10 Thesen zum Neuen Spiel

SPEX_No347_Cover_Umschlagbogen_v02.inddIch habe einen langen, sehr langen Text für die SPEX geschrieben (Ab S. 116), über die Abhöraffaire und wie sie mit den Entwicklungen, die ich vor einigen Jahren unter dem Label Kontrollverlust zusammengefasst habe, zusammenhängt. Denn im Grunde ist ja nichts passiert. Geheimdienste machen das, was sie immer gemacht haben, sie besorgen Informationen. Nur sind das, was früher Telefonkabel und Tonbandgerät waren eben heute Glasfaser und Rechenzentrum. Die Macht der NSA beruht darauf, dass sie auf genau jenen Kräften surft, die ich als die Treiber des Kontrollverlustes ausgemacht habe.

Zum Ende einer langen, düsteren Analyse komme ich dazu, Lehren aus dem NSA-Fall zu destillieren. Ich weiß, das alles ist noch nicht verarbeitet und ich haue voll rein in die allgemeine Prism-Depression. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle eine Triggerwarnung aussprechen? Jedenfalls habe ich jetzt, mit etwas Abstand, meine Überlegungen dazu wie es jetzt weitergeht noch mal erweitert und will sie hier als 10 Thesen zur Diskussion stellen.

1. Man kann das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen.

Game Over. In allen Vektoren des Kontrollverlusts: Die Allgegenwart der Sensoren, die steigende Volatilität der Daten und die nicht einzugrenzende Aussagefähigkeit vorhandener Datenberge durch neue Analysemethoden wirkt Moores Law unerbittlich. Die Geheimdienste werden weiterhin auf dieser Welle surfen. Und nicht nur die amerikanischen. Auch die russischen, chinesischen und alle anderen, die es sich leisten können.

Wer sich dem Kontrollverlust in den Weg stellt, wird zwangsläufig überrollt. Das Spiel um die Kontrolle der Datenströme ist verloren. Das haben nur noch immer nicht alle eingesehen. Wir haben den Krieg verloren, das Spiel ist aus. Lasst uns ein neues Spiel spielen.

2. Datenschutz ist bankrott

Privatsphäre ist tot, die NSA hat lediglich ihren Stempel darunter gesetzt. Je schneller wir das begreifen, desto schneller werden wir wieder handlungsfähig. Alle politischen, technischen und juristischen Rahmen der „Informationellen Selbstbestimmung“ sind nicht mehr vertrauenswürdig und es steht lediglich die Frage im Raum, ob sie seit jeher nur ein vom Staat verabreichtes „Opium fürs Volk“ war, während er jederzeit bereit war, ihre Verletzung von der „richtigen Seite“ hinzunehmen. Datenschutz war immer eine gewährte Privatsphäre.

Datenschutz ist bankrott. Es macht keinen Sinn mehr, Leute davon abhalten zu wollen, Daten zu sammeln und/oder auszuwerten. Wer mit genug Macht ausgestattet ist, wird sich über Regelungen hinwegsetzen, nur die Zivilgesellschaft wird in ihren Möglichkeiten beschnitten. Im Neuen Spiel ist Datenschutz das Monopolrecht auf Datenauswertung für diejenigen, die sich eh nicht an Gesetze halten.

3. Der Kampf gegen Überwachung muss weiter gehen.

Ziel der Überwachung ist Kontrolle. Der erste FBI-Chef J. Edgar Hoover führte seinerzeit Akten über jeden wichtigen Politiker, jeden mächtigen Wirtschaftsboss und alle möglichen Journalisten in den USA. Überträgt man Hoovers Ruchlosigkeit auf die Möglichkeiten der heutigen NSA, ist ähnliches in globalem Maßstab vorstellbar. Eine solche Machtakkumulation droht nicht nur die amerikanische Demokratie auszuhebeln, sondern bedroht auch die Integrität der Politik auf der ganzen Welt. Auch im Neuen Spiel kämpfen wir gegen Überwachung. Aber mit anderen Mitteln und anderen Zielen.

Totale Kontrolle kann nur entstehen, wenn es ein Ungleichgewicht der Information gibt. Das heißt, 1. dass die Dienste mehr über mich wissen, als ich über sie – das macht sie unangreifbar. Und außerdem heißt es, dass die Dienste mehr über mich wissen, als alle anderen über mich wissen können – dadurch werde ich erpressbar. Die Macht der Dienste basiert auf diesen Asymmetrien. Sie sind mir einen Schritt voraus, sie können die Deutungshoheit beanspruchen, sie können mich im Zweifel erpressen oder haben gleich die Beweise für die Anklage zur Hand, während ich ihrem Informationsvorsprung hilflos ausgeliefert bin. Im Neuen Spiel gilt es, diese Asymmetrien anzugreifen.

4. Das Neue Spiel heißt Transparenz und Vernetzung.

»Snowden besitzt genügend Informationen, um der US-Regierung innerhalb einer Minute mehr Schaden zuzufügen, als es jede andere Person in der Geschichte der USA jemals getan hat«, ließ der Guardian-Journalist Glenn Greenwald, mit dem Snowden in engem Kontakt steht, in einem Interview durchblicken. Bradley Manning, Julian Assange und Edward Snowden spielen das Neue Spiel. Es heißt Transparenz und Vernetzung. Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten einzelne Menschen Staaten auf so grundsätzliche Weise herausfordern. Noch nie konnten sich Menschen so aktuell und umfassend informieren. Noch nie konnten sie sich so schnell und effektiv organisieren, zu Protesten, Petitionen oder gar Ausschreitungen. Die Zivilgesellschaft hat keinen Grund, sich machtlos zu fühlen. Im Gegenteil. Von Tahrir bis Taksim beginnen die Menschen die neuen Möglichkeiten gerade erst zu erahnen.

Und diese neuen Möglichkeiten liegen in der Transparenz. In Deutschland haben #Aufschrei, das Refugeecamp, Guttenplag und viele andere Projekte gezeigt, wie man mit Daten (ihrer Erzeugung, Vernetzung und Auswertung) Aktivismus betreiben kann. Einige spielen bereits erfolgreich das Neue Spiel, aber all das ist erst der Anfang. Open Data, Open Source, Open Everything sind die emanzipativen Forderungen der Zukunft, die es erlauben werden, die Mächtigen besser zu kontrollieren, sie effektiver in die Schranken zu weisen oder gar auszutauschen.

5. Privacyeinstellungen sind böse.

Auf Facebook gibt es keine Privatsphäre. Privacyeinstellungen, der bequeme Weg der Privatsphäre, den Facebook und co. anbieten, ist wie der Datenschutz eine gewährte Privatspäre. Wenn wir sie annehmen, geben wir demjenigen, der sie uns gewährt, Macht. Wir wissen aber heute, dass die NSA mitchattet, wenn wir mit Freunden chatten. Wenn wir Bilder nur für Freunde teilen, teilen wir sie mit Freunden und der NSA. Wenn wir Dinge unter einer gewährten Privatsphäre teilen, teilen wir sie mit der NSA. Und jedes Bit, auf das die NSA Zugriff hat, der Rest der Welt aber nicht, mehrt ihre Macht.

Traut nicht dem Versprechen der Privatsphäreeinstellung. Seid öffentlich, traut euch, angreifbar zu sein. Wenn ihr es für die Öffentlichkeit seid, dann seid ihr es nicht mehr für die Geheimdienste. Im Neuen Spiel hat man die Wahl zwischen Öffentlichkeit oder der Komplizenschaft mit den Diensten.

6. Es gibt keine Privatsphäre mehr, nur noch Verschlüsselung.

Und das ist nicht das selbe. Verschlüsselung schafft im besten Fall Residuen der Vertraulichkeit, temporär, angreifbar, unabgeschlossen. Sie sind aus unterschiedlichsten Gründen keine Antwort auf die Dienste, aber wenn man privat kommunizieren will, ohne auch noch den Diensten zusätzliche Macht zuzuspielen, kann Verschlüsselung nützlich sein. Im Neuen Spiel ist es ein Gebot der Gastfreundschaft, verschlüsselte Kommunikation anzubieten.

7. Der Cypherpunk ist tot, der Hacker nackt.

Die Idee und der Pathos des Cypherpunk sind verflogen. Seine Waffen sind stumpf gegen die NSA, die Legende ist auserzählt. Der Data Scientist hat den Hacker nackig gemacht. Die Dienste können nicht in die verschlüsselten E-Mails gucken? Macht ja nichts. Es reicht ihnen zu wissen, in welcher Netztopographischen Nachbarschaft der Hacker kommuniziert. Mit wem ist er wie eng befreundet, welchen Tagesrhytmus pflegt er, welche Gespräche drehen sich um Arbeit, welche um Freizeit, wie häufig hat er Kontakt zur verdächtigen Person X, wer ist sein Weisungsbefugter, wer beeinflusst ihn und wo hält er sich auf?

Die Hacker, die versuchen, sich dagegen zu schützen, werden Handlungsunfähig. Sie verzichten auf mobile Kommunikation, öffentliche Auftritte und auf die Mobilisierungs- und Organisationsmöglichkeiten der Social Networks. Surfen tun sie nur noch sehr langsam über Tor und einloggen dürfen sie sich fast nirgends, was ihnen viele Informations- und Vernetzungsquellen versperrt. Nichts könnte heute eine soziale Bewegung effektiver lähmen, als eine solche Selbstbeschneidung. Im Neuen Spiel heißt es: Verstecken oder politisch handlungsfähig bleiben.

8. Die Grenzen der Überwachung verlaufen nicht zwischen den Staaten, sondern zwischen oben und unten.

Amerika ist nicht der Feind, Schland.Net ist nicht die Antwort. Wir haben es mit einer internationalen Verschwörung der Regierungen gegen ihre Bevölkerungen zu tun. Man spioniert sich gegenseitig aus und tauscht anschließend die Ergebnisse. So langsam wird uns bewusst, dass ein freies Internet mit dem Kontrollanspruch des Staates langfristig nicht zu vereinbaren sind. In dieser systemischen Inkompatibilität tun sich die Fronten des Neuen Spiels auf. Es ist der Nationalstaat selbst, der sich in Komplizenschaft mit seinen Leidgenossen gegen seine erodierende Macht zur Wehr setzt. Er darf nicht gewinnen.

Es ist deswegen Quatsch eine deutsche Öffentlichkeit gegen den amerikanischen Staat ausspielen zu wollen. Vielmehr schaffen die Snowdenleaks durch das Internet eine zivile Weltöffentlichkeit. Sie war laut Snowden der Adressat seiner Enthüllungen und als solche sollten wir auf die Enthüllungen auch reagieren. Das Neue Spiel heißt „Vernetzte Weltöffentlichkeit vs. Staaten“. Dazwischen stehen die Unternehmen, gespalten zwischen ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kunden und den Gesetzen ihres Landes. Im Neuen Spiel wird es auch darum gehen, sie auf unsere Seite zu ziehen.

9. Wir brauchen aktivistisches Big Data.

Das kann alles nur der Anfang sein. Wir müssen aufrüsten. Wir brauchen mehr Wistleblower, mehr Kampagnen, mehr Daten, mehr Vernetzung und vor allem brauchen wir mehr und bessere Datenauswertung. In Deutschland zeigt OpenDataCity wie man bereits mit intelligentem Datenjournalismus politisch agieren kann. In Italien haben die Behörden gezeigt, wie man mit etwas Datenauswertung sogar die CIA ärgern kann. Wir brauchen mehr davon in den Händen der Zivilgesellschaft. Wir brauchen aktivistisches Big Data.

Big Data hilft bereits auf vielen Ebenen die Gesellschaft zu verbessern. Wir brauchen aber auch Big Data, um der Zivilgesellschaft die neuen Möglichkeiten in die Hand zu geben, über die die Dienste längst verfügen. Die Software ist zum großen Teil Open Source. Doch das Know How und die Daten sind knapp. Wo bleiben die Big-Data-Hacker des CCC? Wenn noch viele Daten geleakt werden, wird es Leute brauchen, die fähig sind, sie auszuwerten. Wir brauchen Big Data, um die Regierung zu beobachten, wir brauchen Big Data alleine schon, um die Ergebnisse anderer Institutionen überprüfen zu können. Im Neuen Spiel müssen wir die Berührungsängste mit der Daten-Technologie überwinden, wie der CCC es in 80ern mit dem Computer vorgemacht hat.

10. Das Neue Spiel wird besser.

Das alte Spiel ist verloren, aber wir spielen jetzt ein besseres. Klar, auch hier haben die Mächtigen derzeit die Nase vorn. Aber bereits Snowden hat die NSA nachhaltig gelähmt und wir haben unsere Möglichkeiten nicht mal annähernd ausgereizt. Die NSA hat jährlich ca. 10 Milliarden Dollar Budget zur Verfügung, um uns zu überwachen. Doch wir, die Restweltgesellschaft, geben allein dieses Jahr 3,7 Billionen Euro für Informationstechnologie aus. Im neuen Spiel haben wir mehr Köpfe, mehr Prozessorkerne und sogar mehr Daten zur Verfügung, als die NSA je haben könnte, und mit dem Internet haben wir ein Instrument, all diese Kräfte zu organisieren. Es wird Zeit für eine neues ziviles Selbstbewusstsein.

Das Neue Spiel wird anspruchsvoller als das alte. Vor allem müssen wir uns erst selbst in die neue Rolle einfinden. Wir müssen Gewissheiten aufgeben, Sicherheiten abhaken, in vielen Dingen umdenken. Aber das Neue Spiel ist keinesfalls aussichtsloser als das Alte. Im Gegenteil. Alles auf Anfang.

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50 Antworten auf 10 Thesen zum Neuen Spiel

  1. m sagt:

    Sind wir denn genug motiviert?

  2. Pingback: SPEX – Das Neue Spiel | H I E R

  3. Fritz sagt:

    Gefällt mir alles. Insbesondere der Aspekt, auf Überwachung nicht nur defensiv zu reagieren, sondern auch offensiv durch Gegen-Transparenz.
    Nur muss man einen 11. Aspekt ergänzen, der die Sache richtig ungemütlich macht: Die Ungleichheit von Überwachern und Überwachten betrifft nicht nur die die Breite der Sichtfenster, sondern auch die physische Macht. Zwei abhörsichere E-Mail-Dienste wurden ja schon dichtgemacht (das geht den Rechtsweg, aber da ist man ja in Gottes Hand). Obendrein: Levison darf nicht einmal sagen, wie er erpresst wurde. Man sieht daran: Die Handlungsspielräume sind – natürlich – sehr ungleich. Der Schritt vom Überwachungssstaat zu Polizeistaat und chronischer Rechtsbeugung ist dabei – das ist ja auch die eigentliche Furcht – logisch. Es wird daher nichts daran vorbeiführen, dass die Defensive gestärkt werden muss. Zumindest in den Rechtsräumen, auf die die USA Zugriff haben – und dazu gehört in gewisser Weise auch die EU, wird das schon schwiwerig genug sein. Meine hoffnungsvolle These ist allerdings: Es werden sich eine regelrechte Geheimhaltungsindustrie und Geheimhaltungsservices herausbilden. Etwas futuristsich, aber auch möglich ist, dass sich die USA mit ihrem Zwang zur Totaltransparenz sogar ein Stück weit aus der technolgischen Entwicklung herausschießen – für eurpäpische und asiatische Unternehmen sind die Ami-Cloud-Services eigentlich gerade dabei als Option zu sterben (niederländischer Innenminister hatte schon vor Jahren EU-Unternehmen davor gewarnt, Daten bei amerikanischen Anbitern zu hosten)…

  4. Enno sagt:

    2 Gedanken:

    Warum eigentlich ist die NSA gelähmt? Ist sie es wirklich?

    Und: Mir schwindelt bei der Zahl der Umdrehungen, die diese Diskussion mittlerweile erreicht hat, währen die Leute draußen noch ahnungslos über Neuland reden. Diese Herangehensweise an die Thematik ist dermaßen avantgarde, dass ich mich frage, wer sie überhaupt versteht.

  5. Markus sagt:

    * „Wir haben den Krieg verloren, das Spiel ist aus.“
    * „Wir brauchen aber auch Big Data, …“
    * „Wir müssen aufrüsten.“

    Warum wird hier bei überwiegend negativen Zuschreibungen immer von „wir“ gesprochen, während der allgegenwärtige Narzissmus im Text durchgehend mit „ich“ konnotiert wird?

    Wo bleibt eigentlich dein (uneigennütziger) Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft?

    PS: Politisch korrekt muss es übrigens heißen: „Ihr habt den Krieg verloren!“

  6. baranek sagt:

    Haarsträubende Logik mal wieder: wenn sich keiner an Gesetze hält, müssen wir das auch nicht oder wir schaffen sie mal gleich ganz ab. Wer hält sich jetzt massenhaft nicht an Gesetze eigentlich? Welche Unternehmen genau? Sehe ich nicht, jedenfalls nicht so massenhaft und flächendeckend, wie hier einfach mal so behauptet wird.

    Ähnlich auch der Satz: „Wir haben es mit einer internationalen Verschwörung der Regierungen gegen ihre Bevölkerungen zu tun.“ – Hä? Bin ich zu blöd oder kann ich das einfach nicht wahrnehmen? Oder ist #nsa jetzt die Argumentationskeule gegen alles?

    Hier macht es sich jemand etwas zu einfach, weil es so schön in die eigene Agenda passt.

  7. frosch03 sagt:

    Vieles gefällt mir ebenso, aber manches nicht. Beispielsweise, dass nichts
    passiert sei, denn die Dienste hätten ja schon immer „so“ gearbeitet. Stimmt
    das überhaupt? Haben Geheimdienste z.B. zu kalten Kriegszeiten tatsächlich
    _alle_ Telefonate abgehört, protokolliert, durchsuchbar gemacht, etc.. Hat die
    Stasi tatsächlich die Post jedes Bürgers immer gelesen?

    Auch dass Privatsphäre tot sei, sehe ich so nicht. Gegenbeispiel: Ich kann
    mein Klo abschließen und nutze es jeden Tag unter Ausschluss der
    Öffentlichkeit :) Ok, die Privatsphäre im Netz mag tot sein oder hat noch nie
    existiert. Privatsphäre und Cloud schließen sich aus. Aber schon in den Ecken
    meiner Festplatte ist noch viel Privatsphäre vorhanden.

    Stichwort Asymmetrien: Ich halte es für unendlich schwierig, die schon
    bestehenden Asymmetrien zu überwinden. Denn: Hätte ich ähnlich viel Wissen
    über die Dienste wie die Dienste über mich, wäre da noch immer eine
    finanzieller Asymmetrie. Die Überwacher sitzen am längeren Hebel. Die Kraft
    die wir aufwenden müssen, um diesen Zustand zu überwinden ist ebenso
    Asymmetrisch hoch.

    Ja, wir sollten anfangen mit den Methoden der Überwacher zu spielen. Ja, wir
    müssen uns diese selbst zu eigen machen. Aber während wir noch lernen, was die
    Dienste schon können, entwickeln sich die Überwacher weiter. Dass dieses Katz
    und Maus Spiel irgendwann in ein Kräftegleichgewicht konvergiert, bezweifle
    ich.

  8. Jan Exner sagt:

    Ein Aspekt, der mich stört: „Traut nicht dem Versprechen der Privatsphäreeinstellung. Seid öffentlich, traut euch, angreifbar zu sein. Wenn ihr es für die Öffentlichkeit seid, dann seid ihr es nicht mehr für die Geheimdienste. Im Neuen Spiel hat man die Wahl zwischen Öffentlichkeit oder der Komplizenschaft mit den Diensten.“

    Das ist aus Sicht eines Europäers schön und gut, aber es gibt genügend Leute auf der Welt, für die komplette Offenheit gefährlich ist.

    Sollte man nicht vergessen.

    Cheers,
    Jan

  9. Stefan sagt:

    Ein sehr schlauer Beitrag.
    Asymmetrie mit Asymmetrie zu bekämpfen ist in der Tat die einzig erfolgversprechende Taktik. Dazu brauchen wir „nur noch“ open-think-tanks. Lass die #NSA mitlesen: mit 10 MRD Dollar p.a. kann sie in der Tat nicht gegen das genannte Ungleichgewicht von mehreren Billionen Dollar der „Restmenge“ angehen. Darüber hinaus braucht es open-source-anwälte, die unsinnige Bitcoin-Entscheidungen und Ähnliches verhindern. Und dann braucht es – wie immer – Aufklärung, damit außer den (von der Presse so diffamierten) „Nerds“ eine breite Bewegung der verlogenen Politik in die Suppe spuckt. Die Pyramide steht auf der Basis, nicht auf der Spitze. Und ohne Basis gibt es keine Spitze!

  10. bernd sagt:

    Was für ein „hipper“ Schreibstil. Es wäre wünschenswert, wenn Sie auch Ihren Schreibstil „Open Source“ machen würden, damit Ihn ein jeder versteht.

  11. Sehr lesenswerter Text, bis auf einen kritischen Fehler:

    „Dazwischen stehen die Unternehmen …“

    Die Unternehmen stehen nicht dazwischen, sondern sie dirigieren den Staat.

    Nicht nur, dass Überwachung stark privatisiert ist und die Überwachungsindustrie damit Gewinne erzielt und Einfluss ausübt.

    Weitaus mächtiger als Staaten sind große Konzerne. Sie haben das größte Interesse daran, Ungleichheit, Unwissenheit und Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Denn das sichert Profit, billige Arbeitskräfte, und vor allem den Machterhalt. Und sie haben den größten Einfluss auf politische Entscheidungen in jedem Staat.

    Die Demokratie und ihre Grundrechte stehen dazwischen; und schützen alle Menschen vor Unternehmen und Staat – zumindest wenn sie tatsächlich umgesetzt würden. Völlig richtig ist im Text der sehr wichtige Punkt, dass es nur als globale und soziale zivile Bewegung möglich ist, einer echten Umsetzung von Demokratie und Menschenrechten näherzukommen, und dass Nationalismus immer absolut inakzeptabel und abstoßend ist.

    Bei Wissen/Privatsphäre/Datenschutz/Transparenz geht es im Kern um Macht; daher insgesamt ein sehr guter Text. Zu diesem Thema empfehle ich auch:
    http://de.thecitizen.de/2012/10/08/transparency-and-data-protection-essential-for-democracy/

  12. Arne sagt:

    toller text, vielen dank!

  13. bix sagt:

    „[…] Wer legt uns in Ketten und wer besitzt den Schlüssel der uns befreien kann?

    Du allein!

    Du hast alle Waffen die du brauchst! Jetzt kämpfe!“

    – Sucker Punch –

  14. Pingback: Nach dem Datenschutz: FOIA und Transparenz | Die wunderbare Welt von Isotopp

  15. Mzov sagt:

    Außer Thesen nichts gewesen – so könnte man diesen „Debattenbeitrag“ von Michael Seemann ziemlich treffend charaktierisieren. Die meisten seiner Argumentationslinien sind entweder offensichtlich oder offensichtlich falsch. Da muss ich jetzt einwenig Spielverderber sein:

    ad 1: Schlimmer Fatalismus, der nicht nur angesichts realer Krisen und Bürgerkriege (Ägypten) mit tausenden Opfern zynisch daherkommt: „Wer sich dem Kontrollverlust in den Weg stellt, wird zwangsläufig überrollt.“ Da fragt sich nur, ob von Panzern, Drohnen oder der post-privaten „Filtersouveränität“.

    ad 2: Der Datenschutz ist nicht bankrott. Im Gegenteil – er wird in dem Maße zunehmend wichtiger, wie der globale Austausch, die Erhebung und Verarbeitung von Informationen zunimmt. Bankrott ist höchtens die legislative Einhegung in Form staatlicher Gesetzgebung, nicht jedoch die moralische Rechtfertigung der Privatspähre innerhalb gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Die Zuspitzung auf eine unhaltbare These darf mensch Seemann auch nicht als polemisches Stilmittel durchgehen lassen, schließlich geht es hier nicht um Prosa. Oder?

    ad 3: Triviale These, geschenkt. Aber eine Reflektion der Asymmetrien und der Struktur von Überwachung ist beim Autor nicht erlesbar. Dagegen scheint es um eine „Weltverschwörung“ zu gehen: Hört, hört!

    ad 8: Keine umfassende Staatskritik, sondern nur offensichtliche Argumente gegen nationalistische Scheinlösungen. Dagegen ein Feind-deines-Feindes-Bild mit dem Schulterschluss zu der Verwertungslogik unterliegenden „Unternehmen“, wobei deren eigene Macht- und Kapitalinteressen übergangen und damit negiert werden. So sieht verkürzte Überwachungskritik aus.

    ad 9: Klar, das auch Michael Seemann im Bullshit-Buzzword-Bingo mit „Big Data“ nicht hinten anstehen darf. Das verkauft sich in Artikeln und Texten zwar besser, hat jedoch null technologischen oder emanzipatorischen Wert.

    ad 10: Organisierung übers Internet? Die Piratenpartei ist da das beste negative Beispiel, wie eine solche Strategie in einer post-privaten Welt zum Scheitern verurteilt ist. Liest Seemann die Popcornpiraten nicht?

    Fazit: Für eine radikale Kritik am Bestehenden reicht Seemanns Mut oder sein politisches Verständnis nicht. Erst kürzlich aufgesprungen auf den Zug der Geheimdienstkritiker geht es ihm in seinen Texten jetzt noch nicht einmal mehr um eine Konstruktion einer neuen Utopie sondern um die Rettung seiner in dekonstruierten Ideen.

    Zum Glück gab es zu Luthers Zeiten noch kein Internet und die Menschen mussten für ihre Thesen noch sich und andere bewegen.

    • mspro sagt:

      Hmm, deine Kritik scheint nicht für einen Blogkommentar geschrieben worden zu sein. Wollte das das Neue Deutschland den Text nicht kaufen?

  16. Pingback: datenklause.de » 10 Thesen zum neuen Spiel

  17. LexX sagt:

    Großes Lob an den Autor,

    Auslegung der Sache ist zwischen den Zeilen zu lesen. „Das Internet ist für uns Neuland“, Angela Merkel bereitet das Dementi vor, bevor Snowden an die Öffentlichkeit ging.

    Abgekartetes Spiel und so einfach zu durchschauen.

    Nur schade das die Bürger der Bundesrepublik bereits „Amtsmüde“ gemacht wurden und alles mit sich machen lassen was die Regierung beschließt.

  18. Pingback: 5 Lesetipps für den 16. August - Netzpiloten.de

  19. Genau so sehe ich das auch. Das „Neue Spiel“ ist eine Chance – und Öffentlichkeit ist ein Schutz. Wie in dem Sprichwort: „Das beste Geheimnis ist eine offene Tür“. Was ich mir von den Aufrechten wünsche ist dass wir uns nur noch konstruktiv kritisieren und kommentieren – Schluss mit Besserwisserei und Gehässigkeiten. Lasst uns zusammenhalten und zu positiven Viralschleudern werden – den Rest machen wir dann verschlüsselt ;)

  20. meta sagt:

    Schön das man sich hier auch mal Gedanken macht was man dem entgegensetzen kann und es ist für mich auch sehr schlüssig. Das Geheimdienste aufhören zu spionieren, wenn eine Regierung sagt. das möchten wir aber nicht.. ist ja auch kaum vorstellbar. Wenn sie aber noch wissentlich dem allen zustimmt kann man doch nur noch sagen Regierung gegen Volk. Oder Obrigkeit gegen Volk. Ist ja kein Phänomen das nur heute existiert..
    Der sicherheitsgedanke hat uns zum Teil auch hier her gebracht.. wenn wir den nächsten schritt in richtung sicherheit machen wollen.. kapseln wir uns nur selbst ein doch die Geheimdienste machen weiter.
    Ganz wunderbarer Bericht hier den ich nur unterstützen kann!

  21. Ralf sagt:

    Der wesentliche Gedanke in diesem Artikel ist die Tatsache dass es sich bei dieser multinationalen Ausschnüffelei der Bevölkerung mit internationalem Schnüffelergebnisaustausch ausschließlich darum geht, die Weltbevölkerung eines Tages komplett zu Gunsten einiger weniger (Die Welt-Banken und ihre Erfüllungsgehilfen vom IWF oder der EZB und wie die Waffenproduzenten der Welt oder die Nahrungsvergifter wie z.B. Monsanto) versklaven zu können. Diesem Ziel dienen alle Großstrukturen auf der Welt schon seit Beginn der sogenannten Zivilisation. Der Schluß den der Autor zieht ist auch meiner. Das Spiel ist endgültig aus, wir haben es für immer verloren und werden in Zukunft ,und auch schon jetzt,alle nur noch beliebig handelbare Menschenmasse sein, bei der Ethik und Moral nur noch leere sinnlose Schlagwörter sind. Für meinen so unintellektuellen Schreibstil möchte ich mich hiermit entschuldigen, aber ich kann halt mal nur ein Deutsch dass jeder versteht.

  22. „Seid öffentlich, traut euch, angreifbar zu sein. Wenn ihr es für die Öffentlichkeit seid, dann seid ihr es nicht mehr für die Geheimdienste.“ Aber trotzdem für die Polizei.

    Gehe ich recht in der Annahme, daß ich bei dir den entstehenden Klassenstandpunkt von Menschen nachlesen kann, die ihre Transparenz als wichtigsten Wettbewerbsvorteil nutzen können, und entsprechend vergessen, warum die allermeisten Menschen soviel zu verbergen haben?

  23. mspro sagt:

    Haha, genau. Weil Privatsphäe ja auch immer so ein Ding der unteren Klassen war und nicht die bourgoiseste aller Distinktionsmerkmalen gegenüber dem Pöbel.

  24. Ähm – vielleicht noch mal lesen und auf das antworten, was ich gefragt habe…?

  25. drberndt sagt:

    Ein Einwand kann man machen, dass „Kontrollverlust“ universell wäre. Auf der Seite, wo Big Data eingesetzt wird, will und kann man dadurch Kontrolle gewinnen. Auf der Seite des Bürgers geht es ebenfalls um Kontrolle, z.B. in Form von Selbstoptimierung. Unabhängig davon, ob weniger Privatheit gesamtgesellschaftlich gut oder schlecht ist, sehe ich den Trend eher in Richtung Kontrolle gehen.Ein Einwand kann man machen, dass „Kontrollverlust“ universell wäre. Auf der Seite, wo Big Data eingesetzt wird, will und kann man dadurch Kontrolle gewinnen. Auf der Seite des Bürgers geht es ebenfalls um Kontrolle, z.B. in Form von Selbstoptimierung. Unabhängig davon, ob weniger Privatheit gesamtgesellschaftlich gut oder schlecht ist, sehe ich den Trend eher in Richtung Kontrolle gehen.
    Im Moment ist es so, dass die Bevölkerung noch nicht weiß, dass man sie mithilfe von gesammelten Daten kontrollieren und auswerten kann (nach dem Motto „die können das alles gar nicht lesen“ und „ich bin so individuell, mich kann keiner vorhersagen!“)
    Wenn sie es merkt, wird das Vorgehen zunächst sein, das Problem mit mehr Kontrolle zu lösen. Diese Phase wird man dann beispielsweise an massenhaft Startups erkennen, die versprechen, Marketing-Datenbanken zuzumüllen und ähnliches.
    Aber, wie gesagt, wird momentan noch nicht eingesehen, dass es überhaupt ein Problem gibt. (was also IMHO nicht mit einer Resignation zu verwechseln ist, die direkt zu Post-Privacy führen kann)

    Im Moment ist es so, dass die Bevölkerung noch nicht weiß, dass man sie mithilfe von gesammelten Daten kontrollieren und auswerten kann (nach dem Motto „die können das alles gar nicht lesen“ und „ich bin so individuell, mich kann keiner vorhersagen!“)
    Wenn sie es merkt, wird das Vorgehen zunächst sein, das Problem mit mehr Kontrolle zu lösen. Diese Phase wird man dann beispielsweise an massenhaft Startups erkennen, die versprechen, Marketing-Datenbanken zuzumüllen und ähnliches.
    Aber, wie gesagt, wird momentan noch nicht eingesehen, dass es überhaupt ein Problem gibt. (was also IMHO nicht mit einer Resignation zu verwechseln ist, die direkt zu Post-Privacy führen kann)

  26. drberndt sagt:

    oh sorry, ein wenig zu oft erschienen mein Kommentar oben

  27. Pingback: Wer im Glashaus sitzt, sollte Steine werfen | Breaking The Waves

  28. Naja, muß ja auch nicht sein. Hauptsache, das Bild stimmt!

  29. Pingback: Ein Gespenst geht um und es heißt “Post Privacy”

  30. Pingback: Das neue Spiel: Prism vs. Kontrollverlust » Spex - Magazin für Popkultur

  31. Also noch mal:

    Wie verbirgst du im neuen Spiel eine Straftat? Bzw. wie begehst du sie, ohne erwischt zu werden?

    Wie organisierst du eine politische Aktivität, welche die Regierung bzw. der Sicherheitsapparat unterbinden will, die sich gegen diesen richtet, wenn du nicht bereits größere Menschenmassen auf deiner Seite hast?

  32. mspro sagt:

    So lange es geht, würde ich mich da notgedrungen auf so Sachen wie Verschlüsselung verlassen. Ist ja nicht so, dass auf einen Schlag alle Möglichkeiten des Versteckens verschwinden. Sie werden nur einfach konstant immer weniger/ sind kein Zukunftsmodell.

    Es geht ja gar nicht um ein plattes Wenn/oder, sondern darum, in welche Richtung man seine Kräfte orientiert. Und ich sage, man sollte seine Kräfte eher dorthin richten, wo sie durch die technische Entwicklung gestärkt werden, statt immer nur auf die zu pochen, die durch die Technologie immer weiter geschwächt werden.

  33. Vielleicht ist das aber gar nicht nur eine Frage der Technologie, und dieser Unausweichlichkeitsdiskurs sorgt vor allem dafür, daß es aber als technologische Frage wahrgenommen wird, was den hauptsächlich von Überwachung und Kontrolle Betroffenen ihre Möglichkeiten ausredet, sich dem zu entziehen… (sofern sie überhaupt zuhören…)

  34. mspro sagt:

    Ich kann mir vorstellen, dass das manche glauben. Ich habe diese Möglichkeit in Betracht gezogen, sie aber verworfen. Je länger ich das beobachte, desto unausweichlicher scheint mir die Entwicklung. Die Evidenzen sind einfach erdrückend.

  35. Timo Ollech sagt:

    Grundsätzlich stimme ich den Thesen zu, die Möglichkeiten der Computer, Stichwort „Big Data“, werden aber überschätzt. Schließlich braucht es am Ende doch Menschen, die da einen Sinn draus ziehen können.
    Insofern sind soziale Veränderungen viel nötiger als digitale: http://www.iromeister.de/big-data-als-verzweifelter-versuch-die-kontrolle-zu-behalten.

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  45. Egonny sagt:

    Ich werde weiterhin auf die „altmodische“ privatsphäre setzen. den Rest der Thesen unterstütze ich vollkommen. danke für die gute Darstellung.

    ES GEHT UM DIE VERSELBSTSTäNDIGUNG DER STAATSORGANISATION

    und die Gefahr für die Bürger, denen diese Staaten eigentlich gehören.

    Wir müssen unser staatliches Eigentum zurückholen, und zwar von sich selbst. Es hört auf, uns zu gehören.

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