenswert, sondern im öffentlichen Raum begrüßenswert wären, da sie in eine plurale Gesellschaft münden.

      Aktuell stärkt Datenschutz nicht die Privatperson in seiner Illusion von Kontrolle darüber, sondern die Schützer der Daten, da sie Macht gegenüber den Anvertrauten ausüben können.

      Frei nach George Orwell kann man dann an Beispielen wie Facebook, Google, Staaten & Co. sehen, Privatsphäre ist Einschränkung, Öffentlichkeit ist Unterdrückung und Datenverlust ist Macht.

      Ob meine Vorstellung nachvollziehbar ist, steht auf einem anderen Blatt.

  9. Jean-Jaques Bernard sagt:

    Ja, ich würde auch sagen, dass das soziale Umfeld erst einmal den eigentlicen Druck erzeugt, Leute die um einen herum sind und die man nicht ignorieren kann.
    Bin gespannt, wie das Verhalten sich anpassen wird, denn ich glaube nicht, dass man, besonders in einer Versicherungskultur wie Deutschland, Kontrolle leichtfertig aus den Händen gibt oder nicht versucht, sie wiederzugewinnen, wenn man merkt, dass sie aus den Händen gerutscht ist. (was man zumindest versuchen kann, z.B. für verschiedene Sphären verschiedene Dienste zu benutzen)
    Ich glaube nämlich, das hat man noch gar nicht so gemerkt, das geht alles sehr sehr langsam mit dem technischen Verständnis und so.

  10. mark793 sagt:

    @Michael, mir scheint Deine immer wieder vorgenommene Trennung in „was der Staat mit meinen Daten will, ist grundsätzlich böse, und was private Unternehmen damit wollen, ist harmlos und unproblematisch“ ziemlich naiv.

    Wenn die ganze Verdatung unserer Existenz wirklich nur darauf hinausliefe, genauer auf die Person zugeschnittete Werbebotschaften auszuliefern, würde ich mich natürlich auch fragen, hey Leute, was soll der Lärm?

    Aber es hängt da mittelfristig schon ein bisschen mehr dran. Nun kann es natürlich gut sein, dass einen die Aussicht auf immer mehr Apartheid-Marketing und Ungleichbehandlung von Kunden nicht weiter kümmert, weil man sich eh als Teil einer international gut verdrahteten Elite betrachtet, die mit irdisch-alltäglichen Niederungen des Lebens nicht in der Härte konfrontiert ist wie der Nachbar, der nicht weiß, wie er sich aktuelle US-Kultserien bei Bit Torrent oder sonstwo runterladen kann und der vielleicht viel profanere Sorgen hat als dass ein paar Follower abspringen.

    Aber auf alle Fälle ist dann auch klar, dass Du eigentlich einer Politik der sozialen Kälte das Wort redest und Dein Diktum, Datenschutz komme vor allen den Mächtigen zugute, eine reine Schutzbehauptung ist, damit Du Dir nicht eingestehen musst, dass Du als gefühlter Linker letztlich doch eine, äh, neoliberale Agenda verfolgst.

    Das hindert mich aber nicht daran, zu konstatieren, dass ich Deine weitergehenden Gedankengänge über Privacy-Paradoxa der Facebook-Nutzung durchaus anregend finde. Ich selber bewege mich dort ja auch (wenngleich mit gebremstem Elan), um nicht immer nur auf Hörensagen und Erlebnisse aus zweiter Hand angewiesen zu sein. Wobei ich es wahrscheinlich doch verschmerzen könnte, wenn man mich wegen meines pseudonymen Benutzernamens von der Plattform kickte.

  11. mspro sagt:

    mark793 – Zunächst zum Telepolisartikel: PErsonalisierte Preise wird es nicht geben. Das ist HUmbug. Warum? Weil — na was? – Transprarenz das von vornherein unmöglich macht. Denn noch vor den Konsument werden die Märkte Transparent, bzw. sind sie schon. Das wird solcherlei Dinge vereiteln.

    Zu so schweinereien wie das, was beim Gesundheitswesen Krankenkassen etc abgeht, ist eine andere Frage. Aber auch hier sehe ich nicht den Datenschutz in der Pflicht, sondern die Politik. All das, habe ich damals bereits zur Plattformneutralität aufgeschrieben, wie du dich vielleicht erinnerst.

    Insofern hast du recht: ich fodere einen „neo-liberalen“ Umgang mit Daten. Du vergisst aber dabei, dass ich auf der anderen Seite einen um so sozialeren Umgang mit Menschen fordere.

  12. mark793 sagt:

    Ehrlich gesagt lese ich Deine Texte zwar für gewöhnlich mit Interesse, aber ich lerne sie nicht auswendig (und speziell Deine Abhandlung über Plattformneutralität schien mir allenfalls auf einer sehr abstrakten Ebene als Antwort auf alle Fragen zu taugen).

    Darüber hinaus halte ich es für nicht allzu zielführend, erst mal die Schleusen für alle möglichen datengestützten wirtschaftlichen Sauereien zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass die Politik es dann schon richten wird mit der gesamtgesellschaftlichen Schadensbegrenzung.

    Dass die Preistransparenz (die auch im Internet oft nur eine relative ist) auf breiter Front als Bollwerk gegen individualisierte Preise taugt, halte ich ebenfalls für eine sehr idealisierte Sichtweise. Das mag für schnelldrehende Konsumgüter des täglichen Bedarfs gelten, aber in vielen anderen Bereichen ist das mittlerweile nur noch Theorie. Was nützt mir – jetzt mal extrem übertrieben – das Wissen, dass der Sprit in Luxemburg soundsoviel billiger ist, hier wo ich wohne, machts nicht mal Sinn, nach Holland rüberzufahren für ein paar Cent Ersparnis. Was nützt mir das Wissen, dass ich mein Girokonto auch kostenlos haben könnte, wenn ich 2000 Öcken pro Monat an Zahlungseingang hätte? Hab ich aber nicht, also drücke ich pro Quartal soundsoviele Kontogebühren ab, und da hilft mir auch das Internet nicht wesentlich wesentlich weiter. Der Hebel auch bei vielen anderen Gütern und Dienstleistungen in Richtung Preisdifferenzierung ist schon angesetzt: zum einen über Rabatte, die an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sind und zum anderen über die Zahlungsmodalitäten und Lieferkonditionen. So wirst Du ungeachtet Deiner individuellen Bonität als Bewohner eines Glasscherbenviertels mit schlechteren Konditionen von Zahlungsart (nur Vorkasse) und höherem effektivem Jahreszins bei Finanzierungskäufen in Sippenhaft genommen. Da sieht der Grundpreis für einen Artikel, den eine Recherche übers Internet ausspuckt vielleicht ziemlich gleich aus, aber in praxi variiert es doch, was man konkret zahlt. Zunächst reden wir hier nicht von großen Differenzen, da sind es zwei Cent pro Liter Sprit, die Du als ****-Bankkunde bei der Soundsotanke kriegst, dort drückst vielleicht bei einem Online-Händler mehr Versandkosten oder wasauchimmer als Dein Nachbar. Aber es läppert sich, und wenn sich der Kunde erst mal daran gewöhnt hat, dass der Einheitspreis nur noch auf dem Papier existiert, wird er auch die nächste Komplexitätsstufe klaglos hinnehmen.

    Es ist doch auch jetzt schon so, dass die zunehmende Verdatung von Prozessen viele einst monodimensionalen Transktionen zu regelrechten Warentermingeschäften mutieren lässt. Der Computer, den ich vorige Woche kaufte, kriege ich heute vielleicht für 50-100 € weniger nachgeschmissen. Die Tanke, die ihre Spritpreise mehrmals täglich ändert wie sie (oder die Zentrale) will, lässt sich davon auch nicht abhalten, dass man Spritkosten im Prinzip auch im Internet nachgucken kann. Vieles ändert sich so schnell oder ist schon heute so individuell (oder lokal), dass Dir das Internet nur begrenzt dabei hilft, echte Preistransparenz herzustellen.

    Von daher wäre ich mit „HUmbug“ ein bisschen vorsichtig, wenn ich selber mit idealisierten Abstrakta aus dem Theoretiker-Baumarkt argumentiere.

  13. mspro sagt:

    mark793 – da sagst du was. Da hast du natürlich recht. Das sind Dinge, die definitiv durchdacht gehören und die man verändern sollte.

    Aber ich bleibe dabei: Sich, seine Identität und all die Umstände der eigenen Identität zu verstecken ist einfach keine vernünftige Lösung. Weder funktioniert sie heute (du kannst deinen Kontostand nicht vor deiner Bank verheimlichen, du kannst deine Lieferadresse nicht dem Versandhandel verheimlichen) und erst recht wird sie in Zukunft nicht funktionieren. Datenschutz is not the answer.

  14. mark793 sagt:

    Ja, Michael, Datenschutz ist eine Antwort, aber sicher nicht die Antwort, soweit gehe ich völlig d’accord. Oft genug ist Datenschutz auch nicht mehr als ein oberflächlich-symbolisches Pflasterchen für tiefsitzendere gesamtgesellschaftlichere Aua-Auas. Aber solange ich nicht den Eindruck habe, dass die Politik sich derer mal etwas grundsätzlicher und gründlicher annimmt, würde ich diese Pflasterchen nicht für völlig nutzlos halten. Ich fürchte, an der völlig freien Datenluft wären wir an etlichen Stellen so ganz ohne diese Pflaster bei ansonsten gleichbleibenden Rahmenbedingungen ganz schnell übel entzündet, ohne dass die Politik und Gesellschaft rechtzeitig auch nur eine lindernde Cortisonsalbe draufschmieren könnten. Und das macht mir schon ein bisschen Sorge – aber nicht unbedingt der status quo oder gar die Tatsache, dass meine Bank meinen Konstostand kennt. Das juckt ja nicht mal einen Berufsparanoiker wie mich ernsthaft.

    Ich denke auch nicht, dass wir hinter den derzeigen Stand von relativer Nacktheit irgendwie zurückkämen, lohnt sich m.E. auch nicht, dafür zu kämpfen. Aber sich deswegen in vorauseilendem Gehorsam die letzten Fetzen vom Leib zu reißen und zu hoffen, dass sich dann auf einmal allgemeine Ungezwungenheit einstellt, das kanns irgendwie auch nicht sein – schon gar nicht bei gleichbleibend kühlem gesellschaftlichem Makroklima.

  15. Robert sagt:

    Achja, mal wieder teils-teils:

    Wer sich Facebook unterwirft …

    Richtig, nichts Anderes als ein Unterwerfen ist das nicht – und ich muss es nicht! Man kann nicht zum Unterwerfen gezwungen werden, sondern es erfordert einen eigenen Schritt.

    die soziale Gravitation von Facebook ist immens. […] Die Gesellschaft hat sich nun mal für eine Plattform der Kommunikation entschlossen, wer sich sträubt, isoliert sich zunehmend.

    Kurzer Realitätsabgleich: Ich bin Mitte-Ende 20, Student, im echten Leben gut vernetzt und nicht bei Facebook – genau so wie wie viel Prozent meiner Freunde?

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