mspr0.de: Kontrollverlust, Sarrazin und OkCupid

Eines der ersten Opfer des Kontrollverlusts ist die Wahrheit. Wahrheit – hier als die eine, objektive, von allen geteilten und unzweifelhafte Wahrheit verstanden. (die es – klar – eh nie wirklich gab)

Ich will mich hier gar nicht erst in die Tiefen der Epistemologie verstricken, sondern es nur bei der Anmerkung belassen, dass wenn alle Daten mit allen anderen Daten verknüpfbar sind und die Art der Verknüpfung für jede Abfrage offen bleibt (der Kern der Kontrollverlustthese), werden Korrelationen aller Art herstellbar sein. Korrelationen die in den Händen dieses oder jenes Menschen, mal diese und mal jene These stützen. (Von der informationellen Segmentierung des gesellschaftlichen Diskurses durch bessere Filtertools mal ganz abgesehen. Hier wäre allerdings noch einiges zu sagen.)

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taz: Die Transparenz der Anderen

Die netzpolitische Szene hat ein Problem. Datenschutz und Transparenz waren schon immer ihr Anliegen – Themen, für die sie auch am Samstag auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration in Berlin eintreten wird. Doch gerade jetzt, wo diese Themen dank Wikileaks und Google Street View auch in der gesamtgesellschaftlichen Debatte ankommen, wird klar, wie widersprüchlich diese Forderungen sind. Und schon immer waren.

Denn einerseits ist der Computer ein mächtiges Werkzeug der Partizipation und Meinungsfreiheit des Privatmenschen. Und andererseits ist da die Angst vor dem Missbrauchspotential des Computers in den Händen des Staates als Kontrollinstrument für den Einzelnen. Die Sicht auf die Verarbeitung von Daten ist seit langem zwiegespalten: Wo sie der Zivilgesellschaft Vorteile verschafft, wird sie bejubelt und eingefordert. Wo sie von den staatlichen – und neuerdings privatwirtschaftlichen – Stellen genutzt wird, wird sie verdammt und soll eingeschränkt werden.

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ZEIT.de: Das Ende des freiwilligen Internets

Der letzte Kongress des Chaos Computer Clubs hatte den Titel Here be Dragons. Das spielte auf frühe Seekarten an, bei denen unerforschtes Terrain mit Drachenbildern illustriert war, als Warnung: gefährlich! Der Kongresstitel nun sollte das Selbstverständnis der Hacker befeuern: Wir gehen weiter, als es die Bedienungsanleitung erlaubt und auch dahin, wo die Drachen wohnen. Wir lassen uns von Grenzen nicht abschrecken.
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Auf Landkarten gibt es heute keine weißen Flecken mehr. Doch dank des Internets ist inzwischen die Gesellschaft als Ganzes dabei, Grenzen zu überschreiten. Was zu einer interessanten Umkehrung führt. Die heutigen Kartografen – zurzeit vor allem in Form von Google und seinen Diensten Street View und Earth – verdanken ihre weißen Flecken nicht mehr eventuellen Drachen, vor denen sie sich fürchten und deswegen eine Region nicht betreten. Sie verdanken sie den Menschen, die in diesen Regionen wohnen, und die sich wiederum vor den Kartographen ängstigen. Menschen, nicht Ungeheuer, sind somit die letzte Hürde der Kartografie.

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carta.info: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen.

Nun also Google Street View. Der Kontrollverlust über die Daten, der die Netzöffentlichkeit seit vielen Jahren auf mannigfaltige Weise umtreibt, ist nun im Diskurs der Massenmedien – und damit im Kern der Gesellschaft – angekommen. Es geschah plötzlich und es geschah durch ein Thema, das dazu eigentlich nicht geeignet ist. Die Daten, um die es bei Street View geht, waren nie einer privaten, wirtschaftlichen oder staatlichen Kontrollgewalt zugesprochen. Folglich ist der Verlust ihrer Eingrenzung kein Kontrollverlust im eigentlichen Sinne. Öffentliche Daten werden öffentlich gemacht. So what? – fragt der Eingeweihte und wundert sich.

Aber wenn man die Situation genau besieht, erscheint diese Entwicklung durchaus folgerichtig. Der Kontrollverlust, die tendenzielle Unbeherrschbarkeit der Daten im Netz, ist eine Erfahrung, die jeder Internetbewanderte im Großen oder Kleinen bereits erlebt hat. Aber diese Grenze wurde nun überschritten. Egal, ob man sich mit dem Internet auseinander gesetzt hat oder nicht, ob man bei Facebook, Twitter oder Flickr ist oder nicht, das Street-View-Auto steht plötzlich vor der Tür – und damit das Internet.

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mspr0.de: Von der Notwendigkeit eines neuen Begriffs von Öffentlichkeit

Sascha Lobo hat letztens (und gestern noch mal in den Tagesthemen) das Wort der “digitalen Öffentlichkeit” aufgebracht. Ich finde den Begriff, trotz seiner bisherigen Undefiniertheit gut. Er zeigt in die richtige Richtung, nämlich eine, die weit über die Streetviewfrage hinaus geht. Ich habe ihn gebeten diesen Begriff bitte mal auszuarbeiten. Bis dahin enteigne ich ihn mal und lasse ihn ein paar Runden um den netzpolitischen Parkour laufen.

Ich behaupte: die Diskussion um Netzneutralität, um Datenschutz im allgemeinen und die Frage nach dem Urheberrecht verlangt nach einem solchen Begriff einer neu zu gestaltenden Öffentlichkeit.

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mspr0.de: „Datenmißbrauch“

Und dann ist wieder Flattr in aller Munde. Und ich so: guck mal nach, was da bei mir so Sache ist, und ach: gar nicht so viel geflattrt diesen Monat (war ja im Urlaub und so), so dass 9,95 € pro Klick, ach du Scheiße! Also ich getwittert, dass hey, lasst mal gute Artikel rüber wachsen und Antje Schrupp gleich so: da haste! – und ich so: Uff!

Also, Antje Schrupp dröselt das Problem mit dem Datenschutz auf und streift dabei ganz nebenbei die tieferen Problemlagen dessen, wovor wir in Wirklichkeit Angst haben, wenn es um unsere Daten geht, so ganz ohne Scheuklappen der ideologischen Diskurse. Sowas wird ja viel zu wenig gemacht. Besonders von den meisten engagierten Datenschützern; mal inne zu halten und darüber nach zu denken, was denn die Probleme sind, in Wirklichkeit sind, was so ein Datenschutz oder eine Privacy denn in Wirklichkeit leisten können sollte und wo die Probleme liegen. Dafür muss man sich aber erst mal von dem Wortgeklingel lösen und die einzelnen Fälle anschauen, gerne auch aus der eigenen Biographie – und dann noch einmal nach denken. Antje Schrupp schafft das mal wieder mit Bravour und nimmt uns mit, in das Innere des Datenschutzes, dort wo die Informationsrädchen ineinander greifen und wo sich Machtgefüge an Wertekonstellationen reiben und wie das ganze dann das Soziale des Einzelnen bestimmt und beeinträchtigt – alles in Form persönlicher Anekdoten. Absolut lesenswert.

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Das iPhone 4 oder Apple vs. Turing

Heute kommt das neue iPhone raus. Ich weiß immer noch nicht, wie ich da ran komme. Ich kann nicht aufhören, unentwegt daran zu denken. Dabei habe habe ich Applejünger immer etwas verlacht. Jetzt bin ich selber einer. Und das Schlimmste: Apple ist die Antithese meiner theoretischen Arbeit hier.

Will man Argumente gegen meine Artikel zum Kontrollverlust finden, hat man es nicht besonders schwer. Eigentlich reicht das Wort: „Apple„. Da werkelt so ein Unternehmen aus Kalifornien vor sich hin, mitten in den Zeiten, die ich nicht Müde werde, mit dem Wort „Kontrollverlust“ zu labeln und ist unfassbar erfolgreich – nicht trotz, sondern wegen des exorbitanten Maßes an Kontrolle, das es auf allen Ebenen ausübt.
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Das Übermenschliche im Denken David Gelernters

David Gelernter hat diese Woche einen langen Beitrag in der FAZ zu der Frage verfasst, ob Computer jemals denken können werden. Dies ist so etwas wie eine Antwort auf seinen Text.

Der Grund, warum ich über diesen Text sprechen will, ist, weil ich dort über eine Stelle gestolpert bin, die mich mehr als stutzig zurück gelassen, ja, mich sogar tief beunruhigt hat. Es ist eine nicht ganz unwichtige Stelle. Es ist der direkte Anflug auf das Ziel des Textes, nämlich der Frage nach der Vergleichbarkeit der menschlichen Intelligenz mit einer fraglichen, vielleicht aber zukünftig möglichen Intelligenz einer Maschine. Dazu muss man natürlich erst mal „Intelligenz“ definieren. Gelernter macht das so:

„Wie der Philosoph Paul Ziff betonte, kann mit Intelligenz nur menschliche oder menschenähnliche Intelligenz gemeint sein. (Wir gehen davon aus, dass der Geist eines Tiers in dem Maß menschenähnlich ist, in dem das Tier selbst menschenähnlich scheint.) Gelegentlich hört man die Behauptung, das Internet werde eine völlig neue Form von Intelligenz hervorbringen. Aber diese Vorstellung ist sinnlos oder, anders gesagt, unsinnig. Das wäre so, als behauptete man, einen neuen Schokoladegeschmack entdeckt zu haben. Der Geschmack, den wir Schokolade nennen, ist jedoch genau das, als was wir ihn bezeichnen; es gibt keine andere Definition. Wenn der „neue Geschmack“ wie Schokolade schmeckt, ist er nicht neu; tut er es nicht, dann ist es kein Schokoladengeschmack. Wenn die neue Form von Intelligenz menschenähnlich ist, ist sie nicht neu. Wenn sie nicht menschenähnlich ist, ist es keine Intelligenz.“

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New York Offline – der Erfahrungsbericht eines Entkoppelten

Seit zwei Wochen bin ich in New York. Es fühlt sich wie eine Behinderung an. Vorhin stehe ich an einer Kreuzung und weiß nicht, in welche Richtung ich gehen muss, um zur Houston Street zu kommen.

Was sich wie ein normales Nicht-Auskennen anhört, ist für mich mehr als das. Es ist der Verlust einer Orientierung, die zwar nie mein Eigen war, auf eine eigentümliche Art aber irgendwie doch. Nein, ich kenne mich nicht in New York aus, aber mein Handy würde sich für mich auskennen. Es würde mich von jedem Ort an jeden anderen leiten, es würde mir Bände an Informationen über jede Straßenecke in sekundenschnelle aufbereiten, es würde mir die Kinokarten reservieren und ich könnte meine Eindrücke mit tausenden von Menschen in Echtzeit teilen und sie würden mir Tipps geben, wo ich was anschauen sollte und wo ich günstigen Kaffee finde. New York wäre der vertrauteste Platz der Welt und ich würde mich fühlen, wie ein Fisch im Wasser, wenn ich nur mobiles Internet hätte.
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c’t: Archäologie der Zukunft

Datenschutz? Er stellt nur noch ein Rückzugsgefecht dar, auf den es keine Zukunft im Netz zu bauen gilt. Notwendig ist ein kultureller Wandel, der dem technischen Wandel und dem damit einhergehenden unvermeidlichen Verlust der Kontrolle über Datenverknüpfungen und Datenauswertungen gerecht wird.

Wenn die wachsenden Datenberge nur das einzige Problem wären. Ebenso wie die Informationshalden wachsen die Möglichkeiten zu ihrer Verknüpfung, verliert der Datenurheber mehr und mehr die Kontrolle. Die Lupe war eines der wichtigsten Utensilien von Arthur Conan Doyles kriminalistischen Helden Sherlock Holmes. Portabel und jederzeit einsetzbar, diente sie ihm im täglichen Kampf für die Wahrheit. Denn Spuren gibt es immer, wenn etwas passiert, man muss sie nur lesen können. Die Lupe macht das eben noch Unsichtbare sichtbar. Nun gehören zu den forensischen Verfahren der modernen Kriminalistik Cäsiumzerfallsbestimmung und Rasterelektronenmikroskopie. Techniken, die den Tatort in eine Halde voller Daten verwandelt haben.

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